Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über das Buch „Der alte König in seinem Exil“ von Arno Geiger

Pfarrer Frank Bendler (ev)

11.08.2013 in in der Zinzendorfkirche und in der Christuskirche in Heidenheim

im Rahmen der Literaturpredigtreihe in Heidenheim

Liebe Gemeinde,

was kann es Schöneres geben, als sich mit einem guten Buch wo hin zu setzen oder hin zu legen und zu entspannen. Ein Hochgenuss! Entführt werden in andere Welten, in andere Zeiten. Abenteuer erleben oder das Rätsel kurioser Ereignisse mitverfolgen. Auf den Grund des Lebens stoßen in der Erfahrung von Liebe, der Suche nach Freiheit, der Auseinandersetzung mit der Geschichte, der Herkunft des eigenen Ichs. Die Literatur ist die größte aller Welten. Ich glaube Hermann Hesse hat es gesagt.

Als ich eine Seite aus der Mitte des Buches „Der alte König in seinem Exil“ von Arno Geiger gelesen hatte, legte ich das Buch wieder beiseite. Das war nicht Literatur wie ich sie suchte. Eine gut aufgebaute Geschichte, erzählt mit treffend formulierten Sätzen, ein Reichtum an Sprache und Kaskaden neuer Gedanken. Was ich las, klang ähnlich wie: „Ich ging mit dem Vater in den Garten. Wo sind wir, fragte er. Dort wo du immer gewesen bist, sagte ich. Später im Haus konnte er sich nicht mehr an das Gespräch erinnern. Eine unbegründete Angst hatte ihn befallen. Wir hatten Mühe, ihn zu beruhigen.“

Lag es an den einfachen Sätzen? War das Beschriebene zu belanglos, zu unspektakulär? Beschreibungen von Vergesslichkeit und wie sich andere darüber wundern? Ich versprach mir nicht viel davon.

Dann kam die Idee mit den Literaturgottesdiensten auf. Es sollte ja doch etwas sein, das aktuell ist. Das Thema Demenz ist zwar in aller Munde und gleichzeitig will aber niemand gerne darüber etwas hören. Das war für mich der Anreiz, doch noch einmal nach dem Buch „Der alte König“ zu greifen, es von Anfang an zu lesen und vielleicht doch auf Wendungen zu stoßen, die mir und anderen ein neues Verständnis nahe bringen.

Das Buch beginnt mit einem Irrtum. Der Vater war mit den Jahren etwas sonderbar geworden. Es schien Ausdruck seiner Eigenbrötlerei zu sein. Es verursachte Ärger und Spannungen. Der Vater soll sich zusammenreißen und sich nicht so gehen lassen. Er macht sich das Leben jetzt ziemlich einfach. Zum Verdruss der Kinder und seiner Umgebung. Der Irrtum war, zu glauben, es stehe Absicht dahinter. Altersstarrsinn und eine provozierende Haltung der Gleichgültigkeit brachte die Familienmitglieder gegen ihn auf. Wie viel Zeit habe man verpasst, die Lage richtig einzuschätzen und auf geeignete Weise darauf eingehen zu können. Wie viele Irrwege ist man gegangen und hat sich an etwas gerieben, was eine eindeutige Ursache hatte. So schreibt es Arno Geiger am Anfang dieser tagebuchartigen Aufschriebe:

„Er leistete sich keinen hartnäckigen Stellungskrieg gegen seinen geistigen Verfall, und er suchte nicht ein einziges Mal das Gespräch darüber, obwohl er – aus heutiger Sicht – spätestens Mitte der neunziger Jahre um den Ernst der Sache gewusst haben muss. Wenn er zu einem der Kinder gesagt hätte, tut mir leid, mein Gehirn lässt mich im Stich, hätten alle besser mit der Situation umgehen können. So jedoch fand ein jahrelanges Katz- und Maus – Spiel statt, mit dem Vater als Maus, mit uns als Mäusen und mit der Krankheit als Katze.

Diese erste, sehr nervenaufreibende, von Unsicherheit und Verun-sicherung geprägte Phase liegt hinter uns, und obwohl ich noch immer nicht gerne daran zurückdenke, begreife ich jetzt, dass es einen Unterschied macht, ob man aufgibt, weil man nicht mehr will, oder weil man weiß, dass man geschlagen ist. Der Vater ging davon aus, dass er geschlagen war. „

Auch wenn sich das sehr ernüchternd und vielleicht sogar schonungs-los anhört, ist es vielleicht das erste Verdienst dieses Buches, das so zu sagen. Oft ist es ja so, dass aus Unwissenheit verurteilt wird. Oft wird vielleicht geschimpft, weil ein Maßstab des gesunden Menschen-verstandes zu Grunde gelegt wird, nach dem bestimmte Dinge nicht vorkommen dürfen. Man schiebt keine Pizza mitsamt Verpackung in den Backofen und verstaut auch keine Socken im Kühlschrank. Wer das tut, der hält seine Umgebung zum Narren. Aber dieser Maßstab ist nicht mehr gegeben. Der Vater will nicht auffallen, will sich nicht wichtig tun. Er will nicht protestieren oder sich auf diese Weise beklagen. Er macht all das nicht um bedauert zu werden. Er weiß einfach nicht mehr, wie etwas zusammengehört. Und daraus ist ihm kein Vorwurf zu machen.

So tragisch diese Vorfälle manchmal sind oder vielleicht auch gefährlich, sie haben auch ihre humorvolle Seite und wirken ungewollt komisch. Diese kleine Szene zum Beispiel:

Ich reiche ihm seine Socken, er betrachtet die Socken ein Weilchen mit hochgezogenen Augenbrauen und sagt dann: „Wo ist der dritte“.

Oder jenes anrührende Gespräch:

„Ich habe mir hier die Hände gewaschen“, sagte der Vater einmal. „War das erlaubt?“ „Ja, das ist dein Haus und dein Waschbecken.“ Er schaute mich erstaunt an, lächelte und sagte: „Meine Güte, hoffentlich vergesse ich das nicht wieder!“ Das ist Demenz. Oder besser gesagt: Das ist das Leben – der Stoff, aus dem das Leben gemacht ist.

Nicht Böswilligkeit, sondern Unvermögen ist es. Wo das akzeptiert werden kann, entsteht wieder Raum für ein Lächeln, für das Staunen, für das Glück eine vertraute Stunde miteinander verbracht zu haben. Ganz genau davon schreibt Arno Geiger. Es schadet also auch nicht, wenn man in den Garten gegangen ist und nachher nichts mehr davon weiß. Die Stunde im Garten war trotzdem; für den, der sie bewusst erlebt hat, anders, als für den, der sie vergessen hat. Unsinnig war sie für den zweiten nämlich auch nicht.

Das lehrt das Buch denn als zweites: Der demente Mensch ist nicht einfach umnachtet. Altersverwirrtheit heißt nicht: diese Person bekommt nichts mehr mit vom Leben und es ist deshalb egal wo sie dieses Leben weiter verbringt.

Schon gleich zu Beginn versucht Arno Geiger zu erklären, was in seinem Vater vorgeht:

„Ich stelle mir Demenz in der mittleren Phase, in der sich mein Vater momentan befindet, ungefähr so vor: Als wäre man aus dem Schlaf gerissen, man weiß nicht, wo man ist, die Dinge kreisen um einen her. Länder, Jahre, Menschen. Man versucht sich zu orientieren, aber es gelingt nicht. Die Dinge kreisen weiter. Tote, Lebende, Erinnerungen, traumartige Halluzinationen, Satzfetzen, die einem nichts sagen – und dieser Zustand ändert sich nicht mehr für den Rest des Tages.“

Es ist da eine Wirklichkeit. Aber es ist eine andere als die der restlichen Welt. Und doch ist sie teilweise erstaunlich logisch. Auch hier eine kleine Szene wieder die das erhellt:

Zu einer anderen Gelegenheit antwortete er auf meine Frage, ob er denn seine eigenen Möbel nicht erkenne. „Doch, jetzt erkenne ich sie!“ „Das will ich auch hoffen“, sagte ich ein wenig von oben herab. Aber da schaute er mich enttäuscht an und erwiderte: „Du, das ist gar nicht so leicht, wie du denkst. Auch andere Leute haben solche Möbel. Man weiß nie.“

Es ist zu viel verlangt, diese Welt verstehen zu wollen oder sich in sie einzufühlen. Manchmal braucht es nur eine Gelöstheit um ein wenig mitzuspielen. Wie an dieser Stelle:

„Ludmilla wollte ihn gerade ins Bett bringen, aber er machte sich Sorgen, dass nicht alles erledigt war und jemand auf ihn wartete. Ich sagte ihm, für heute sei Schluss, alle Mann ins Bett. Er fragte bekümmert: „Und wer entlässt die Leute?“ Ich nahm seine Hand, drückte die kurz: „Ich entlasse die Leute, sie dürfen jetzt nach Hause gehen“. Hinter seiner Unsicherheit keimte ein Lächeln auf. Augenzwinkernd sagte er: „Du bist mein bester Freund!“

Natürlich waren in Wahrheit keine Leute zu entlassen. Zu recht aber sagt Arno Geiger:

„Einem Demenzkranken eine nach herkömmlichen Regeln sachlich korrekte Antworten zu geben, ohne Rücksicht darauf wo er sich befindet, heißt versuchen, ihm eine Welt aufzuzwingen, die nicht die seine ist.“

Trotzdem ist es falsch zu sagen, an Demenz erkrankte Menschen seine wie kleine Kinder. Zum Wesen eines Kindes gehört es, sich nach vorne zu entwickeln. Kinder erwerben Fähigkeiten. Demenzkranke verlieren die Fähigkeiten, die sie einmal hatten.

Es soll an dieser Stelle aber nicht der Eindruck entstehen, es sei ganz einfach und normal mit solchen Menschen korrekt umzugehen, man brauche sich nur etwas umzustellen. Immer wieder streichen Pflegerinnen, die sich um den Vater kümmern, die Segel. Manches unwirsche Verhalten ist einfach unerträglich. Auch wenn der Mensch nichts dafür kann, es schmerzt trotzdem. Es gehört zur Ehrlichkeit, auch das nicht zu verschweigen.

„Die Abende sind es, die einen Vorgeschmack auf das liefern, was bald schon der Morgen zu bieten haben wird. Dann, wenn es dunkel wird, kommt die Angst. Da irrt der Vater rat- und rastlos umher wie ein alter König in seinem Exil. Dann ist alles, was er sieht, beängstigend, alles schwankend instabil, davon bedroht, sich im nächsten Moment aufzulösen. Und nichts fühlt sich an wie zu Hause.“

Es ist das Grundmotiv für den dementen Vater August Geiger. Er will nach Hause. Er weiß nicht mehr wo das ist, noch wie er da hinkommt. Er misstraut dem Ort, an dem er sich aufhält. Zu Hause sieht ganz ähnlich aus wie hier – nur ein wenig anders.

Ist ein solches Gefühl wirklich so fremd? Ist hier nicht so etwas wie eine Schnittstelle zwischen dem Kranken und dem Gesunden und können wir nicht gerade hier etwas für unsere Seele Entscheidendes finden?

So schreibt Arno Geiger:

„Erst Jahre später begriff ich, dass der Wunsch, nach Hause zu gehen, etwas zutiefst Menschliches enthält. Spontan vollzog der Vater, was die Menschheit vollzogen hatte: Als Heilmittel gegen ein erschreckendes, nicht zu enträtselndes Leben hatte er einen Ort bezeichnet, an dem Geborgenheit möglich sein würde, wenn er ihn erreichte. Diesen Ort des Trostes nannte der Vater Zuhause, der Gläubige nennt ihn Himmelreich.“

Einen Ort der Geborgenheit wollen alle Menschen finden. Im Grunde genommen ist es doch nur so, dass wir Gesunden genügend Möglichkeiten und Fähigkeiten haben, uns von Ängsten, von Verlusten, von Sinnlosigkeit abzulenken und uns vor ihnen zu schützen. Geistesgegenwärtig erklären wir uns die Dinge und rücken sie zurecht, dass sie für uns passen und nicht unser Leben stören. Aber damit sind sie nicht aus der Welt. Im Inneren rumoren sie immer noch. Schon der Kirchenvater Augustinus stellte fest: Unruhig ist unser Herz ein Leben lang, bis es Ruhe findet, Herr, in dir. Ruhe finden, Beruhigung und tiefes Wissen, es ist alles richtig, es kann nichts passieren, das Leben geht morgen so weiter wie es heute war, nichts verändert sich – das symbolisiert das Haus. Selbst im Computerzeitalter ist darauf nicht zu verzichten, gibt es doch eine Stelle in all dem Internetwirrwarr, die da schlicht „home“ heißt. Schließlich heißt es ja auch homepage – das ist die sichere Seite, der Ausgangspunkt, dort, wo wir uns wieder auskennen.

Auch in der Bibel stoßen wir darauf, dass uns Umherirrenden Heimat gewährt wird, im Psalm 23 zum Beispiel: Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. Und so kann denn auch der Apostel Paulus in seinem 2. Brief an die Korinther feststellen: Wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.

Dem dementen Menschen wird das Haus nicht auf einmal abge-brochen, es wird Stück für Stück davon getragen. Und dann ist er nicht mehr nur ein König im Exil, dann steht er eher da wie der Kaiser in seinen neuen Kleidern – nämlich nackt. So schreibt es Paulus ja: wir wollen überkleidet sein von der Behausung, die vom Himmel ist, damit wir nicht nackt befunden werden.

Ist dieses Zuhause für den Gläubigen das Himmelreich? Gewissermaßen schon. Aber es soll nicht erst nach allem, was ist, kommen. Jesus sagt, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Es ist schon zu spüren, zu erfahren in dieser Welt. Es ist die Geborgenheit, die bis in unser wackeliges Dasein hineinreicht. Wir sind also nicht erst im Himmel zu Hause, sondern immer schon auch auf Erden genau so. Dieses himmlische Zuhause auf Erden ist unser Glaube.

Ja, aber ein Demenzkranker kann vielleicht auch nicht mehr glauben. Wissen wir es aber so genau?

Dann aber gibt es immer wider einmal die lichten Augenblicke, die Momente, wo der Vater zu Scherzen aufgelegt ist, wo er sein verschmitztes Lächeln aufsetzt, wo er nichts als ein liebenswerter alter Mann ist. Arno Geiger erzählt:

„In solchen Augenblicken war es, als trete er aus dem Haus der Krankheit heraus und genieße die frische Luft. Momentweise war er wieder ganz bei sich. Wir verlebten glückliche Stunden, deren Besonderheit darin bestand, dass sie der Krankheit abgetrotzt waren. „Mir geht es nach meiner Beurteilung nach gut“, sagte er. „Ich bin jetzt ein älterer Mann, jetzt muss ich machen, was mir gefällt, und schauen, was dabei herauskommt.“ „Und was willst du machen, Papa?“ „Nichts eben. Das ist das Schöne, weißt du. Das muss man können.“

Das muss man können – oder besser: das muss man sich schenken lassen können. Eine Gnade, die von oben kommt. Freude in allem Leid. Ein kleiner Lohn für das, was sonst alles ausgehalten wurde.

Gott lässt einen nicht im Stich. In solchen Momenten kann man es wieder glauben. Amen

Literaturgottesdienst „Der alte König in seinem Exil“ am Sonntag,

08. 09. 2013 in der Christuskirche Heidenheim mit Taufen

Orgelvorspiel

Lied 628, 1 – 3 Meine Zeit steht in deinen Händen...

Begrüßung

Psalm 121 (Nr. 749)

Überleitung zur Taufe

Lesung I (aus: Der alte König) Bendler

Lesung II aus Jesaja 46, V. 3 – 5 + 9 KGR

Lied 200, 1 + 2 + 4 Ich bin getauft auf deinen Namen

Glaubensbekenntnis

Tauffragen

Taufhandlung

Lied: 638, 1 – 3 Wo ein Mensch Vertrauen gibt...

Predigt

Lied: 398, 1 + 2 In dir ist Freude, in allem Leide...

Fürbittegebet

Vaterunser

Lesung (aus: der alte König) Bendler

Lied: 629, 1 – 3 Fürchte dich nicht...

Abkündigungen

Segensstrophe: 157 Lass mich dein sein und bleiben...

Segen

Orgelnachspiel

Schriftlesung

Jesaja 46, Verse 3 – 5 und 9

(3) Hört mir zu, ihr vom Hause Jakob, und alle, die ihr noch übrig seid vom Hause Israel, die ihr von mir getragen werdet von Mutterleibe an und von Mutterschoße an mir aufgeladen seid:

(4) Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.

(5) Wem wollt ihr mich gleichstellen, und mit wem vergleicht ihr mich? An wem messt ihr mich, dass ich ihm gleich sein soll?

(9) Gedenkt des Vorigen, wie es von alters her war: Ich bin Gott, und sonst keiner mehr, ein Gott, dem nichts gleicht.


 


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