Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 5,17-29

Vikar Johannes Böttner (ev)

30.09.2012 in der Friedenskirche Kassel

Michaelis 2012

Gnade sei mit euch, von dem der da ist, der da war und der da kommt!

 

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für das Fest der Engel steht in der Apostelgeschichte im 5. Kapitel (Apg 5,17-29, Luther 84).

 

Es erhoben sich aber der Hohepriester und alle, die mit ihm waren, nämlich die Partei der Sadduzäer, von Eifersucht erfüllt, 18 und legten Hand an die Apostel und warfen sie in das öffentliche Gefängnis.

19 Aber der Engel des Herrn tat in der Nacht die Türen des Gefängnisses auf und führte sie heraus und sprach:

20 Geht hin und tretet im Tempel auf und redet zum Volk alle Worte des Lebens.

21 Als sie das gehört hatten, gingen sie frühmorgens in den Tempel und lehrten.

Der Hohepriester aber und die mit ihm waren, kamen und riefen den Hohen Rat und alle Ältesten in Israel zusammen und sandten zum Gefängnis, sie zu holen. 22 Die Knechte gingen hin und fanden sie nicht im Gefängnis, kamen zurück und berichteten:

23 Das Gefängnis fanden wir fest verschlossen und die Wächter vor den Türen stehen; aber als wir öffneten, fanden wir niemanden darin.

24 Als der Hauptmann des Tempels und die Hohenpriester diese Worte hörten, wurden sie betreten und wußten nicht, was daraus werden sollte. 25 Da kam jemand, der berichtete ihnen:

Siehe, die Männer, die ihr ins Gefängnis geworfen habt, stehen im Tempel und lehren das Volk.

26 Da ging der Hauptmann mit den Knechten hin und holte sie, doch nicht mit Gewalt; denn sie fürchteten sich vor dem Volk, daß sie gesteinigt würden. 27 Und sie brachten sie und stellten sie vor den Hohen Rat. Und der Hohepriester fragte sie 28 und sprach:

Haben wir euch nicht streng geboten, in diesem Namen nicht zu lehren? Und seht, ihr habt Jerusalem erfüllt mit eurer Lehre und, wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen.

29 Petrus aber und die Apostel antworteten und sprachen: Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.

 

 

Liebe Gemeinde,

Engel schließen Türen auf! Das erfahren die Apostel hautnah.

Voller Eifersucht hatte die religiöse Oberschicht von Israel die Apostel ins Gefängnis geworfen. Zu mächtig erschien ihr die Gruppe, die sich mitten im Tempelarial – versammelte (5,12). Die Apostel hatten dort den Menschen von der Auferstehung Jesu erzählten (4,2), sie hatten Zeichen und Wunder getan, Kranke geheilt. Immer wieder waren die Apostel deshalb mit der Oberschicht in Streit geraten. Denn die hatte die Aufsicht über den Tempel. Sie konnten bestimmen, wer dort rausfliegt.

In den Tagen zuvor waren immer mehr Menschen den Aposteln gefolgten, allein die Masse brachte das Fass zum Überlaufen. Mit grober Gewalt werden nun die Apostel ins Gefängnis geworfen. Dort sind sie ausgeschlossen vom Treiben der Stadt und vom Gespräch im Tempel. Sie sollen mundtot gemacht werden und bleiben weggesperrt bis zur Verurteilung - streng bewacht, hinter Gitterstäben und dicken Schlössern.

Doch mitten in der Nacht schickt Gott ihnen einen Engel. Und der Engel öffnet ganz wundersam die Türen des Gefängnisses und führt Sie hinaus. Gott befreit durch seinen Engel aus der Gefangenschaft und führt zu neuer Freiheit. Die Freiheit ist mit einem Auftrag verbunden: „Geht hin und tretet in dem Tempel auf und redet zum Volk alle Worte des Lebens!“

Alle Worte des Lebens! Was sind die Worte des Lebens, die die Apostel reden sollen? Worte, die unser Leben tragen? Kaum dass die Apostel fragen konnten, ist der Engel schon wieder verschwunden. Dass die Engel da sind, ihr Sein der Engel ist Botschaft. Wenn Gottes Botschaft den Empfänger erreicht, dann verschwinden die Engel spurenlos. Selbst an der aufgetanen Gefängnistür hinterlässt der Engel keine Spuren, denn als später jemand geschickt wird die Gefangenen zu holen, da ist das Schloss unversehrt an der Tür. Die Wächter haben nichts gemerkt. Die Apostel aber sind längst weg.

Sie reden alle Worte des Lebens! Auch, wenn uns nicht gleich etwas dazu einfällt: Die Apostel wissen, was die Worte des Lebens sind. Sie können gar nicht anders, als frühmorgens aufzustehen und davon zu lehren. Sie tauchen nicht in den Untergrund ab, verstecken sich nicht im kleinen Kämmerlein und halten sich nicht zurück, sondern sie gehen genau dorthin, wo viele Menschen tagtäglich ein- und ausgehen um „alle Worte des Lebens“ dort weiterzugeben. Seit dem Sonnenaufgang stehen sie im Tempel, jenem Gebäude in dem die religiöse Macht sitzt und der Alltag der Menschen seine Struktur findet. Die religiöse Oberschicht ist blamiert, denn sie wissen von all dem rein gar nichts. Sie müssen erst durch Dritte – durch einen Spitzel – auf die Befreiung aufmerksam gemacht werden. Auch bei dem Versuch die Befreiten wieder zu inhaftieren können sie nicht auf Waffengewalt zurückgreifen, zu groß ist Macht des Volkes geworden (5,26). 

Die Macht des Volkes! Sie war in Deutschland vor über 20 Jahren im Herbst 89/90 in aller Munde. „Wir sind das Volk“ riefen die Demonstranten auf den großen Montagsdemonstrationen in Leipzig und in anderen ostdeutschen Städten. Später kam der Ruf hinzu: „Wir sind ein Volk“. Am kommenden Mittwoch, am 3. Oktober, feiern wir den Tag der Deutschen Einheit. Wir feiern das Ende der deutsch- deutschen Teilung, das Ende der Berliner Mauer und die Öffnung der Grenze mitten in unserem Land.

 Mehr als 28 Jahren lang verlief eine der best bewachtesten Grenzen der Welt u.a. mitten zwischen Hessen und Thüringen, zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, zwischen Ost und West-Berlin. Die Bilder und Geschichten von Grenzanlagen, Wachtürmen und Grenzkontrollen sind heute kaum zu fassen, gerade wenn man so leicht und bequem von Kassel nach Halle fahren kann.

Eine Schlüsselfigur der jüngeren deutschen Geschichte, der Bundespräsident Joachim Gauck erinnert sich in seinen Memoiren sehr eindringlich an die Zeiten des abnehmenden Lichts, als die Mauer 1961 gebaut wurde. Mit ihr wurde die Teilung zementiert. Joachim Gauck hatte als junger Theologiestudent die Ereignisse des Mauerbaus hautnah miterlebt. Er schreibt:

„Die einen feierten den Bau der Mauer als Triumph: Die Massenflucht aus der DDR war gestoppt. Die meisten aber waren bestürzt, erschrocken und wütend über die Anmaßung der herrschenden Clique, die ein ganzes Staatsvolk kurzerhand zu Leibeigenen erklärte. Die Parteiführung riss die Familien auseinander, unterband die Reisefreiheit und jeglichen Austausch und war noch so töricht, die Mauer zum „antifaschistischen Schutzwall“ zu erklären. Der Westen verschwand hinter dem Eisernen Vorhang. Es traf Verliebte, Eheleute, Kinder und Eltern, Brüder und Schwestern.“ Viele Menschen verloren ihre Existenzgrundlage weil sie nicht mehr ihrer Arbeit im Westen folgen konnten. „ Unser Staat war seit 1961 wie eine Burg, deren Burgherr sich das Recht genommen hatte, über Zugang, Abgang und über den Gang des Lebens im Inneren zu entscheiden.“ (Vgl. Joachim Gauck: Winter im Sommer Frühling im Herbst Erinnerungen, München 2009, Seiten 71-72)

Viele Menschen ließen sich auf das Leben in der Burg ein. Doch blieb auch eine Sehnsucht bestehen nach wahrer Freiheit über alle Jahre der Teilung.

Die Sehnsucht nach Freiheit war nicht nur positiv besetzt.   Gauck schreibt weiter: „Trauer als Kehrseite einer Sehnsucht (nach Freiheit) war mir damals so wenig bewusst wie wohl den meisten DDR-Bürgern. Sie hätte mich gelähmt, so schickte ich sie weg (die Trauer). „Stör mich nicht!“, sagte ich „ich will leben, ich will stark sein!“ Viele hielten sich an das bekannte Volkslied“

Und sperrt man mich ein

Im finsteren Kerker,

Das alles sind rein

Vergebliche Werke;

Denn meine Gedanken

Zerreißen die Schranken

Und Mauern entzwei:

Die Gedanken sind frei

Sie glaubten, dass sie, selbst wenn sie eingesperrt seien „in finstere Kerker“ wenigstens in ihren Gedanken frei bleiben und die Mauern und Schranken einreißen können. Dass sogar meine Gedanken vom Kerkeralltag infiziert waren und ich mich wohl mit einer halb resignativen Weltsicht arrangiert hatte, habe ich in vollem Ausmaß erst verstanden und gefühlt, als ich den Kerker verlassen hatte.“ (Vgl. Joachim Gauck: Winter im Sommer Frühling im Herbst Erinnerungen, München 2009, Seite  75).

Im Herbst ´89 gingen tausende Menschen nach den Friedensgebeten auf die Straße.

Heute wird wieder neu um die Rolle der Kirche in den 1980 Jahren gestritten. Denn einige Kirchenmänner und Frauen suchten den intensiven Dialog mit Staat, einige waren auch selbst Spitzel der Stasi, andere hielten sich an das Wort von Petrus aus unserem Predigttext: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Sie lehnte jede Zusammenarbeit ab.

Ich denke, dass die Kirche einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet hat, dass diese Revolution friedlich und ohne Gewalt ablief. Die Kirche bot Raum für Diskussionen und freie Meinungsäußerung.

Viele Menschen, die aus den Friedensgebeten strömten waren innerlich befreit den Mächtigen ohne Gewalt als Volk gegenüberzutreten. Für mich als Nachgeborenen, erscheint es heute wie ein Wunder, dass die Wende damals ohne Blutvergießen ablief. Wie viele Engel waren wohl damals unterwegs, die die Türen der Herzen für Frieden und Gewaltlosigkeit öffneten, sowohl bei den Demonstranten als auch bei den Machthabern?

Die Worte des Lebens, die damals gelehrt wurden, waren Freiheit und Einheit. Doch schon bald kamen neue hinzu: Neuanfang und Aufarbeitung.

 

In der Zeit nach der 1990 wurde Joachim Gauck erster Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Tausende lasen in der Zeit, was die inoffiziellen Mitarbeiter des Geheimdienstes  - die Spitzel der Staatsmacht - über sie gesammelt hatten.

Gauck fand sich „plötzlich neben einem älteren Mann wieder, der über den Zeugnissen seiner ungerechtfertigten Haft saß. Schneller als er erzählen konnte, traten Tränen in seine Augen. Er wollte eigentlich nur wissen, was in seiner Akte steht, um mit allem abschließen zu können. Aber mit der Erinnerung an die Haft kam die Erinnerung an seine Frau, die ihn verließ, während er eingesperrt war. Gauck erinnert sich: „Das Gespräch mit ihm war nur kurz. Aber ich habe durch Blick und Geste dieses Aktenlesers erkannt: Wer sich noch einmal seiner Vergangenheit stellt, wer auf den Schutz der selektiven (der ausgewählten) Erinnerung verzichtet, der braucht Mut. Er wird vergangene Phasen wieder durchleben und unter Umständen auch von Gefühlen überwältigt werden. Er wird womöglich noch einmal klein sein und missbraucht, gedemütigt, ausgeschlossen, eingeschlossen, er wird dem Schmerz nahe sei. Erinnern bedeutet eben nicht nur, etwas Vergangene neu zu wissen, sondern auch, Vergangenes und Verdrängtes neu zu fühlen.“ (Vgl. Joachim Gauck: Winter im Sommer Frühling im Herbst Erinnerungen, München 2009, Seite 273)

Die Worte des Lebens für diesen gebrochenen Mann, mit dem sich Joachim Gauck unterhielt, sind Versöhnung und Vergebung. Kann er denen vergeben, die sein ungerechtfertigtes Leiden verantworten müssen? Keine leichte Aufgabe, denn zur Vergebung braucht es auch die Einsicht in die Schuld auf der Seite des Schuldigen. Deren Einsicht ist oft nicht vorhanden. Es ist entlastend, wenn wir auch das Unversöhnliche der deutschen Einheit erinnern, dass wir uns auf ein Gebet verlassen „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.

 

Der 3. Oktober 2012 – der Tag der deutschen Einheit kann für uns ein Tag sein, an dem wir das Vergangene neu fühlen. Die vergangene Zeit der Trennung als Freiheit, Einheit und Frieden in Deutschland nur eine Sehnsucht war. Der Erz-Engel Michael wird in der Geschichte seit über 1000 Jahren als der Schutzengel von Deutschland bezeichnet, so ist stimmig das Michaelis und der 3. Oktober so nah beieinander liegt. Ein Engel hat den Apostel aufgetragen „alle Worte des Lebens“ dort weiterzugeben, wo viele Menschen ein- und ausgehen.

Vielleicht hören Sie in der Woche des Michaelisfestes und des Tages der deutschen Einheit einmal genau hin, was in unserer Zeit die Worte des Lebens sind. Einheit und Freiheit sind immer noch – und immer wieder – Worte des Lebens. Sie nehmen uns auch in die Pflicht darauf zu sehen, wo Einheit und Freiheit noch nicht verwirklicht sind.

Da sind z.B. jene Menschen, die oft „Bildungsverlierer“ genannt werden, weil sie vom Zugang zu weiten Teilen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen sind. Dazu zählen aber auch die Menschen, die an den Grenzen Europas auf eine Überfahrt mit einem kleinen Boot warten. Denn auch wenn wir heute im geeinten und freien Deutschland Reisefreiheit haben, so ist doch Europa für viele Afrikaner jene befestigte Burg, die durch den Wassergraben des Mittelmeeres kaum zu erreichen ist. Doch auch ganz nah, in unserer Gemeinde gibt es viele Menschen, auch Nachbarn und Freunde, denen aufmunternde Worte des Lebens gut tun würden, weil sie oft einsam zu Hause auf ein Gespräch warten.

Ihnen können wir die Apostel sein, die von Gottes Engel „Geschickten“ um Ihnen „alle Worte des Lebens“ zu sagen. Denn das „Apostel“ kann auch übersetzt werden als die „Geschickten“ oder „Gesandten“. Die Worte des Lebens, die uns der Engel aufgibt, sind getragen von der Hoffnung, dass Gott uns aus unseren Verhängnissen zur Freiheit führt und durch den Tod zum Leben. Denn seine Engel schließen Türen auf: Türen zur Freiheit, Türen zur Versöhnung und Türen zum Frieden.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen in Christus Jesus. Amen.