Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über das "Osterlachen"

Pastor Christhard Rüdiger (ev.-meth.)

04.04.2010 in der Friedenskirche Chemnitz

Ostergottesdienst

Liebe Gemeinde, liebe Freunde und Gäste,

Friedrich der Große, der Preußenkönig - wir erinnern uns: „Jeder soll nach seiner Facon selig werden…“ - bekommt eine Akte vorgelegt. In ihr geht es um die Amtsenthebung eines Pfarrers, der er zustimmen soll. Dem Pfarrer wird Freigeisterei vorgeworfen. Er habe in seiner Osterpredigt öffentlich geäußert, dass er aus Vernunftgründen nicht an die Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag glauben könne.
Der König soll die Eingabe mit folgenden Worten abgewiesen haben: “Dit is janz und jar seine Sache, wenn er nich auferstehen will, denn soll er doch meinetwejen am Jüngstn Tach liejen bleibm.“

Liebe Gemeinde,
der Brauch des Osterlachens ist uns eher nicht geläufig. Aber es funktioniert noch - das Lachen am Ostersonntag, oder wenigstens ein Osterschmunzeln in den Gesichtern.
Der Herr ist auferstanden, der Tod ist besiegt - das erste Mal und nun genau deshalb immer wieder: besiegbar. Sterbliche Menschen lachen den Tod aus. Mit dem Auferstanden im Rücken.

Im Spätmittelalter stand das Osterlachen in hoher Blüte. Die Priester gackerten wie die Hühner, erzählten schlüpfrige Anekdoten, machten Handstände auf der Kanzel um das Kirchenvolk zum Lachen zu bringen. Bis es den Kirchoberen zu bunt wurde und alle theatralischen Darbietungen verboten wurden.

Die Protestanten hatten schon viel eher das Lachen in der Kirche verboten.
Nun, und wir Methodisten fanden schließlich fast gar nichts mehr lustig. Schließlich wollten unsere Großväter und Großmütter mit Ernst Christ sein.

Aber da eben einige gelacht haben, wage ich es in einem methodistischen Ostergottesdienst noch einmal, die Osterfreude hervorzukitzeln:

Wie lautet der Lieblingsbibelvers aller christlichen Bestattungsunternehmer? Phil 1, 21: „Christus, der ist mein Leben und Sterben mein Gewinn.“

Darf man über das Sterben lachen, liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe Freunde?
Heute ja, vielleicht nur heute, gerade heute, am Ostertag. Aber warum dann nur heute und nicht immer?
Wir könnten es einfach nicht immer. Wir müssen wir viel öfter weinen, trauern und uns vor dem Tod fürchten.
Aber wäre es da nicht umso wichtiger an diesem einen schönen Ostertag über den Tod zu lachen, der sich an Jesus verschluckt hat?

Weil wir gerade beim Philipperbrief waren: Einen hab’ ich noch:
Theologisches Examen: Ein ziemlich hoffnungsloser Fall sitzt zusammengesunken vor seinem Professor. „Sie wissen ja überhaupt nichts“, stellt dieser frustriert fest. „Können sie wenigstens einen einzigen Satz aus dem Neuen Testament auswendig?“ Zaghaft kommt die Antwort: „Ja, doch: Freuet euch in dem Herrn.“ „Naja, und vielleicht noch einen anderen Satz?“ Da geht ein Strahlen über das Gesicht des Kandidaten: „Und abermals sage ich: Freuet euch!“


Freut euch! Mit österlicher Freude! Vielleicht nur einmal heute und ganz bewusst gerade an diesem Tag. Viele haben heute schon gelacht. Vielleicht wieder einmal. Nach wie langer Zeit?

Aber ist das Lachen nicht kindisch? Macht es wichtige Dinge nicht schnell lächerlich? Und die Auferstehung, ja der Glaube an den Auferstanden ist etwas Wichtiges! Für uns Glaubende das Wichtigste überhaupt!

Hebt das Lachen nicht vom Boden ab - schafft Abstand zu den harten Fakten, zum Ernst des Lebens? Und können wir uns das leisten, mal etwas Abstand zu gewinnen von den Realitäten, wenn es nicht um irgendeinen Grund, nicht um irgendeine  Begründung geht, sondern den Grund des Seins schlechthin? Darf man über Glaubensdinge lachen? Sollten die uns nicht als letztes hoch und heilig sein? Und über Heiliges lacht man doch nicht, oder?

Aber das Osterlachen lacht ja nicht über das Heilige. Es lacht den Tod aus. Wir lachen über den Tod. Wie kleine Kinder, die beobachten, wie eine bisher unangefochtene Autorität (vielleicht ein strenger Lehrer) auf einer Bananenschale ausrutscht: Das ist lustig. Der ist ja gar nicht so stark, der ist ja gar nicht so perfekt, der kommt auch mal ins Straucheln.
Vielleicht steht er noch mal auf, aber seine absolute Autorität ist dahin. Und die Angst vor ihm damit auch.

Das Osterlachen wird menschlich provoziert. Mit allerlei Späßen, mit einem Handstand - das ist vorbei - mit lustigen Geschichten oder Witzen. (Wer hat die drei vom Anfang noch nicht vergessen?)

Aber im Grunde sind diese Provokationen nur Hilfskonstruktionen. Im Grunde hätten wir schon zu Beginn des Gottesdienstes, bei dem alten Ostergruß der Christenheit in schallendes Gelächter ausbrechen müssen: „Der Herr ist auferstanden!“. Und hätten damit den Tod und alle seine Begleiter, Diener und Vorboten ausgelacht. Und unsere Angst vor ihnen gleich mit.

Das wäre dann allerdings ganz und gar ungewohnt, darin haben wir nun gar keine kirchliche Tradition.

Wir zögern mit solchem herzerfrischenden Lachen. Denn wir erleben es eben tagtäglich anders. Wir bringen unser Leben mit, hierher am Ostermorgen. Mit den vielen Steinen, die uns in unseren Gräbern einsperren, mit den vielen Nachrichten von Tod, Gewalt und Zerstörung, die unsere Hirne tagtäglich empfangen, mit unserer Trauer um Menschen, die unser Ein und Alles waren und die nun fehlen. Mit unserer Angst vor der eigenen Vergänglichkeit, heute Morgen erst war sie wieder deutlich zu sehen, im Spiegel.

So kommen wir zum Gottesdienst und sollen gleich lachen… So schnell können wir nicht umschalten.

Und noch etwas anderes kommt hinzu: Wer wirklich der Auferstehungskraft begegnet, der Kraft also, die den toten Jesus auferweckt hat, der lacht nicht.
Ganz im Gegenteil: Der zittert. Wenn ein Mensch der Kraft Gottes begegnet, dann ist da nichts weiter als Furcht. Immer muss denen, die Gott erleben dann erst durch andere gesagt werden, dass sie sich vor der Macht Gottes nicht fürchten müssen. Anders als vor der Macht des Todes.

Wir erinnern uns: Die Hirten auf dem Feld bei Bethlehem: Fürchtet euch nicht! Die Frauen im leeren Grab stehend: Fürchtet euch nicht!

Wirkliche Gottesbegegnungen sind erschütternd. Da bleibt kaum Luft zum Atmen, geschweige denn zum Lachen. Die Begegnung mit dem Wesentlichen lässt uns angewurzelt stehen bleiben, führt in die Tiefe, gräbt alles um, wühlt uns auf und hinterlässt Spuren.

Dem Auferstanden in unserem normalen Leben zu begegnen, da werden wir ganz still, wenn es uns passiert. Da gehen wir innerlich und vielleicht sogar auch äußerlich in die Knie. Da sind wir überwältigt und wagen nicht einen Mucks.
Da vergeht uns alles Lachen.
Wenn Gott den Stein wegnimmt, der uns so lange das Blau des Himmels vorenthalten hat. Wenn er uns unsere innere Festigkeit wiederschenkt, wo wir am Verzweifeln waren. Wenn er uns einen Freund zur Seite stellt, wo wir so lange einsam waren. Wenn uns ein Licht aufgeht, an das wir schon nicht mehr glauben wollten. Wenn es Ostern wird in den Tagen vor und nach dem Osterfest.
Wer dem Auferstanden begegnet, dem bleibt die Spucke weg. Eine Begegnung mit Christus ist kein Date, kein Event, kein Termin - es ist in jedem Fall etwas Wunderbares, Überwältigendes, Erschütterndes.

Also doch nicht so viel lachen?

Oder aber: Lachen wir in der Zeit zwischen solchen Highlights. Gottesbegegnungen richten sich nicht nach unserem Kalender. Manchmal lassen sie lange auf sich warten. Vielleicht ist das Lachen ja dafür gemacht worden: Für die Zeit dazwischen, für die Zeit in der wir aushalten müssen, kämpfen, bestehen, nicht zurückweichen, fest bleiben müssen. Damit wir in dieser Zeit nicht fest und hart werden, gibt es die Möglichkeit, von Herzen zu lachen. Oder wenigstens zu schmunzeln. Über die Dinge, die uns Angst machen. Und manchmal, das ist ja dann fast die Krone des Lachens: über uns selbst.

Es ist ein Befreiungsschlag besonderer Güte, sich selbst zurückzulassen, alle die Überzeugungen und Erwartungen, wie das Leben sein müsste und was demnächst alles passieren muss zu meinem Glück - das alles aus der Distanz ansehen zu können - mit einem Lächeln.
Von Johannes dem XXIII. wird überliefert, er hätte jedem erzählt, was ihm ein Engel einmal im Traum geraten hat: Nimm dich nicht so wichtig, Giovanni…
Es könnte noch etwas anderes geben, als das, was ich selbst gerade unbedingt brauche, haben will, erreichen möchte - und nicht bekomme.
„…Man halte nur ein wenig stille, und sei doch in sich selbst vergnügt. …Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit. …“ Georg Neumark hat das 1642 gedichtet. „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ so heißt sein schönes Lied…

Und wenn es wirklich eng wird, liebe Gemeinde, liebe Gäste?
Wenn uns der Tod erreicht, wenn wir mit schlimmen, lebensfeindlichen Dingen konfrontiert werden, wenn uns die Macht des Todes den Hals zuschnürt, wenn der Tunnelblick über uns kommt und die Gruft sich über uns zu schließen droht?
Dann wäre es gar nicht so schlecht, das Lachen gelernt zu haben. Sich den faktischen oder auch dem vermeintlichen Mächten des Todes zu widersetzen, indem man sie auslacht.

Das Lachen kann man üben. Um präpariert zu sein für die Situationen, in denen man es brauchen wird, wo man eigentlich nichts zu lachen hat, wo einem das Lachen im Halse stecken bleiben will.

Dieses Lachen muss dann aber, um wirklich wirken zu können, ein Osterlachen sein. Ein Lachen mit dem Auferstandenen im Rücken. Anders kann es uns nicht trösten.
Vielleicht kommt es nicht so frei heraus wie heute Morgen hier im geschützten Raum. Aber wenn es nur ein Schmunzeln wäre! Wenn uns nur ein Lächeln gelänge, dann hätten wir schon gewonnen. Denn wir hätten wieder gelten lassen, was wir uns heute Morgen so überzeugt zugerufen haben: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“

Ein letzter Witz zum Schluss:

Ein Student, 1. Semester, in einem Predigtnachgespräch, nach langer harter Diskussion:
„Ob es die Auferstehung wirklich gibt, Herr Pfarrer, werden wir hier nicht entscheiden. Also sterben wir erst einmal. Und dann reden wir weiter.“

Amen