Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über das Abendmahl

Christiane Bleck

29.03.2007 in der Nachfolge-Christi-Kirche in Bonn-Beuel

Schulgottesdienst für die Stufen 9-13

Schulgottesdienst für die Stufen 9-13

Predigt im Abendmahlsgottesdienst mit ev. Schülerinnen und Schülern des Kardinal-Frings-Gymnasiums, Bonn-Beuel (Schulgottesdienst für die Stufen 9-13 am 29.3.2007)

(Projektion 1. Dia: Gesamtansicht des Altars der Ev. Kirche in Borgholzhausen)

Gehen wir heute früh doch einmal gedanklich auf Reisen! Verlassen wir das Rheinland und machen uns auf den Weg nach Westfalen. Etwa 200 Kilometer nordöstlich von hier liegt im Teutoburger Wald die Kleinstadt Borgholzhausen. – Nehmen wir Platz in der fast 700 Jahre alten Kirche und lassen ihre dicken wuchtigen Mauern und ihre schlichte Ausstattung auf uns wirken.
Unsere Blicke werden beim näheren Hinsehen von dem farbenprächtigen Flügelaltar im Chorraum angezogen. Der Altaraufbau über dem eigentlichen Altartisch zeigt in 13 Bildern - sogenannten vollplastischen Reliefs – die Passionsgeschichte. Auch Jesu Auferstehung und Himmelfahrt bis hin zum Pfingstgeschehen werden dargestellt.
Der mittlere Altaraufbau wurde nicht etwa aus Holz geschnitzt sondern aus Feldspat gefertigt. Dieser besondere Stein ist so weich, dass man ihn mit messerartigen Werkzeugen bearbeiten, ja ähnlich wie Holz schnitzen kann.-
Setzen wir uns nun in die Zeitmaschine und lassen uns aus der Gegenwart gut 500 Jahre zurückkatapultieren. Wir landen im Jahr 1501. Es ist eine Zeit, in der wenige Jahre zuvor Columbus Amerika entdeckt hat. Es ist auch die Zeit, als der spätere Reformator Martin Luther noch junger Student war.
Zu dieser Zeit lebte und arbeitete im westfälischen Borgholzhausen der Künstler und Erschaffer dieses ganz besonderen Altaraufbaus. Leider kennen wir seinen Namen nicht.
Lassen wir ihn aber mal zu Wort kommen und hören zu, was er uns erzählt:

„Guten Morgen Euch allen, Schülerinnen und Schülern des Kardinal-Frings-Gymnasiums!
Ich komme aus Brabant. Das liegt im Grenzgebiet von Belgien und den Niederlanden. Von Beruf bin ich Steinschnitzer. - Stellt Euch mal vor: Weit entfernt von meiner belgischen Heimat bekam ich in dieser Kleinstadt einen Auftrag für die Gestaltung eines Altars. So ein reizvolles Angebot habe ich natürlich gern angenommen! Ich packte also meinen Rucksack samt meiner Steinschnitzmesser – ziemlich schwer war der dann – und wanderte nach Westfalen. Die Menschen nahmen mich gastfreundlich auf, obwohl ich ihnen ja völlig fremd war. Und sie haben mich während meiner Arbeit an dem Altar für ihre Kirche nach Kräften unterstützt! Vor allem karrten sie die Steine heran, die ich  zum Schnitzen der 13 Altarbilder brauchte. Auch durch das Sammeln von Spenden sorgten sie dafür, dass die Arbeit voranging.
Und, was soll ich Euch sagen: Nun - im Jahr 1501 - ist es endlich geschafft! Nach mühevoller, jahrelanger Arbeit ist das vielfarbige und bilderreiche Kunstwerk – etwa drei Meter breit und zwei Meter hoch–  fertig! - Für uns alle ist es eine große Freude! Gott sei Dank!
 
Da ja viele Leute zu meiner Zeit nicht lesen und schreiben können, geschweige denn die lateinischen Bibelgeschichten verstehen, zeige ich ihnen mit meinen geschnitzten Bildern das Wichtigste der Geschichte Jesu: Biblische Geschichte aus den Evangelien zum Angucken im XL-Format! Wie schön wäre es, wenn meine Bilder die Gottesdienstbesucher anrühren und zum Nachdenken über Gottes frohe Botschaft motivieren könnten.
Zugegeben: Auch meinen eigenen Glauben und mein Vertrauen in die grenzenlose Liebe Gottes zu uns Menschen wollte ich mit meinen Bildern „rüberbringen“. So gesehen ist mein Altar eigentlich auch ein ganz persönliches Glaubensbekenntnis!
Um den Menschen die Leidens- und Auferstehungsgeschichte Jesu besonders nah zu bringen, um ihnen zu zeigen, Gott ist durch Jesus Christus mitten unter Euch, im Leben und im Sterben, habe ich die Geschichte Jesu nicht im fernen Jerusalem belassen:
Möbel, Kleidermode, Tischsitten, das tägliche Miteinander habe ich so dargestellt, wie es den Menschen hier und heute im 15. Jahrhundert vertraut ist. Bestimmt können sie sich dann leichter in die Geschichte Jesu einfühlen und hineindenken.-
Die erste Darstellung oben links, der Beginn meiner steinernen Bildergeschichte, hat es mir besonders angetan. Sehen wir doch einmal genauer hin:

(Projektion 2. Dia: Das letzte Abendmahl)

Es ist die Darstellung des letzten Abendmahls Jesu mit seinen Jüngern. Das Besondere meines Bildes ist jedoch, dass ich das Abendmahl wie eine ganz normale Mahlzeit zeige. Nicht nur ein bisschen Brot und einen Schluck Wein gibt es. Das Essen ist so vollständig, dass die Jünger sich ihrer Messer bedienen. Da geht es nach westfälischer Manier recht deftig zu.-
Und wie eng sich die Jünger auf der Pelle sitzen! Ganz intensiv verbunden sind sie miteinander und wollen nah bei Jesus sein. Damit will ich deutlich machen, dass sowohl zu Jesu als auch zu meiner Zeit die Tisch- und Mahlgemeinschaft beim Essen viel zählt - mehr als bei Euch im 21. Jahrhundert! Diese Gemeinschaft ist ein Zeichen der persönlichen Verbundenheit und Zuneigung, ein Zeichen des gemeinschaftsstiftenden Miteinanders.
Und vor allem ist diese Tischgemeinschaft ein Zeichen der Gegenwart und Liebe Gottes, der Nähe Gottes zu uns Menschen: Deshalb sitzen die Jünger so nah beieinander, alle möglichst dicht bei Jesus.
Und Jesus? Ihr seht ihn oben links im braunen Gewand – ein Stück Brot in der rechten Hand haltend. Die andere Hand legt Jesus auf Hand und Kopf eines anderen Jüngers.
Will er ihn trösten angesichts dessen, was dieser Jünger im Blick auf Jesu bevorstehenden Tod erahnt? Will er diesen Jünger segnen und ihn damit spüren lassen, dass es bei aller dunkler Vorahnung auch ein helles, leuchtendes „Danach“ geben kann? Will Jesus ihm sagen, dass die Jünger – wie wir heute auch – vom menschgewordenen Gott  gehalten werden, wenn das Leben nicht mehr auszuhalten ist und wir von allen guten Geistern verlassen scheinen? -
Merkt und seht Ihr übrigens, dass am unteren Tischende noch ein Platz frei ist? Ich stelle mir vor, dass jeder Betrachter meines Abendmahlsbildes dort Platz nehmen kann. Jeder kann gedanklich ein Teil dieser Mahlgemeinschaft mit Jesus werden…oder anders ausgedrückt: Jeder nimmt durch das Abendmahl teil an der Gemeinschaft der Christen untereinander und gehört zur Gemeinschaft der Christen mit Gottes Sohn.
Die Geschichte vom letzten Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern habe ich oft gelesen, bevor ich mich an die Arbeit des Schnitzens dieser Szene machte. Eine beeindruckende Geschichte! Hört sie Euch deshalb einmal an:
                  
(Eine Schülerin der Stufe 10 liest Lk 22, 7-23 in der Übertragung von Jörg Zink)

Die Elemente Brot und Wein waren den Jüngern im Zusammenhang mit dem Passahmahl bekannt. Das Passahmahl erinnert sie an den Auszug ihrer Ahnen aus Ägypten. Es erinnert sie an Gottes Befreiung der Menschen aus beklemmender Not und Unterdrückung.
 Aber was Jesus da jetzt zu Brot und Wein sagte? Das war den Jüngern völlig neu. Jesus sollte bald sterben, wollte sein Leben für die Menschen opfern, wollte für sie stellvertretend leiden? Ja, dieser Jesus, der so leidenschaftlich mit ihnen und für die Menschen gelebt hat? Jesus, der mit Leib und Seele bei den Menschen war – in Freud und Leid? Die Jünger können es nicht fassen!
Sie wollen doch mit ihm leben, ihn begleiten, seine frohmachende Botschaft vom Reich Gottes hören und weitersagen! Sie wollen doch in seine Fußstapfen treten, seine Nachfolger sein! Wie denn das, ohne ihn? – Die Jünger werden nachdenklich, ratlos, blicken suchend nach oben. Sie sind traurig, spüren den nahenden Abschied. Deshalb hält Jesus einen der Jünger tröstend und zugleich segnend im Arm.-
Nun das letzte Mal, das letzte Mahl in enger, vertrauter Runde und Verbundenheit?! Die Jünger gehören doch zu Jesus. Das kann doch nicht einfach so aufhören. Verflixt nochmal!!...
Diese Gedanken gingen mir bei Schnitzen des Bildes immer wieder durch den Kopf. Wisst Ihr, liebe Schülerinnen und liebe Schüler, ich bin nur ein einfacher Handwerker. Aber ich weiß, dass es für die Jünger damals und für uns Christen heute einen Weg aus diesem Dilemma, eine Perspektive gibt – auch für Euch in Beuel:
Jesus trägt seinen Jüngern und uns auf, dieses Abendmahl mit Brot und Wein zu seinem Gedächtnis, in Erinnerung an ihn und zur Vergegenwärtigung seines Heilshandelns zu feiern. Und Jesus versprach seinen Jüngern und verspricht uns die unzerbrechliche Treue Gottes. Was das Feiern des Abendmahls dann bedeutet, habe ich in einem Eurer Schulbücher gelesen:

(Der folgende, leicht gekürzte und geringfügig veränderte Text wird von zwei Schülern der Stufe 12 im Wechsel gelesen. Er stammt ursprünglich aus folgender Quelle: Brot und Wein für alle Menschen, Bilder zur Eucharistie mit Betrachtungen v. Jörg Zink, Eschbach 1983, S. 10)

Abendmahl bedeutet: Betrachtung des Leidens und der Auferstehung Jesu Christi und
    die Feier seiner Gegenwart in Brot und Wein.
Abendmahl bedeutet: Verkündigung des Evangeliums von der Liebe Gottes
    mit Hilfe irdischer Zeichen.
Abendmahl bedeutet: Bitte um den Heiligen Geist, dass Brot und Wein
    zu Christus werden und wir selbst zu seinen Nachfolgern.
Abendmahl bedeutet: Von Herzen Gott danken für das Leben und die    Gemeinschaft, die Jesus Christus uns schenkt.

Das wollte ich, der Steinschnitzer aus Brabant, Euch hier und heute sagen:
Nehmt mein Altarbild als ein Zeichen dafür, dass wir im Abendmahl bei Brot und Wein zusammenrücken – im Namen Jesu und unter Gottes Schutz und Segen! Nehmt das Abendmahl als Zeichen der Verbundenheit Gottes mit uns und als Zeichen unserer Verbundenheit mit Gott! Jesus Christus hat diese Verbindung, diesen neuen Bund möglich gemacht!“    AMEN