Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Bach-Kantate "Wo Gott der Herr nicht bei uns hält" (BWV 178) EG 297 und Psalm 124

Pastor Hans-Jürgen Jung (ev)

01.07.2012 in der Martin-Luther-Kirche in Bremen-Findorff

Kantatengottesdienst

Zu einer Aufnahme der Bach-Kantate "Wo Gott der Herr nicht bei uns hält" gelangen Sie hier.

Liebe Gemeinde,

Psalm 124 und das Lied des Reformators Justus Jonas bilden die Textgrundlage der heute hier gehörten Bachkantate „Wo Gott, der Herr, nicht bei uns hält“. Diese Kantate hat Johann Sebastian Bach an einem 8. Sonntag nach Trinitatis am 30. Juli 1724 zum ersten Mal in Leipzig aufgeführt. Damals in der Barockzeit - für mich als Morgenmuffel schwer vorstellbar – begann * der Hauptgottesdienst am Sonntagmorgen um 7 Uhr und er dauerte 3-4 Stunden - in jeder Jahreszeit in einer stets unbeheizten Kirche. Nach der Jahreszeit richtete sich deshalb auch die Länge der Kantaten und die Länge von etwa 25 Minuten zeigt, dass damals im Juli in Leipzig Sommer war.

Der sonntägliche Hauptgottesdienst damals war ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges. Er diente der Stadt und ihren Bürgen als einziger Ort großer Repräsentation, wobei natürlich hier auch die neueste Garderobe zu Schau getragen wurde, besonders, wenn man oder frau nach vorne zum Abendmahl ging.

In einem Zeitalter der noch fehlenden Medien war der Gottesdienst zudem eine Hauptinformationsquelle des allgemeinen Lebens. Abkündigungen und Fürbitten dauerten bis zu 45 Minuten. Themen waren da nicht nur Geburt, Taufe, Aufgebot, Trauung, Tod und Beerdigung, sondern auch so manche Landes- und Weltereignisse; Dekrete über den Anbau von Kartoffeln wurden ebenso verlesen wie Warnungen vor herumstreunenden Diebesbanden.

Und die Zahlen waren bei diesem gesellschaftlichen Ereignis groß: wenn Bach in Leipzig in der Thomaskirche seine Kantaten aufführte, so hatte er eine Zuhörerschaft von über 2000 (!) Menschen.

Die Predigt hatte von 8-9 Uhr genau eine Stunde zu dauern, doch keine Angst, ich werde mich heute Morgen kürzer fassen.

Und so werden die damaligen Kirchgänger der Barockzeit wohl eine einstündige Predigt über das Evangelium aus Matthäus 7 gehört haben.

Darin warnt Jesus vor falschen, feindlichen Propheten und auch im Psalm 124 geht es um „Feinde“.

Im 1. Chor der Kantate haben wir eben gehört.

„Wo Gott der Herr nicht bei uns hält,

wenn unsere Feinde toben

und er unser Sach nicht zufällt

im Himmel hoch dort oben,

Wo er Israel Schutz nicht ist

und selber bricht der Feinde List,

so ist’s mit uns verloren.

Wenn Sie den weiteren Text mitgehört und mitgelesen haben, ist Ihnen vielleicht auch aufgefallen, dass noch mehrfach von „Feinden“ die Rede ist.

Mir und wohl vielen von uns fällt es fast 300 Jahre später relativ schwer, diese Schwerpunktsetzung auf die „Feinde“ der Kirche, des Evangeliums und des Glaubens nachzuvollziehen.

Aber damals hatte sich der etwa 80 Jahre zurückliegende 30jährige Krieg, als europäischer Religionskrieg, der unzählige Menschenleben forderte, tief in das allgemeine Bewusstsein eingegraben. Ein Freund – Feind-Denken war auch in der damaligen Theologie bestimmend und so war das vorgeschriebene Thema des Gottesdienstes am Erstaufführungstag der Kantate das Gedenken der Feinde oder auch der Ketzer.

Darum verwundert es auch nicht, dass der Tenor in der 4. Strophe singt „ Sie stellen uns wie Ketzern nach“.

Oder wie der Bass im Rezitativ des 5. Teils bekräftigt:

„Gott wird die törichten Propheten

Mit Feuer seines Zornes töten

Und ihre Ketzerei verstören…“

Aber auch Worte wie „nach unserm Blut sie trachten“ aus dem 4. Teil lösten damals bei den Zuhörern sicher Erinnerungen an blutige Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten aus.

Doch nicht nur die Auseinandersetzungen der konfessionellen Spaltung in Evangelisch - Katholisch steht im Hintergrund der Bachkantate, sondern es geht - bildlich gesprochen - auch um einen anderen Kriegsschauplatz, in dem wohl damals die Fronten sehr klar sind.

In der Tenorarie im 6. Teil heißt es „Schweig, schweig nur, taumelnde Vernunft.“ Hier klingt die damalige Diskussion um das Verhältnis von Glaube und Vernunft an und es ist für den unbekannten Textdichter unserer Kantate klar: hier der gute Glaube mit der richtigen Lehre, dort bei den Feinden die böse, taumelnde Vernunft als Vertreterin der falschen Lehre oder „Lahr“, wie es um des Reimes willen heißt.

II

Diese Textpassagen aus der Kantate wecken bei mir und vielleicht auch bei Ihnen als heutige Zuhörerinnen und Zuhörer nun doch ein gewisses Unwohlsein.

Ich höre sie heute nicht nur als ein Kind der Aufklärung, sondern gerade unsere kollektiven Erfahrung von zwei blutigen Weltkriegen im 20. Jahrhundert macht die Rede von Feinden fragwürdig.

Ich möchte deshalb jetzt auch an den Text der Kantate, des Liedes und des Psalms 124 die kritische Anfrage stellen: Hat es unser Glaube als Christen und Christinnen des Jahres 2012 nötig, in Kategorien wie Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Rechtgläubige und Ketzer, Freund und Feind zu denken?

Wie gehen wir bei allem Verständnis für die damalige Situation der Kirche heute damit um, wo wir hoffentlich kein Toben der Feinde mehr spüren und der Satz „nach unserm Blut sie trachten“ wohl kaum die Situation der Martin-Luther-Gemeinde oder Evangelischen Kirche in Deutschland widerspiegelt.

Die realen Feinde unseres Glaubens sind uns doch – Gott sei Dank – abhandengekommen.

Es ist doch gut, dass Protestanten und Katholiken sich nicht mehr die Köpfe um des Glaubens willen einschlagen.

Es ist doch gut, dass Glaube und Vernunft sich nicht mehr gegenseitig diffamieren müssen.

Es ist doch gut, dass in den letzten Jahren sich Christen, Juden und Muslime im Dialog begegnet sind und regelmäßige Begegnungen zwischen evangelischen, katholischen und muslimischen Frauen auch in unserer Gemeinde auf dem Programm stehen.

Und es ist auch gut, dass die Aussage „Wo Gott der Herr nicht bei uns hält“ immer noch gültig ist.

Denn die Rede von den Feinden in unserer Bibel und auch der Bachkantate dient dazu, sich des eigenen Glaubens zu vergewissern. Und eine solche Vergewisserung seiner selbst, die Bildung einer eigenen Identität ist für uns als Menschen notwendig und auch für unseren Glauben sinnvoll.

Aus der Psychologie ist bekannt, dass Identität auch dadurch entsteht, dass unser Ich auch sagen kann, was wir nicht sind, was anders ist.

Auch ein Freund-Feind Schema hilft dabei, die eigene Selbsterkenntnis zu stärken, es hilft sich des eigenen Glaubens zu vergewissern. Gefährlich wird ein Freund-Feind-Schema natürlich dann, wenn das Ich, der eigene Glaube dazu benutzt wird und genötigt ist, das Andere, das Nicht-Ich, eben real die Andersgläubigen, die Ketzer und Feinde nicht nur zu bekämpfen, sondern zu vernichten.

Ein Sieg über die äußeren Feinde vereinfacht dann zwar die eigene Weltsicht, aber ob damals im 18. Jahrhundert ein Triumph des Glaubens über die Vernunft oder ein Sieg der Protestanten über die Katholiken so wünschenswert gewesen wäre, ob die konfessionelle Spaltung mit Gewalt hätte rückgängig gemacht werden könnnen?

Denn das Freund – Feind – Schema, das ich auch in Bachs Kantate finde, es übersieht, dass oft die eigenen unbeliebten Anteile im Anderen bekämpft werden.

Und nach einem Sieg über die äußeren Feinde müssen zwanghaft gerade diese eigenen inneren ungeliebten Anteile weiter bekämpft werden, die Anteile, die früher nach außen auf „Feinde“ projiziert wurden und so einfacher zu bekämpfen oder gar zu besiegen waren. Das führt bildlich gesprochen dazu, dass das Ich und auch der Glaube zwar als Sieger vom Feld geht, aber zugleich die Kräfte, die Aggressionen, die das Ich stabilisieren sollten, sich nun zwanghaft gegen sich selbst richten.

Orthodoxie, glaubensgemäßes Rechthaben wird schnell zur Rechthaberei und zu einem starren System. Aber starre Systeme widersprechen der Lebendigkeit unseres Lebens. Die ganze Welt, unsere geglaubte Gottes Schöpfung, ist bunt und nicht schwarz-weiß.

Für mich gehört so zu meinem Glaube immer auch das Andere, zum Ich gehört auch immer das Nicht-Ich, das Andere.

Oder konkret: Andersdenkende, damals zu Bachs Zeiten Katholiken, Ungläubige und Ketzer, vor 80 Jahren Juden und heute Muslime diese Anderen sind eben mit ihrer religiösen Praxis keine Bedrohung und Feinde unserer christlichen Identität. Sie sind gerade in ihrer Andersheit gerade für das Wachstum des eigenen Selbst und des eigenen Glaubens wichtig.

Oder ich meine weiter gefasst: gerade das aktuelle Kölner Gerichtsurteil, das im Namen der Freiheit und Selbstbestimmung und körperlichen Unversehrtheit künftig die religiöse Beschneidungspraxis bei jüdischen und muslimischen Jungen in Frage stellt, dieses Urteil übersieht das identitätsstiftende Element dieser uns fremd erscheinenden Praxis. Und diese Praxis ist auch für unseren Glauben identitätsstiftend, wenn wir begründen müssen, warum bei uns keine kleinen Jungen beschnitten werden, warum wir das anders machen, warum bei uns die Taufe ein Aufnahmeritus ist und nicht die Beschneidung.

Gerade die Religionsfreiheit als Grundrecht umfasst auch immer die Toleranz gegenüber dem Fremden, dem Anderen, fremde Elemente, die einer Mehrheit vielleicht ungewöhnlich erscheinen. Ein richterliches Urteil sollte auch Folgen mitbedenken, wie etwa eine rechtliche Unsicherheit für Ärzte oder ein Beschneidungstourismus der Eltern von Jungen.

III

„Vielfältigkeit respektieren – Fußball verbindet“ lautet das UEFA-Programm, das vor den Halbfinalspielen am Mittwoch und Donnerstag in den Erklärungen der Mannschaftskapitäne verlesen wurde.

„Vielfältigkeit respektieren“ davon können wir auch in unserem Glauben lernen.

Das ist möglich, weil, wie es der Titel unserer Bachkantate sagt: „Gott der Herr … bei uns hält“

Dieser „Gott mit uns“ ist nicht mehr durch den Kampf gegen zu vernichtende Glaubensfeinde geprägt.

Denn es ist ein Gott, der - wie Jesus an einer schönen Stelle der Bergpredigt sagt - seine Sonne aufgehen lässt über Gute und Böse, und es regnen lässt über Gerechte und Ungerechte.

Dieses Vertrauen, diese Identitätsstiftung ist nicht in meinem verunsicherten Selbst begründet, das die Vernichtung von Feinden zur eigenen Selbstvergewisserung nötig hat.

Denn unser christlicher Glaube vertraut nicht auf die eigenen Kräfte und unsere oft abgründigen Abgrenzungsversuche, sondern der Glaube gründet in Gott, der „bei uns hält“, der uns stark macht, indem er andere nicht Feinde, sondern eben anders sein lässt.

Das Andersein der Anderen können wir aushalten, denn der Gott, der bei uns hält, ist und bleibt bei uns.

Er hält auch uns in unseren Bedrängnissen und Unsicherheiten eines Alltags im Jahr 2012, in einer vielfältigen und bunten Gesellschaft, die nicht bedroht, sondern bereichert.

„Gott, hält bei uns“ das ist der Kern, das Evangelium“ der Bachkantate - darum stimmt mich der Schlusssatz des 124. Psalms versöhnlich und kann meinen und auch Ihren Glauben stärken und trösten: „Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,

der Himmel und Erde gemacht,

der Bund und Treue hält ewiglich

und nicht loslässt das Werk seiner Hände.

Amen.

* Teile übernommen aus „Johann Sebastian Bachs

Leben, Schaffen und Ende in Leipzig“ Vortrag mit Musikbeispielen am 31. Oktober 2000 (Reformationstag)in der Evangelischen Kirche zu Wiesbaden-Nordenstadt von Rainer Noll http://www.erbacher-hof.de/texte/bach_in_leipzig,