Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 2,1-11

Prof. ass. Dr. Michael Felder (rk) †

13.06.2011 in St. Johannes Tübingen

Pfingstfest

(Michael Felder, Prof. für Pastoraltheologie, Homilethik und Religionspädagogik an der Universität Fribourg, ist am 5. August 2012 mit nur 47 Jahren an Herzversagen gestorben.)

Komm Heiliger Geist – Dürrem gieße Leben ein

Mein fliegender Papierdrache. Eine Kinderstimme besingt wie er sich hoch in die Lüfte erhebt, wie er mit leichtem Flug das Meer überquert, über Wiesen und Wälder ferner Länder und wie er immer wieder in die Lüfte gehoben wird von den Träumen, vor allem dem der Liebe.

Die Kinderstimme singt von der Weite, von der Schwerelosigkeit des Glücks. Die Wirklichkeit sieht freilich ganz anders aus. Die Wirklichkeit, das ist für dieses Kind die Enge einer Erziehungsanstalt, in der die Sprache von Bestrafung und Kontrolle gesprochen wird. Ein Klima der Angst, die alles zu Boden drückt. Eine kleinliche Disziplin, die alle Höhenflüge unterdrückt. Eine Verständnislosigkeit, die jeden in seinen eigenen kleinen Raum einschließt. Aber es gibt etwas, das diese enge aufsprengt. Das Singen. Das Singen, das einen Drachen fliegen lässt, gesteuert von einem Kind.

Die Kinder des Herrn Mathieu. Er bringt sie zum singen. Ein bewegender Film. Inspirierend in seiner Botschaft, sich zu öffnen, innerlich weit zu werden und so Mauern zu überwinden, die den Blick verstellen und die zu traurigem inneren Stillstand verurteilen.

Die Kinder des Herrn Mathieu: ein Plädoyer sich nicht mit der Farblosigkeit und niederdrückenden Gewöhnlichkeit abzufinden. Und es ist kein Akt äußerer Revolution, ein gewaltsames Niederreißen irgendwelche Zäune, die dieses Wunder vollbringen.

Herr Mathieu ist kein Held, unter den Lehrern im Kollegium, vielleicht nicht einmal der brillanteste Kopf, sein Fachwissen und seine Unterrichtskunst ist vielleicht nicht einmal am Eindruckvollsten. Aber er macht die Kinder singen. Die Weite seines Herzens macht ihre Gedanken Fliegen. Sein Einfühlungsvermögen lässt auch diejenigen wieder etwas Lebendiges in sich spüren, die sich bereits mit allem abgefunden haben.

Ein neuer Geist kehrt ein an dieser Schule, an diesem Ort in Routine versunkener Tristesse. Und die Botschaft dieses Films entlässt alle beseelt von diesen Melodien der Kinder und dem Lebensmut, den sie ausstrahlen. Ein Wunder dieser neue Geist, der eingezogen ist mit einem ganz gewöhnlichen Menschen, aber einem inspirierten Menschen.

So sehen Erfahrungen aus, die wir mit gutem Recht als Pfingsterfahrungen bezeichnen können. Was die Bibel berichtet, das sind Erfahrungen. Die Apostelgeschichte. Sie berührt uns, weil hier von der Wirklichkeit eines Traumes der Menschen berichtet wird:

Menschen verstehen sich. Sprachbarrieren sind aufgehoben. Alle sind einbezogen in dieses Wunder. Niemand bleibt eingeschlossen und einsam im Haus. Die Zungen des Geistes, die Geistbegabung erreicht jeden einzelnen.

Alle haben Anteil und beginnen zu reden. Inspiriert sind sie erlöst aus der Sprachlosigkeit. Das Trennende, das menschliche Sprache bewirken kann, weil so viel Unverständliches bleibt, wo Menschen einander im letzten fremd sind. Dies sind keine Sprachkünstler, es geht nicht um die mühsam erworbene Fremdsprache. Fremd-sprache. Allein das Wort sagt schon, dass wir hier immer etwas übersetzten müssen.

Muttersprache wird Fremdsprache. Sie kann entschlüsselt werden und doch bleibt eine Distanz. Das Verstehen, dieses Ereignis der Kommunikation, das Mitteilen eines gemeinsam betreffenden letzten Sinns, meint in der Apostelgeschichte mehr als ein entziffern theologischer Begrifflichkeiten. Es meint Verstehen in einem ganz ursprünglichen Sinn. Mit-teilung, das miteinander Teilen einer lebensbedeutsamen Botschaft.

Vor allem das mit Jesus. Hier hören sie es wie die Emmausjünger. Und auch ihnen brennt das Herz. Diese Botschaft führt von der Enge in die Weite. Diese Botschaft öffnet den verschlossenen Mund und aus geöffnetem Herzen fängt es in mir zu Singen an. Diese Botschaft geht über Ozeane, Wiesen und Felder, sie erreicht die Welt. Eingebung des Geistes. Die Welt klingt anders. Heller und froher. Wehen des Geistes. Die Welt sieht anders aus. Das Antlitz der Erde, im Blick des vom Geist ergriffenen: neu.

Alles klingt unverbraucht. Der Sinn der Wörter, der Sinn dessen, was die Menschen von sich und dieser Welt erzählen: es klingt nicht abgegriffen und schal. Es klingt nicht nach enttäuschenden Bemühungen, nach unerfüllten Träumen: Es hört sich an wie die Taten Gottes, Taten der Liebe und Taten, die das Leben würdigen. Das Leben der Ganzen Schöpfung. Das Leben des Menschen.

Paulus beschreibt diese Lebendigkeit. Er benutzt ein Bild zur Verständigungshilfe. Er will erklären und doch eine Erfahrung beschreiben. Die gleiche Pfingsterfahrung.

Alle sind von diesem neuen Leben betroffen. Niemand bleibt ausgeschlossen. Auch hier eine Inspiration, die allen zuteil wird. Gnadengaben. Eine Erweiterung der eigenen Lebensmöglichkeit.

Eine Erweiterung auf den nächsten zu. Diese Gaben sind dazu da, dass sie dem nächsten nützten.

Nützten: so steht es in der Einheitsübersetzung und so haben wir es im liturgischen Text gehört. Schade dass Übersetzungen manchmal selbst so geistlos, eng und lieblos sind. Ja, auch der lateinische Text, über Jahrhunderte als Vulgata Grundlage der Verkündigung verbreitet diese Vorstellung der Nützlichkeit - Utilitas. Nun ist aber in der sozialphilosophischen Richtung des Utilitarismus, einer Ethik der Nützlichkeitsabwägungen, eben eine Handlungsorientierung vorgestellt, die sich wohl kaum mit dem christlichen, mit dem pfingstlichen Menschenbild deckt. Paulus schrieb in seinem Original ein Wort, (sympheron – ganz nah verwandt klingt da das Wort Symphonie an), das das eher im Sinne von beistehen, helfen und förderlich sein zu verstehen ist. Eben nicht die Enge wohl dosierter Nützlichkeit, sondern die Weite eines Zusammenspiels der Begabungen, wo das eine sich mit dem anderen Ergänzen kann und im Zusammenspiel den vollen Klang menschlicher Lebensgemeinschaft erklingen lässt.

Paulus benutzt das Bild des Leibes, um seine Erfahrung auszudrücken. Es geht um die Erfahrung lebensbestärkender Verbundenheit. Keine Zufallsgemeinschaft, auch kein Zweckbündnis, sondern die Tat des Gottesgeistes. Jeder Mensch in seiner Eigenart, jeder Mensch mit seiner Geschichte, aufgenommen in den Leib und mit dem gleichen Geist getränkt.

Das Johannesevangelium spricht von einer weiteren Erfahrung: Sündenvergebung. Auch hier geht es um einen Aufbruch aus der Enge in die Weite. Sünde nicht als Gesetzesverstoß und in Folge dessen die Sündenvergebung nicht als Instrument der Disziplinierung. Wäre die Beichtpraxis in der Geschichte der Kirche nicht so eng ausgelegt worden, vielleicht wäre dann heute dieses Sakrament nicht so sehr in der Krise!

In der Sündenvergebung sollen sich vielmehr die Verstrickungen lösen, die uns daran hindern ein Leben zu führen, das den Taten Gottes entspricht. Ein Leben, das sich an der Güte der Schöpfung freut. Ein Leben, das zusammenspielt mit den Gaben der Schöpfung.

In der Sündenvergebung erfasst uns die Weite des Geistes Gottes, um uns hinauszuführen aus dem engen Gefängnis egoistischer Selbstbezogenheit.

Der Geist, der uns aus den Verstrickungen unserer Machtspiele und Gewalttaten herauslöst.

Eine Sündenvergebung, die uns neu mit Liebe erfüllt, wo wir eiskalt und unbarmherzig mit Forderungen an andere, an uns selbst und an Gott blockiert sind. Letztlich auch die Sünde, nicht glauben zu können, dass Gott auch mit dem Unvollkommenen und dem Unscheinbaren etwas Großes vorhat. Dass es für alle eine Berufung gibt, auch für jene, die uns als unzulänglich vorkommen. Nicht zuletzt unser eigenes Leben.

Wir feiern heute an Pfingsten, dass dies alles Wirklichkeit ist. Wir feiern, bitten und danken für die Erfahrung der Weite und beglückenden Lebensmacht, die mit Gottes Geist bei uns einkehrt. Bei uns, den einzelnen Getauften, Frauen und Männern, allen Alters. Aber auch eine Erfahrung von Kirche. Johannes XXIII., der vor 50 Jahren das Zweite Vatikanische Konzil eröffnete, er wollte damit genau dies: ein neues Pfingsten.

Eine Erfahrung, dass die Kirche aufbricht aus der Enge verurteilender Lehren, aus dem Stumpfsinn einer pessimistischen Weltsicht, und aus der Kleinlichkeit disziplinarischer Ordnungen. Was in diesem Pfingstereignis aufbrach, waren tatsächlich Träume von Kirche und Visionen eines geglückten Lebens für alle Menschen.

Wir glauben und feiern, dass diese Träume immer wieder zu Erfahrungen werden. Dafür steht nicht ein kleiner Papierdrachen, gesteuert von einem Kind, so berührend dieses Bild aus dem Film ist; dafür steht der Herr. Wir feiern heute, wie das Credo bekennt den, Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht.

AMEN