Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 2,1-11 und Johannes 20,19-23

Pfarrer Karl-Heinz Feldmann

19.05.2002 in den Universitäts-Kliniken Mainz, kath. Klinikpfarramt St. Rochus

Liebe Gemeinde,

1.
Ohne das Wehen des Geistes, ohne Wind läuft nichts. Das wurde mir neulich beim Besuch eines Mannes klar, der ein begeisterter Segler ist. Er hatte einen Schlaganfall erlitten, konnte kaum sprechen. Irgendwie kamen wir auf sein Hobby zu sprechen. Da kam Leben in ihn . Mit Händen und Füßen versuchte er mir etwas klarzumachen. Immer wieder hörte ich das Wort " gefährlich ". " Was ist gefährlich ? ", fragte ich ihn. "Meinen Sie, wenn Sie auf hoher See sind und Sturm aufkommt ? " Er schüttelte verneinend den Kopf und machte eine Bewegung, wie wenn etwas zusammenfällt. Nach einiger Zeit kam ich dahinter, was er mir sagen wollte. Gefährlich wird es beim Segeln, wenn der Wind plötzlich ausbleibt. Dann droht das Segel mitsamt dem Mast umzukippen und die Mannschaft hat dann alle Hände voll zu tun, damit das Segel aufrecht bleibt. Ich fand das sehr bemerkenswert, daß der Mann gerade darauf kam. Nicht die Weite des Meeres, nicht der Wellengang, nicht der Sturm kam ihm als gefährlich in den Sinn, sondern die Windflaute, der Stillstand. Das entsprach ja auch seiner Situation jetzt. Er konnte sich kaum rühren, alle Bewegungen, die sonst selbstverständlich sind, waren zum Erliegen gekommen. Er war auf jeden Handgriff von außen angewiesen.

Das entspricht auch unserer Erfahrung - schon in weniger dramatischen Situationen; wenn Windflaute in unserem Leben ist, wenn es nicht so rund läuft, wie wir es gewohnt sind, wenn etwas dazwischenkommt, was unseren Lebensfluß zum Stillstand bringt. Dann spüren wir, wie sehr wir auf eine Bewegung von außen angewiesen sind: auf eine zündende Idee, ein aufmunterndes Wort, eine hilfreiche Hand, auf frischen Wind, der uns wieder auf die Beine bringt. Oft bleiben wir aber in der Flaute stecken, weil wir das nicht wahrhaben können, das es aus eigener Kraft nicht geht." Das gibt`s doch gar nicht, das ich das nicht mehr kann, das muß doch gehen." Und dann strampeln wir uns ab und machen ganz viel Wind und strampeln uns nur noch tiefer in den Leerlauf hinein.

2.
Auch unsere Kirche macht solch eine Phase durch. Wenn man dem äußeren Erscheinungsbild der Kirche in der Öffentlichkeit glauben schenken darf, dann herrscht mehr oder weniger Windstille in der Kirche. Die Medien haben den Papst zu einer Symbolfigur für eine dahinsiechende und sterbende Kirche gemacht. Gnadenlos wird jedes Indiz für seinen fortschreitenden Krankheitsprozeß der Weltöffentlichkeit dokumentiert- wie zum Beweis dafür, daß für diese Institution das Sterbeglöcklein bereits läutet! Wenn man aber hinter die Kulissen blickt, reibt man sich oft verwundert die Augen. Da herrscht in den Gemeinden und kirchl. behörden oft eher rastlose Betriebsamkeit. Keine Woche vergeht, in der nicht irgendwelche Stellungnahmen, Verlautbarungen, Projektideen und Ergebnisse von Arbeitsgruppen ins Haus flattern. Manchmal jeden Tag eine Flut von Papieren und Informationen. Da wird viel gearbeitet, viel nachgedacht, eifrig sich bemüht. Aber wen und was bewegt das, was kommt dabei raus? Die Kirchen werden trotzdem immer leerer - trotz guter PR-Aktionen - und die Gesellschaft schert sich immer mehr einen Deubel um das, was die Kirche zu einzelnen Themen sagt. Das erzeugt Frust und Resignation - und das ist an vielen Orten zu spüren, gerade auch bei Menschen in Gemeinden und kirchlichen Organisationen, die sich sehr engagieren und frischen Wind in die Kirche hineinbringen wollen. Es herrscht das Gefühl vor: wir können noch so viel pusten und Wind machen, es bewirkt nichts, der Funke springt nicht über.

3.
Wie gut ist es da, daß es das Pfingstereignis gibt; wie gut ist es, das wir wenigstens an diesem Tag einmal Atem holen und uns darauf besinnen können, daß es ja auch noch den Geist Gottes und sein Wirken in der Welt und der Kirche gibt. Wir würden lachen, wenn wir einen Segler beobachten würden, der sich aufplustert und Wind in seine Segel pusten würde -im Glauben, sein Schiff so wieder flott zu kriegen. Warum denkt man ausgerechnet in der Kirche oft so, daß nur mit viel Eigenwind und Action das Kirchenschiff wieder flott zu kriegen ist ? Ohne den Wind des Gottesgeistes läuft nichts; sein Wehen hat die Kirche gegründet, nicht eine Vorstandssitzung der Jünger Jesu! Aus diesem ängstlichen Haufen wäre niemals eine Bewegung entstanden, die in kurzer Zeit das ganze römische Weltreich geistig umgekrempelt hätte, wenn der Geist Gottes nicht am Werk gewesen wäre! Das Vertrauen auf das Wehen des Geistes heißt aber nicht, die Hände in den Schoß zu legen und nichts zu tun. Im Gegenteil. Die Segler haben oft alle Hände voll zu tun , die Segel so auszurichten, daß sie den Wind optimal einfangen. Sie müssen gut zusammenarbeiten und sich abstimmen, damit das Schiff Kurs hält. Sie müssen vor allem Ruhe und Besonnenheit bewahren, wenn der Wind sich dreht; denn der Wind weht, wo er will. Sie müssen Geduld haben, wenn Windflaute herrscht. Aber Segler haben in der Regel sehr viel Geduld. Denn sie wissen: es bleibt nicht bei der Flaute. Auf den Wind ist Verlaß. Er wird wieder aufs Neue in die Segel blasen und dann geht es weiter!

4.
Diese Haltung der Geduld und des Vertrauens, daß der Wind schon kommen wird und dieses Gespür, das erste Säuseln des Windes wahrzunehmen und rechtzeitig die Segel zu setzen - das ist in diesem Jahr mein Bild von Pfingsten. Ich finde dieses Bild wieder in den Wartenden und betenden Jüngern, die darauf vertrauen, daß der Beistand, den Jesus ihnen verheißen hat, schon kommen wird. Nicht das Getöse und laute Geschrei, nicht hektische Aktivitäten und rastlose Anstrengung öffnet die Tür für den Geist Gottes, sondern die Sehnsucht nach seiner Gegenwart, die Geduld des Wartens, das Gespür für die leisen Töne, die sein Kommen verkünden.

Die wartenden und betenden Jünger, die ihre Aufmerksamkeit auf die leisen Töne des Gottesgeistes ausrichten und ihm so die Türe in diese Welt öffnen - sie sind für mich auch das Symbol für das Wesen und Werden der Kirche. So haben es die ersten Christen selbst gesehen und dargestellt. In den Katakomben in Rom finden wir immer wieder die Darstellung eines Mannes oder einer Frau in der sog. Orante-Haltung - d.h. die Darstellung eines Mannes und einer Frau mit ausgebreiteten Armen und nach oben geöffneten Händen. So haben die ersten Christen symbolisch die Kirche dargestellt. Es ist eine Kirche, die sich betend für das Kommen Jesu Christi öffnet, die alles von ihm und seiner Kraft erwartet, die sich bittend und dankend auf ihn hin ausrichtet, die aufmerksam und empfänglich ist für das Wehen des Geistes in ihrer Mitte. Es ist eine Kirche, die ganz aus dem Vertrauen lebt, daß Jesus zu jeder Zeit in die Mitte der Seinen tritt, ihnen den Geist einhaucht und den Frieden Gottes zuspricht.

Es ist eine Kirche, die in ihren Zusammenkünften am eigenen Leib erfährt, was Jahrhunderte später im Pfingsthymnus so zur Sprache kommt, wie wir es heute noch singen und beten:
" in der Unrast schenkst du Ruh, hauchst in Hitze Kühlung zu, spendest Trost in Leid und Tod. "

5.
So singen und beten wir. Aber können auch wir das am eigenen Leib erfahren? Machen wir es uns nicht zu einfach, wenn wir das bloß beschwören? Ich habe mir gedacht, ich mache einmal die Probe aufs Exempel. Ich achte einmal von Christi Himmelfahrt bis Pfingsten bewußt darauf, ob ich in meinem Alltag Dinge erlebe, von denen ich sagen kann: das hat etwas mit dem Hlg. Geist zu tun, da sind Spuren seiner verwandelnden und tröstenden Kraft. Ich bin erstaunt, was meine Aufmerksamkeit alles ent-deckt und zu Papier gebracht hat. Ich könnte es gar nicht glauben, wenn ich es jetzt nicht schwarz auf weiß vor mir hätte. Es ist ein bunter Strauß von Lebenszeugnissen ganz unterschiedlicher Menschen, Erfahrungen von Verwandlung und Ermutigung , die dem Leben dieser Menschen eine neue Wendung gegeben haben. Da erzählt mir z.B. eine Frau vom Sterben ihrer besten Freundin, wie sie gespürt habe: hier ist eine Kraft im Raum, die das trägt und ermöglicht. " Wissen Sie " , sagt diese Frau zu mir, " ich bin aus der Kirche ausgetreten, für mich spielte Gott keine Rolle mehr, aber seitdem weiß ich: Gott existiert . Was ich da erlebt habe, das geht über alles , was ich bisher im Leben erfahren habe." Eine andere Frau erzählt mir von ihrem 9jährigen Enkel, mit dem sie das Zimmer ihres verstorbenen Mannes tapezierte. Der Enkel sei auf einmal von der Leiter gestiegen und habe sich aus den Tapeziermaterialien die Malerkappe ihres Mannes herausgefischt. Er habe die Kappe angezogen und zu ihr gesagt:" so jetzt spucken wir in die Hände und dann geht`s los." In diesem Moment habe sie das Gefühl gehabt: hier spricht mein Mann zu mir. Das ist ein Zeichen, daß das Leben für mich weitergehen kann. " Da wußte ich auf einmal, das Leben geht weiter. Es lohnt sich zu kämpfen - schon um der Enkel willen. " Anderntags besuche ich einen Mann, der eine chronische Erkrankung hat und immer wieder lange Zeiten im Krankenhaus verbringen muß. Er ist voller Sarkasmus und Verbitterung. Er habe nichts mehr vom Leben; sein ganzes Leben sei ein einziger Scherbenhaufen, man möge ihm ja nicht mit Gott kommen, den könne es gar nicht geben usw. Ich weiß überhaupt nicht, was ich sagen soll, er läßt kein gutes Haar an nichts, am liebsten wäre ich weggelaufen. Ich zwinge mich zu bleiben und zu warten. Ich kann ihm nur zeigen, wie betroffen ich bin von dem, was er erzählt. Nach einiger Zeit kehrt Stille ein. Sein grimmiges Gesicht fängt an zu zucken. Eine Träne rollt ihm über die Backe. Er schüttelt verwundert den Kopf und sagt: " wissen Sie, was komisch ist. Immer wenn ich so verzweifelt bin, dann fallen mir Gedichtverse aus meiner Kindheit ein. Ich hatte als Kind große Freude daran, Gedichte zu lernen. Wollen Sie eins hören? " ich nicke und dann sagt er ein langes Gedicht auf, ein Gedicht voller trostreicher Bilder, ein wunderbares Gedicht der Hoffnung und Güte. Und er spricht es mit so viel Liebe und Wärme in der Stimme, daß ich an mich halten muß, um nicht voller Ehrfurcht vor diesem heiligen Moment in die Knie zu gehen. Und im Nachhinein denke ich: was will ich noch mehr? Da war es: mein Pfingsten, der Geist Gottes, der durch die verschlossene Tür eines Lebens voller Leid tritt und einem Menschen Trost spendet - vielleicht nur für diesen einen Moment und im nächsten Moment ist schon wieder etwas anderes im Raum. Aber in diesem Moment hat sich in diesem Mann eine Verwandlung vollzogen, wie sie kein Mensch auf der Welt hätte bewirken können!

6.
Sie werden mir jetzt vielleicht sagen wollen: das sind Einzelbeispiele aus Ihrem Erfahrungsbereich. Sie haben gut reden. Aber was ist mit den Ereignissen in Kirche und Welt. Wo gibt es da ermutigende Erfahrungen, die wir alle miteinander teilen können? In der Tat: es gibt zur Zeit nicht die große Aufbruchsbewegung in der Welt; es gibt auch nicht den frischen Wind in der Kirche, wie er zu Zeiten eines Joh.XXIII spürbar war. Aber sollen wir deswegen enttäuscht die Segel streichen? Der Geist Gottes weht, wo er will. Manchmal dreht er auch in eine Richtung, für die wir im Moment noch keine Antennen haben. Ich wünsche uns da die Geduld und das Vertrauen der Segler, die warten können, bis sie den Wind in ihrer Nase spüren. Warten und beten können; hinhören können und aufmerksam sein; sich nicht vom großen Getöse in der Welt blenden lassen sondern das leise Säuseln des Windes wahrnehmen. Ich habe den Eindruck, daß diese Tugenden der Freunde Jesu mehr denn je gefragt und gesucht werden. Wie ist es zu erklären, daß z.B. Taize bei Jugendlichen aus ganz Europa nach wie vor eine große Anziehungskraft hat. Gerade jetzt zu Pfingsten treffen sich dort wieder 1000de. Und es ist gerade die kontemplative Kraft der Gemeinschaft von Taize, die so anziehend ist; die gefüllte Stille ihrer Gottesdienste, die Schweigeexerzitien und die Zeiten der Stille, die in Taize genauso wichtig sind wie Gottesdienst und Gespräch. Und nicht nur in Taize, sondern an vielen Orten in unserem Land und weltweit gründen sich Gebetskreise und kleine spirituelle Gemeinschaften, gründen sich auch Initiativen, die sich um Versöhnung und Frieden bemühen - oft unter Einsatz ihres Lebens. Und eine Frau erzählte mir neulich, sie sei Ostern in Rom auf dem Petersplatz gewesen, um den Segen Urbi et Orbi mitzuerleben. Sie habe lange überlegt, ob sie da hingehen soll. Sie dachte: sie könne das nicht gut ertragen, den dahinsiechenden Papst zu erleben. Doch sie hatte es nicht bereut. Sie habe dort auf dem Petersplatz so viele fröhliche, hoffnungsvolle, lebendige und begeisterte Menschen erlebt; sie habe von so vielen Initiativen und lebendigen christlichen Gruppierungen erfahren, daß sie selbst ganz froh darüber geworden ist. jeden Tag sei sie während ihres Urlaubs zum Petersplatz gegangen und immer habe sie Zeichen dieser Hoffnung und Lebendigkeit wahrnehmen und aufnehmen können. " Wir brauchen nicht warten, bis der nächste Papst gewählt wird oder das nächste Konzil ausgerufen wird ", sagte sie freudestrahlend. Es tut sich auch so sehr viel in unserer Kirche. ich hätte das nicht gedacht. "

7.
Wir müssen nicht unbedingt nach Rom fahren, um das zu erleben - der Geist weht wo er will. Wir müssen auch nicht mit Bleistift und Notizblock herumlaufen um Geisterfahrungen zu notieren, so wie ich das für eine begrenzte Zeit gemacht habe. Aber was ich uns schon heute an Pfingsten wünschen möchte, ist der Mut, dem eigenen Tun und Machen hier und da einen Riegel vorzuschieben und uns wie die Jünger in einen Raum des Wartens und Hinhörens und Kommenlassens zurückzuziehen und innerlich die Orante-Haltung einzunehmen, so wie die ersten Christen sie in den Katakomben eindrucksvoll dargestellt haben: die Haltung des Hin-Hörens und Empfangens; die Haltung des Aufmerksamseins für das leise Säuseln des Geistes und die Stimme Jesu, die auch uns Frieden und Versöhnung zuspricht.

Eine Frau sagte diese Woche in einer Gruppe: " wenn ich zur Zeit morgens das Fenster meines Schlafzimmers öffne, dann bleibe ich einige Zeit stehen und schaue über die grünenden und sprießenden Wiesen und Felder. Dann kann ich tief durchatmen und danke sagen. Ich habe so viele unruhige Jahre hinter mir. Und ich bin jetzt so glücklich über dieses Geschenk: da stehen und schauen zu können und danke sagen. " Alle in der Gruppe nickten; es war wie ein Aufatmen und es war so etwas wie eine stille Verständigung unter uns: ja, es gibt viele Gründe, danke zu sagen; es gibt viele Gründe, aufzuatmen und glücklich zu sein!

Amen