Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über den 2. Artikel des Apostolikums

Pfarrer Dr. theol. Sascha Flüchter (ev)

06.02.2011 in der Evangelischen Kirchengemeinde Meiderich

Einstieg: Das Glaubensbekenntnis als Brühwürfel

Haben Sie/habt Ihr schon einmal einen Brühwürfel gelutscht? – Wahrscheinlich eher nicht ... und das ist auch gut so. Denn seine Bestandteile sind extrem hoch konzentriert, dann getrocknet und zusammengepresst, damit sie Platz sparend lange Zeit auf bewahrt werden können. Das macht den Brühwürfel robust und praktisch, aber leider auch – in dieser Form wenigstens – nur schwer genießbar.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Was redet der von Brühwürfeln, wo doch auf dem Gottesdienstblatt steht, dass der Predigttext für heute ein Artikel aus dem Glaubensbekenntnis ist?

Nun, ich finde, das Glaubensbekenntnis große Ähnlichkeiten mit einem Brühwürfel. Es ist eine Art getrockneter Nahrung für eine lange Reise. Die Wirkstoffe werden hoch konzentriert, damit sie lange Zeit bewahrt werden können. Das Glaubensbekenntnis ist ein Extrakt des Glaubens. Im Glaubensbekenntnis hält die Kirche in sehr kurzer und verdichteter Form fest, woran sie glaubt.1

Wie beim Brühwürfel hat sich das auch beim Glaubensbekenntnis durchaus bewährt: Über 1600 wechselvolle Jahre hinweg hat es die Grundpfeiler des christlichen Glaubens bewahrt: Es ist und bleibt das gemeinsame Bekenntnis aller christlichen Kirchen.

Andererseits teilt es aber auch die Nachteile mit seinem Verwandten, dem Brühwürfel. Wie andere Extrakte kann man das Glaubensbekenntnis nicht einfach unverdünnt zu sich nehmen. Man muss diesen Brühwürfel auflösen – in den Erzählungen der Bibel aus dem Alten und Neuen Testament und dann auch in der eigenen Lebensgeschichte. Glauben lernt man durch Erzählungen, alten und neuen; Erzählungen von Menschen, die Erfahrungen gemacht haben mit Gott und dem Glauben an ihn.

Nur wenn es uns gelingt, den Brühwürfel aufzulösen, dann kann das Glaubensbekenntnis verständlich und erfahrbar werden.

Das, liebe Gemeinde, möchte ich in der Predigt heute versuchen, zumindest für den zweiten und längsten Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. Ich lese ihn uns noch einmal vor:

Ich glaube an Jesus Christus,

Gottes eingeborenen Sohn,

unsern Herrn,

empfangen durch den Heiligen Geist,

geboren von der Jungfrau Maria,

gelitten unter Pontius Pilatus,

gekreuzigt, gestorben und begraben,

hinab gestiegen in das Reich des Todes,

am dritten Tage auferstanden von den Toten,

aufgefahren in den Himmel;

er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;

von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Das ist schon ein ganz schöner Brühwürfel. Ich will versuchen, in drei Abschnitten ein bisschen davon aufzulösen, damit wir davon kosten können:

I. Jesus Christus, der eingeborene Sohn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria

Der Anfang des zweiten Artikels ist schon allein von der Sprache her gewöhnungsbedürftig. Denn was, bitte schön, soll man sich unter Jesus als dem »eingeborenen Sohn« vorstellen, wenn wir das Wort »Eingeborener« eigentlich nur für die Ureinwohner einer Gegend kennen. Wie soll kann Jesus der »Eingeborene« Gottes sein?

In der lateinischen Fassung, die unserer deutschen Übersetzung zugrunde liegt, steht an der betreffenden Stelle das Wort »unicum«.

Auch das Wort Unikum benutzen wir ja durchaus heute manchmal, wenn wir von etwas Einzigartigem reden, etwas, das es in der ganzen Welt so nur ein einziges Mal gibt.

Und damit sind wir ganz nahe dran an der lateinischen Wortbedeutung. Wenn die Verfasser des Glaubensbekenntnisses von Jesus als dem filium unicum reden, dann meinen sie zunächst einmal Gottes einzigen Sohn.

Den aber macht ja nicht seine Stellung als Einzelkind zu einem wirklichen Unicum, sondern die Tatsache, dass es sich bei Jesus Christus um den Sohn Gottes handelt. Gezeugt vom Heiligen Geist, das heißt von Gott selber hervorgebracht und damit selber Gott, ja mehr noch: Gott selbst.

Das ist einer der schwierigsten Gedanken der christlichen Gotteslehre: Der eine Gott tritt uns in dreifacher Gestalt entgegen: Als Vater, als Sohn und als Heiliger Geist. Und bleibt dabei doch stets der eine Gott.

Den Schülern sage ich immer, wenn sie danach fragen: Es ist wie mit dem Wasser und seinen Aggregatzuständen: Wir erleben das Wasser fest als Eis, flüssig als Wasser und gasförmig als Dampf. Und dabei ist es doch stets das eine Wasser.

So kann man sich das auch bei Gott vorstellen: Er begegnet der Welt und uns Menschen als Schöpfer, das ist der Vater; als Erlöser, das ist der Sohn; und als Bewahrer, das ist der Heilige Geist.

Damit ist Jesus tatsächlich ein unüberbietbares Unikum: Als Mensch geboren ist er gleichzeitig wahrer Gott. In dem kleinen Kind in der Krippe von Bethlehem kommt der große Gott selber in diese Welt. Jesus, der wahre Gott, wird als Mensch geboren, von der Jungfrau Maria.

Und die macht uns das Glauben und Bekennen doch ganz schön schwer. Als Jugendlicher hatte ich mir selber auferlegt, beim Glaubensbekenntnis und auch sonst im Gottesdienst nur die Worte und Sätze mitzusprechen, die ich voll und ganz bejahen kann. Sie ahnen es sicher schon, an der Stelle mit der Jungfrau Maria habe ich beharrlich geschwiegen. Zu sehr widersprach das meinem rationalen Denken und meiner naturwissenschaftlichen Weltsicht.

Erst an der habe ich einen Zugang zu diesem Teil des Glaubensbekenntnisses gefunden.

Zum einen habe ich gelernt, dass an der Bibelstelle aus dem Matthäusevangelium, auf der die Lehre von der Jungfrau Maria beruht, ein Übersetzungsfehler zu finden ist. Matthäus hat eine Verheißung des Propheten Jesaja aufgenommen, in der es im hebräischen Text heißt, dass eine alma – eine junge Frau, die noch keine Kinder hat – einen Sohn gebären soll.

In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments aber, die der Evangelist Matthäus für sein Zitat benutzt hat, steht an Stelle von alma das Wort parthenos. Und das heißt nun wirklich Jungfrau in dem Sinne, wie wir es auch heute noch verwenden. – Alles also nur ein Übersetzungsfehler?

Ja und Nein, würde ich sagen. Ja, weil sich offensichtlich eine Bedeutungsverschiebung ergeben hat, die zur Rede von der Jungfrauengeburt geführt hat. Nein, aber weil es sich bei jeder Übersetzung immer auch um eine Interpretation handelt, ein neues aktuelles Verstehen alter Texte.

Hier bedeutet das: Matthäus hat mir seiner Auslegung des Prophetenwortes dem Unikum Jesus Christus zu einer einzigartigen Geburt verholfen. Und das ist es auch, worum es an dieser Stelle des Glaubens-bekenntnisses geht:

Nicht ob wir uns vorstellen können und wollen, dass Maria Jungfrau war, als sie Jesus empfangen hat. Nicht ob wir das für historisch wahr halten, ist hier die entscheidende Frage.

Denn Glauben bedeutet ja im biblisch-christlichen Sinne nicht, etwas für historisch wahr zu halten. Glauben bedeutet vielmehr vertrauen. Die Frage lautet daher: Setzen wir unser Vertrauen in Jesus Christus, weil er ein wirkliches Unikum ist: Gott selber in menschlicher Gestalt.

Ist dieser Jesus unser einziger Trost im Leben und im Sterben? – Das ist die entscheidende Frage!

Der nächste Abschnitt des zweiten Artikels macht das deutlich:

II. Jesus Christus, der gekreuzigte Sohn, gelitten unter Pilatus, gestorben und begraben, hinab gestiegen in das Reich des Todes

Das Einzigartige an Jesus Christus liegt nicht allein darin, dass er Gott ist, sondern auch und vor allem darin, dass er gleichzeitig auch ganz und gar Mensch ist.

In Jesus wird Gott selber Mensch, um den Menschen nahe zu sein. Deshalb lebt er in Jesus unser Leben, mit allen Konsequenzen. Teilt unsere Ohnmacht, unsere Furcht und unsere Hoffnungslosigkeit. Geht unseren Lebensweg mit bis ans Ende, geht bis hinein in unseren Tod. – Und vollbringt damit das größte Wunder seit Menschengedenken:

In der Person des gekreuzigten Jesus ist Gott sogar in unserem Tod an unserer Seite. Das heißt aber: selbst wenn im Sterben die Sünden unseres ganzen Lebens über uns herfallen sollten, können wir in kein Gericht, in keinen Tod und keine Gottverlassenheit geraten, in der nicht der gekreuzigte Jesus an unserer Seite ist – und mit ihm Gott selbst!

Dass das Glaubensbekenntnis extra erwähnt, dass Jesus nach seinem Begräbnis in das Reich des Todes – früher sagte man: in die Hölle – hinab gestiegen ist, führt das konsequent weiter.

Die einzige Rettung für uns Menschen, die wir uns trotz aller guter Absichten und ernsthaftem Bemühen immer wieder in Schuld und Sünde verstricken, ist es, dass Jesus diejenigen sucht und findet, die Vergebung und Neubeginn nötig haben.

Diesem Bemühen Jesu um die Seelen der Menschen, kann auch der Tod keine Grenze setzen. Der erste Petrusbrief hat die Vorstellung aufbewahrt, dass Jesus die drei Tage im Grab dazu genutzt hat, den Verstorbenen in der Unterwelt nahe zu sein.

Ich finde das einen tröstlichen Gedanken: Wie oft müssen wir erleben, dass es im Leben ein »zu spät« gibt. Zu spät für ein klärendes Gespräch. Zu spät für eine Umkehr, einen Richtungswechsel. Zu spät für ein »entschuldige bitte« oder ein »ich vergebe dir«.

Gut, dass im Glaubensbekenntnis festgehalten ist, dass es für Gottes Barmherzigkeit kein »zu spät« gibt. Jesus Christus – die Gestalt gewordenen Liebe und Barmherzigkeit Gottes – deckt zu, was wir Menschen einander und was wir Gott schuldig bleiben.

III. Jesus Christus, der auferstandene Sohn, aufgefahren in den Himmel, Richter der Lebenden und der Toten

Durch Jesu Tod und Auferstehung hat Gott dem Tod die Macht über uns genommen. Auch was menschlich unmöglich erscheint ist nicht mehr die Grenze unsere Hoffnung. – Und das hat Konsequenzen!

Inmitten dieser Welt hat Jesus die Menschen zu einem Leben gerufen, das all die irdische und menschliche Begrenztheit zwar kennt, aber nicht zu fürchten braucht. Er hat sie herausgerufen aus den Gefängnissen ihres Lebens:

 Wie den Zöllner Zachäus, den er herausgerufen hat aus Einsamkeit und Schuld: Steig eilend herunter, denn ich muss heute in deinem Haus einkehren!

 Wie den Kranken am Teich Bethesda, den er herausgerufen hat aus dem lähmenden Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!

 Wie die Lazarus, den er herausgerufen hat aus seinem Grab, vom Tod ins Leben: Lazarus, komm heraus!

Der Auferstandene stellt uns unüberhörbar die Frage: »Was würdest Du tun, wenn Du nicht so traurig, nicht so ängstlich, nicht so verzweifelt wärst? Wie würdest du leben?«

Und dann sagt er uns genauso deutlich: »Ich lebe und ihr sollt auch leben! – Deshalb kannst Du das jetzt tun! Deshalb kannst Du jetzt so leben!«

Deshalb lohnt es sich, an das Leben zu glauben, an Menschlichkeit, Versöhnung, Frieden, Gerechtigkeit und Glück. Und zwar gerade da wo von alldem nichts zu spüren ist.

Denn jeder noch so kleine Schritt auf dem Weg dorthin macht dann Sinn und hat Zukunft, weil er Gottes Willen nämlich entspricht. Darum sollen wir nicht müde werden, sondern alles daran setzen, diesem Willen zu folgen.

Wir brauchen uns dabei aber nicht zu überfordern, denn der Erfolg hängt ja nicht allein von uns und unserer Anstrengung ab. Aber wir dürfen und sollen wissen: Nichts ist umsonst, nichts gleichgültig, nichts vergeblich, was im Namen und im Sinne Jesu Christi geschieht!

Darum können wir leben, ohne alles zu wissen, alles zu durchschauen, ohne alle Träume verwirklichen und alle Probleme lösen zu müssen. Wir können die Widersprüche und Begrenztheiten unseres Lebens annehmen und lernen mit Gottes unbegrenzten Möglichkeiten zu rechnen. Dass er nämlich das vollendet, was bei uns Stückwerk bleibt.

Denn das letzte Urteil über uns, über unser Leben und über diese Welt, spricht weder die Geschichte, noch das Schicksal, sondern Jesus Christus, der zur Rechten Gottes sitzt, des allmächtigen Vaters und von dort kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten.

Und darum liebe Gemeinde wird das letzte Wort über unser Leben und die Geschichte der Menschheit und der Welt ein Wort der Gnade sein. Das glaube ich! Amen.

Lasst uns beten:

Herr Jesus Christus,
der Glaube an dich ist manchmal
ein ganz schöner Brocken.
Schenke uns Erfahrungen, in denen er sich auflöst,
in Worte und Taten,
in lebendige Zeugnisse,
in Vertrauen in Menschen, die Welt und das Leben,
damit wir schmecken und sehen,
wie freundlich unser Gott ist.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

1 Vgl. Reinhard Schmidt-Rost, Kirchentag 2005 (http://www.kirchentag2005.de/s9y/index.php?/archives/80-Das-Credo-Bruehwuerfel-des-Glaubens.html)