Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 2,1-13

Dipl. Theol. Mathias Jeschke

09.06.2000 im Bibelhaus Stuttgart

Die Sprache Gottes
Warum es sich lohnt, die Zunge zu schärfen und die Ohren zu spitzen

Wenn sich einer irgendwo hinstellt und den Mund aufmacht, dann will man auch etwas verstehen. Wenn man schon die Bereitschaft aufbringt, zuzuhören, hat man auch Anspruch auf etwas, was einem nicht die Sprache verschlägt, den Mund verbietet oder die Spucke wegbleiben läßt, sondern auf etwas, bei dem man aufhorcht und die Ohren spitzt und vielleicht sogar ganz Ohr ist, bei dem man andächtig lauscht oder auch merkt, ein Langohr ist etwas anderes als ein Langfinger, ein Schlitzohr etwas anderes als ein Schlitzauge, vollmundig meint etwas anderes als einen vollen Mund und hellhörig etwas anderes als die Unfähigkeit, im Dunkeln zu hören.

Erinnern Sie sich an Babylon? Sie lebten in einer Welt von Riesen, die redeten in einer unverständlichen Sprache. Manches Mal wurden Sie hoch in die Luft aufgehoben, bis auf eine Höhe, die das Fünffache ihrer eigenen Körpergröße ausmachte. Und die Riesen wollten immer irgendetwas von ihnen. Meistens half es, freundlich zu lächeln, dann waren sie glücklich.

Und unser heutiges, ganz alltägliches Babylon? Der eine sagt was, der andere hört was oder umgekehrt und beides könnte für das genaue Gegenteil voneinander gehalten werden. Oft aber weiß man nicht mal das genau. Da sind Worte, die hängen nun klebrig irgendwo im Raum; und wenn das Ganze dann eskaliert, ist man eigentlich schon wieder leid, diese Worte je gesagt zu haben, so übel will man dem anderen ja auch wieder nicht mitgespielt haben - hinterher. Allzu schnell geht es nach der Weise: Vielleicht verstehe ich was, vielleicht auch nicht. Ganz egal, ich rede erst einmal drauflos. Ich werde schon sehen, was dabei herauskommt. Jetzt kriegt erst einmal der andere sein Fett weg. Wenn ich jetzt schweige, könnte mir das hinterher schaden: Daß man mich mißversteht wäre noch das geringste Übel. Ich könnte ja übervorteilt werden.

Wir sind noch beschäftigt mit den psychosozialen Bedingtheiten der Kommunikation, da geht es anderswo schon weiter mit Tele-tubbies, Pokémons und Big brother. Der Mensch wird daran gemessen, ob und wie er sich ins Web-Design einfügt. Modern ist, wer seine Internet-Willig- und Tauglichkeit unter Beweis stellt. Mühsam erlernte der homo sapiens das Sprechen, jetzt kehrt er offensichtlich zurück zu den Wurzeln. Eine dem Keilschriftschreiben nicht unähnliche Kommunikationsweise, das Einstechen von Informationen in kleine Stelen mit der bloßen Hand, SMSen genannt, scheint sichtbares Zeichen dieser Rückkehr. Bei der Beobachtung zeitgenössischer Handy-Gewohnheiten ist schon jetzt klar: Die nächste Stufe ist das Telefon als Implantat. Wer bei all dem nichts mehr versteht, ist draußen.

Auch das erste Buch der Bibel, in dem uns berichtet wird von den Anfängen, die Gott mit dieser Welt und seinen Menschen gemacht hat, erzählt von einer solchen Verwirrung: Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, laßt uns Ziegel streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.

Da fuhr der Herr hernieder, daß er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, laßt uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, daß keiner des andern Sprache verstehe!

So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, daß sie aufhören mußten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder. (1.Mose 11,1-9)

So kam es, daß wir nun einander nicht mehr verstehen. Ich verstehe meinen vertrautesten Menschen manchmal nicht und ich verstehe kein Finnisch. Und Gott? Verstehe ich Gott? Wenn ich wüßte, was für eine Sprache er spricht! Aber so?

Vielleicht klingt die Sprache Gottes ein bißchen so wie der Gesang eines jüdischen Kantors in der Synagoge. Vielleicht klingt sie aber auch nach Luther oder nach dem Lied der Amsel am Morgen. Klar ist, Gott hat uns dieses Lied seiner Schöpfung gesungen, dieses Lied, in dem auch wir vorkommen und unsere Stimme, mal laut, mal leiser erheben, um zu Wort zu kommen, mit dem, was uns ausmacht.

Und auch unsere Antwort auf Gottes Lied ist schon besungen: Mein Herz dichtet ein feines Lied, einem König will ich es singen; meine Zunge ist ein Griffel eines guten Schreibers. (Ps 45,2) Diese Zunge lobt dann den König. Der König ist derjenige, der regiert. Für uns gilt: Jesus Christus ist dieser König. Ihm können wir Tag und Nacht, wo wir gehen und stehen, unsere Lieder singen. Das muß noch nicht mal jemand hören, wenn wir das tun.

Wir sind dazu da, Gott zu loben und ihm unsere Lieder zu singen, ihm aber auch all unser hilfloses Stammeln vorzutragen, mit dem wir ihm vielleicht sagen, wofür wir dankbar sind. Gott freut sich auch über unser Gestammel - wie ein Vater sich freut, wenn sein Kind ihn anlacht, mit den Armen rudert und unverständliche Silben von sich gibt. Gott freut sich über jede Herzensregung zu ihm hin.

Und je mehr wir uns auf dieses Gespräch mit Gott einlassen, desto sprachfähiger macht er uns. Wir erfahren, woher das kommt, daß die Zunge der Griffel eines guten Schreibers ist, wie es gerade im Psalm zu hören war. Bei Jesaja erfahren wir das: Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, daß ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, daß ich höre, wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. (Jes 50,4-5) Sprache dient dem Lob Gottes. Und Sprache dient dem anderen, dem Müden. Ich kann weitergeben von dem, was ich selbst in Fülle empfangen habe.

Und meist fange ich erst dann an, die Sprache Gottes zu verstehen, wenn ich merke: das, was ich gesagt habe, hat solche Auswirkungen auf das Leben des anderen, die ich gar nicht für möglich gehalten habe. Da wird mir klar, daß ein anderer mitredet. Reden wie Gott redet, heißt hören, was er hört, wenn einer spricht, und sagen, was den anderen ins Leben bringt. Wenn wir unsere Ohren von Gott spitzen und unsere Zunge von ihm schärfen lassen, brauchen wir nicht mehr zu bremsen und hinzuhalten, nicht mehr zu beschuldigen und aufzurechnen. Gott stellt unsere Füße auf einen weiten Raum und erst in diesem weiten Raum kann Gottes Lied - wie ein Engel seine Flügel - seinen Klang ausbreiten.

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.

Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.

Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein. (Apg 2,1-13)

Es ist nun, als habe Gott die babylonische Sprachverwirrung wieder rückgängig gemacht. Jeder hörte seine eigene Muttersprache! Am Pfingstfest feiern wir, daß Gott der christlichen Gemeinde seinen heiligen Geist gesandt hat und von da an auf diese geheimnisvolle Weise gegenwärtig war und sein wird: Brausen vom Himmel, Zungen zerteilt, wie von Feuer, andere Sprachen, die der Geist gab. Was auch immer hier gemeint ist: Der Heilige Geist macht sprachfähig! Die Folge dieses pfingstlichen Geschehens ist eine zweitausendjährige Kirchengeschichte, in der Menschen, bewegt durch diesen göttlichen Geist, versucht haben, auf Gott zu hören und von ihm zu sprechen, von Gott und seinen großen Taten.

Gott will unsere Sprachfähigkeit stärken im Hinblick auf die, die er mit seinem Wort erreichen möchte. Die Sprache ist uns von Gott nicht verliehen, um mit ihr Mutwillen zu treiben (Hauptsach, versteht man! - wie in Lektoratskreisen gescherzt wird) und mit anderen unseren Spott, sondern um mit den Müden zur rechten Zeit zu reden. (Wenn Sie zum Beispiel gefragt werden nach dem Unterschied zwischen Lustlosigkeit und Unlust, dann könnten Sie antworten - und das tue ich jetzt, weil ich danach gefragt worden bin -: Jemand befindet sich im Zustand der Lustlosigkeit, wenn er zunächst Lust hatte bei dem, was er tat, wenn dann aber diese Lust abnahm; es trat eine Ermüdung ein - er war die Lust los. Die Unlust hingegen ist der Mangel an Lust zu einer Sache, die sogenannte Antriebsschwäche. Sie könnten auf diese eigenartige Frage hin aber auch sagen: Ja, das ist aber mal lustig! Zumindest muß dieser Zustand groß sein, daß solche Fragen überhaupt entstehen können.)

Aber Fragen sind manchmal wichtiger als Antworten. An manchen Fragen wird erst deutlich, daß einer lebendig ist. Es ist immer gut, Fragen zu stellen, keiner von uns hat ein Abonnement auf Antworten. Unser Wissen ist und bleibt Fragment. Immerhin ist dies eine der Wirkungen des Pfingstgeistes: Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Auch wenn wir uns über gefundene Antworten natürlich freuen dürfen, wir sind alle auf einem Weg, den wir immer nur schrittweise vor Augen sehen. Für diesen Weg, auf ihm zu gehen, ihn mit anderen gemeinsam zu gehen, für diesen Weg haben wir dieses Wort, die Bibel. Dieses Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege (Ps 119,105).