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Predigt über „Befiehl du deine Wege“ (eg 361)

Dr. Moritz Fischer

28.01.2007 in St. Laurentius NEUENDETTELSAU

Hochschul-Gottesdienst zur Predigtreihe zum „Paul-Gerhardt-Jahr 2007“

Hochschul-Gottesdienst zur Predigtreihe zum „Paul-Gerhardt-Jahr 2007“

12 Etappen auf dem Weg durchs Leiden

Liebe Gemeinde,
liebe Glaubensgeschwister,
seien sie gegrüßt auf dem Lebens- und Glaubensweg, auf dem jede/jeder mehr oder weniger, die Erfahrung der Krise kennt!

I) In unseren Krisen unsere Wege Gott befehlen
Aber warum zählt „Befiehl du deine Wege“ zu den mit Abstand bekanntesten Liedern in unserem Gesangbuch? Es liegt nicht nur an seinem kirchlichen „Sitz im Gemeindeleben“ bei Beerdigungen bzw. in der Seelsorge; oder an seiner leicht eingängigen, getragenen Melodie, bei der auch passionierte Nichtsänger sich trauen, mit einzustimmen. Zu erwähnen ist vielmehr sein Inhalt und sein Aufbau, durch den es seit langem zum festen Bestandteil ökumenischer Frömmigkeitstradition zählt.
Zudem wären weitere Gründe aufzuzählen, die es in seinen traditionsgeschichtlichen, literarisch-lyrisch-formalen, mnemotechnischen, stilistischen, philosophischen, historischen und nicht zuletzt theologischen Zusammenhänge stellen - Gründe, auf die ich aber hier nur andeutungsweise eingehen kann….
Es ist in diesem Lied nahezu alles vereint, was dem in Jahre 1653 46jährigen P. Gerhardt als Kunst schaffendem Theologen verfügbar war – und nicht zuletzt als leidgeprüftem Menschen.
Mir geht es in dieser Predigt zunächst um die inhaltlich-seelsorglichen Gründe, die Paul Gerhardt als einen zutiefst gläubigen Menschen bewegten, diese 12 Strophen mit je acht dreihebigen Versen (in Jamben) zu dichten: Er nimmt uns mit auf 12 Etappen als Menschen in der Lebens-, Leidens- und Glaubenskrise in den Blick. Er will uns aber auch den Weg durch das Leid hindurch führen, hinein in einem Prozess der Befreiung von den Behinderungen, die mit jeder Krise einhergehen. In Bezug auf uns gelesen ist in diesem Lied auch Raum für das, was einen auch heute an Schwerem betrifft in Verbindung mit Trauer und Abschiedsschmerz:
- Viele kommen zum Studieren und nehmen erstmals Abschied vom Elternhaus...
- Andere müssen demnächst nach diesem Semester wieder von der Augustana Abschied nehmen und fühlen sich vielleicht so wohl, dass es ihnen schwer fällt…
- Andere unter uns müssen von lieben Menschen für immer Abschied nehmen, wenn sie ihnen ins Grab schauen – gerade auf dem Friedhof, wo Feierabendschwestern ihre letzte Ruhestätte finden, ist das immer wieder der Fall
- Manch einer oder eine hat sich bereits von der Bühne der offiziellen Berufstätigkeit verabschiedet und kämpft doch noch mit den Problemen, die sich damit ergeben, keine offizielle Funktion mehr zu haben
- Eltern müssen in Abschnitten immer wieder neu von ihren Kindern Abschied nehmen, die das Zuhause verlassen (Kindergarten, Schule, Berufsausbildung) und sich vielleicht für immer an einen Partner binden
Abschied nehmen bedeutet häufig auch Trauern - und Trauern ist immer auch Abschied nehmen von Menschen, Vorstellungen, Möglichkeiten, vielleicht auch von Illusionen… und Abschied ist immer auch ein bisschen wie Sterben, heißt es.

II) „Befiehl du deine Wege“ und die Ursprünge des Liedes
Was hat Gott mit den vielen Abschieden, die das Leben mit sich bringt zu tun? Wie kann unser Weg, gerade mit den schwierigen Etappen, von ihm bestimmt werden? Wie werden wir seiner Begleitung bewusst? Die radikale Antwort P. Gerhardts lautet: „Befiehl’ du deine Wege...!“ Blicke nach vorne, lass Dich nicht gefangen nehmen, von dem, was Dich fesselt und wie eine Salzsäule zur Erstarrung bringen will. Dann wirst Du inmitten Deiner Krise hoffentlich den Abstand bekommen, der so wichtig ist – und selbst erkennen, dass da noch jemand anderes ist. Dass da nicht nur du selbst hockst in deiner Höhle, in deiner Depression, in deiner Angst… Dass Du nicht alleine bist und dass er selbst, dieser manchmal so rätselhafte, in unserem diffusen Leid zunächst namenlose Gott dennoch da ist und sich Dir bekannt machen will!
Es handelt sich bei „Befiehl’ du deine Wege!“ nicht nur um eine Meditation über die göttliche Vorsehung, die ihresgleichen in der gesamten christlichen Liedlyrik sucht. Wer nach den Wurzeln des Liedes sucht, wird in der Bibel fündig. P. Gerhardt hat sich hier den Psalmdichtungen bzw. der Tradition der weisheitlichen Theologie orientiert. Er tritt in eine erfrischende Korrespondenz mit der Dichtkunst des Psalters ein und erfüllt sie mit neuem Leben. Gerhardts intensives Denken und Dichten, Fragen, Klagen und Gottvertrauen sind ein typisches Erzeugnis des protestantischen Barock des 17. Jh.: Fast jede Liedstrophe spricht in emotional geladenen, seelische Zustände beschreibenden Begriffen wie Kummer, Sorgen, Not, Lebenslast, Leid, Tod, Sterblichkeit, Kränkung, Schmerz, Sorgen, Gram und Pein von der Gefahr des menschlich-existentiellen Scheiterns. In der Anerkenntnis dieser Gefahr wird das befreiende Erleben der neu zu erringenden Freiheit dargestellt in den Aktivität beinhaltenden Metaphern wie Weg, Bewegung, Vertrauens, Segen, Gang, Licht, Pflege, Sieg oder Gnade. Nichts wird verdrängt – all das muss zu Wort kommen: sowohl die Leiderfahrung, als auch die Anreizung zum Glauben. Freimütig wird beides zur Sprache gebracht.
Unsere paradoxen Lebenserfahrungen zwischen Verzweiflung und Hoffnung spiegeln sich hier wider. Schauen wir doch in unser Leben, z. B. mit dem viel zitierten Hölderlin/ Patmos: „Wo Gefahr ist, da wächst das Rettende auch“. Das Gegenteil gilt ja leider auch: „Wo Rettung ist, da wächst das Gefährdende auch; wo Taufe ist, da ist Versuchung; wo Glaube ist, da ist Unglaube; wo Christus ist, da ist der Antichrist; wo Liebe ist, da ist der Tod“ (so J. Moltmann am Ende seiner Theologie der Hoffnung). Die Frage lautet: Wie kommen wir inmitten der Zerbrechlichkeiten des Daseins zum Ziel? Wie werden wir hoffnungsvoll, erfüllt, getragen von einer Hoffnung, die zudem auch andere ansteckt?

III) Wir suchen auf unseren Wegen Gottes Heilsweg
Antwort bekommen wir nur, wenn wir das Glaubensgedicht als Ganzes betrachten: Seine 12 Strophen sind (am besten auswendig gelernt) meditiert, rezitiert, nachgelesen und ins persönliche (wie ins gemeinsame) Gebet hinein genommen, für viele Menschen treue geistliche Begleiter. Mit ihrer Botschaft der Hoffnung sagen sie uns zu, dass Gott selbst mit seinem Wort wie dem Psalmvers 37: 5 („Befiehl/ dem Herrn/ Dein’/ Weg’/ und/ hoff’/ auf/ ihn/, er/ wird’s/ wohl/ machen“) die alles entscheidende Wahrheit in unser Leben hineingelegt hat. Die Erkenntnis dieser Wahrheit geschieht durch den Glauben, den er uns schenkt bzw. immer wieder neu schenken will. Gerhardt schuf mittels der Verschmelzung von Text, Versmaß, Rhythmus und Ton ein Kleinod barocker evangelischer Liedlyrik: Eine Thematik: „Gott führt uns auf einem an Etappen reichen Weg durch die Krise hin zur Erlösung“ wird mittels zweierlei miteinander kombinierter Kunstformen beschrieben, indem sich dichterisch geformtes Wort (1) und zu singende Melodie (2) gegenseitig verstärken: Zu (1): Der offene (weibliche) Ausgang in den stets dreihebigen jambischen Versen entspricht einem relativ höheren Schlusston („Befiéhl du déine Wége…“), bei den geschlossenen (männlichen) Versenden bewegt sich der Melodiebogen nach unten („…und wás Dein Hérze kr´änkt“). Der offen-positive Inhalt von „Wege“ entspricht dem helleren Schlusston bzw. dem offenen vokalischen Versausgang, wie umgekehrt das eher bestimmend-negative Assoziationen weckende Verb „kränkt“ gesteigert wird mittels dem dunkleren Ton bzw. der geschlossenen konsonantisch auslautenden Schlussilbe. Jede Strophe ist eigentlich aus zwei parallelen Quartetten (Vierzeilern), also insgesamt aus acht Versen gebildet. Diese lyrische Form hat ihre Ursprünge in der Antike, wird aber auch in der Romantik, etwa in den „Jugendgedichten“ Hölderlins in exakt derselben Form wie bei „Befiehl Du Deine Wege“ verwandt. Stets greift der zweite Vierzeiler (c-d-c-d) inhaltlich in den ersten (a-b-a-b) so ein, dass er, ihn verstärkend, seine Aussage fortführt. Vgl. die erste Strophe: Hier kann der Reim wie beim ersten Vierzeiler deutlich, dazu dienen, das erste Schlusswort zu verstärken (Wege – Pflege) oder es mit einem Gegenbegriff zu kontrastieren (kränkt – lenkt). Dadurch wird in jeder der Strophen, bzw. im ganzen Lied, nicht nur die aus paradoxen Aussagen bestehende Spannung erzeugt, sondern der jeweils zweite, sich reimende Strophenteil/ sich reimende Begriff führt zur Vermittlung, Überbietung oder Fortführung der vorhergehenden Aussage. So kommt es auf formalem Weg zu der stets vorwärts dringenden Dynamik, die diesem Lied seinen inhaltlichen Reiz verleiht.

IV) Ein Blick auf das Lied als Ganzes
1. Die, auch im Gesangbuch kursiv gedruckten, Strophenanfänge sind, nacheinander gelesen, nichts anderes als ein nach Psalm 37:5 gebildetes Steilwort (Akrostichon). Dies war eine beliebte barocke Stilübung. In der Regel wurden so mittels der Anfangsinitialen der Fürstennamen Lobgedichte oder Ehrengesänge auf diese verfasst. Die typische P. Gerhardt’sche Widerständigkeit gegenüber der absolutistischen Obrigkeit, zumindest wenn es um Glaubensfragen geht, spiegelt sich hier wieder, wie auch im Liedanfang: „Befiehl’ du…“ – m. a. W. „mir hat (in guter Gefolgschaft M. Luthers) in Gewissensdingen keiner etwas zu befehlen, außer Gott selbst, dessen Macht ich mich anbefehle“. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass ausgerechnet der ‚Große’ Kurfürst Friedrich Wilhelm I von Preußen (reg. 1640-88) „Befiehl du deine Wege“ zu seinem Lieblingslied erklärt hatte!2 Ihm hatte P. Gerhardt wegen Konfessionsfragen in Sachen Kirchenunion zwischen Lutheranern und Calvinisten in Preußen ins Angesicht widerstanden. Zudem nimmt Gerhardt mit diesem Steilwort ein wesentliches Stilmittel des Psalms 37 selbst auf. Dieser Vers Ps. 37: 5 wird von P. Gerhardt in barock-dichterischer Weise so ausgelegt, dass Form wie Inhalt einen kunstvoll gestalteten Reflex auf Ps. 37/ Gottes Wort darstellen. Es spiegelt sich inhaltlich wie formal in dem Glaubensgedicht Gerhardts wider. In dem der alttestamentlichen Weisheit zuzurechnenden, kunstvoll aufgebauten Psalm beginnt jeder Vers mit einem Buchstaben des hebräischen Alphabets, das vom ersten bis zum letzten Vers Schluss „durchbuchstabiert“ wird: so wie die Verse alles zur Aussage bringen, was es zum Nachweis der Gerechtigkeit Gottes zu sagen gibt - trotz subjektiv erlebten Unrechtes im Leben der Menschen. Dichtung wird so zum inhaltlich-formalen Medium, welches die Weisheit Gottes darstellt und wie sie sich der menschlichen Erkenntnis offenbart. Typisch für die Theologie bzw. das geistige Schaffen im Barock ist, dass an philosophische, künstlerische oder biblische Traditionen der Antike angeknüpft, und diese neu miteinander kombiniert werden.3 So wurden im enzyklopädischen Zeitalter über die Epochen hinweg geistesgeschichtliche Bögen geschlagen und in die Gegenwart hinein Aussagen von allgemeingültiger Qualität getroffen. Unser Lied „Befiehl du deine Wege“ mit seiner evangelischen Barocklyrik ist hierfür ein hervorragendes Beispiel.
Auch aus der evangelischen Variante der Barockmystik von Johann Arndt Gebetsanleitung „Vom Wahren Christentum“ hat Gerhardt entscheidende Anregungen für seine Gedichte entnommen: In „Befiehl du deine Wege“ lehnt er sich mit der ersten Strophe an Arndts „Paradiesgärtleins“ an (Buch II Kap. 29) und dichtet sie in typisch barocker Manier selbstständig weiter: „Siehe an die Luft und Winde, wie schön und klar machen sie den Himmel, vertreiben die Wolken und treiben die Wolken zusammen, … gießen es hernach aus auf die Erde.“

2. Jede der Strophen für sich ist auch der Versuch einer Entfaltung ihres Anfangsbegriffes aus Ps. 37: 5 in der Vertikale. Im wahrsten Sinn des Wortes wird der Anfangsbegriff nach Rechts in den Satz und seine Struktur hinein aus-gelegt. Wiederholend, verdeutlichend, steigernd werden mittels Symbolen und Bildern innere Erfahrungen dargstellt, die das Glaubensleben des Menschen betreffen und im Kontrast mit Gottes Ratschluss bzw. Vorsehung vermittelt.
Der „Himmel“ bezieht sich auf die planmäßig festgelegte Ordnung der Gestirne, während „Wolken, Luft und Winde“ zufällige, unberechenbare Elemente sind. In unserem Lied soll genau das zur Sprache kommen und als vertrauender Glauben in die Herzen der Betenden vermittelt werden: Beide: Für uns durchschaubare Ordnung und vermeintlicher Zufall unterstehen Gottes Macht. So wird der Schluss vom größeren zum Kleineren gezogen: GOTT wird Wege finden, da mein Fuß gehen kann. Vom Himmel wandert der Blick über die Wolken bis zu unseren Füßen; vom Großartig-Erhabenen bis zum Staub des Weges. Den „Wolken, Luft und Winden“ entsprechen „Wege, Lauf und Bahn“; nicht zufällig haben die ersten beiden Wortpaare dieselben Anfangsbuchstaben. Fast unmerklich werden aus deinen - Gottes Wege.

3. Die dritte bzw. vierte „Dimension“ neben der Senkrechte und der Waagrechten kommt durch die 12-Strophigkeit zum Ausdruck: Im Rahmen der Zwölf als Zahl biblisch bezeugter heiliger Ordnungen und als Summe irdischer Vollkommenheit in Gottes Schöpfungswerk (12 Monate des Jahres/ zwölf Stunden des Tages und der Nacht), sollen sich sowohl der Einzelne als auch die Gemeinschaft der Gläubigen wiederfinden. Besieht man die erste und die letzte Strophe, fällt auf, dass der mit dem Beginn des Liedes als mühsam, aber hoffnungsvoll beschriebene Anfang des Laufens am Liedschluss ins Ziel mündet: der Beter hat seine Glaubensgewissheit wieder gefunden und schaut mit seinem geistlichen Auge über den Horizont irdischen Daseins für einen Augenblick hinein in die himmlische Welt, die sich ihm nach dem Tod voll eröffnen wird. Der Kreisbogen schließt sich und der Betende findet sich nach der Überwindung seiner Krise an anderem Ort wieder.

V) 12 Strophen/ Etappen, vier Trauerphasen und die Genesung der Seele auf dem Weg
Abschied nehmen bedeutet häufig Trauern. Trauern ist immer auch Abschied nehmen … und Abschied „ist immer ein bisschen wie Sterben“. Die diesbezüglichen „Trauerphasen“4 sind in ihrer Bedeutsamkeit, was die Tiefenstruktur der menschlichen Seele und ihre Dynamik betrifft, gut erforscht. Mir fällt auf, dass sie sich alle vier in unserem Lied wieder finden – ein Zeugnis dafür, welche ein ausgezeichneter Seelenkenner P. Gerhardt war. Abschließend möchte ich noch einmal das Lied in vier Abschnitten mit Ihnen durchgehen entlang der Phasen, die sich widerspiegeln. Ich nenne nur einige beispielhafte Begriffe.5

Nr. 1. Die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens = Strophe 1-4
„Ich“ in meiner Sprachlosigkeit, Lähmung muss nicht aus eigenem Vermögen handeln, sondern in Orientierung an Gottes Werk (1)/ Gebet (2)/ Gott wird mit seinen Zusagen in die Pflicht genommen (3)/ Er soll handeln, wo ich in meiner Krise am Ende, gelähmt bin (4).

Nr.2. Die Phase der aufbrechenden Emotionen = Strophe 5-6
Der Kampf Gott – Höllenmacht ist im Gange, ich mit meinem Problem hineinverwickelt (5)/ Am Tiefpunkt, in Dunkelheit und Depression die Hoffnung auf die Sonne, Gottessymbol (6).

Nr. 3. Die Phase des Suchens und sich Trennens = Str. 7-10
Immer wieder wird neu argumentiert und Stück für Stück beschrieben, wie ich mit meinem Leid umgehen soll, um davon befreit zu werden: „Auf, lass fahren“: Trennen (7)/ „Ihn lass walten“: Finden (8)/ Zwischenzustand, vielleicht psychisch schwierigster Moment, Schwebezustand zwischen Heil und Unheil erneute Du-Anrede (9)/ Übergang zu Phase Nr.4: Befeiung, inmitten der aufgewühlten Emotionen und der Orientierungsversuche unerwartet (10).

Nr.4. Die Phase des neuen Selbst- und Weltbezugs = Str. 11-12
„Du hast und trägst davon“: Selbstbezug wieder hergestellt (11). Gott- bzw. Weltbezug sind ebenso wieder angebahnt mit Blick auf das Lebensende und die Möglichkeit eines letztendlich wahrhaft gelingenden Lebens, in dem allein durch Gottes Handeln jeder, wirklich jeder Situation ihr, wenn auch hier und jetzt häufig verschlossener Sinn zukommt.
Wir wissen, welche Schwierigkeiten es bedeutet, wenn man in einer dieser Phasen verbleibt oder glaubt, sie überspringen zu können. Aber wir dürfen glauben, dass sie jeweils mit Gottes Hilfe zu durchleben sind. So können wir immer wieder neu weitergehen. So werden unsere Wege zu den seinen und umgekehrt sein Weg zu unserem. In dieser Identifikation der Wege kommt es zur heilvollen Begegnung Mensch und Gott, der mit uns leidet und Leid wendet, bereits hier gilt: Alle Wege führen letztlich in die Fülle seiner Gegenwart hinein.

Amen

 

Im Zusammenhang der Predigt stelle ich Ihnen noch einen zur Meditation gedachten Text vor, der aus einer viel späteren Epoche stammt, aber in seiner ganz eigenen Dichte und Prägnanz eine mit Paul Gerhardts „Befiehl du deine Wege“ sehr gut vergleichbare Aussage trifft, was Theologie, existentielle Glaubwürdigkeit und sprachliche Leistung anbelangt. Es handelt sich um einen Eintrag des ehemaligen UN-Generalsekretärs (1953-1961) Dag Hammarskjöld in sein so bedeutsam gewordenes Tagebuch, wenige Wochen vor seinem mysteriösen Tod durch einen Flugzeugabsturz in Katanga/ Kongo in Afrika. Ich stelle ihn unter die Überschrift:
„Dich wählte der Weg“

6.7.1961

Müde
und einsam.
Müde
bis der Verstand schmerzt.
Von den Klippen
rinnt das Schmelzwasser.
Taub die Finger,
bebend die Knie.
Jetzt gilt es,
jetzt darfst du nicht loslassen.

Anderer Weg
hat Rastplätze
in der Sonne
sich zu begegnen.
Aber dieser Weg
ist der deine,
und es gilt jetzt,
jetzt darfst du nicht versagen.

Weine,
wenn du kannst,
weine,
doch klage nicht.
Dich wählte der Weg –
und du sollst danken.

Dag Hammarskjöld
(29.07.1905 –17.09.1961)
aus: Zeichen am Weg,
München/Zürich 1965, S.111–112

 

 

Anmerkungen:
2 1666 Amtsenthebung von seiner prominenten Berliner Pfarrstelle an der Nicolai-Kirche, 1667 die Wiedereinsetzung durch den Kurfürsten, die Gerhardt aber schriftlich ablehnte.
3 Die Philosophie des Neostoizismus hatte seit Ende des 16. Jh. geistesgeschichtlich großen Einfluss; vgl. das Werk De constantia von Justus Lipsius, welches unzählige Auflagen nebst Übersetzung ins Deutsche erfuhr.
4 Elisabeth Kübler-Ross/ Verena Kast u.a.
5 Ich gehe im schriftlichen Text der Predigt die Strophen nicht im Einzelnen durch, in der mündlichen Predigtversion bin ich ausführlicher gewesen.