Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über BWV 84 "Ich bin vergnügt mit meinem Glücke“

Pfarrer Hans-Helmut Bayer (ev.-luth.)

19.08.2012 in der Spitalkirche in Bayreuth

Kantatengottesdienst: "Ich bin vergnügt mit meinem Glücke" - Ansage einer neuen Bescheidenheit am 11. Sonntag nach Trinitatis

Ich bin vergnügt mit meinem Glücke“, BWV 84

Einen Youtube Link zur Kantate finden Sie hier.



1. Arie (Soprano, Oboe, Violine I/II, Viola, Continuo)
Ich bin vergnügt mit meinem Glücke,
Das mir der liebe Gott beschert.
Soll ich nicht reiche Fülle haben,
So dank ich ihm vor kleine Gaben
Und bin auch nicht derselben wert.
 
2. Recitativo (Soprano, Continuo)

Gott ist mir ja nichts schuldig,
Und wenn er mir was gibt,
So zeigt er mir, dass er mich liebt;
Ich kann mir nichts bei ihm verdienen,
Denn was ich tu, ist meine Pflicht.
Ja! Wenn mein Tun gleich noch so gut
geschienen,
So hab ich doch nichts Rechtes ausgericht‘.
Doch ist der Mensch so ungeduldig,
Dass er sich oft betrübt,
Wenn ihm der liebe Gott nicht überflüssig gibt.
Hat er uns nicht so lange Zeit
Umsonst ernähret und gekleidt
Und will uns einsten seliglich
In seine Herrlichkeit erhöhn?
Es ist genug vor mich,
Dass ich nicht hungrig darf zu Bette gehen.
 
3. Arie (Soprano, Oboe, Violino solo, Continuo)

Ich esse mit Freuden mein weniges Brot
Und gönne dem Nächsten von Herzen
das Seine,
Ein ruhig Gewissen, ein fröhlicher Geist,
Ein dankbares Herze, das lobet und
preist
Vermehret den Segen, verzuckert
die Not.
 
4. Recitativo (Soprano, Violine I/II, Viola, Continuo)

Im Schweisse meines Angesichts
Will ich indes mein Brot geniessen,
Und wenn mein Lebenslauf,
Mein Lebensabend wird beschliessen,
So teilt mir Gott den Groschen aus,
Da steht der Himmel drauf.
O! wenn ich diese Gabe
Zu meinem Gnadenlohne habe,
So brauch ich weiter nichts.
5. Choral (Coro SATB, Oboe, Violine I/II, Viola, Continuo)

Ich leb indes in dir vergnüget
Und sterb ohn alle Kümmernis,
Mir gnüget, wie es mein Gott füget,
Ich glaub und bin es ganz gewiss:
Durch deine Gnad und Christi Blut
Machst du’s mit meinem Ende gut.
 

Liebe Gemeinde!
Ich bin vergnügt mit meinem Glücke... wie schön und wie ergreifend!
Was ist eigentlich Glück?
Die Frage lässt sich nicht so schnell beantworten und ich denke es liegt daran, dass wir uns viel zu selten bewusst werden, dass wir jetzt gerade eben glücklich sind. Glück? Ich muss es begreifen und ergreifen: gerade jetzt bin ich glücklich! Sonst ist es schon wieder weg das Glück, Momentsache eben. Oder doch irgendwie anders?
Wann waren Sie das letztemal so richtig von Herzen glücklich?
Sicher haben Sie das Bild gesehen von Gillian und Adrian Bayford: dieses aufgekratzte englische Ehepaar, das den Champagnerkorken knallen lässt: 190 Millionen im Eurolotto gewonnen!
Der kleine Sohn hat erst mal gefragt "Warum benimmt sich Papa so komisch?" und  dann gab es für die ganze Familie zur Feier des Tages Pizza.
Sind die jetzt glücklich?
Vielleicht ein paar Tage, - aber das geht mit Sicherheit vorüber. Wahrscheinlich ist das Glück bereits vorbei, weil jetzt sicherlich Scharen von Bittstellern ihr Haus belagern, die auch gerne etwas abbekommen möchten von dem großen Kuchen.
Also was ist Glück?
Viel Geld?
Das Vorbild der Reichen und Schönen, ihr Luxusleben, das uns tagtäglich in den Medien serviert wird, das erzeugt bei vielen Menschen die Meinung, wer so lebt wie die, der muss einfach glücklich sein.
Aber Vorsicht! Es gibt ja auch genug andere Meldungen von den Reichen und Schönen, die uns deutlich zeigen, dass das einfach nicht stimmt. Denken wir etwa an den Tod der in Bayreuth so beliebten Tänzerin Margot Werner vor ein paar Wochen. Reich und schön, aber glücklich?
All die Symbole von Reichtum und Wohlstand, die schönen Häuser und Villen, die wie Festungen des Glücks anmuten, die großen Luxusautos,
- sie sind am Ende nur Fassaden, die nichts aussagen über die Zufriedenheit ihrer Besitzer, aber viel über ihre Sehnsüchte und Illusionen.
Geld macht nicht glücklich, nun gut, aber kein Geld? Vielleicht wenigstens so viel Geld, dass man überhaupt leben kann...
Am Freitag haben mich die Bilder im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschüttert: Mehr oder weniger schöne Bilder von einsamen Stränden in Griechenland. Viele Griechen gehen jetzt an den Strand, um sich dort selber das Leben zu nehmen. Seit Anfang 2010 haben sich weit mehr als 2000 Griechen das Leben genommen; die Dunkelziffer liegt noch weit höher, weil der Suizid in Griechenland ein Tabuthema ist. Warum? Weil die griech.-orthodoxe Kirche Suizidopfern ein christliches Begräbnis verweigert...
Nur ein Beispiel: Am "Strand der Träume" auf der Insel Euböa hat sich am 22. Februar ein 56-jähriger Kleinunternehmer erschossen. In seinem Abschiedsbrief  geht er auf die Sparmaßnahmen der Regierung ein, die vom Internationalen Währungsfond, von der Europäischen Zentralbank und von der EU diktiert werden. Er schreibt: "Diese Technokraten schmieden das Schicksal einfacher Menschen, wie ich einer bin, ohne auch nur die geringste Ahnung von mir zu haben ... Ich bitte darum, dass meine zwei Grundstücke und unser Haus im Dorf an den Staat gehen. Denn meine Kinder haben kein Geld, um die neuen Steuern des Memorandums zu bezahlen."
Unterdessen knackt der DAX die Marke von 7000 Punkten... - und Griechenland? Das kratzt kaum noch jemanden an den Finanzmärkten. Das Land ist ohnehin schon am Boden. "Griechenland haben die meisten abgehakt", sagt ein Börsianer knapp.
Wie heißt es in der Arie?
Ich esse mit Freuden mein weniges Brot
Und gönne dem Nächsten von Herzen
das Seine,
Ein ruhig Gewissen, ein fröhlicher Geist,
Ein dankbares Herze, das lobet und
preist
Vermehret den Segen, verzuckert die Not.
Nein, wir essen nicht mit Freuden unser "weniges Brot"
Wir leben in Angst um unseren Wohlstand und werden dabei immer depressiver. Wir leben ohne viel darüber nachzudenken in und mit unserem Überfluss. Wir essen nicht unser "weniges Brot" sondern werfen ein gutes Teil unserer Lebensmittel einfach weg. Selbst wer mit Hartz4 leben muss, der könnte diese Sätze weiß Gott fröhlich mitsingen: Ich esse mit Freuden mein weniges Brot und gönne dem Nächsten von Herzen das Seine.
In Griechenland ist das anders, dort gilt: Wer gesund, aber ohne Job ist, der erhält unabhängig vom vorherigen Verdienst monatlich etwa 400 Euro - für genau ein Jahr. Danach gibt es keinen Cent mehr. Nichts da mit Hartz4. Im Juli ist die Arbeitslosenquote auf 24 % geklettert, und auf weitere Hilfe aus Europa kann Griechenland nicht mehr hoffen. Dazu der Kommentar von Bayerns Finanzminister Söder: "An Athen muss ein Exempel statuiert werden, dass diese Eurozone auch Zähne zeigen kann!"
Na prima.
Zurück zur Ausgangsfrage: Was ist eigentlich Glück?
Reichtum und Konsum ist es sicher nicht. Aber Armut, siehe Griechenland, muss nun auch nicht gerade das Glück bedeuten.
Glück kann zweierlei sein:
Momentsache oder anhaltendes Wohlbehagen und Lebenszufriedenheit.

  • Glück ist der Moment, in dem mir gelingendes Leben bewusst wird, bei mir oder bei anderen.


  • Glück ist der Moment, in dem ich von Liebe überflutet werde.

  • Glück ist Bewahrung vor Unglück oder die schlagartige Auflösung von Sorgen.

  • Glück ist nicht das neue Auto in der Garage, sondern der Moment, wo die Tochter mit den Enkeln nach einer aufreibenden Fahrt über die vereiste Autobahn endlich in die Hofeinfahrt einbiegt.

  • Glück ist nicht der Applaus, sondern die von Freude durchflutete Erschöpfung des Künstlers nach dem letzten Ton eines hinreißenden Konzerts.

  • Glück ist nicht das große Ja vor dem Traualtar - naja für Eltern und Verwandtschaft vielleicht, - sondern der Moment des Antrags, das Begreifen: Der will mich ja wirklich! Die liebt mich tatsächlich, auch mit meinen Schwächen und Schrullen und Absonderlichkeiten.

  • Glück ist der Blick auf das vor Gesundheit strotzende Kind im Sandkasten, das völlig in sein Spiel versunken ist.

  • Glück, das war der Moment, als er plötzlich nach dem Unfall und dem Verdacht auf Querschnittslähmung wieder mit den Zehen wackeln konnte...

  • Glück, das können die jungen Katzen sein, die sich in der Sonne räkeln oder die Freude über den prächtigen Steinpilz, oder, oder und noch viel mehr.

  • Glück: Ich begreife, dass ich lebendig bin und dass ich dieses, mein Leben, so wie es ist, liebe.

  • Glück, ich bin zutiefst zufrieden mit meiner gegenwärtigen Situation.

Aber "machen"? Machen kann man das eigentlich nicht. Es ist in aller Regel Geschenk, oder besser noch: Gnade.
Johann Sebastian Bach setzt es so schön in Töne:  „Ich bin vergnügt mit meinem Glücke / das mir der liebe Gott beschert.“ (BWV 84)
Und mit "vergnügt" meint Bach etwas anderes als "sein Vergnügen haben". Vergnügt, das kommt von genügen, genug haben, "Leben und volles Genüge", wie es die Bibel sagt. Kurz: Ich bin "vergnügt mit meinem Glücke" heißt nichts anderes als "zufrieden sein".
Da ist gar nicht von einer vollkommen unbeschwerten Freude die Rede, sondern von Zufriedenheit auch in und mit den Einschränkungen meines Lebens: Ich begnüge mich mit dem, was mir Gott zuteilt, und lasse es ohne Neid geschehen, dass andere womöglich mehr erhalten als ich. Das kann man sogar im Rollstuhl.
Wie aktuell und lebensnah diese Kantate ist! Sie ist nichts anderes als die Ansage einer neuen Bescheidenheit und eine Absage an die Wachstumsideologie und das ewige Zinseszins-Denken.
„Ich esse mit Freuden mein weniges Brot / und gönne dem Nächsten von Herzen das seine.“ Kann man das nicht auch sagen im Blick auf das krisengeschüttelte Griechenland, und die populistischen Töne endlich mal weglassen?
„Ich esse mit Freuden mein weniges Brot / und gönne dem Nächsten von Herzen das seine.“
Man kann es doch kaum schöner sagen: Freude potenziert sich, wenn dabei die Freude des Anderen nicht aus den Augen verloren wird.
Und im Schlusschoral wird diese Freude auch noch bezogen auf die Endlichkeit irdischen Lebens. Denn – so ein Gedanke Luthers, den Bach hier aufgreift: Wer sein Ende in den Blick bekommt, der muss nicht schwermütig oder depressiv verzagt werden.
Es ist genau andersherum: Wer die Endlichkeit des eigenen Lebens bedenkt, der weiß jeden Tag auszukosten. Für mich heißt das: ich kann und darf, ja ich soll das Leben lieben und genießen. Und mit genau diesem Gedanken möchte die Kantate ganz zuletzt auch noch die Angst vor dem Tod nehmen: „Ich leb’ indessen ganz vergnüget und sterb ohn alle Kümmernis.“
Glücklich sein und werden, es ist einerseits Gnade und es hat andererseits ganz viel mit meiner Grundhaltung zum Leben und zum Glauben zu tun, - und: man kann so eine Haltung tatsächlich lernen und einüben!
Wie das geht, verrät uns der immer noch so junge, alte Jörg Zink in seinem neuen Buch "Die Stille der Zeit: Gedanken zum Älterwerden"
Er lehnt sich dabei an die uralten Seligpreisungen Jesu an, die wir vorhin in der Evangelienlesung gehört haben.
 WEGE ZUM GLÜCK  - So wirst du glücklich

  • Scheue dich nicht, den Kürzeren zu ziehen. Das ist der Weg zur Gerechtigkeit.


  • Lass dir etwas entgehen. Das ist der Weg zur Rettung der Erde.

  • Verzichte darauf, siegen zu wollen. Das ist der Weg zum Frieden.

  • Sorge nicht immer in erster Linie für dich selbst. Das ist der Weg zum Glück.

  • Setze dein Leben für etwas Lohnendes ein, das dir keinen Lohn verspricht. Das ist der Weg zur Erfüllung.

  • Beuge dich nicht dem Zwang, dich ständig zu sichern. Dann wird deine Zukunft nicht verbaut sein, sondern offen und begehbar.

  • Verzichte darauf, dich in allem selbst verwirklichen zu wollen. So wirst du dich gewinnen.

  • Liebe! Das heißt: Lass dich los. So wirst du dich in die Hand bekommen.
     
    Wenn du solchen Regeln nachlebst, bist du nicht weit von denen, die Jesus »glücklich« nennt.
    Dem ist nichts hinzuzufügen.
    Amen.
     
    Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Gedanken in Christus Jesus.
    Amen