Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 2

Pfarrer Reiner Fröhlich (ev)

27.05.2012 in der Christuskirche in Kierspe

Pfingsten 2012

Heute feiern wir Pfingsten, das Fest der Heiligen Geistes. Beim jüdischen Wochenfest waren alle Jünger und Jüngerinnen von Jesus zusammen und beteten. Sie feierten als fromme Juden das Erntefest - 50 Tage nach dem Passafest. Und da kam der Heilige Geist über sie. Wir haben es in der Lesung aus der Apostelgeschichte des Lukas gehört.

Was an Pfingsten geschah, das hat eine lange Vorgeschichte.

Gottes Heiliger Geist hatte schon über 1.000 Jahre in der Geschichte des Volkes Israel eingegriffen und Menschen und ganze Völker verändert.

Gottes Geist, das ist Gottes Nähe. Gottes Geist, das ist die Gegenwart des unsichtbaren Gottes bei uns Menschen und in uns Menschen.

Gottes Geist kommt, um zu helfen und um zu retten. Gottes Geist kommt, um aus Not und Elend herauszuführen.

A. Wenn das Volk Israel in der Zeit der Richter, das ist 1100 Jahre v. Chr., wenn es in Not geriet, von Feinden bedrängt und unterdrückt wurde, dann sandte Gott seinen Heiligen Geist auf einen aus dem Volk Israel. Dann wurde ein Bauersjunge erfüllt mit Gottes Geist und rief das ganze Volk zu-sammen, um die Feinde zu vertreiben. Debora und Barak, Gideon und Jephta, Simson und Saul, das waren Menschen, die mit Gottes Geist erfüllt wurden. Das waren Geisterfüllte, die dem Volk Israel Hilfe aus großer Not verschafften. Dabei bewirkte der Geist Gottes 1. Mut und Zuversicht in dem Menschen, der von ihm ergriffen wurde. Und dies ist heute genauso. Im Neuen Testament heißt es: Gott hat uns nicht gegeben eine Geist der Furcht, sondern einen Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

2. Das zweite ist dies: Das Volk erkannte den vom Geist Gottes erfüllten Menschen als Anführer an, auch wenn es ein Bauernjunge war, wie Gideon oder Saul es waren. Wo Gottes Geist am Werke ist, da spüren die Gläubigen, dass Gott an einem Menschen handelt und können sich einreihen in das Werk, das Gott gerade tun will. Gottes Geist ist ein Geist der Gemeinschaft und der Ordnung. Gottes Geist führt Menschen zusammen.

Die Not wurde immer gewendet, wenn Gottes Geist am Werk war. Israel konnte die Feinde vertreiben und wieder in Ruhe und Frieden leben. Gottes Geist schafft Rettung und hilft aus der Not.

B. In der Zeit der Könige Israels wurden die Könige mit Öl gesalbt und sollten mit dem Geist Gottes erfüllt sein. Bei König Saul war das auch anfangs der Fall. Bei König David war das meistens der Fall. Bei vielen anderen Königen war das wenig oder gar nicht der Fall. Aus der Königszeit Israels lernen wir, dass niemand den Geist Gottes gepachtet hat. Gott schenkt seinen Heiligen Geist, wem er will. Gott nimmt seinen Heiligen Geist, wenn Menschen sich ihm gegenüber verschließen oder auf bösen Wegen gehen. Wir brauchen das, dass wir täglich neu um den Heiligen Geist beten. Wir brauchen das, dass wir mit Schwestern und Brüdern uns austauschen, und mit ihnen nach dem rechten Weg für unser Leben und für das Leben unserer Gemeinde fragen. Ein König allein, der kommt vom Weg ab. Ein Christ allein, der geht ein.

C. Weil die Könige Israels oft Böses taten und verkehrte Gesetze erließen, deshalb erfüllte Gott die Propheten mit seinem Heiligen Geist. Amos und Hosea, Jesaja und Hesekiel, sie wurden erfüllt mit Gottes Geist. Und sie traten vor das Volk und vor die Könige, um das Volk und die Oberen zur Umkehr zur rufen. Umkehr zum Glauben an Gott und Umkehr zu Recht und Gerechtigkeit, statt Unrecht und Unterdrückung.

Elia trat König Ahab entgegen, der sich durch Unrecht das Land und den Erbbesitz von Nabot angeeignet hatte. Und Elia rief dem König im Auftrag Gottes zu, dass Gott ihn absetzen werde.

Jesaja rief die Königen in Jerusalem zur Umkehr, die Gottes Recht über das Land der Bauern umgeändert hatten, so dass alles gekauft und verkauft werden konnte.

Der Prophet Micha ruft aus: Ich aber bin voll Kraft und Geist des HERRN, voll Recht und Stärke, dass ich Jakob seine Übertretung und Israel seine Sünde anzeigen kann. Hört doch, ihr Oberen im Hause Israel! Ihr solltet die sein, die das Recht kennen.

Das ist ein Wesenszug des Geistes Gottes, dass er die Bedrängten aus Not und Elend herausführt und dass er die Bösen zur Umkehr von der Un-gerechtigkeit ruft.

D. Dann lässt Gott durch Propheten Verheißungen geben über ein zukünftiges Wirken des Geistes.

Bei Jesaja (11,1+2a) heißt es:

Es wird ein Reisig aus dem Stamm Isais hervorgehen und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN.

Eine Verheißung auf einen, der Gottes Nähe zu den Menschen bringt. Ein Hoffnungswort, auf das das Volk Israel Jahrhunderte gewartet hat, bis es sich erfüllt.

Bei Joel (3,1+2) heißt es:

Nach diesem will ich meinen Geist ausgießen auf alles Fleisch. Und eure Söhne und Töcher sollen weissagen, eure Alten sollen Träume haben, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen. Auch will ich zur selben Zeit über Knechte und Mägde meinen Geist ausgießen.

Die ist ein Wort, dass den Heiligen Geist nicht nur für einen besonderen verheißt, sondern in Aussicht stellt, dass alle Menschen Gottes Nähe erfahren dürfen und mit seinem Geist erfüllt werden.

E. In Jesus wurde das erste Wort erfüllt. Er ist der, auf dem Gottes Geist in großer Fülle ruhte.

Durch Gottes Geist konnte er die Herzen der Menschen erkennen und wusste, was ihre Gedanken waren, auch wenn sie ihm nichts gesagt hatten.

Durch Gottes Geist konnte Jesus Menschen gesund machen, die gebunden und krank waren: den blinden Bartimäus, den Gelähmten am Teich Bethesda, den habgierigen Zachäus.

Durch Gottes Geist konnte Jesus von Gottes Liebe und von Gottes Reich in großer Vollmacht erzählen. Die Menschen hingen an seinen Lippen, denn sie merkten, dass Gott selbst aus ihm redet (durch seinen Heiligen Geist).

Durch Gottes Geist konnte er Unrecht erkennen und ansprechen. So sagte er den Pharisäern auf den Kopf zu, dass sie die Menschen nicht zu Gott führen, sondern das Himmelreich für sie zuschließen.

Durch Gottes Geist gab Jesus seinen Jüngern Vollmacht und sandte sie aus, damit sie je zu zweit die Botschaft des Evangeliums weitersagten und die

Menschen heilen sollten, genau wie Jesus.

Durch Gottes Geist konnte Jesus die Sünden der Menschen auf sich nehmen und bekam die Kraft, nicht wegzulaufen, als er verhaftet wurde. Durch Gottes Geist konnte er am Kreuz sagen: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Durch Gottes Geist wurde Jesus auferweckt am dritten Tage und erschien den Frauen (Mt. 28,9+10) und den Jüngern und vielen anderen, wie Paulus schreibt (1. Korinther 15,3-8).

F. Nun sind wir am jüdischen Wochenfest, 50 Tage nach dem Passafest und nach Ostern. Die Jünger und Jüngerinnen von Jesus sind in Not. Sie wissen von der Auferstehung, aber sie sind mutlos und ängstlich.

Mutlose, kraftlose Jünger, die sehe ich auch in unserem Lande, in unseren Kirchen. Die Kirchen sind - matt und orientierungslos. Wohin sollen wir gehen, fragen die Gläubigen? Sind wir nicht auf einem sinkenden Schiff? Die Kirchen geraten in die Defensive.

Vielleicht stehen manche Christen auch in bedrückenden Erlebnissen oder Ereignissen in ihrem Leben oder in ihren Familien, die ihren Glauben er-schüttert haben.

Also: Die Jünger und Jüngerinnen sind beim jüdischen Wochenfest in Jerusalem beisammen, so wie wir heute Morgen. Sie halten Gottesdienst, sie singen und beten, so wie wir heute Morgen.

Sie hocken in ihrer Kraftlosigkeit beieinander und trösten sich gegenseitig. Sie suchen Halt in dem gemeinsamen Rückblick: ach wie war das früher schön, mit Jesus. Sie können nicht auf 60 Jahre*, aber auf doch auf einige Zeit mit Jesus zurückblicken.

Mit einem Mal wird der geregelte Ablauf der Veranstaltung gestört. Wo Gott selbst kommt, da wird der Lauf der Welt unterbrochen, auch der Lauf des Gottesdienstes. Ein mächtiges Rauschen ertönt. Etwas nie vorher Dage-wesenes geschieht. Petrus und die anderen sehen sich an: Was um Himmels willen ist das? Was geschieht hier?

Eine gewaltige Energie erfüllt das Haus. Etwas wie ein Sturm bläst durch die Versammlung. So wie ein starker Wind, der hineinbläst in ein großes Segel an einem Schiff. Es ist Gottes Kraft, Gottes Energie, die hineinbläst in das Segel der kleinen Gemeindeschar, die zum Gottesdienst versammelt ist.

Gott selbst ist es, der da kommt. Mit seinem Heiligen Geist bläst er mitten hinein in die matte Jüngerschar. Eben noch schlaff und schläfrig, wie ein Segel bei Flaute am Mast. Jetzt aber erfüllt und voll aufgebläht, mit der Gewalt eines mächtigen Windstoßes. Das ist Gottes Energie, Gottes Kraft. Und dann kommt auf einmal etwas wie Feuer, das sich zerteilt, und etwas wie Flammenzungen, dass sich auf jeden von den Versammelten niederlässt. Alle werden mit dem Heiligen Geist erfüllt.

Gott entzündet das Feuer des Heiligen Geistes, mitten in Jerusalem, im Leben von ängstlichen und mutlosen Jüngern.

Der Heilige Geist, der Lebendigmacher kommt zu denen damals und zu Euch

heute. Gott selbst ist es mit seiner verzehrenden Liebe. Gott selbst kommt und entzündet die Herzen der Menschen. Der Geist Gottes kommt und belebt die Menschen.

Wer vom verzehrenden Feuer des Heiligen Geistes durchdrungen wird, wie die Jünger, der wird ganz in den Machtbereich Gottes versetzt. Das Feuer des Heiligen Geistes umgibt Dich und mich, und versetzt uns in einen neuen Lebensbereich. Gottes Reich ist hier.

Es gilt nicht mehr: fern sein von Gott und saft - und kraftlos sein, sondern: erfüllt mit göttlicher Liebe und göttlichem Antrieb.

Es gilt nicht mehr: den Glauben möglichst für sich selbst in dieser schlimmen Zeit bewahren, sondern: Gott selbst lebt in Dir, Gott selbst taucht Dich ganz hinein - in das verzehrende Feuer seiner Liebe.

Und die Jünger werden auf einen Schlag verwandelt. Sie werden auf einmal zu neuen Kreaturen, zu neuen Menschen. Die Jünger fangen an, zu jubeln und zu singen. Sie erfahren Gottes Nähe. Sie erfahren die Erfüllung ihres Lebens.
Wozu seid ihr auf dieser Erde, wenn nicht dazu, von Gottes Heiligem Geist erfüllt zu werden und Gott, dem Vater zuzujubeln.

Das tun die Jünger und Jüngerinnen. Sie loben und singen. So hat sich Gott uns Menschen gedacht. Sie freuen sich über ihren Erlöser.

Sie können sich nun nicht mehr verstecken. Sie können diese großartige Erfahrung der Gegenwart Gottes nicht zurückhalten. Sie gehen nach draußen. Sie fangen an, in der ganzen Stadt von Jesus, von der Auferstehung, von Gottes Liebe zu erzählen.

Wenn der göttliche Wind hineinbläst in das schlaffe Segel einer Gemeinde, dann wird die Gemeinde lebendig, freudig, voller Mut. Dann beginnt die Gemeinde, Ausstrahlung zu bekommen und zu wachsen.

Und das ist genau das, was Gott heute schenken will, wie zu allen Zeiten: Ein neues Pfingsten. Eine neue Begegnung mit dem lebendigen Gott. Lasst Euch erfüllen mit dem Heiligen Geist. Lasst Gott selbst zu Euch kommen und Euch durchdringen.

Wozu seid ihr auf dieser Erde? Ihr seid dazu da, um von Gottes Heiligem Geist erfüllt zu werden.

Wozu lebt ihr in Kierspe? Um solche Christen zu werden, die ganz an Gott hingegeben sind.

Wozu besteht ihr euer ganzes Leben mit Arbeit und Freizeit? Um in eurem Alltag in jeder Sekunde zu spüren: Gott ist da.

Erfülltsein von Gott. Geborgen in seiner Liebe. Und gestärkt mit seiner Kraft.

Hinausgehen und Gottes Reich ausbreiten in unserer Stadt. Das ist die Erfüllung unseres Lebens. Das ist die Erfüllung jeden Lebens. Dies ist Gottes Ewigkeit, die zu uns kommt und wächst in unserem Leben und dort, wo wir hinkommen.

Herrlichkeit Gottes - in deinem sterblichen Leben.

Streck Dich aus nach IHM, nach dem Gott Israels.

Öffne Dein Herz und Dein ganzes Wesen für SEIN Wirken und SEINE Gegenwart.

Heute ist Pfingsten. ER, der Ewige kommt und erfüllt Dich. Amen.

Pfr. Reiner Fröhlich, Kierspe

*Die Christuskirche feiert 2012 ihr 60 jähriges Jubiläum.