Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 16, 9-15

Vikar Christoph Krauth (ev)

23.06.2013 in der prot. Kirche in Dammheim

Liebe Gemeinde,

Sie alle kennen das Sprichwort „Viele Wege führen nach Rom“. Dass diese Wege nicht immer unmittelbar nach Rom, oder an ein beliebiges anderes Ziel führen, das musste auch schon der Apostel Paulus feststellen. Seine Missionsreisen führten ihn in allerlei Länder und dort begegnete er ganz unterschiedlichen Menschen. Von einer Begegnung auf seiner zweiten Missionsreise erzählt unser Predigttext. Ich lese aus der Apostelgeschichte im 16. Kapitel:

Predigttext verlesen

Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!

Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.

Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt.

Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.

Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf Acht hatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.

Liebe Gemeinde,

Sie haben heute Morgen schon zwei Geschichten von bewundernswerten Frauen gehört. Da ist zum einen die ungenannte, unscheinbare Frau aus der Schriftlesung. Sie tritt aus dem Hintergrund des Evangeliums hervor ins Licht, an den Tisch Jesu. Sie nimmt ihren ganzen Mut zusammen, geht zu Jesus und gießt ihm kostbares Salböl auf den Kopf. Sie salbt ihn, wie einen König. Die Jünger, die mit am Tisch sitzen, können es nicht verstehen. Doch Jesus lässt die Frau gewähren. Denn sie hat ein gutes Werk an mir getan, sagt er. Und genauso unscheinbar wie sie gekommen ist, verschwindet die Frau wieder im Hintergrund des Evangeliums.

Und dann ist da Lydia, die Frau aus dem Predigttext. Sie ist eine ganz besondere Frau, jedenfalls wissen wir das im Rückblick. Für Paulus war sie, als er nach Philippi gekommen ist, eine von vielen; eine von denen vor dem Stadttor. Für uns ist sie die erste Christin in Europa. Und dazu wird sie in einer ganz alltäglichen, unscheinbaren Begegnung.

Ich stelle mir vor, wie Paulus zu den Frauen vor dem Stadttor stößt. Zunächst blickt er etwas verwundert, denn es sind keine Männer anwesend. Nur diese Frauen. Die Frauen unterhalten sich über dies und das, Gott und die Welt. Und Paulus bemerkt, dass sie sich auch über Gott unterhalten. Und er macht es, wie er es schon zuvor in Kleinasien getan hat: Er hört zu, er lauscht den Geschichten, die er hört. Und dann, setzt er sich dazu. Paulus hört genau hin. Und dann, nach einer Weile, beginnt auch er zu reden. Er erzählt von Jesus Christus, von den Wundern, die er getan hat und vielleicht erzählt er auch ein Gleichnis, das er gehört hat. Er erzählt davon, wie er selbst zum Glauben gekommen ist. Davon, dass er die Christen verfolgt hat und dass ausgerechnet ihm Jesus erschienen ist. Und er erzählt von der neuen Gemeinschaft, die er in Jerusalem und an anderen Orten in Kleinasien erfahren hat.

Und das beeindruckt Lydia. Sie, die Tuchhändlerin aus Lydien, die keine Heimat kennt, die nirgends wirklich heimisch ist, spürt in ihrem Herzen das Feuer der guten Nachricht. „Diese neue Gemeinschaft“, denkt sie bei sich „kann vielleicht auch mir Heimat sein“. Und da platzt es aus ihr heraus: „Paulus, taufe mich. Taufe mich jetzt.“

Paulus zögert zunächst, doch die Frau lässt nicht locker. Sie begehrt die Taufe unendlich. Und so willigt Paulus ein. Er tauft Lydia. Und mit ihr, ihr ganzes Haus.

Doch Lydia ist das noch nicht genug. Sie hat gemerkt, dass Paulus noch Vorbehalte gegen sie hatte. Darum macht sie ernst mit der neu gewonnenen Freiheit und der neuen Gemeinschaft, von der Paulus erzählt hat. Sie nötigt ihn, bei ihr zu bleiben und bei ihr einzukehren. Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und an dieser Stelle verändert sich etwas. Es scheint so, als hätte Lydia ein viel tieferes Verständnis vom Evangelium als Paulus, der es ihr eben noch gepredigt hat.

Lydia bricht aus ihrer gesellschaftlichen Rolle aus. Sie geht einen neuen Weg und fordert von Paulus Respekt und Anerkennung als volle christliche Schwester ein. Vielleicht hatte Paulus ihr ja auch schon zuvor, draußen vor der Stadt gepredigt: Da ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus. Und damit macht Lydia in einer radikalen Weise ernst. Sie erlebt das Evangelium als Befreiung von gesellschaftlicher Konvention.

Beide Frauen, die Ungenannte im Markusevangelium und Lydia, sind ganz alltägliche Begegnungen. Beide Frauen gehen neue Wege und verändern so die Geschichte.

II

Liebe Gemeinde,

es gibt viele Beispiele für solche Persönlichkeiten, die von gesellschaftlichen Konventionen abweichen und gerade damit das Evangelium erfüllen und erlebbar machen. Auf Anhieb fallen mir Franz von Assisi und Martin Luther ein. Personen, die durch das Ausbrechen aus der festgelegten Bahn, die Geschichte verändern. Menschen, die sich nicht einfach an die Regeln halten, sondern die Regeln zum Besseren verändern. Doch diese beiden erscheinen uns im Rückblick vielleicht übermächtig, zu stark, als dass ich es ihnen gleichtun könnte. Darum will ich Ihnen heute Morgen von einem anderen Beispiel erzählen:

Als wir mit dem Vikarskurs in Stuttgart waren zu unserer Seminarwoche zum Thema Mission und Ökumene sahen wir am ersten Abend einen englischen Dokumentarfilm. „Pray the devil back to hell“ also „Bete den Teufel zurück in Hölle“.

Der Film erzählt von Frauen, die im liberianischen Bürgerkrieg, der ganze 14 Jahre dauerte, auch unkonventionelle Schritte taten. Ganz normale Frauen, aus verschiedenen Volksgruppen Liberias hatten genug von dem Krieg und dem Leid, das damit einherging. Sie hatten genug davon ihre Männer und Söhne zu begraben. Sie hatten genug davon, ihre Kinder nicht ernähren zu können und zusehen zu müssen, wie ihre Töchter von Kindersoldaten vergewaltigt wurden. Und so trafen sie zusammen. Frauen aus allen Volksgruppen. Christinnen und Musliminnen. Sie versammelten sich das erste Mal in einer christlichen Kirche und beteten. Beim zweiten Mal in der Moschee und beteten. Sie beteten gemeinsam dafür, dass dieser Krieg endlich aufhöre. Und sie gewannen Kraft aus dieser neuen Gemeinschaft, die über Religionen und ethnische Gruppen hinweg bestand. Aus dieser Gemeinschaft wuchs so viel Kraft, dass sie sich aufmachten und demonstrierten. Mit Töpfen und Pfannen machten sie Lärm. Sie bildeten ein Lager und standen wochenlang in der brütenden Sonne auf dem Weg, den der Präsident Liberias jeden Tag entlang fuhr. Und jedes Mal lärmten sie, wenn er kam. Schließlich, nach Wochen des Protests, kam es durch die Mithilfe der Vereinten Nationen zu einem Treffen zwischen dem Staatschef und den Rebellenführern in Ghana. Und die Frauen machten sich auch dorthin auf den Weg. Sie setzten sich vor den Eingang des Versammlungsortes und blockierten den Ausgang, bis die Gespräche zu einem Ergebnis geführt hatten. Sie nötigten die Männer, sich an einen Tisch zu setzen und zu verhandeln. Diese normalen Frauen sind neue Wege gegangen und haben so die Geschichte verändert.

III

Liebe Gemeinde,

diese Geschichten von Lydia und der namenlosen Frau, aber auch von den Frauen aus Liberia, zeigen mir, dass es nicht nur Staatsmänner und –frauen sind, die Geschichte prägen und verändern. Jeder und jede Einzelne von uns ist Teil dieser Geschichte und hat die Möglichkeit sie zu verändern. Ich würde sogar noch weiter gehen, und sagen, dass jeder und jede Einzelne von uns dazu berufen ist die Geschichte zu prägen und zu verändern. Jeder und jede Einzelne ist dazu berufen, mit dem Evangelium ernst zu machen. Denn das zeichnet gerade unsere Gemeinschaft aus.

Diese neue Gemeinschaft, mit der Lydia ernst macht und die sie Paulus aufnötigt und in der wir noch heute miteinander leben, Männer und Frauen, Alte und Kinder, Starke und Schwache, die zeichnet sich für mich dadurch aus, dass wir füreinander da sind. Das habe ich gerade gestern wieder erfahren. Ich sitze an meiner Predigt für heute und da kommt ein Anruf eines Gemeindeglieds. Der einzige Grund für diesen Anruf ist es, mir für diesen Gottesdienst alles Gute und Gottes Geist zu wünschen, denn dieser Gottesdienst ist für mich ja etwas besonderes, weil es mein Prüfungsgottesdienst ist; und die Zusage, dass sie mich in ihr Gebet einschließt. Das macht für mich die neue Gemeinschaft in Christus aus: gemeinsames Singen und Beten; das Hören auf Gottes Wort.

Das ist christliche Gemeinschaft, das wir füreinander da sind. Christliche Gemeinschaft schließt für mich aber auch ein, dass wir aneinander und füreinander handeln. Uns einsetzen für diejenigen in unserer Gemeinde und in der Welt, die keine Rechte haben, die auch in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt werden. Menschen, die stigmatisiert werden: Hartz IV-Empfänger und Obdachlose, Asylbewerber und Flüchtlinge, Kranke, Schwache und Behinderte. Diese Menschen nötigen uns dazu, mit dem Evangelium ernst zu machen, so wie Lydia Paulus nötigt. Sie mit hinein zu nehmen, in die Gesellschaft. Ihnen Anteil daran zu geben. Daran werden wir erkennen, ob Christus auch uns das Herz aufgetan hat, so wie Lydia. AMEN.