Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Apostelgeschichte 2, 1-18

Pfarrer Markus Beile (ev)

12.06.2011

Pfingstsonntag 2011

Der Predigttext für den heutigen Pfingstsonntag steht in der Apostelge­schichte, im 2. Kapitel, die Verse 1-18. Es handelt sich um die soge­nannte Pfingstge­schichte.
Lukas schreibt:

Als das Pfingstfest gekommen war, waren die Jünger alle an ei­nem Ort versammelt. Da kam plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem ge­waltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, wie von Feuer, die sich ver­teilten und sich auf jeden von ihnen setzten, und sie wurden alle mit dem heiligen Geist er­füllt und fingen an, in andern Sprachen zu predigen, wie der Geist es ihnen ein­gab. Es waren aber in Jerusalem Juden ansässig, die waren gottes­fürch­ti­ge Männer und kamen aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dies Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde be­stürzt; denn jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache re­den. Sie ent­setz­ten sich aber, verwunderten sich und fragten: Sind nicht alle, die hier re­den, aus Galiläa? Wieso hört jeder von uns seine eigene Mutter­spra­che? Parther und Meder und Elamiter und wir aus Mesopo­tamien und Judäa und Kap­padozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphy­lien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Ly­bien und Ein­gewanderte aus Rom, geborene Ju­den und zum Judentum Übergetre­tene, Kreter und Ara­ber: wir hören sie in unsern Sprachen von den gro­ßen Taten Gottes reden. Sie entsetzten sich aber alle und wur­den ver­wirrt und sagten zuein­ander: Was soll das bedeu­ten? Andere aber spot­teten: Sie sind voll von süßem Wein.

Da trat Petrus mit den elf Aposteln vor, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr jüdischen Männer und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sollt ihr wissen! Hört, was ich euch zu sagen habe. Denn diese sind nicht etwa betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage; son­dern hier geschieht, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: "Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich aus­gießen von meinem Geist auf alle Menschen; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure jungen Männer sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf mei­ne Mägde will ich in jenen Tagen von mei­nem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.“

Es ist inzwischen über 15 Jahre her. Ich studierte damals in Wien. Wien: Wer von Ihnen die Stadt näher kennt, weiß, dass hier die Musik einen be­sonderen Stellenwert hat. Ich versäumte in dieser Zeit kein Konzert der Wiener Philharmoniker, einem der anerkannt besten Orchester der gan­zen Welt. Die Eintrittskarten waren außerordentlich teuer, wenn man über­haupt an welche herankam. Aber Stehplatzkarten waren erschwing­lich und in der Regel auch zu erhalten. Ja, was ich Ihnen nun erzählen will, ist gar nichts Besonderes. Sie haben Ähnliches sicher schon viele Male erlebt. Aber mir sind damals dabei die Augen aufgegangen und es hat mich zum Nachdenken angeregt: Ich stehe an der Brüstung, die die Stehplätze von den Sitzplätzen abteilt. Hinter mir Gedränge der stehen­den Leute, vor mir ein golddurchfluteter Konzertsaal, leises Tuscheln, Bonbonlutschen, Nie­sen, Husten. Der Dirigent betritt den Raum. Die Leute klatschen. Dann beginnt die Musik. Ich weiß nicht mehr, um was es sich gehandelt hat, es spielt in unserem Zusammenhang auch keine Rolle. Was ich hin­gegen noch sehr gut in Erinnerung habe, das sind verschiedene Leute, Zu­hörer des Konzerts. Auf der rechten Seite neben mir: Ein Student, viel­leicht ein Musikstudent. Er hatte einen Konzertfüh­rer dabei, außerdem eine Partitur. Die ganze Zeit blätterte er in einem der beiden herum. Mich störte das sehr. Ein paar Meter vor mir saß ein Mann, der eifrig etwas auf einen Block schrieb. Sicherlich ein Musikkriti­ker. Auch bei ihm hatte ich den Ein­druck, dass er gar nicht richtig zu­hörte. Er wusste schon vorher, was kam und war vor allem dabei, die richtigen Formulierungen zu finden. Ein bisschen weiter links von ihm saß eine vornehme Dame, die damit beschäftigt war, ein Bonbon aus ihrer Handtasche möglichst geräuschlos in ihren Mund zu be­fördern. Das war gar nicht einfach und nahm ihre ganze Aufmerksam­keit in An­spruch. Und meine auch. Irgendwann blickte ich links neben mich. Da stand eine ältere Frau. Ich hatte sie bisher gar nicht gemerkt. Sie lehn­te über der Brüstung. Ganz ruhig stand sie da, sie hatte ihre Augen ge­schlossen und lauschte der Musik. Man konnte die ganze Dramatik des Musik­stü­ckes an ihr ablesen. Hin und wieder lächelte sie, dann wieder war sie sehr konzentriert und angespannt. Man könnte sagen: Die Musik hatte von ihr Besitz ergriffen. Sie war ergriffen. Sie war erfüllt von der Musik. Sie lebte in ihr. Einer, der nur einen kurzen Blick auf sie warf, konnte den Ein­druck haben, sie war nicht ganz normal. Aber ich, ich war ganz hingeris­sen von ihr. Vielleicht auch deshalb, weil ich mir dieselbe unmit­telbare Ver­bun­denheit mit der Musik wünschte, wie sie sie gerade er­lebte. Vielleicht auch deshalb, weil ich wusste, dass diese unmittelbare Verbun­denheit mit der Mu­sik nicht erzwungen werden kann. Sie ist wie ein Geschenk.

Das, was ich Ihnen erzählt habe, ist nichts Besonderes. Sie haben Ähnli­ches sicher schon viele Male erlebt. Aber mir sind damals dabei die Au­gen aufgegangen. Im Theologiestudium hatte ich gelernt, über alles nachzu­denken, in Ruhe und Abgeklärtheit, mit einer gewissen Denklo­gik. Das lernt man im Studium und das ist ja auch gut so. Mit der Pfingstgeschichte habe ich zur damaligen Zeit nicht so viel anfangen können. Das Brausen vom Himmel, die Erscheinung von Zungen wie von Feuer, das Reden, so dass es alle verstehen: Das alles erschien mir zu übertrieben, nicht recht passend für unsere moderne Zeit. Aber seit diesem Erlebnis im Konzert­saal weiß ich, dass ich "Pfingsten" überhaupt nicht verstanden hatte. Seit­dem weiß ich für mich: Pfing­sten, das ist nicht Nachdenken, nicht Ruhe, nicht Bedächtigkeit, nicht denkerische Abgeklärtheit. Und schon gar nicht: Bonbonlutschen, Gelangweiltsein, schon vorher wissen, was kommt. Nein: Pfingsten, das ist un­mittelbares Erleben, das ist Ergriffenheit, das ist Er­fülltsein, das ist Begei­sterung. Ja, darum geht es bei Pfingsten: Dass Men­schen von et­was erfüllt sind, dass sie begeistert sind. Und seitdem ich das für mich er­kannt habe, habe ich die Pfingstgeschichte für mich noch ein­mal ganz neu ent­deckt. Jetzt verstehe ich für mich, was der Evangelist zum Ausdruck brin­gen wollte. Sturm, Feuer, Trunkenheit, Heiliger Geist: Das sind nicht äu­ßerlich be­schreibbare Tatsachen. Das sind Ausdrucks­formen für etwas in­nerlich Erlebtes. Das ist eigentlich gar nicht so schwer zu verstehen. Wir reden heute immer noch ganz ähnlich, wenn wir Ge­fühlszustände be­schrei­ben.

Der Sturm in der Pfingstgeschichte. Wir sprechen davon, dass wir jeman­den bestürmen. Wir spre­chen davon, dass jemand im Sturm erobert wird. Wir sprechen von stürmi­scher Liebe. Alles Ausdrucksformen für eine un­geheure Dynamik, für et­was, das uns aufrüttelt, das uns hinreißt, das uns bewegt, uns förm­lich durcheinanderrüttelt. Das ist Pfingsten.

Das Feuer in der Pfingstgeschichte. Wir sprechen davon, dass jemand Feu­er und Flamme ist. Wir sprechen davon, dass da Feuer dahinter ist. Wir sprechen von feuriger oder brennender Lie­be, von flammendem oder lo­derndem Hass. Alles Ausdrucksfor­men für etwas, das uns nicht kalt lässt, das unsere Gemüter erhitzt, das unsere Gefühle auflodern lässt, das uns mitnimmt, uns in Wallung bringt. Das ist Pfingsten.

Der Vorwurf von Menschen in der Pfingstgeschichte, dass die Jünger be­trunken gewesen seien: Früher gab es die Redeweise, jemand ist sin­nes­trunken. Oder gefühlstrunken. Ausdrucksformen für die Mächtigkeit der Gefühle, dafür, dass man ihnen ausgeliefert ist: Augenblicke höchs­ten Glücks. Auch das ist Pfingsten.

Ich denke, jetzt verstehen wir auch, was damit gemeint ist, wenn es in der Pfingstgeschichte heißt: "Und sie wurden alle mit dem heiligen Geist er­füllt." Hier geht es um etwas, das von uns Besitz ergreift, uns erfüllt wie mit ei­nem heiligen Schauer, uns bewegt, uns aufrüttelt, uns mit­nimmt. Wenn das geschieht, dann werden wir Menschen uns wieder verstehen. Wir werden wieder eins sein, nicht mehr getrennt durch ver­schiedene Sprachen. Wir werden uns wieder verstehen, weil wir von einer Sprache erfüllt sein werden, die die wahre Sprache ist, die alle Menschen verstehen: Die Sprache der Liebe, der Hoffnung, des Ver­trauens, der Vergebung. Das war es, was Jesus seine Jünger gelehrt hatte.

Aber sie waren dabei, all das zu vergessen. Ängstlich und mutlos waren sie, als ob es die Zeit mit Jesus nicht gegeben hätte. Sie hockten in ihren Häusern in dumpfer Stimmung, grübelten und kamen auf keinen grünen Zweig. Doch dann erlebten sie es, dass die Wirkung der Worte und Taten Jesu sie einholte, sie ergriff, sie packte und sie gingen nach draußen, erzählten davon. Und viele ließen sich davon begeistern und „inspirieren“, im wahrsten Sinn des Wortes. In beiden Worten steckt das Geistelement: Be-geist-erung, In-spiration. So ist die Kirche entstan­den, stürmisch, be­wegend. Eine Bewegung über Sprach-­ und Verständi­gungsgrenzen hinweg. So müsste sie auch heute sein, die Kirche, dach­te ich. Dass sie mich packt, mich begeistert. Und ich das Gefühl habe, das was da geschieht, ist etwas ganz Zentrales für mein Leben, schenkt mir Erfüllung meiner Träume und Sehnsüchte.

Das alles, liebe Gemeinde, ging mir durch den Kopf während des Kon­zertes, damals vor über 15 Jahren in Wien. Das Konzert näherte sich seinem Ende. Vorne sah ich einen älteren Mann, er war inzwischen ein­genickt. Die vornehme Dame hatte ihr Bonbon inzwischen ausgelutscht, der Musikkritiker schrieb seine letzten Zeilen, mein rechter Nachbar war auf der letzten Seite seiner Parti­tur angelangt. Nur die ältere Frau zu meiner Linken schien nicht zu bemer­ken, dass es auf das Ende des Kon­zertes zuging. Sie hatte die Augen ge­schlossen und verfolgte jede Be­wegung der Mu­sik mit ihrem Inneren. Sie wusste nicht, was sie bei mir ausgelöst hatte. Sie war in der Musik und die Musik war in ihr, als ob sie niemals ein Ende nehmen würde.


 


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