Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 9,1-18

Pfarrerin Evi Jobst (ev.)

17.05.2009 in der Evangelischen Kirche in Lörrach-Hauingen

Sonntagsgottesdienst zum jährlichen Hebelfest, veranstaltet vom Hebelbund Lörrach

Unser heutiger Predigttext (Apg. 9, 1-18) erzählt vom Weg eines Menschen zur Selbsterkenntnis und zur Gotteserkenntnis.

Ich lese ihn in der Nacherzählung von Johann Peter Hebel aus dessen Biblischen Geschichten:

 

„Die Heftigkeit der Rede des Stephanus machte den Namen Jesu noch viel verhaßter, als er vorher war, und seine Steinigung war der Anfang und die Losung zu einer allgemeinen Verfolgung. Die ganze Gemeinde in Jerusalem floh auseinander und zerstreute sich in das ganze Land und bis in Syrien hinein, also, daß jetzt die Bekenner Jesu und die Boten seines Reichs in ganz Judäa und Samaria und über die Grenzen des Landes hinaus verbreitet waren, in Galiläa ohnehin. Denn was bewirkt das Ungewitter und der Sturm? Er trägt die fruchtbaren Samenkernlein weiter.

Aber der Schlimmste unter allen, welche die Gemeinde in Jerusalem zerstörten, war der junge Pharisäer, der an dem Tode des Stephanus so großes Wohlgefallen gefunden hatte. Ja, er verfolgte jetzt die Bekenner des verhaßten Namens bis in die fremden Städte, daß er sie gebunden nach Jerusalem führte. Als er zu solchen Zwecken sich nach Damaskus in Syrien begab, - sein Gewissen mochte ihn wohl bisweilen beunruhigen, ob er auch auf guten Wegen sei - Gott läßt keinen ungewarnt auf bösen Wegen gehen - plötzlich umleuchtete ihn eine Helle vom Himmel. Er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme: «Saul, warum verfolgst du mich?» Er sprach: «Herr, wer bist du?» Die Stimme antwortete: «Ich bin Jesus, den du verfolgest.» Er fragte: «Herr, was willst du, daß ich tun soll?» Die Stimme sprach: «Gehe hin in die Stadt, da wird man dir sagen, was du tun sollst.» In der Stadt, in Damaskus, besuchte ihn auf Gottes Befehl ein Jünger mit Namen Ananias und unterrichtete ihn und taufte ihn. Von der Zeit an war er ein anderer Mensch; und war er von Jerusalem gekommen, daß er die Bekenner Jesu verfolgte, so ward er jetzt selber einer und lehrte in den Schulen, daß Jesus sei Christus der Sohn Gottes. Also ward er ein Apostel, und weil er ein anderer Mensch war worden, so änderte er auch seinen Namen und nannte sich Paulus, und die ihn vorher fürchteten, liebten ihn jetzt und freuten sich seiner Bekehrung.“

(Aus: Johann Peter Hebel – Biblische Geschichten Bd. 2, Berlin 1991 S. 156 f.)

 

 

Liebe Festgemeinde,

Paulus nennt sich selbst in seinen Briefen immer nur Paulus – auch da, wo er über seine vorchristliche Vergangenheit spricht. Allein der Verfasser der Apostelgeschichte nennt ihn auch Saulus. Und so erzählt er uns dann die wunderschöne Geschichte von der Bekehrung des Saulus, die in der Umbenennung gipfelt. Aus Saulus wird Paulus.

 

Ich nehme mir heute, am Festtag des Dichters Johann Peter Hebel, die Freiheit, die Erzählung von der Berufung des Apostels Paulus als eine kunstvolle Dichtung des Evangelisten Lukas zu betrachten und auf dieser Basis ihre Wahrheit zu erkunden. Denn ich gehe davon aus, dass Hebelleser und Hebelfreunde sich auf die Wahrheit in der Dichtung verstehen.

Als Lukas sein Evangelium und die Apostelgeschichte schrieb, lebte Paulus nicht mehr, aber seine Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Christus lebte in den Gemeinden. Das Evangelium hatte sich als die Kraft Gottes erwiesen, von der Paulus im Römerbrief so überzeugt geschrieben hatte: Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben (vgl. Röm. 1,16).

Lukas schrieb nun die Geschichten über Jesus und die Anfänge der christlichen Gemeinde „in guter Ordnung“ als Geschichte des Evangeliums auf, damit der „hoch geehrte Gottesfreund“ und Leser „den sicheren Grund der Lehre“ erfahre, in der er unterrichtet sei (Luk. 1,3).

Der Leser und Christ sollte nicht nur begeistert sein. Er sollte sich auch etwas darunter vorstellen können, wenn er die Worte des Apostels Paulus las oder hörte: Ich habe das Evangelium nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi (vgl. Gal. 1,12). Er sollte verstehen, warum Paulus in einer Reihe mit den großen Propheten genannt und verehrt wurde oder warum er gar mit Mose, dem Anführer auf dem Weg in die Freiheit, gleichgestellt wurde.

Hören wir also hin, wie Lukas seine kunstvolle und eindrückliche Erzählung auf diese Ziele hin gestaltete.

Wer die alte Geschichte von der Berufung des Mose am Dornbusch kennt, kann sie in der Paulusberufung durchschimmern sehen: Der Einbruch in den Alltag geschieht unterwegs – Mose hütet die Schafe, Paulus ist auf dem Weg nach Damaskus. Mose sieht das ungewöhnliche Feuer, Paulus wird von einem plötzlichen Licht umleuchtet. Beide hören sie Gottes Stimme. „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“, so Mose. „Ich bin Jesus, den du verfolgst“, so Paulus. Beide bekommen sie dann ihren Auftrag. Mose soll das Volk Gottes aus Ägypten in die Freiheit führen. Paulus soll zum Apostel der Völker werden, der die Freiheit der Kinder Gottes verkündigt.

 

Mit dieser fast durchsichtigen Gestaltung seiner Erzählung bringt uns Lukas die Bedeutung des Apostels Paulus als eines zweiten Mose nah. Was Mose für Jahwe ist, ist Paulus für Christus. Wir verstehen, wie Paulus trotz seiner subjektiven Absetzung vom jüdischen Glauben Teil der großen Geschichte Jahwes mit seinem Volk bleibt, und wir begreifen, wo die christliche Freiheit wurzelt.

Allein damit hätte die Erzählung von der Berufung des Paulus ihren Sinn und ihre Wahrheit. Der Erzähler Lukas stellt sie jedoch in einen zweiten Bezugsrahmen, den messianischen.

Nicht von ungefähr entdecken Christen in den letzten Jahren das Pilgern wieder. Denn auf ein Ziel hin unterwegs zu sein, das setzt auch das Innere in Gang. Die Seele kommt in Bewegung. Auch von dieser Wahrheit erzählt uns Lukas.

Paulus war auf dem Weg, um die Anhänger des neuen Weges – damit waren die Christen gemeint – aufzusuchen, sie zu binden und sie nach Jerusalem vor Gericht zu bringen. Welche Symbolik: Die Christen sind schon auf einem neuen Weg, dem Weg der Freiheit. Paulus, der Pharisäer, will sie binden, sie ihrer neuen Freiheit der Kinder Gottes wieder entreißen. So macht er sich auf den Weg.

Doch der Weg macht etwas mit ihm. Der Weg versetzt seine Seele in Bewegung. Seine Glaubensüberzeugung kommt ins Wanken. Seine Selbstsicherheit bröckelt. Hebel gibt uns an dieser Stelle zu bedenken, ‚sein Gewissen mochte ihn wohl bisweilen beunruhigen, ob er auch auf guten Wegen sei’.

So bewegt hört er sich angesprochen: „Saul, was verfolgst du mich?“ (Apg. 9,4) Paulus kennt seine Bibel. Er kennt die Geschichten seines Volkes. Er kennt die Geschichte des alten Königs Saul, der den jungen David zunächst wie einen Sohn geliebt hatte, ihn später als Konkurrenten empfunden und ihm an schlechten Tagen nach dem Leben getrachtet hatte. Er kennt die Geschichte von Davids Flucht und Versteck und davon, wie David die Gelegenheit zur Rache an Saul nicht genutzt hatte. Er hatte seine Hand nicht an den Gesalbten Gottes legen wollen.

Paulus kennt die Geschichten schon lange. Jetzt aber erkennt er die Wahrheit. Er erkennt auf seinem Weg, dass er wie Saul ist, der den Auserwählten Gottes, David, verfolgt hatte. Paulus erkennt sich in Saul.

Auf einmal liegt die Wahrheit der alten Geschichte nicht mehr nur in der Vergangenheit, sondern im Jetzt. Wahr ist, dass Paulus in den Christen, die er verfolgt, Jesus selber verfolgt – Jesus, den Auserwählten Gottes, den Gesalbten, den Messias. Wahr ist, dass Jesus der Messias ist, auf dessen Wiederkommen Paulus mit allen Juden hofft. So ist wahr geworden, was Paulus von sich selber schreibt: Gott offenbarte seinen Sohn in mir (vgl. Gal. 1,16).

Und wie Jonas drei Tage im Bauch des Fisches war und Jesus drei Tage in der Finsternis des Todes, so kann Paulus drei Tage nicht sehen und nicht essen und nicht trinken. Die Wandlung braucht Zeit. Hören wir an der Stelle noch einmal Hebels Erzählkunst: „Von der Zeit an war er ein anderer Mensch; und war er von Jerusalem gekommen, daß er die Bekenner Jesu verfolgte, so ward er jetzt selber einer und lehrte in den Schulen, daß Jesus sei der Christus der Sohn Gottes.  … und die ihn vorher fürchteten, liebten ihn jetzt und freuten sich seiner Bekehrung.“

 

Paulus ist ein anderer Mensch geworden. So einfach und in der Sprache unreligiös bringt der Dichter Hebel die Wahrheit auf den Punkt.

Der andere Dichter, der Evangelist Lukas, verwendet beide Namen, Saulus und Paulus, auch nach der Bekehrung weiter und symbolisiert darin die Theologie des Apostels: Auch die Kinder Gottes sind keine perfekten Menschen. Jeder Christ kennt die paulinische Erfahrung des „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Röm. 7,18f) Das Leben lässt sich nicht teilen – weder in ein Vorher und ein Nachher, noch in Nur-gut und Nur-böse. Die Ambivalenz bleibt, Gewissensnöte bleiben. Wir treffen falsche und richtige Entscheidungen in unserem Leben. Manchmal tun wir Gutes, manchmal nicht. Gleichwohl kann uns nichts von der Liebe Gottes trennen, die uns in Christus begegnet (vgl. Röm. 8,38f).

 

Könnte eine Geschichte wahrer sein als die Paulus - Saulus - Geschichte, selbst wenn diese mehr eine Frucht religiöser Dichtung als ein Protokoll historischen Geschehens wäre?

 

Gott, ich bitte dich, sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem Heiligen Berg, dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist. Amen (Vgl. Ps. 43,3f).