Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 6,1-7

Pfarrer Christian Feuerbaum

17.08.2008 in der Apostelkirche Gütersloh

Anlässlich des zehnjährigen Bestehens des „Fördervereins historische Kirchen“

Liebe Festgemeinde,

wenn ein Kind zehn Jahre alt wird, dann ist Zuhause was los. Denn die Null und vor allem die zweite Zahl beim Lebensalter sind ja etwas Besonderes. Das wird entsprechend gefeiert. Nicht zuletzt, weil das Kind sich schon fast wie ein großer vorkommt.

Wenn der Förderverein zehn Jahre alt wird, dann ist hier in dieser Kirche etwas los. Denn die Null und vor allem die zweite Zahl an der Jahreszahl sind auch hier etwas Besonderes. Das wird natürlich ebenso entsprechend gefeiert. Und groß geworden ist der Verein in der Zwischenzeit ja auch. Nicht nur in Blick auf seine Mitglieder, sondern auch auf seine Bedeutung für diese Stadt und für die Ev. Kirchengemeinde und sein Selbstbewusstsein – schaut man doch auf eine recht erfolgreiche Zeit zurück. Die Ausstellung hier in der Kirche an den Fenstern berichtet ja im Einzelnen davon. Sie berichtet dabei von vielen gelungenen, nicht selten Aufsehen erregt habenden Ausstellungen und Veranstaltungen. Viel Arbeit steckt dahinter.

Wissen sie eigentlich, wie lange ein Mensch braucht, um auf 150 zu kommen? Also, wenn es darum geht, um als Mensch 150 cm groß zu werden, dann sind das ungefähr zehn Jahre. Auf den ersten Blick vielleicht nichts Besonderes. Aber wenn man mal überlegt, dass das jedes Jahr ab der ersten Zellteilung im Körper der Mutter durchschnittlich 15 cm sind, dann sieht das gleich ganz anders aus. 15 cm jährlich – eine ungeheure Arbeit für den Körper. Ich selber erinnere mich noch und erlebe das immer wieder auch bei meinem ältesten Sohn, dass das nicht ohne Schmerzen in den Knochen abgeht.

Zehn Jahre Förderverein: 15 Veranstaltungen pro Jahr waren da ja nichts: Vorträge, Vernissagen, Finissagen, Führungen, Konzerte jeglicher Art. Da war viel Lust und Freude dabei, aber auch mancher Schmerz, weil es so viele Projekte waren mit dem Zeitdruck immer alles rechtzeitig aufzubauen und zu bewerben; weil nicht jedes Klinkenputzen gelang; weil Weggefährten aufhörten oder sogar verstarben; weil immer wieder Gerüchte auftraten, dass die Apostelkirche trotzdem abgegeben würde. Wachsen ohne Schmerzen geht wohl nicht. -

Noch einmal: Wie lange braucht man um auf 150 zu kommen? Vor zehn Jahren brauchte es dafür nur einer Nachricht: Die Apostelkirche wird abgegeben.

Der Hintergrund dafür ist allen bestimmt noch in guter Erinnerung: Der Sparzwang der Ev. Kirchengemeinde, der sogar vor mehr als zehn Jahren begann. Seitdem ist viel geschehen. Nicht nur diese Kirche stand zur Disposition. Seit dem sind fünf Kirchen mit ihren Gemeindehäusern geschlossen, fünf Kindergärten abgegeben worden, zwei Jugendstellen gestrichen. In allen Regionen unserer Gemeinde war das ein tiefer und schmerzvoller Schnitt. Drei Kirchen werden darüberhinaus von Fördervereinen getragen, so dass nur noch vier Kirchen aus Kirchensteuermitteln finanziert werden und auch nur finanziert werden können. Damit ist die bleibende Bedeutung des Fördervereins historische Kirchen vorgezeichnet. -

Vor zehn Jahren brauchte man nicht lange, um auf 150 zu kommen. Als die Abgabe der Apostelkirche zur Diskussion stand, lagen Unverständnis, Ärger und Wut in der Luft.

Was macht man, wenn Streit im Hause ist? Die Apostelgeschichte erzählt, dass damals beim Streit um die Missachtung Schwächerer in der Gemeinde eine Versammlung einberufen wurde. Das geschah hier in Gütersloh auch. Es kamen nicht 150, es kamen – so Berichte in der Zeitung – zwischen 2000 und 3000. Das zeigte etwas von der Bedeutung dieser Kirche für die Menschen hier. Seit beinahe 800 Jahren werden in dieser Kirche Gottesdienste gefeiert, Kinder getauft, Jugendliche firmiert und konfirmiert, Gemeindeglieder getraut und manchmal von hier aus auch zu Grabe getragen. Die Apostelkirche gehört damit zu den ältesten in Ostwestfalen überhaupt. Sollte diese Geschichte nun vorbei sein? So die Befürchtungen vieler. Vorstellbar war das nicht. Und so wurde dann der Förderverein gegründet. In Blick auf die Apostelgeschichte könnte man sagen: Nicht der leibliche, wohl aber der geistliche Hunger sollte hier weiter gestillt werden können. Mit der Gründung des Fördervereins trug man der im Lesungstext geforderten Aufgabenverteilung Rechnung. Niemand kann alles machen. Mein Vorgänger, Pfarrer Ahlers, sollte weiterhin natürlich in erster Linie für seine geistlichen Aufgaben tätig sein können. Er wurde zwar Mitglied des neuen Vorstandes, aber darin saß er mit vielen anderen hoch engagierten Vereinsmitgliedern.

Die Versammlung wählte also einen ersten Vorstand. Wenn man mal die Messlatte der Apostelgeschichte anlegt, dann durften das nur Leute mit einem guten Ruf und Menschen voll des Heiligen Geistes und der Weisheit sein. Nur jetzt sagen sie mir mal, wie stellt man das fest? Rückblickend ist das einfacher. Ein biblisches Wort sagt: „An den Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Ich denke, man wird von hier aus sagen können, dass die Versammlung damals dem Kriterium in der Apostelgeschichte gerecht geworden ist. Die Früchte der Arbeit dieses Vereins und des damaligen wie heutigen Vorstandes sind zu sehen und sie schmecken uns - vor allem hier - in der Stadtmitte gut.

Was ganz wichtig auch ist: die Arbeit der Diakone in der Jerusalemer Gemeinde stand unter dem Segen Gottes und der Segensbitte der Gemeinde. Das ist das, was gemeint ist, wenn Lukas berichtet, dass die Apostel den Diakonen die Hände auflegten und für sie beteten. Der Erfolg in und für eine Kirche hängt vom Wirken des Heiligen Geistes ab. Er ist das Geschenk Gottes, das schöpferisches und dann erfolgreiches Handeln erst ermöglicht. -

Das Motto des Fördervereins, liebe Festgemeinde, für dieses Jubiläumsjahr lautet in seiner zweiten Zeile: kreativ und aktiv. Na ja „aktiv“ – darüber brauchen wir nicht weiter zu reden. Das sieht man. Kreativ – das heißt vom Wortsinn her gesehen: schöpferisch. Nach der Schöpfungsgeschichte aus dem ersten Buch Mose umfasst das schöpferische Handeln von Menschen das Bauen und Bewahren. Der Förderverein hat genau darin immer seine Aufgabe gesehen. Vor fünf Jahren nannte er darum auch seine Festschrift „Bewahren und Bewegen“, wobei das zweite Verb dem Bauen entspricht. Sie bauen, indem sie bewegen. Und was sie gebaut haben, - kreativ – lässt sich sehen. Sie waren dabei immer Diakone, also Diener einer wichtigen Aufgabe.-

Nachdem in der Gemeinde von Jerusalem geklärt war, wer für was zuständig war, stellte sich alsbald mit dem Zutun Gottes der Erfolg ein. „Das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß.“, heißt es bei Lukas. Der Förderverein bekam durch einen Vertrag den Auftrag, für die Erhaltung der Martin-Luther-Kirche und der Apostelkirche jährlich 100.000 DM aufzu¬bringen. Das gelang ihm bis heute - nicht zuletzt auch, weil die Zahl seiner Mitglieder groß wurde. -

Zurückschauen, liebe Festgemeinde, ist eins. Das darf man; soll man auch, weil es gut tut, wenn etwas so gelungen ist. Das hat auch etwas mit Anerkennung und Dankbarkeit zu tun. Das alleine kann es natürlich nicht sein. Denn, wie ja auch schon angedeutet, bleibt die Arbeit des Fördervereins wichtig für die historischen Kirchen. Ohne weiteres Engagement, ohne die Spenden der Vereinsmitglieder und über sie hinaus ist die Zukunft unserer beiden Innenstadtkirchen unge¬wiss. Das muss jedem hier und heute; eigentlich jedem und jeder in Gütersloh klar sein.

Darum ist Zurückzuschauen eins. Dabei bleiben darf es freilich nicht, denn das Jubiläumsjahr soll ja nicht das letzte sein. Für eine kleine Pause ist das Zurückschauen ganz in Ordnung. Nur wenn man weiter Furchen in den Acker ziehen will, dann muss man nach vorne schauen, sonst geht es schief. An dieses Bild muss wohl auch Jesus gedacht haben, als er sagte: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Bei dieser Formulierung geht es Jesus natürlich um eine eindeutige Entscheidung für ihn. Halbherzig ihm nachfolgen, das geht nicht. Halbherzig etwas tun – das geht aber im Grunde in vielen unserer Lebensbereiche nicht. Das wird darum auch die weitere Arbeit des Fördervereins bestimmen. Man wird sich weder auf seinen eigenen Lorbeeren ausruhen noch dem Auftrag und der Aufgabe, die dem Förderverein gegeben sind, halbherzig nachgehen können. Wenn der Erfolg weiterhin da sein soll, dann geht nur ein ganz oder gar nicht. Ich bin mir sicher, dass der Förderverein in diesem Sinne auch so weiter machen wird. Es ist ja auch nicht das Problem, dass sie, lieber Vorstand, nicht 150prozentig bei der Sache sind. Im Gegenteil: Wenn ich Felchners höre, dass sie mal etwas weniger machen wollen, dann kriege ich immer Angst um meinen Terminkalender – denn einer solchen Ankündigung folgte bisher stets das Gegenteil. -

Der Förderverein weiß, warum er seine Arbeit macht. Er will, dass das Kreuz Jesu hier in der Kirche bleibt und es nicht etwas Anderem weichen muss. Er will, dass Jesus Christus durch Wort und Sakrament wie die Vögel und Füchse eine Wohnung hat – hier in dieser Kirche. Ich bin sehr dankbar dafür, dass dies – und ich sage das ganz ausdrücklich – auch unseren katholischen Mitchristen ein Anliegen ist. Was für eine gelebte Ökumene!

Wenn nun dies die Seele des Fördervereins und aller seiner Mitglieder bleibt, dann wird Gott sein Zutun geben. Unser Gebet darum wolle Gott gnädig aufnehmen.

Was kann man einem Geburtstagskind wie dem Förderverein zum zehnten Geburtstag vielleicht noch zum Ende der Predigt wünschen: Sicherlich, dass die vor ihnen liegenden Aufgaben und Gespräche nicht zum Zehnkampf werden. Oder heute - gleich bei der Kollekte für den Förderverein - , dass der biblische Zehnt für sie einmal zur Wirklichkeit wird. Amen.