Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über das Alter

Heinz Hohaus (ev.)

20.06.2010 im Freien am Wildpark Knüll

Vor der Predigt wurde vom Männerchor das Lied von Bläck Fööss "He deit et wih" gesungen.

 

Liebe Gemeinde,

Was geht alles nicht mehr, wenn man älter wird! Ab einem bestimmten Alter ist man nicht mehr in der Lage, die Nächte durchzufeiern, man kann nicht mehr alles essen und trinken, weil es zu fett ist, bis hin zu den körperlichen und geistigen Einschränkungen wie Gicht, nachlassendes Gedächtnis und zurückgehende Elastizität. „Hier tut es weh und da tut es weh“. Manchmal da meint man, man packt es nicht mehr...“ So haben wir gerade in launiger Weise von unserem Männerchor gehört und in seine heiteren und humorvollen Akkorde mischen sich nun auch ernste Gedanken – wie im richtigen Leben, wie in unserem Alltag.

Oft liegt das ja ganz nahe beieinander: Geburt und Tod, das Weinen und das Lachen, die dunkle und schwere Nacht und der anbrechende Morgen mit seinem Sonnenlicht.

 

Gerade wenn man älter wird, kommt einem das „Ja, früher, da...“. Das höre ich oft von Menschen, die in die Jahre gekommen sind. Da erzählt man gern von der angeblich guten alten Zeit und warum früher fast alles besser gewesen ist. Wenn ich ehrlich bin, mir kommt es inzwischen mit Ende 50 auch immer häufiger über die Lippen.

 

Allerdings habe ich neulich einen anderen Satz gehört, einen tiefsinnigen Satz, wie ich finde, der fängt zwar auch mit „Früher“ an. Da sagte nämlich ein alter Herr, er war früher ein begeisterter Turner:

„Früher musste mein Körper das tun, was ich wollte. Heute muss ich das tun, was mein Körper will. Ich muss mich ihm beugen. Ich muss ihm ganz gehorchen.“

 

Damit muss man zurechtkommen. Denn nichts bleibt, wie es ist. Auch die Jugendlichkeit oder die Gesundheit nicht. Im Leben von uns Menschen – egal, ob wir jung oder alt sind - es gibt immer wieder Ereignisse, die uns passieren, uns Grenzen setzen und die uns nicht passen, weil sie unsere eingefahrenen Lebensmuster aufbrechen.

 

Als mir vor einigen Jahren mein Hausarzt sagte, „Du musst Dir eine andere Lebensweise zulegen“, weil der Blutdruck zu hoch war, da habe ich das ignoriert. Als 5 Jahre später der Blutdruck auf bedenkliche Höhen angestiegen war, sagte er: „Begreif, dass Du keine 35 mehr bist. Stell Dich mit Deiner Lebensweise, besonders Deinen Ess- und Trinkgewohnheiten darauf ein.“

Irgendwie war das ein Schlag für mich…Die Selbstverständlichkeit meines eingespielten Lebens war aufgebrochen. Ich fühlte mich sogar so, als wäre die Normalität meines Lebens zerbrochen.  

 

Solche Selbstverständlichkeiten können nicht nur durch Krankheit oder fortschreitendes Alter zerbrechen, es können genau so unvorhersehbare Unglücksfälle, das Erleben von persönlichem Versagen von eigener Schwäche sein. Auf jeden Fall sind es Ereignisse, die uns zeigen, uns fühlen lassen, wie verletzbar und wie begrenzt wir in unseren Wirkungsmöglichkeiten sind.

Das macht uns Angst, weil wir spüren, wie wir uns beim Erleben dieser Grenzen Stück für Stück an unsere absolute Grenze, an unsere Sterblichkeit, den Tod, herantasten.

 

Da hilft kein Jammern und kein Klagen. Es ist so. Aber wie sollen wir damit umgehen, wenn wir spüren, es läuft nicht mehr so wie geschmiert?

 

Natürlich, man kann mit seinem Schicksal hadern. Das ist eine Möglichkeit. Sie alle kennen solche Menschen, die ständig fragen: „Warum musste gerade mir das passieren? Was habe ich denn nur verbrochen? Wieso ist das Schicksal so grausam mit mir? Warum ist die Welt so ungerecht und gemein zu mir? Warum habe ich es immer so schwer?“

Das Tragische ist, dass sie darauf nur selten eine Antwort finden – oder wenn sie eine Antwort finden, ist sie immer unbefriedigend.

Eine andere Möglichkeit ist, die Schwäche mit Alkohol oder anderen Suchtmitteln zu betäuben. Oder sich in Selbstmitleid zu flüchten, Neid und Hass auf andere zu übertragen, die diese Schwäche nicht haben.

Oder sich Angst davor machen, dass andere die Schwächen erkennen und sie ablehnen könnten. Also spiele ich meiner Umwelt den ewig jungen, stets elastischen, faltenfreien Mann oder Frau vor.

Oder zeige, indem ich große Töne spucke und auftrumpfe, was für kleine und schwache Gestalten sie doch sind.

 

Strategien, die ich anwenden kann, die allerdings wenig hilfreich sind. Denn keiner von uns kann seinen Alterungsprozess aufhalten. Und weiter gedacht – keiner kann die Endlichkeit seines Lebens verhindern.

Da hilft kein Jammern, da hilft kein Klagen, kein Resignieren oder Zurückziehen uns aus unserer Verantwortung. Damit lähmen wir uns nur selbst.

 

Wir können etwas anderes machen! Wir können unsere Schwäche annehmen. Wem das gelingt, der wird stärker. Das hat schon der Apostel Paulus gewusst. Er war klein, wenig schön und lange Jahre krank. Man vermutet, dass er Epileptiker war und früher gab es keine Medikamente gegen diese Krankheit. Er empfand seine Krankheit als einen Pfahl im Fleisch – wie er es im ersten Korintherbrief schreibt. Paulus musste einfach seinem Körper gehorchen und er hat damit gerungen, diesen Pfahl loszuwerden. Er hat Gott bestürmt und angebettelt – und musste doch weiter damit leben. Und eines Tages schreibt er an Menschen, die auch ihre Not haben mit ihrer Krankheit und Schwäche: „Ich bin auch schwach wie ihr. Aber ich bleibe doch guten Mutes. Denn wenn ich schwach bin, bin ich stark.“

Das klingt wie ein Widerspruch. Ist aber keine. Stärker werden die, die sich ihre Schwäche eingestehen.

 

Ich denke an die Wettkämpfer der Behindertenolympiaden. Menschen, die aufgrund einer Behinderung oder eines Unfalls ihr Leben vor besondere Herausforderungen gestellt wurden, die ihr Leben neu ordnen und aufbauen mussten. Menschen, die wir bewundern, wenn wir sie im Fernsehen erleben. Sie mussten ein neues, ein anderes Leben beginnen und deshalb sind sie nicht weniger glücklich, als vor dem Unglück, das zunächst wie eine Katastrophe aussah. In Wirklichkeit war es aber eine Chance herauszufinden, was wirklich wichtig ist.

Menschen, die durch den Verlust ihrer körperlichen Unversehrtheit sehr viel gewonnen haben und sie können uns sehr viel geben.

Wir können von ihnen lernen, dass in uns allen sehr viel mehr steckt, als wir für möglich halten. Wir können von ihnen lernen, was es heißt, Probleme zu haben und diese zu lösen.

Wir können von ihnen aber auch lernen, dankbar zu sein. Und wir können von ihnen lernen, dass Freude, Glücklich sein, Zufriedenheit und Erfolg nicht von Äußerlichkeiten, wie einem unversehrten und intakten Körper abhängen.

Diese großartigen Sportler zeigen uns, dass man einem Menschen alles nehmen kann, nur eins nicht: Die Fähigkeit, in jeder Situation seine Einstellung und damit seine Lebensqualität zu wählen.

Und was wir noch tun können, ist, durch körperliche Betätigung, gesunde Ernährung und eine positive Einstellung eine gute Lebensqualität zu erhalten.

 

Wenn die gewohnte Normalität unseres eingespielten Lebens aufbricht, vielleicht sogar zerbricht – haben wir die Wahl zwischen Aufgeben und Weitermachen, Verzweiflung und sich heraus gefordert fühlen, Selbstmitleid und das Beste daraus zu machen, Unglücklich sein und Glücklich sein, Verbitterung und Liebe.

 

Im zweiten Korintherbrief 12,9 schreibt Paulus:

„Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.“

 

Das, liebe Gemeinde, ist kein Wort, das uns aus unserer Schwachheit befreien kann oder will, es ist auch kein Wort, das unsere Welt so einfach überwinden könnte.

Es ist ein tröstliches Wort, weil es mein Leben auch dort verheißungsvoll macht, wo es scheinbar klein, unwichtig und unbedeutend erscheint. Wo mein Leben anscheinend auf der Verliererseite ist. Gott ist auch hier mittendrin, so sagt es uns der Apostel zu. Gott ist mittendrin in deiner Schwachheit, bei ihm brauchst du nicht den dicken Maxen zu spielen, er liebt dich so, wie du bist, sonst hätte er dich anders gemacht.

 

„Hier tut es weh und da tut es weh. Manchmal da meint man, man packt es nicht mehr. Doch lasst uns den Frohsinn, denn tut gar nichts mehr weh, dann ist alles vorbei, denn dann sind wir nicht mehr.“

Humorvoll, wie in dem Lied mit den Beschwernissen des Alters umgehen. Das ist eine weitere Möglichkeit und sie ist gar nicht schlecht. Denn Humor lässt uns nicht alles so eng sehen und hilft anzuerkennen, dass nicht alles nach den eigenen Regeln verlaufen muss.

 

Und so will ich Ihnen zum Schluss noch eine kleine Geschichte erzählen:  

 

Alle 10 Jahre treffen sich ein paar Schulfreunde, um einen tollen Abend zu erleben.

 

Als sie 40 waren, trafen sie sich und rätselten, was sie an diesem Abend unternehmen sollten. Sie wurden sich erst nicht richtig einig, bis einer sagte:

„Lasst uns doch in den Gasthof „Zum Goldenen Löwen“ gehen, die Kellnerin ist sehr hübsch und trägt immer eine tief ausgeschnittene Bluse.“ Gesagt, getan.

 

Zehn Jahre später, als sie 50 waren, trafen sie sich wieder und überlegten, was sie an diesem Abend unternehmen sollten. Zuerst wurden sie wieder nicht richtig einig, bis einer vorschlug:

„Lasst uns doch in den Gasthof „Zum Goldenen Löwen“ gehen, da isst man sehr gut und die Weinkarte hat ein paar edle Tropfen zu bieten.“

 

Zehn Jahre später, als sie 60 waren, trafen sie sich wieder und rätselten, was sie an diesem Abend unternehmen sollten. Sie wurden sich wieder nicht richtig einig, bis einer sagte:

„Lasst uns doch in den Gasthof „Zum Goldenen Löwen“ gehen, da ist es ruhig und man sitzt so gemütlich.“

 

Zehn Jahre später, als sie 70 waren, trafen sie sich wieder und rätselten, was sie an diesem Abend unternehmen sollten. Sie wurden sich wieder nicht richtig einig, bis einer sagte:

„Lasst uns doch in den Gasthof „Zum Goldenen Löwen“ gehen, da ist alles rollstuhlgerecht und es gibt einen Lift.“

 

Neulich sind sie 80 geworden. Sie trafen sich wieder und rätselten wieder, was sie an diesem Abend unternehmen sollten. Sie wurden sich wieder nicht richtig einig, bis einer vorschlug:

„Lasst uns doch in den Gasthof „Zum Goldenen Löwen“ gehen.“ Da antwortete ein anderer: „Gute Idee, da waren wir noch nie.“

 

Mit Hilfe des Humors können wir, wo möglich, der Erstarrung und dem Altersstarrsinn ein Schnippchen schlagen. Denn wer lacht, und zwar am liebsten und zu allererst über sich selbst, der hat die Welt der Vernunft hinter sich und lässt los.

Dass das nicht immer gelingt, ist mir klar. Aber versuchen wir es doch einfach mal – jeden Tag ein bisschen mehr.

 

Amen