Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Apostelgeschichte 6,1-7

Pfarrerin Dr. Gisela Natt (ev)

14.09.2014 in Bad Emstal-Sand

13. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Gemeinde!

In den Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm“  - so beginnt unser Predigttext.

Wunderbar! Eine Gemeinde wird immer größer!  Das ist doch ein Traum, auch für uns heute, wenn unsere Kirchen zu den Gottesdiensten so voll besetzt wären wie Fußballstadien!

Würde uns nicht das Herz aufgehen, wenn unsere Gruppen und Kreise regen Zulauf fänden; wenn Scharen von Kindern in den Kindergottesdienst kämen und der Gesprächskreis immer  mehr Interessierte fände?

 Die Zahl der Jünger nimmt von Tag zu Tag zu – wenn uns das passieren würde,  ich glaube, wir alle wären wie in einem Rausch. Wir  wären wie auf einer Welle, die selbst trägt.

Aber, und das lesen wir auch in unserem Predigttext, der Ansturm will gemanagt werden. Wo plötzlich so viele da sind und dabei sein wollen, gibt es Stress!

Ich denke zurück an eine Konfirmation vor Jahren, wo die Menschen nur so zur Kirche strömten. Die Kirchenvorsteherinnen eilten, um Stühle herbei zu schleppen. Sie baten die Besucher, doch in den Bänken zusammen zu rücken, damit alle in der Kirche Platz fänden. Da drehte sich ein Mann mitten in der Kirche auf dem Absatz rum, schimpfte laut: „Wozu zahle ich Kirchensteuer, wenn ich hier noch nicht mal einen Platz finde“ und verließ wütend den Raum.

Ja, in die Begeisterung über den großen Zulauf mischt sich schnell der Ärger. Denn jede Fülle und jeder Überfluss führt immer einen Mangel mit sich – offenbar bereits in den Anfängen der Kirche. Denn da gab es Ärger.

Damals beklagten sich in der Gemeinde die Jünger, die aus Griechenland nach Jerusalem zurück gekehrt waren. Im Gegensatz zu den ortsansässigen Witwen wurden nämlich die griechischen Witwen beim Tischdient übersehen.

Die Gemeinde war so groß geworden, es kamen so viele in die Häuser und Hausgemeinschaften, dass man diesen Ansturm nicht bewältigen konnte.

Und schon war der kritische Moment da. Dieser kritische Moment, der entsteht bei einem Überfluss, einer Fülle, einem Ansturm:  es sind zu viele Menschen - und plötzlich zu wenig Platz. Es gibt zu viel Hunger - und plötzlich zu wenig zum Essen. Es gibt zu viel Leid und Sorgen – und plötzlich zu wenig innere Kraft, sich all der Nöte annehmen zu können.

Ich könnte die Liste beliebig weiter führen, wie ein Zuviel - auch ein solches Zuviel, über das man sich eigentlich freut - zu einer Stresssituation wird.

Und darauf muss man reagieren! Ob man will oder nicht, man muss plötzlich  handeln. Das geschieht meist spontan: man macht dies, man macht das – oder handelt so wie damals in Jerusalem.

Als nicht nur die eigenen, sondern auch die Witwen aus dem griechischen Raum in die Hausgemeinden kamen, und diese Frauen alles sprengten: den Platz und das Essen und die Nöte, da musste man  reagieren und befand: „Wenn wir hier in unseren Hausgemeinden überhaupt noch klar kommen wollen und nicht alles drunter und drüber gehen soll, dann können die griechischen Witwen nicht an unseren Mahlzeiten teilnehmen.“  

Prompt erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden, die Jünger geworden waren. Sie hatten verstanden, worauf es Jesus ankam und worauf es im Christlichen tatsächlich ankommt: dass die Liebe Gottes sich niederschlägt im konkreten Tun am Menschen; dass man das Essen teilt genauso wie Freude und Leid; dass man all das tut, was dem anderen dient.

Hatte nicht Jesus gesagt: „Keiner steht über dem anderen, Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste; und der Vornehmste wie ein Diener.“ (Lk 22,26) Hatte nicht Jesus selbst an seinen Jüngern beim Abendmahl den Tischdienst ausgeübt, Diakonie!

Ein Murren also erhob sich in der Gemeinde, und die zwölf Apostel mussten was tun.

Es scheint als hätten die Zwölf für einen Moment überlegt, selbst mit anzupacken; als wären sie wie am Sprung gewesen, selbst in die Hausgemeinden zu gehen und den Tischdienst zu übernehmen.

Denn sie traten vor die Gemeinden und sagten: „Es kann nicht sein, dass wir über den Tischdienst, das Wort vergessen.“  Aus diesem Satz spricht, dass Diakonie ein Muss ist! Diakonie, dieser Dienst bei Tisch, darf keinesfalls aufgegeben werden!

Ich könnte mir vorstellen, dass heute bei Umfragen, was denn die Aufgabe der Kirche sei, fast alle antworten: „Aufgabe ist der Dienst am Nächsten, sich kümmern, diakonisch arbeiten in Altenpflege, Krankenpflege, Tafelarbeit, Sozialarbeit. Die Kirche muss sich für bedürftige Familien einsetzen. Wenn sie etwas von der Not lindert, dann hat sie ihren Sinn und Zweck erfüllt.“

So leuchtet es uns selbst ein. Helfen. Praktisch für den anderen da sein. Etwas tun. Nicht reden oder Gottesdienste feiern. Wahrscheinlich können wir uns als Kirche überhaupt nur noch mit dem praktischen Dienst rechtfertigen.

Aber stimmt das? Ist das so richtig? Ich denke da an ganz leise, zaghafte Äußerungen von Kranken, dass die Schwestern heute ihre Arbeit ja gut machen würden, aber für ein paar Worte keine Zeit mehr hätten. Einfach mal Zeit haben, dass man erzählen kann; einfach so bei ihnen sein, dass auch ein Wort des Trostes und der Hoffnung ihnen zugesprochen würde; nicht nur so der schnell dahingesagte Satz  „Es wird schon“, sondern wirklich ein Wort von Seele zu Seele. Das wäre schön.

Offenbar gibt es ein Bedürfnis nach dem Dienst am Wort, ja den Hunger nach dem Wort, das wir brauchen, damit wir nicht nur körperlich versorgt sind, sondern auch unsere Seele ihre Nahrung findet; das Wort, durch das sie genesen kann.

Es kann nicht sein, dass wir über den Tischdienst unseren Dienst am Wort vergessen!“ Wie vorausschauend hier die Apostel waren. Sie haben sich nicht vom Druck fortreißen lassen, den sie hautnah spürten!

Wie bei mir damals, im Gottesdienst, als der Mann schimpfend aus der Kirche ging, warum er keinen Platz fände, wo er doch Kirchensteuer zahlt! - so muss es sich für die Apostel angefühlt haben als die Jünger murrten; nur schlimmer.  

Sie haben den Druck gespürt, und sind dennoch nicht sofort an die Tische geeilt und haben Stühle geholt, damit alle Platz fänden; und haben Essen zubereitet, damit alle satt würden.

Stattdessen haben sie etwas getan, was zwischen den Zeilen steht, und doch der Schlüssel zu allem ist: sie haben im Glauben und im Vertrauen auf das Wort und mit der Bitte um den Heiligen Geist sich besonnen.

Sie sind zurück gekehrt in das Wort Gottes. Sie sind zurück gekommen auf den, der sie bewegte, Christ zu sein. Sie haben sich in den Heiligen Geist fallen lassen, der ihnen zugesagt war.

Darum haben sie diesen Stress ausgehalten. Ja, sie haben diese bedrängende Situation im Glauben ausgehalten!

Und heraus kam Folgendes: „Wir müssen die Dienste aufteilen. Nicht einer für alles, oder einige für alles, sondern viele für dies und viele für das. Damit der Dienst am Wort Gottes genauso getan wird wie der Dienst am Nächsten.“  Und den Jüngern gefiel dies und sie wählten u.a. Stephanus, einen Mann voll Glaubens und heiligen Geistes.

Die Apostel haben sich nicht fortreißen lassen vom konkreten Druck, als plötzlich der Überfluss einen Mangel erzeugte! Sondern sie besannen sich auf das Wort in der Kraft des Geistes. Und heraus kam der Vorschlag zur Arbeitsteilung: „Die einen bewirten, die anderen verkündigen und spenden das Abendmahl. So kann es gehen. Denn beides tut Not, das Brot und das Wort.“

Beides tut not. Es gehört beides zusammen und muss zusammen gehalten werden, diakonisches tätig sein und der Dienst am Wort; weil doch beides aus der gleichen Wurzel entspringt.

Darum wählten die Jünger Stephanus, einen Mann voll Glaubens und heiligen Geistes. Sie wählten ihn nicht, weil er Koch war und geschickt für die Küche. Sondern er war der Richtige, weil er den Glauben und die Inspiration durch den heiligen Geist mit in den praktischen Dienst nahm. Es durfte doch nicht auseinanderfallen, was im Innersten zusammen gehört!   

Das sollten wir kritisch im Auge behalten, wenn wir heute so gerne von Arbeitsteilung sprechen,  gerade auch im kirchlichen Bereich; wenn uns dabei womöglich der praktische Dienst so viel einleuchtender erscheint als der stille, geistliche Dienst.  Sonst kommt etwas heraus, was es nicht sein darf, nämlich diese Trennung in: Erst kommt die Schwester zur Kranken, dann die Pfarrerin.  Die eine verbindet, die andere betet. Vielmehr sind bei aller Arbeitsteilung die Augen offen zu halten für beide Seiten der Not, die des Körpers und die der Seele. Gilt doch der Dienst dem ganzen Menschen. Berührt doch auch Gott den ganzen Menschen! 

Es gilt beides zusammenhalten und nicht das eine zugunsten des anderen aufzugeben – damals nicht und heute auch nicht.

Heute, im Gegensatz zu dem, was wir in der Apostelgeschichte lesen – heute haben wir selten so volle Kirchen, dass wir Stühle schleppen müssen. Gleichwohl macht sich Gejammer breit, es seien so wenig Leute da und immer die gleichen. Wir müssten mehr tun und mehr anbieten und attraktiver werden.

Um es so auszudrücken: auch uns macht die Fülle Stress, nämlich die Fülle an leeren Gemeindehäusern und die Fülle an Kirchenaustritten. Die bringen uns in eine Akutsituation. 

Da geht es uns wie den zwölf Aposteln. Sie aber stürzten nicht in hektische Aktivitäten, damit alles gut würde. Sondern sie besannen sich auf den, dem sie sich verdanken: dem Wort Gottes.

Und sie hielten dem äußeren Druck stand. Sie wagten den Glauben.

Wie lange wissen wir nicht. Aber sie vertrauten und haben ausgehalten, was ihnen so auf den Nägeln brannte.

Und siehe da, sie bekamen eine Idee geschenkt und wussten, was jetzt zu tun war. Und alle anderen, die um sie waren, erkannten, dass die Aufgabenteilung niemals zur Trennung führen darf.

So ein Zutrauen wünsche ich mir, und damit die Kraft, jede schwierige Situation auszuhalten: sei es nun, dass die Kirche überfüllt ist; sei es nun, dass niemand meiner Einladung folgt.

Diesen Glauben wünsche ich mir, weil er im Innersten zusammenhält, was zusammengehört: dieses angerührt werden und im Herzen bewegt werden  – und dieses bewegt werden zu dem, was dem anderen dient – nicht nur das Praktische, sondern auch das Geistliche. 

Ja, diesen Glauben wünsche ich der ganzen Kirche. Amen.

 

 


 


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