Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über den Film "Liebe"

Pastor Thomas Frings (rk)

01.10.2012 in der Heilig Kreuz Kirche Münster

in der Reihe "Kirche und Kino" Predigten zu aktuellen Filmen

„Liebe“

Regie: Michael Hanekes

2012

mit Emmanuelle Riva, Jean-Louis Tritignant, Isabelle Huppert und Alexandre Tharaud (Pianist)

Der Film macht uns zu Zeugen beim letzten Akt einer Beziehung. Das Aufbrechen der Wohnung durch die Polizei lässt das Ende des Filmes erahnen. So wird etwas von der Spannung genommen um gleichzeitig die ganze Konzentration auf jede Szene zu lenken und nicht nur auf den Schluss. Diese Konzentration beginnt schon damit, dass der Film keine untermalende Filmmusik verwendet. Die Wirklichkeit ist dramatisch genug!

Dann sehen wir das Paar George und Anne bei ihrem letzten gemeinsamen Weg außerhalb ihrer Wohnung. Sie, die Musikprofessoren, besuchen das Konzert des Schülers Alexandre, erfreulicherweise im Film gespielt vom Pianisten Alexandre Tharaud.

Zurück in der Wohnung werden sie und die Zuschauer diese nicht mehr verlassen. In Art eines Kammerspieles werden wir Zeugen des letzten Aktes der Beziehung, mehr noch, der Liebe von Anne und George. Dabei bleibt die Kamera oft auf Distanz und filmt einen der Beiden im Gespräch in der Rückenansicht.

Nur wenige Menschen erhalten noch Zutritt zu dieser Zweisamkeit: die Tochter und ihr Mann, eine Pflegerin, der Pianist Alexandre, der Concierge des Hauses. Am Ende bleibt als einzige Verbindung zur Außenwelt eine Taube, die sich durch das Fenster, durch das sich Anne bei einem Selbstmordversuch stürzen wollte, in die Wohnung verirrt hat.

Nicht nur die beiden Darsteller sind alt im Film (beide sind auch in der Realität über 80 Jahre alt), sondern auch ihre Kleidung und die Wohnung sind über die Jahrzehnte alt und verbraucht worden. Mit den beiden sind die Zuschauer eingeschlossen in dieser Wohnung.

Mehrere Schlaganfälle lassen Anne Schritt für Schritt zum schweren Pflegefall werden, die auch George von Mal zu Mal mehr in der Pflege heraus- und auch überfordern.

Wir werden Zeugen, wie George und Anne nach jahrzehntelanger Liebe diese neue Situation lernen. Sie fühlt sich als Belastung, er unternimmt alles, um ihr das Gefühl zu nehmen. Er zeigt ihr seine Liebe und ringt sich das Versprechen ab, sie nie mehr ins Krankenhaus zu bringen. Den körperlichen Verfall zu begleiten von geistig regen und kultivierten Menschen, die in Würde miteinander gelebt haben und nun einen Weg des Sterbens suchen, wird in jeder Phase gezeigt. Anne und George lernen ein neues und höchst herausforderndes Miteinander angesichts ihrer verfallenden Körper, denen sie nicht entfliehen können.

Als Anne, zum hilflosen, aber nicht willenlosen Bündel im Bett geworden ist, zeigt sie George gegenüber durch die Nahrungsverweigerung, dass sie nicht mehr leben will. Und George willig schließlich ein. Um den bisherigen Leiden nicht noch weitere hinzuzufügen erstickt er Anne.

Das Thema Gott oder Glaube werden im Film nicht erwähnt, einmal abgesehen davon, dass George von der Beerdigung eines Freundes kommt und sagt, der Priester sei schwachsinnig gewesen. Und es ist gut, dass Gott oder Glaube keine Rolle spielen, denn so bleibt der Film offen für alle Zuschauenden, denn Glaubende wie Nichtglaubende müssen sich der Frage des Umgangs mit dem Lebensende stellen.

Die Frage danach hat durch die medizinisch-technische Entwicklung eine neue Brisanz erhalten. Das Wort „Patientenverfügung“ zeugt davon, denn Menschen nehmen gerne medizinische Hilfe in Anspruch, doch immer mehr wollen auch nicht um jeden Preis das Leben verlängern.

Der Film gibt eine Antwort auf das Sterben, doch jeder von uns muss seine geben – und ich möchte ergänzen: jeder von uns muss lernen, seine Antwort zu geben.

Der Schweizer Analytiker C.G. Jung sagt: „Die Aufgabe der erste Lebenshälfte ist Versöhnung mit dem Leben, die der zweiten Lebenshälfte heißt Versöhnung mit dem Tod.“ In diesem Sinne ist ´Sterben´ nicht das Ereignis weniger Minuten oder Sekunden, sondern ein langer Prozess.

Stehen wir am Ende des ersten Lebenshälfte vielleicht auf einem Höhepunkt des Lebens, wartet am Ende der zweiten Lebenshälfte unausweichlich der Tod. Dies macht die zweite Lebenshälfte dramatischer. Haben wir in der ersten Eltern und Ausbildungsstätten, haben wir in der zweiten --- wenn wir Glück haben Vorbilder.

Eine Großtante hat es mir vorgemacht. Sie hatte es sich vorgenommen, 90 Jahre alt zu werden und dann zu sterben. Mit 80 gab sie den Führerschein ab – mit 88 die Wohnung nach einem Oberschenkelhalsbruch auf – hinter jedem Teil in der Wohnung war ein Namensschild, wer es bekommen sollte – mit 89 brauchte sie einen Rollstuhl – Wochen vor dem 90. Geburtstag stellt sie, eine Ur-Kölnerin, das Sprechen ein – und 21 Tage nach diesem Geburtstag starb sie beim Mittagschlaf. Das nenne ich eine Punktlandung und die beste Form einer ´aktiven´ Sterbehilfe. Das immer wieder Sprechen über den Tod hat diesen nicht schneller kommen lassen, aber zu einer aktiven Gestaltung des Alters angesichts der eigenen Sterblichkeit geführt.

Das sich unsere Gesellschaft mit dem Alt-Sein schwer tut zeigt sich an dem mir so verräterischen Satz „Man ist nur so alt wie man sich fühlt!“ Ich habe diesen Satz noch nie aus dem Mund eines jungen Menschen gehört. So ist er vielmehr einmal Indikator für alte Menschen – und er ist ein mögliches Indiz für ein gestörtes Gefühlsleben. Alt werden möchte alle, alt sein nur die Wenigsten.

Vielleicht verbirgt sich dahinter die Angst, dass der Tod schneller kommt, wenn man sich der Sterblichkeit stellt.

Im Film setzt George dem Leben seiner Frau Anne ein Ende, nicht gegen ihren Willen. Die Frage steht im Raum: was dürfen wir Menschen?

Zwei Beispiele, mit denen ich in letzter Zeit konfrontiert wurde.

  • Darf man die Magensonde bei einer schwerst Demenz kranken Frau mit Mitte 60 wieder entfernen, die gegen ihren früher geäußerten Wunsch und gegen den Willen des erwachsenen Kindes gelegt wurde?

  • Darf man den Notarzt erst rufen, wenn der lange leidende Vater nach dem wiederholten Schlaganfall wirklich endgültig verstorben ist?

Beide Fälle habe ich nach Gesprächen mit den Angehörigen mit ´Ja´ beantwortet.

Aus christlicher Überzeugung ist weder der Anfang, noch das Ende des Lebens in unsere Verfügung gestellt. Es kann jedoch auch nicht alleine abhängen von den äußersten medizinischen Möglichkeiten. Die Kriterien von gut oder schlechten helfen hier nicht immer weiter, wohl aber die von hilfreich oder nicht hilfreich, selbst wenn deren Grenzen fließender sein mögen.

Die medizinischen Möglichkeiten sind gut, solange sie im Dienst des Lebenswillens stehen. Doch es gibt auch das einwilligen ins Sterben. Das Einwilligen in die Sterblichkeit hingegen beginnt schon sehr viel früher.

Der Film gibt eine Antwort – ich muss in Hinblick auf mein Leben einmal meine Antwort geben. Sich der Frage zu stellen ist in jedem Falle eine der besten Möglichkeiten, am Ende die richtige Antwort zu finden – für andere und für sich.

Am Ende des Films holt die verstorbene Anne, wie in einer Traumsequenz, George aus der Wohnung ab zu einem Spaziergang. Dies als Bild für ein Wiedersehen nach dem Tod, für eine Auferstehung zu deuten, sei mir erlaubt. Wohin beide gehen bleibt offen, doch aus der Wohnung, in die sie sich zuletzt ganz zurückgezogen hatten, gehen sie hinaus.

Ich bin Christ. Mein Mensch-Sein erfährt durch den Glauben eine Dimension, in der mein Leben mit dem Tode nicht nur zu Ende geht, sondern in die Begegnung mit Gott führt. Ich habe die Hoffnung, dass dies einmal mein Sterben beeinflussen wird.

Ich bin 52 und ziemlich sicher in der zweiten Lebenshälfte. Habe ich bisher das Leben gelernt, so stellt sich mir jetzt die Aufgabe der Versöhnung mit meiner Sterblichkeit. Ich versuche es und auch bei mir ist es das erste Mal. Im Übrigen halte ich es mit Goethe: „So kam ich durch, so ging es allenfalls; mach’s einer nach und breche nicht den Hals.“