Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über das 4. Gebot

Pflegedienstleitung Bettina Oetting (ev)

29.01.2012 in der St. Andreaskirche in Verden

im Rahmen einer Predigtreihe zu den 10. Geboten

Liebe Gemeinde,

"Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird“

Wer ist eigentlich der Adressat, an wen richtet sich das 4. Gebot?

Im Konfirmandenunterricht haben wir dieses Gebot in der Regel auswendig gelernt, und wir haben ganz selbstverständlich angenommen, dass es den Kindern und Heranwachsenden gilt, nach dem Motto: „Tu, was deine Eltern dir sagen und mach ihnen keinen Kummer, die haben es eh schon schwer…“ Ein Gebot also, das von Kindern Gehorsam fordert.

Doch das ist es nicht, was uns dieses Gebot sagen will. Es ist nicht etwa eine Anweisung an Kinder und auch nicht für Jugendliche gedacht, die sich gerade im Abnabelungsprozess von ihren Eltern befinden und eher die Distanz von ihnen benötigen.

Das 4. Gebot richtet sich vielmehr an Erwachsene. Gemeint sind also viele von uns, die hier heute im Gottesdienst sitzen.

Erwachsene Kinder sollen ihre alt gewordenen Eltern "ehren". Und das Ehren bedeutet nicht einfach gehorsam sein, denn die 10 Gebote sind nicht als Befehl oder Bürde geschrieben worden. Vielmehr sind sie Wegweiser, Richtungsanzeiger und Hinweisschilder, die uns zeigen können, wo es langgeht, wenn unser Leben gelingen soll.

Für das Volk Gottes hieß es damals beim 4. Gebot:

„Lasst eure Alten nicht zurück. Lasst das Tempo eurer Wanderschaft nicht von den Schnellsten und Stärksten bestimmen. Verzichtet nicht auf die Erfahrungen, das Wissen und die Weisheit der älteren Generation und der Generationen vor euch.“

So geht es in diesem Gebot darum, dass wir unseren Eltern mit Achtung und Respekt entgegenbringen, sie wertschätzen und ernst nehmen.

Wichtig ist mir, dass das Gebot nicht nur einseitig gilt. So wurde es uns im Konfirmandenunterricht ja meistens gelehrt.

Aus meiner Sicht muss man bei diesem Gebot mit hören, dass auch die Eltern ihre Kinder zu „ehren“, zu respektieren und ernst zu nehmen haben. Es soll ein gegenseitiges Geben und Nehmen sein.

Das hebräische Wort für ‚ehren’ kommt aus der Wortfamilie schwer sein, eine Last sein, reich sein, eine Bedeutung haben. „Ehren“ meint also im ursprünglichen Sinne das Gewicht, die Bedeutung, die unsere Eltern für uns haben. Da ist die Last, die sie getragen haben auf der einen Seite, und die Last, die sie uns zu tragen geben auf der anderen Seite. Das anzuerkennen und anzunehmen, ist die große Herausforderung.

Denn diese Erfahrung haben viele von uns mit ihren Eltern gemacht:

Erst haben sie uns getragen, viel für uns getan, uns beschützt, sich gekümmert.

Wir haben durch sie Gutes erfahren und empfangen, aber auch Verletzungen und Wunden.

Ein gutes Bild dafür ist die Kinderwippe auf dem Spielplatz:

Solange ich klein bin, würde ich beim Wippen mit meinen Eltern immer oben sitzen und keinen Halt unter den Füßen haben. Aber sie sorgen für mich, sie stellen ihre Füße auf den Boden und halten mich, so dass ich lernen kann, mich auf meine eigenen Füße zu stellen.

Mit den Jahren lerne ich dann selber zu stehen, und spätestens beim Erwachsenwerden sind wir auf gleicher Augenhöhe und die Wippe ist von ganz allein in Balance.

Dann neigt sie sich und es kommt der Zeitpunkt, wo sich das umkehrt und die Verantwortung wechselt.

Ich möchte an dieser Stelle von meiner beruflichen Erfahrung erzählen.

Ich bin als Pflegedienstleitung in einem Alten-und Pflegeheim tätig, einem Haus der evangelischen Diakonie. Bei uns leben 114 Bewohnerinnen und Bewohner mit einem ganz unterschiedlichen Hilfebedarf. In unserem Haus gibt es 5 Wohnbereiche. Einer davon ist ein geschützter Bereich, in dem Menschen leben, die an Demenz erkrankt sind, d.h., ihr Gedächtnis funktioniert nicht mehr gut. Sie vergessen und leben in ihrer eigenen Welt.

In meiner Tätigkeit komme ich auch mit Angehörigen in Verbindung, überwiegend mit erwachsenen Kindern.

Und das zu einem Zeitpunkt, wo sich das Blatt gewendet hat.

Die Kinder sorgen jetzt für ihre Eltern, übernehmen Entscheidungen für sie, müssen ihnen Halt, Sicherheit und Geborgenheit geben.

Wie gestalten wir die Beziehung, wenn unsere Mutter oder unser Vater alt, gebrechlich und abhängig von uns geworden sind? Wenn sie schwierig werden und vergesslich, pflegebedürftig und anstrengend, und man ihnen alles dreimal erzählen bzw. erklären muss?

Was heißt da, die Eltern ehren?

Ich möchte diese Aufgabe mit dem Wort FÜRSORGE umschreiben.

Wenn Angehörige zu mir kommen, weil sie auf der Suche nach einem Heimplatz für ihren Elternteil sind, erlebe ich oft eine seelsorgerliche Aufgabe in meiner Tätigkeit.

Ich denke z.B. an eine Frau, die ein Beratungsgespräch wünschte, in dem es um eine Heimaufnahme ihrer Mutter ging. Sie berichtete, dass es ihrer Mutter immer wichtig war, bis zuletzt ein selbstbestimmtes Leben zu führen. „Meine Tochter soll sich um ihre Familie kümmern, ich möchte sie nie in Anspruch nehmen müssen“, das war ihre Einstellung.

Für ihre Tochter war es dagegen selbstverständlich, sich um die Mutter zu kümmern, als diese nach einem Oberschenkelhalsbruch aus der Rehabilitation kam und Hilfe benötigte.

Dann begann die Vergesslichkeit und mittlerweile waren 3 Jahre vergangen, in denen die Tochter überwiegend die Pflege und Betreuung der Mutter übernommen hatte. Nun sah sie keine Perspektive mehr, das entmutigte sie, sie war mit den Kräften am Ende.

Verständlich, dass sie sich jetzt um einen Heimplatz für ihre Mutter kümmerte.

Aber das schlechte Gewissen spielte bei ihr, wie in den meisten Fällen, eine große Rolle.

„Können Sie meine Entscheidung verstehen, für meine Mutter jetzt einen Heimplatz zu suchen?“, wurde ich auch von dieser Angehörigen gefragt. „Mein Verstand sagt mir, dass es richtig ist, jetzt bei Ihnen zu sitzen, aber mein Bauch…“ fügte sie dann unsicher hinzu.

Ich sagte ihr, dass ich großen Respekt vor ihrer Leistung hätte. Sie hat über diesen langen Zeitraum die Pflege und Betreuung schon übernommen und ist damit bereits so manches Mal an ihre eigenen psychischen und physischen Grenzen gestoßen. Dann, so vermittelte ich ihr, ist solch eine Entscheidung auch in Ordnung.

Mir kommt es dann manchmal so vor, als würde ich die Tochter "freisprechen". Es hat ein bisschen was von einer Erlaubnis, die ich da ausspreche, ich spreche sie mehr oder weniger von ihrer Last frei.

In Vorbereitung auf die heutige Predigt habe ich mich vor einigen Wochen mit einem Angehörigen getroffen, dessen Mutter über 5 Jahre bei uns lebte. Wir sprachen auch darüber, was es für einen Angehörigen bedeutet, wenn er vor die Entscheidung gestellt wird, eine Lösung für einen pflegebedürftigen Elternteil zu finden.

Für ihn hing damals viel davon ab, in welcher Beziehung er zu seiner Mutter stand. Da er eine gute Beziehung zu seiner Mutter hatte, wollte er unbedingt eine einvernehmliche Lösung mit ihr suchen.

Er erzählte, dass es in der dörflichen Umgebung wenig Verständnis dafür gab, die Mutter ins Heim zu geben. Es sei nun wohl an der Zeit, dass er zu seiner Mutter ziehe, um ihr zur Hand zu gehen. Das Haus sei schließlich groß genug.

Das Umfeld tut schon seinen Teil dazu, dass es Angehörigen oft nicht leicht gemacht wird mit einer solchen Entscheidung. Das höre ich auch immer wieder in meinem Arbeitsalltag.

Man fragt sich dann, wie das wohl auf die Nachbarn wirkt, wenn man die Mutter mit ihrer Demenz in ein Heim gibt?

Schließlich wurde einem ja schon lange das Haus überschrieben, muss man sich da nicht dankbar zeigen und alles für seine Eltern tun, selbst wenn man zunehmend mit der Pflege und Betreuung an seine Grenzen stößt?

Ich möchte darauf antworten:

Angehörigen, die solch eine Entscheidung treffen, gebührt ein großer Respekt, denn sie trauen sich, ihre Grenzen aufzuzeigen. Eine solche Entscheidung bedeutet ja nicht, dass sie sich aus ihrer Verantwortung herausziehen.

So erklärte es mir auch Herr P.

Er kannte auch das schlechte Gewissen, das ihn plagte, besonders eben direkt nach dem Einzug seiner Mutter ins Heim, wenn sie bei den Besuchen immer nachfragte: „Und wann holst du mich wieder ab?“

Das hat er als Prüfung erlebt, standhaft in der Entscheidung zu bleiben, der verwirrten Mutter wahrheitsgemäß zu antworten und sie in all dem spüren lassen, dass sie ihm etwas wert ist, dass sie ihm viel bedeutet. „Ich habe meine Mutter während dieser 5 Jahre geehrt, indem ich sie nicht nur besucht, sondern begleitet habe, das war wichtig für mich und tat mir gut“.

Ich finde, das ist ein ganz starker, aussagekräftiger Satz!

Herr P. hat dabei nie vergessen, dass auch seine Mutter viel in ihrem Leben zu tragen hatte, dass sie für sein Leben eine große Rolle spielte und Gewicht hatte, indem sie für ihn da war, wenn er sie brauchte. Er war bereit, sie in ihrem letzten Lebensabschnitt zu unterstützen, als sich das Bild umkehrte und sie auf seine Hilfe angewiesen war.

Sie haben in unserem Haus Zeit füreinander gehabt, in der sie sich nahe waren und beide wussten, dass sie keine Sorge und Angst haben müssten, ob der andere zurecht kommen würde.

Zur zugehörigen Gemeinde gelangen Sie hier.

Für den Sohn war klar, dass das Leben seiner Mutter im Pflegeheim kein abgeschobenes Leben war, sondern die Ermöglichung eines behüteten, umsorgten Lebens das mit professioneller Hilfe für neue Qualität sorgte.

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr dein Gott gegeben hat…“

Die 10 Gebote, auch das Elterngebot, hat Jesus zusammengefasst in dem einen, zentralen Gebot: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst“. Darum geht es letzten Endes, um die LIEBE.

Um die Liebe, die ich von Gott empfangen habe, genauso aber auch um die Liebe, die ich durch meine Eltern empfangen habe. Ja, und um die Liebe, die ich weitergebe, an die alten, gebrechlichen Eltern, gerade dann, wenn sie sich selbst nicht mehr helfen können.

Wenn ich meinen Eltern liebevoll begegne, Verantwortung für sie übernehme und gute Gedanken für sie habe, dann tut das auch meiner Seele, meinem Wohlbefinden und meinem Leben gut.

Denn Gott ist ein Freund des Lebens. Er hat es geschaffen.

Und er will, dass es gut, dass es heil, das es intakt ist, sowohl für die Eltern, als auch für die Kinder.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.