Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über das Thema "Gott ist im Leid"

Pastor Martin Funke (ev.-luth.)

22.04.2011 in der Kirchengemeinde Arche Noah in Lachendorf

Liebe Gemeinde,


immer wieder erleben wir Situationen menschlichen Leids, bei denen wir an unsere Grenzen geraten: Wo z.B. Mobbing-Opfer schuldlos seelische Qualen der Erniedrigung ertragen müssen, schütteln wir mit dem Kopf und fragen: Mein Gott! Was machen die Menschen da bloß miteinander? Oder da, wo Kranke ihre starken Schmerzen nicht mehr loswerden trotz Therapien und Medikamenten, da sind auch wir verzweifelt und fragen: Warum lässt Gott das bloß zu? Ebenso geht es uns mit Menschen wie zur Zeit denen in Japan, die alles verloren haben und nach den Erd- und Seebeben auf das apokalyptische Ausmaß einer Verwüstung blicken sowie auf quadratkilometerbreite radioaktive Verstrahlung.


Warum lassen wir Menschen das zu? Warum lässt Gott das zu? Es ist für uns immer wieder schwer zu begreifen, dass Gott, der Allmächtige, nicht mehr Leid verhindert, obwohl er es kann, besonders wenn wir emotional sehr beteiligt sind. Doch ob erträglich oder unerträglich: Leid gehört zum Leben. Wer keinen Schatten sieht, bemerkt das Licht nicht. Wer keine Grenzen kennt, kann die Freiheit nicht genießen, und wer kein Leid erlebt, erlebt auch keine Freude. Darum duldet Gott Leid, so schwer es in dem Moment ist. Es gehört zum Leben dazu, wie er es geplant hat, und zu der Welt, die er in seinen Händen hält.


Doch gibt doch noch eine andere Reaktion Gottes auf die quälenden Fragen – eine stumme Reaktion, ohne Worte: sein eigenes Leid in der Person seines Sohnes Jesus Christus. Er erleidet seelische Erniedrigung, als die Soldaten ihm die Dornenkrone aufsetzen, den Purpurmantel anziehen, ihm ins Gesicht schlagen und verspotten: „Sei gegrüßt, König der Juden!“ Die, die mal zu ihm gehalten hatten, halten in diesem Moment nicht mehr zu ihm. Judas hat sich schon vorher auf die Seite der Gegner geschlagen, Petrus hält nicht, was er versprochen hat, und die andern sind irgendwo, aber nicht da. Jesus erleidet auch starke Schmerzen, die nicht mehr aufhören, als er ausgepeitscht wird und schließlich am Kreuz hängt. Am Ende hat er alles verloren, und das in kürzester Zeit.


Das ist Gottes Reaktion auf unser menschliches Leid. In der menschlichen Person seines Sohnes erlebt er das gleiche wie wir und macht es durch. Doch nimmt er Leid nicht nur in Kauf, sondern geht bewusst einen Weg, zu dem es dazugehört - unverzichtbar zu seiner Mission. Darum sagt er auch zu Petrus: „Steck dein Schwert in die Scheide! Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?“


Indem er diesen Weg wählt, wird Jesus auch zum einem König, der sich von anderen bewusst diametral unterscheidet. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt,“ sagt er darum auch zu Pontius Pilatus, weil er nicht mit Macht, Prunk und Glanz gekrönt und mit Ehre inthronisiert wird, sondern mit Ohnmacht, Elend, Leid und Unehre. So wird er für uns, die wir auf ihn sehen, nicht zu einem König mit Anmut und erhobenem Kopf, sondern zu einem König mit Gottvertrauen, Größe und Stehvermögen. Insbesondere nach der Passionsgeschichte, wie sie Johannes erzählt, wird Jesus in dieser Phase seiner Mission zum wahren König erhöht und erweist sich auch wirklich als einer. Was er getan und gesagt hat, besteht den Härtetest und verdichtet sich zur Wahrheit.


Darum entzieht er sich auch den Machtspielen, die seine jüdischen und römischen Gegner betreiben. Bewusst nutzt er seine Chance nicht, sich mit großen, geschwungenen Worten zu erklären und zu rechtfertigen, als er vor Pilatus steht. Bewusst nutzt er seine Chance nicht, den Rückzieher zu machen und alles zu widerrufen oder zu relativieren, was er getan hat, auch dann nicht, als Pilatus ihn mit den Worten herausfordert: „Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich loszugeben, und Macht habe, dich zu kreuzigen?“ Diese Art von Macht ist Jesus egal. Er vertraut der Macht, die ihn in diesem Moment hält, all dies durchstehen und mitmachen lässt: der Macht Gottes.


Die Botschaft, die Gott so durch seinen Sohn Jesus Christus übermittelt, heißt: Ich habe Leid selbst erlebt und bin so allen nahe, die es erleben. Gott ist im Leid, und dort will er sein. Diese Antwort geht an alle, die an seinem Ausmaß zu verzweifeln drohen, und spendet allen Trost, die an seinen Beistand glauben. Seine Nähe im Leid gilt umfassend und ausnahmslos.


Wenn Menschen Sorgen plagen, sie Nächte wach liegen und die Unruhe sie von einer Seite auf die andere Seite wälzt, plagt und wälzt Gott sich mit. Wenn das Gewissen beißt und Schmerzen macht, so ist er in den Schmerzen. Wenn sich unser Gesicht verzerrt und unsere Hände nach Fassung ringen, verzerrt sich und ringt Gott mit. Wenn Mobbing-Opfer sich erniedrigt und ganz unten fühlen, ist Gott da ganz unten bei ihnen. Er ist im Ziehen in der Brust, wenn Menschen Schuld oder Einsamkeit quält. Er ist in den fließenden Tränen und gesenkten Köpfen. Er ist in den Kerben der Sorgen- und Kummerfalten und rollt in den Perlen des Angstschweiß’. Er ist in den eingestürzten Häusern vergraben und liegt auf den Notlagern an den Flughäfen.


Wie groß kann das geringste Leid sein, wenn es niemand mit uns fühlt! Und wie gering kann das größte Leid sein, wenn es einer mit uns aushält!


Gott ist im Leid. Gott mutet uns alles Mögliche zu, aber niemals, es allein durchzustehen. Das ist die Botschaft seines Leidens, das seinen Höhepunkt findet am Karfreitag. Wo er am fernsten zu sein scheint, ist er am nächsten. Wo wir ihn am meisten vermissen, ist er am sichersten da. Und wo Leidende ihn nicht spüren, ist er dabei, sie zu spüren. Und all die Medien, die Bilder des Leids allen möglichen Orten der Welt zu uns übertragen, übertragen in jedem Bild auch Gott. Sehen wir ihn dort im Leid? Es ist gut, wenn wir uns ihn gerade dort real und gottesbildlich vorstellen anstatt irgendwo da oben im Himmel, wo er den Leidenden fern ist. Wo Menschen an diese Nähe glauben und sie spüren, wird wahr, was Jesus in der Bergpredigt sagt: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“.


Doch es geht nicht nur darum, an Gottes Gegenwart und Beistand im Leid zu glauben und es damit zu lindern, sondern es geht auch darum, Ermutigung zu empfinden, nicht aufzugeben. Wenn wir auf das Durchhalten Jesu Christi sehen, werden wir auch dazu ermutigt, selbst durchzuhalten. Wieviel innere Kraft bringt er auf in all diesen leidvollen Anfechtungen! Die können wir auch aufbringen. Wieviel Gottvertrauen hat er noch in den letzten Zügen, das ihn immer wieder hochzieht! Das können wir auch haben. Hier ist der leidende König Jesus auch ein Vorbild - zur Nachahmung empfohlen.


Liebe Gemeinde, auf der Suche nach Gott werden wir immer dann fündig werden, wenn wir unsern Blick dahin richten, wo Leben leidvoll und unangenehm ist. Und der Kreuzestod seines Sohnes am Karfreitag ist der Höhepunkt seines Wirkens unter uns Menschen, weil dort am deutlichsten wird, wie ernst es ihm ist mit seiner Liebe und seiner Freundschaft zu uns.


Mit diesem Beistand und diesem Vorbild wird es uns am ehesten gelingen, Leid als Teil unseres Lebens zu akzeptieren. Es möge uns und anderen helfen, unser Kreuz zu tragen, zu ertragen, was unerträglich scheint, und anzunehmen, was unannehmbar scheint, im Leiden und Mitleiden mit anderen.


Amen.