Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Apostelgeschichte 28

Pfarrerin Maria Bartsch (ev)

11.11.2012 in der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Universitätsgottesdienst

„Da wurden sie allen guten Mutes“

In Zagreb gibt es das „Museum der zerbrochenen Beziehungen“. Was hier in den Vitrinen liegt ist mal skurril, mal bewegend und mal zum schmunzeln. Es ist eine Sammlung von lauter Alltagsgegenständen. Sie wurden abgeben, weil sie ihre Besitzer an eine verloren gegangene Liebe erinnern. Jedes Überbleibsel erzählt eine ganz persönliche Geschichte. Mal aus glücklichen Zeiten und mal vom zerbrochenen Herzen. Unter einem Paar Stiefel steht: „Sie ist gegangen, nur ihre Schuhe sind geblieben“. Neben einer Herdplatte: „Unsere Beziehung wurde niemals warm.“ Unter einem abgenutzten Handy steht der Satz „Er gab mir sein Telefon, damit ich ihn nicht mehr anrufen kann.“ Auf den ersten Blick erzählen die Ausstellungsstücke vom Scheitern, von Enttäuschung, Verzweiflung und von wütenden Tränen. Auf den zweiten Blick erzählen sie aber auch von starken Frauen und Männern, die eine schwere Lebenskrise gemeistert haben.

Liebe Universitätsgemeinde!

Die Hauptperson im heutigen Predigttext hat auch eine Krise gemeistert. Wenn gleich eine ganz anderer Natur. Die Verse zum Ende der Apostelgeschichte erzählen, wie Paulus unterwegs nach Rom mit dem Schiff in Seenot geriet. Alle 276 Passagiere erlitten Schiffbruch. Sie konnten sich retten und strandeten auf Malta. Ich lese uns den Text aus dem 28. Kapitel:

Und als wir gerettet waren, erfuhren wir, dass die Insel Malta hieß. Die Leute aber erwiesen uns nicht geringe Freundlichkeit, zündeten ein Feuer an und nahmen uns alle auf wegen des Regens, der über uns gekommen war, und wegen der Kälte. Als nun Paulus einen Haufen Reisig zusammenraffte und aufs Feuer legte, fuhr wegen der Hitze eine Schlange heraus und biss sich an seiner Hand fest. Als aber die Leute das Tier an seiner Hand hängen sahen, sprachen sie untereinander: Dieser Mensch muss ein Mörder sein, den die Göttin der Rache nicht leben lässt, obgleich er dem Meer entkommen ist. Er aber schlenkerte das Tier ins Feuer und es widerfuhr ihm nichts Übles. Sie aber warteten, dass er anschwellen oder plötzlich tot umfallen würde. Als sie nun lange gewartet hatten und sahen, dass ihm nichts Schlimmes widerfuhr, änderten sie ihre Meinung und sprachen: Er ist ein Gott. In dieser Gegend hatte der angesehenste Mann der Insel, mit Namen Publius, Landgüter; der nahm uns auf und beherbergte uns drei Tage lang freundlich. Es geschah aber, dass der Vater des Publius am Fieber und an der Ruhr darnieder lag. Zu dem ging Paulus hinein und betete und legte die Hände auf ihn und machte ihn gesund. Als das geschehen war, kamen auch die andern Kranken der Insel herbei und ließen sich gesund machen. Und sie erwiesen uns große Ehre; und als wir abfuhren, gaben sie uns mit, was wir nötig hatten.“

„Ein Unglück kommt selten allein.“ Ganz schön viel auf einmal. Paulus macht mehr als eine Krise durch. Erst wird er verhaftet, weil Zeugen gegen ihn falsch aussagen. Während der U-Haft wird ihm der Prozess gemacht; wobei es drunter und drüber geht. Es wird entschieden, ihn nach Rom vor den Kaiser zu bringen. Die Reise dorthin ist abenteuerlich. Zwei Wochen treibt das Schiff manövrierunfähig im Mittelmeer. Schließlich zerbricht es an einer Sandbank und geht unter. Paulus muss ins kalte Wasser springen und um sein Leben schwimmen. Aber als ob das nicht genug wäre, wird er auch noch von einer giftigen Schlange gebissen. Wie hält Paulus das durch? Alle diese Krisen scheinen ihn nicht aus der Bahn zu werfen.

Menschen reagieren in Krisen sehr unterschiedlich. Das wird einem bewusst, wenn man den Schiffbruch überlebt hat. Wenn man mit den anderen 275 im Nachhinein am Feuer sitzt, sich aufwärmt und alles sacken lässt. Dann bemerkt man: Es geschieht nicht nur mir. Andere gehen auch unter. Aber jeder geht damit anders um.

Nehmen wir einen Matrosen, der neben Paulus am Feuer sitzt. Wer in der Apostelgeschichte zurückblättert liest, dass die Matrosen versucht haben, das sinkende Schiff zu verlassen. Sie wollten sich mit den wenigen Rettungsbooten absetzen. Auf den ersten Blick lobenswert, denn sie haben überlegt, welche Kräfte sie mobilisieren könnten, um zu überleben. Sie kennen sich mit Wind- und Strömungsverhältnissen aus. Auch ohne Kapitän sind sie in der Lage ein Boot an eine Küste zu bringen. Jedoch: Ihre Überlebensstrategie heißt: „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“ Ihr Rettungsschirm schützt nur auf Kosten anderer.

Man muss nicht erst mit einem Kreuzfahrtschiff untergehen, um zu ahnen, wie verzweifelt die Matrosen waren. Auch an einer Universität ist man nicht davor gefeit, unterzugehen.

Die Sozialberatung vom Studentenwerk unserer Universität unterstützt Studierende in Krisensituationen. Da kommen Erstsemestler an ihre Grenzen, wenn sie den ersten eigenen Haushalt und das Studium in der fremden Stadt organisieren müssen. Es gilt neue Freunde zu finden und im Leistungsniveau mitzuhalten. Ältere Studierende leiden unter Prüfungsangst, fühlen sich überlastet und sind erschöpft. Geldsorgen schaffen Zukunftsängste. Beziehungskrisen wirbeln das emotionale Gleichgewicht durcheinander. Die Modularisierung bewirkt, dass Studierende schneller fertig sind. In jeder Hinsicht.

Es kriselt aber auch bei wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Es ist nicht immer einfach eine junge Familie und die Arbeit an einem Institut unter einen Hut zu kriegen. Schaffe ich die Promotion nebenbei? Wird das DFG-Projekt verlängert? Klappt die x-te Bewerbung endlich?

Auch eine Professorin ist nicht immer krisensicher. Kräfteraubende Fernbeziehungen und gesundheitliche Probleme machen auch vor einem Professor nicht halt. Während die Uni verlangt, dass ständig Drittmittel eingeworben müssen und am fließendes Band veröffentlicht werden soll, ist zuhause auch der Familienvater und die Lebenspartnerin gefragt.

Das ganze Leben ist ein Austarieren. Harmonie, Erfolg und Glück sind wirklich eine gute Sache. Dennoch ist ein erfülltes Leben nur möglich, wenn wir mit den Widerständen des Lebens kämpfen können.

Der Matrose aus unserer Geschichte hat die Erfahrung gemacht, dass es Menschen wie Paulus gibt, die auch in Krisen die Kraft haben, das Ruder in die Hand nehmen. Schon als sie in das Schiff eingestiegen sind, hat Paulus die Lage realistisch eingeschätzt und bemerkt, dass man sich Ende Oktober, Anfang November eigentlich nicht in ein Boot setzt. Als das Schiff führungslos durch das Meer segelte hat Paulus Verantwortung übernommen. Er hat aufgedeckt, dass sich die Matrosen mit den Rettungsbooten absetzen wollten. Als er merkte, dass alle kraftlos wurden, hat er sie aufgefordert zu essen. „Da wurden sie alle guten Mutes.“ erzählt die Apostelgeschichte. Nach dem Schiffbruch hat er mitgeholfen, dass Feuer anzuschüren. Paulus hat bei allen Krisen Lösungen gesucht und wurde nebenbei zum „Notfallseelsorger“.

Wie die gastfreundlichen Einwohner der Insel. Die Malteser sind es gewohnt zu helfen. Sie erleben öfter, dass Schiffbrüchige an ihr Land gespült werden. Sie sind „Krisenmanager“ und leisten Soforthilfe. In diesem Fall haben sie die Schiffbrüchigen nicht im Regen stehen lassen. Sie haben ein großes Feuer gemacht, damit allen wieder warm wird. Die Malteser fragten nicht gleich „Wie konnte das passieren? Wer ist Schuld?“. Sie halten sich zurück mit gut gemeinten Ratschlägen. Im Text wird berichtet, dass sie ››warten können‹‹. Sie geben Raum, um Luft zu holen und runterzukommen. Sie sind einfach da und halten den Schock mit aus.

Als Paulus von einer Schlange gebissen wird, stockt ihnen dann doch der Atem. Ist es Zufall, dass Paulus noch am Leben ist? Oder holt ihn jetzt die Göttin der Rache?

Schließlich ist er ein Gefangener. Ein Mörder vielleicht. Als nichts passierte, kam es ihnen übernatürlich vor. Wie konnte Paulus so viele Krisen überstehen? Das widersprach allen ihren bisherigen Erfahrungen und sie machten ihn kurzerhand zum Gott.

Ist er aber nicht. Paulus ist ein Stehaufmännchen. Friedrich Nietzsche hätte wohl spöttisch bemerkt: „Was uns nicht umbringt, macht uns härter!“ Er hat Recht. Tatsächlich ist wissenschaftlich fundiert, dass man an Krisen wächst. Die Tatsache, dass manche Menschen mit Krisen besser umgehen können als andere, hat gute Gründe. Und die werden innerhalb der Psychologie sogar in einem eigenen Forschungsbereich untersucht. Unter dem Oberbegriff: Das „Stehaufmännchen-Phänomen“. Der Fachbegriff lautet „Resilienz“ und bedeutet so viel wie „Widerstandsfähigkeit“. Die Wissenschaftler stellen sich die Frage: Was hält Menschen gesund?

Ein Pionier ist der amerikanisch-israelische Soziologe Aaron Antonovsky. Er hat einen Katalog aufgestellt mit Faktoren, die einen Menschen stark machen für Krisen. Um immer wieder rufen zu können „Land in Sicht!“, braucht es z.B. stabile Beziehungen unter Freunden oder in der Familie. Ein gutes soziales und kulturelles Netzwerk, wie in der Kirchengemeinde, dem Universitätschor oder im Sportverein. Das Vertrauen in die eigenen Kräfte gehört auch dazu. Und eine gewisse optimistische Lebenseinstellung.

Die Resilienzforscher hätten ihre wahre Freude an Paulus gehabt. Er ist ein Vorzeige-Proband, wenn es um Widerstandsfähigkeit geht. Vor allem, weil er einen zusätzlichen Faktor hat, den auch die Resilienzforschung kennt: der Glaube.

Die Apostelgeschichte berichtet, wie Paulus den anderen erzählt, dass ihm vor der Schifffahrt ein Engel erschienen ist und ihm die Botschaft überbrachte, das er gesund in Rom ankommen werden. Paulus vertraute diesen Worten. „Ich glaube Gott, es wird so geschehen, wie mir gesagt ist.“ sagt er. Für Paulus sind die Verheißungen Gottes genauso real wie der Sturm auf dem Mittelmeer. Er ist sich gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur ihn scheiden kann von der Liebe Gottes. Das hat Gott ihm in der Taufe zugesagt. Der Glaube ist für Paulus eine Kraftquelle. Daraus schöpft er die Zuversicht, auch in schwierigen Situationen des Lebens nicht allein zu sein. Er weiß sich einen Gott des Lebens an der Seite, der keine Schlangen mehr schickt.

Wenn Martin Luther Angst hatte und sich von Tod und Teufel bedroht fühlte soll er immer wieder gesagt haben „Ich bin getauft!“. Er soll es sogar mit Kreide auf den Tisch geschrieben haben. Die Taufe war für ihn ein Schutzmantel und das Symbol der Verlässlichkeit. Gott hält Wort. Diese Gewissheit steckt drin in den Worten „Ich bin getauft!“. Sie machen stark und resilient.

Liebe Universitätsgemeinde,

Der Predigttext erinnert mich daran, dass es Dinge gibt, die mich für Krisen widerstandsfähiger sein lassen. Die Resilienzforscher haben da eine gute Nachricht: Ich kann in jedem Alter anfangen seelisch gesund zu bleiben. Egal ob ich vor wenigen Wochen ein Studium angefangen habe oder im Frühjahr emeritiert werde:

Es ist wichtig, dass ich Freundschaften pflege und mir Zeit für die Familie nehme. Ihnen vertraue ich, sie hören mir zu und sind für mich da, wenn die Stürme des Lebens aufziehen. Auch Paulus hatte seine Mitstreiter, deren Gebete er sich gewiss war.

Hole dir Unterstützung! – Paulus ist bereit Hilfe anzunehmen. Das kann nicht jeder. Man kann und muss nicht alles aus eigener Kraft leisten können.

Pack an, was zu tun ist und versuche es! – Es sind Gestalter gefragt. Paulus hatte großen Anteil daran, dass alle den Schiffbruch überlebt haben. Er hat sich auf seinem Gottvertrauen nicht ausgeruht.

Erwarte Gutes! Habe Hoffnung! – Ich kann lernen mich über das halbvolle Glas zu freuen. Ich kann mir zusprechen lassen: „Du bist getauft! Hab Vertrauen in Gottes Verheißungen! Lies sie in der Bibel!“ Da stehen sie nämlich drin: die vielen Rettungsgeschichten. Die Resilienzforschung wäre begeistert. Wir brauchen Vorbilder, die mutig und kreativ ihre Schicksalsschläge angehen und Gott dabei nicht außen vor lassen.

Und ein letztes: Jede Krise verändert. Der Predigttext bleibt nicht beim Gottvertrauen stehen. Er erzählt auch, was nach einer Krise geschehen kann. Paulus ist gerettet! Diese Erfahrung lässt ihn selbst zum Retter werden. Gleich zweifach: Er schürt das Feuer an für die, die keine mehr Kraft haben. Die durch die Krise komplett aus der Bahn geworfen wurden. Die weder das Feuer anmachen können, noch es am brennen halten können. Für sie bläst er in die Glut. Und er betet für sie. Wie auch für den Vater seines Gastgebers, der an Ruhr erkrankt war. Paulus betet, berührt den Kranken und heilt ihn. Er gibt etwas zurück. Und etwas von seinem Glauben weiter.

Liebe Universitätsgemeinde!

Vielleicht haben Sie sich unter „Landpartie“ etwas anderes vorgestellt.1 Vielleicht hatten Sie eine Kreuzfahrt nach Malta vor Augen. Mit romantischen Sonnenuntergängen, Lagerfeuer und Cocktails für lau. Stattdessen Schiffbruch und Krisen. Aber sehen Sie es so: Es war alles dabei. Auch mit Gott gibt es nicht immer nur Animation, Urlaubsflirt und Tombola. Auch mit Gott gibt es Stürme, die alles durcheinander wirbeln. Aber es gibt auch Rettung. „All inclusive“ halt.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir unsere Krisen ein Stück weit mit dem Gottvertrauen angehen können, wie Paulus es auf seiner Kreuzesfahrt getan hat. Dass es uns möglich ist, wie Paulus, auch in Krisen etwas zu tun und zwar so, dass andere nicht auf der Strecke bleiben müssen. Ich wünsche uns, dass wir an manchen Krisen wachsen, aber sie vor allem überwinden.

Und wenn es eine Beziehungskrise ist, wünsche ich, dass die eines Tages vor allem eins ist: museumsreif. Dann fahren Sie doch nach Zagreb und legen symbolisch etwas in die Vitrine im „Museum der zerbrochenen Beziehungen“. Dazu fordern das Museum nämlich ausdrücklich auf. Stehen Sie davor und seien Sie stolz, was sie bewältigt haben! Und wenn Sie Lust haben fahren Sie weiter durch Italien auf Malta. Ich hab gelesen, da soll es überaus gastfreundliche Menschen geben.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als du und ich verstehen, der halte unseren Verstand wach und unsere Herzen groß und stärke unsere Liebe. Amen.

1 Die Predigt wurde im Universitätsgottesdienst der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg am 11. November 2012 gehalten. Das Thema der Universitätsgottesdienste im Wintersemester 2012/2013 lautete „All inclusive“. Der Gottesdienst stand unter der Überschrift „Landpartie“ (Apostelgeschichte 28, 1-10).


 


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