Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über "Ben X: Manchmal ist ein Ende auch ein Neuanfang"

Markus Buss

12.04.2009 in der Evangelischen Kirche in Mörfelden

Ostersonntag 2009

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Wer glaubt eigentlich noch an ein Leben nach dem Tod, liebe Gemeinde?

Genau darum geht es ja heute, an Ostern: Wir feiern das Wunder der Auferstehung. Gott hat den Tod besiegt und Jesus von den Toten auferweckt.

Und allen, die daran glauben, hat Gott selbst ein ewiges Leben nach dem Tod versprochen.
 
Aber wer glaubt noch an ein Leben nach dem Tod?

Eine aktuelle Umfrage, bei der 21000 Menschen befragt wurden - der sogenannte Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung - hat dazu gerade Folgendes herausgefunden:

Die Mehrheit – nämlich zwei Drittel der Deutschen - glaubt an Leben nach dem Tod. Ein Drittel lehnt dagegen Vorstellungen wie eine Auferstehung der Toten, die Unsterblichkeit der Seele oder eine Wiedergeburt ab.

Liebe Gemeinde, zwei Drittel der Deutschen – das sind doch eigentlich sehr viele, die sich ein Weiterleben noch dem Tod vorstellen.
Die sich das vorstellen – bzw. daran glauben. Glauben, auch wenn es unserer Erfahrung und unserem Wissen, unsrer Aufgeklärtheit und Vernunft ja erheblich widerspricht.   

Für die drei Frauen am Grab, die die ersten biblischen Zeuginnen der Auferstehung waren, war die Nachricht, dass Jesus nicht mehr bei den Toten, sondern am Leben sei, ein solcher Widerspruch, dass sie erst einmal zitternd und verstört vom leeren Grab weggerannt sind.

Anstatt die frohe Nachricht von der Auferstehung und vom Sieg des Lebens über den Tod sofort weiterzugeben, waren sie so entsetzt, dass sie zunächst keinem davon erzählten.    

Der Evangelist Markus erzählt uns davon, ich lese die älteste Ostergeschichte des NT, aus dem 16. Kapitel des Markusevangeliums:

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.

Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.

Er aber sprach zu ihnen: „Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat“.

Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.


Ja, liebe Gemeinde: Sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich! Zu groß war der Schock über das leere Grab, zu groß das Entsetzen über diese unheimliche Erfahrung!

Am ganzen Leib zitternd, durcheinander gerüttelt bis ins Mark, müssen die Frauen das Grab verlassen haben.

Genau damit – mit Furcht und Schrecken – und Schweigen! – endet eigentlich das Markus-Evangelium.

Aber weil dieses ursprüngliche Ende nicht gerade die frohe Botschaft enthielt – und auch dazu besonders dazu geeignet schien, diese zu verbreiten, wurde das Markusevangelium im Lauf der Zeit ergänzt: Durch einen neuen, jüngeren, Schluss.

Einen Schluss, in dem Jesus selbst vielen Menschen noch einmal erscheint, und ihnen ausdrücklich den Auftrag erteilt, die frohe Botschaft seiner Auferstehung, die Botschaft, dass das Leben den Tod besiegt hat, aller Welt mitzuteilen.

Und das, liebe Gemeinde, geschah dann schließlich auch mit großem Erfolg. Bis heute, fast 2000 Jahre danach!

Woran liegt dieser Erfolg, wieso hat die frohe Osterbotschaft Millionen - Milliarden – von Menschen angesprochen und berührt, obwohl sie den Gegebenheiten unseres Lebens und unserer Erfahrung widerspricht?

Warum eigentlich glauben Menschen an ein Leben nach dem Tod?

Wahrscheinlich deshalb, das ist jedenfalls meine Erfahrung von zahlreichen Beerdigungen und Trauergesprächen, und abgesehen davon auch mein eigener Glaube – wahrscheinlich deshalb, weil diese Vorstellung sehr tröstlich sein kann.

Der Tod hat nicht das letzte Wort, geliebte Menschen bleiben ein Teil unseres Lebens, sie bleiben im Alltag präsent, hinterlassen Spuren in den Herzer, die sie zurücklassen.

Deshalb, liebe Gemeinde, ist – davon bin ich überzeugt – die Liebe auch wirklich stärker als der Tod.

Aber in der biblischen Osterbotschaft geht es noch um mehr, als um den Trost von Trauernden Menschen. Es geht darum, dass Gott in Jesus den Tod besiegt hat. Und damit auch alles Zerstörerische im Leben.

Die frohe Osterbotschaft hat deshalb nicht nur etwas mit dem Tod und dem Jenseits zu tun, sondern auch mit dem Tod  im Leben. Mit Stillstand und Hoffnungslosigkeit, mit allem, was das Leben lähmt.

Wer glaubt eigentlich an ein Leben im Leben, liebe Gemeinde? – mich würde interessieren, wie eine Umfrage dazu aussehen würde.  

Für die drei Frauen am Grab – und für die ersten ChristInnen war die Auferstehung Jesu jedenfalls mehr als die tröstliche Gewissheit, dass es nach dem Tod weitergehen wird.

Ostern – das war für sie das Zeichen der Hoffnung, dass schon in diesem Leben Neues möglich ist. Ostern war und ist das Fest des Lebens überhaupt; des Lebens, das neu erblüht – gegen innere und äußere Zwänge, gegen alles, was uns unfrei macht, gegen menschliche Kälte und Gewalt, gegen Unrecht und Leid.  

Ostern, liebe Gemeinde, ist noch mehr als ein schönes und fröhliches Fest, dass so gut zum Frühling passt, wo das Leben auch gerade neu erblüht.

Ostern ist die tiefe Erfahrung, dass mir schon jetzt – im Leben – das leben neu geschenkt wird. Ostern ist die Erfahrung, im leben selbst aufzublühen:

Da ist er Mann, der nach langen Monaten der Trauer wieder aufblüht und neuen Lebensmut findet.

Da ist die Frau, die ihr Leben viel bewusster lebt – und jeden Tag als neues Geschenk ansieht. Seit fünf Jahren ist sie jetzt krebsfrei, für sie ist eigentlich das ganze Jahr über Ostern.

Da sind zwei junge Eltern, die es geschafft haben, sich zu versöhnen und ihre Verletzungen und ihren Streit zu überwinden. Es gibt wieder eine Zukunft für unsere Familie, sagen sie.

Wahrscheinlich kennen Sie/kennt Ihr alle solche Ostergeschichten, liebe Gemeinde. Geschichten, die sehr bewegend davon erzählen, wie das Leben siegt und wie Menschen neu aufblühen.

Eine Ostergeschichte, die mich in den letzten Wochen sehr bewegt hat, möchte ich zum Abschluss gern erzählen. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes aus Belgien.

Zusammen mit zwanzig Konfis unserer Kirchengemeinde habe ich diese Ostergeschichte gehört – bzw. gesehen, bei einem unserer diesjährigen Konfi-projekte: Die wahre Geschichte von „Ben X“, die verfilmt worden ist – und in den letzten Monaten alle wichtigen Festivalpreise und Auszeichnungen gewonnen hat.

Wir haben den Film bei unserem jährlichen Besuch bei der FSK, der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft gesehene, bei der ich als kirchlicher Prüfer tätig bin. Die FSK erteilt in Deutschland die Altersfreigaben für alle Kinofilme und DVDs.

„Ihr werdet heute einen harten Film sehen“, so wurden wir von meiner FSK-Kollegin begrüßt. „Einen Film, der euch unter die haut gehen wird und der euch mitten ins Herz trifft“.

Und die Kollegin hatte recht, die 90 Minuten „Ben X“ waren ziemlich stressig, es war unmöglich, sich dem Film zu entziehen.

Der Film ist kein Hollywood Rührstück, sondern er ist richtig aufrüttelndes Kino, da gab es auch viel Bewegung und Unruhe unter den KonfirmandInnen, manches Zittern und Fürchten.

Denn die Ostergeschichte von „Ben X“, liebe Gemeinde, ist zunächst eine schwer zu ertragende Leidensgeschichte. Mehrfach wird in dem Film gefragt: „Gott, wo bist du?“.

Aber ohne Leid, ohne Passion, gibt es eben auch kein Ostern!

„Ben X“ – das ist die Verfilmung eines Jugendbuches von Nic Balthazar, das die wahre Geschichte und den Alltag eines 17-jährigen Teenagers, nämlich Ben, beschreibt.

Ben ist hochintelligent – und Autist. Von seiner Umwelt, auch von seinen Lehren und seiner Familie, wird er missverstanden, und in der Schule wird er von den meisten Mitschülern - auf zum Teil ziemlich widerwärtige und brutale Weise - gemobbt: Weil er „nicht normal ist“.

Der Film zeigt ein Abbild vieler heutiger Schulen – auch hier in Mörfelden-Walldorf, mit alltäglicher Gewalt und Respektlosigkeit, auch gegenüber Lehrern - und mit gnadenlosem Mobbing der Schwachen, die beschämt schweigen.

Auch Ben kann sich nicht dagegen wehren. Er ist einfach zu verschlossen und zu schüchtern.

Um mit den Demütigungen fertig zu werden und um den Alltagsqualen zu entfliehen und seine Wut loszuwerden, flüchtet er täglich zu Hause an seinen Computer, in einen virtuellen Charakter aus einem Fantasy-Spiel im Internet.

In dem Spiel ist Ben, wie er gerne sein würde. Diese virtuelle Person, einen heldenhaften Kämpfer, kann er mit einem Mausklick verändern – etwas, das er auch gerne in der Wirklichkeit können würde.  

Immer wieder, liebe Gemeinde, verschwimmen in dem Film die Grenzen zwischen Phantasie und Realität; die Bilder sind schnell und manchmal hektisch, und zusammen mit der Filmmusik und der Geräuschkulisse erzeugen sie auf geniale Weise den Eindruck von Unruhe und Angst.

Ganz konsequent und schonungslos schildert der Film das Leben aus Sicht des Opfers „Ben“; manchmal ist es kaum zu ertragen. Als zwei Klassenkameraden ihn erniedrigen und die dabei mit dem Handy gefilmten Bilder ins Internet stellen, ist Ben völlig am Ende.

Schon von Anfang an liegt eine dunkle Bedrohung über der ganzen Geschichte, denn gleich zu Beginn sagt Bens Mutter: "Es muss immer erst einer sterben, damit die anderen aufwachen und etwas unternehmen."

Beim Sehen des Films - nur wenige Wochen nach Winnenden, liebe Gemeinde - wartet man nur darauf, dass Ben irgendwann die Kontrolle verliert, und wie sein Alter Ego aus dem Computer auch im wahren Leben zur Waffe greift.

Doch es kommt ganz anders: Niemand ist in der Lage ist, Ben zu helfen und vor allem die Schule versagt komplett: "Wir haben das getan, was wir immer tun. Nichts." - sagt der Religionslehrer.

Da fasst Ben zusammen mit seinen Eltern und seiner Freundin, die er vom Internet-Rollenspiel kennt, einen schweren Entschluss: Weil – so seine Freundin „jedes Ende ein neuer Anfang sei“ - täuscht er seinen eigenen Selbstmord vor.

Und dann, beim Gedenkgottesdienst in der vollen Kirche, als alle, die ihn bis aufs Blut gequält - oder auch hilflos zugesehen haben, in den Bänken sitzen, konfrontiert er sie auf einmal mit ihrem Verhalten.

In dieser Schlussszene, liebe Gemeinde, erlebt Ben für sich eine erlösende Auferstehung. In einem hellen Lichtstrahl taucht er auf der Empore auf und lässt die Trauergäste verunsichert und beschämt zurück.    

Genau damit aber erhalten Ben - und auch seine Umgebung - eine neue Chance. Die Täter müssen sich ihren Taten stellen und die die hilflosen Erwachsenen sich mit der Verantwortung, die sie haben, auseinandersetzen.

Und Ben gelingt es, auch über seine Erfahrungen als Opfer hinweg zu sehen – und richtig aufzublühen.

Es ist ein Neustart, ein neuer Anfang, liebe Gemeinde!

„Es ist eben ein weiteres Leben, wie in jedem Computerspiel“, könnte vielleicht ein erfahrener Computerspieler bemerken. „Das hat doch nichts mit Ostern zu tun!?“.

Doch, das hat es!

Ostern ist das Fest des Neuanfangs. Das Leben siegt über den Tod, die Liebe über die Kälte und Gewalt.

Wir feiern dass das Leben neu aufblüht und dass neue Lebenskraft und Hoffnung wächst!

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.