Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über den Film „Midnight in Paris“ - und die Frage: Ist Woody Allen Jesuit?

Pfarrer Andreas Blum (rk)

11.05.2014 im Edith-Stein-Exerzitienhaus Siegburg

anlässlich von FilmExerzitien "Brücken des Lebens"

Lesung: Koh 3,1-15
Evangelium: Mt 3,7-12
Liebe Schwestern und Brüder,
schon in den ersten Minuten von Woody Allens Film „Midnight in Paris“ stehen sie alle rum - die stummen Zeugen der Vergangenheit: Montmatre und Sacre Coeur, der Louvre und Notre Dame, die Champs Èlysées und nicht zuletzt der Eiffelturm. Bei Tag und bei Nacht, bei Sonne und Regen. Das Pflichtprogramm eines jeden Touristen. Ein Postkartenständer als Ouvertüre.
Was aber, wenn sich den stummen Zeugen Leben einhauchen ließe, wenn die Motive in Bewegung gerieten? Was, wenn Picasso noch nicht im Museum hinge, Hemingway noch nicht im Antiquariat am Ufer der Seine abgelegt wäre, und Cole Porter nicht länger nur über eine Schellack-Platte kratzen und aus dem Grammophon ertönen würde, sondern live aufspielte?
Eine reizvolle Vorstellung, zu der wir uns von Woody Allen gerne verführen lassen - zumal er uns mit Leichtigkeit und Poesie den Weg in die Vergangenheit ebnet und sich mit spektakulären Zeitmaschinen nicht lange aufhält.
Die Gegenwart, in der seine Charaktere und Figuren sich bewegen, ist eher fad. So fad, dass man – wie in diesem Fall der junge Amerikaner Gil - auch schon mal bereit ist, die gemeinsame Vorliebe für indisches Fladenbrot zur ausreichenden Grundlage für eine anstehende Hochzeit zu erklären – die eigene nämlich.
Aber wirklich glücklich macht das natürlich nicht. Für das große Glück muss man sich in lebensfreudigere und leidenschaftlichere Zeiten träumen. Zumal die den Vorteil haben dürfen, selektiv zu sein und sich nicht in jeder Minute des zähen Alltags bewähren zu müssen. Die Vergangenheit als ein Buffet der Lebenselixiere. Hier ein schönes Dekor, dort eine interessante Persönlichkeit. Was fehlt, wird einfach hinzu phantasiert.

Eigentlich wissen wir alle um das Problematische einer solchen Lebensweise. Doch gleich nach dem Vorspann zieht Woody Allen uns in genau diese Versuchsanordnung mit rein: Wir sehen Monets Wassergarten auf der Leinwand. Was nicht ganz stimmt, denn es fehlt die japanische Brücke, die dieser berühmten Serie von Bildern erst den Namen gegeben hat. Wir sehen sie nicht, weil wir auf der Brücke stehen, zusammen mit Gil und den anderen, deren Stimmen wir nur hören. Eine kleine Verschiebung der Perspektive mit großer Wirkung: Wir sehen nicht länger das Bild wie im Museum, sondern sind sinnenhaft in es eingetaucht. Ein geschickter Trick mit dem Allen gleich zu Beginn das Thema seines ganzen Films umreißt und eine große menschliche Sehnsucht bedient: Dabei-sein – mittendrin.
Was wünschte ich manchmal mittendrin zu sein. Im Evangelium zum Beispiel. Statt Aldi, TÜV und Steuererklärung dicht und direkt dran an dem, was (mir) wirklich wichtig ist. Nicht in unendlichen Sitzungen und Konferenzen die Jüngerschaft Jesu organisieren, sondern den Herrn erleben – unmittelbar.
Reingehen, mittendrin sein: Bei Ignatius heißt das: „den Schauplatz bereiten“;
bei Woody Allen: eine mitternächtliche Zeitreise durch das Paris der 20er Jahre machen und die berühmt gewordenen Persönlichkeiten jener Tage treffen.
Wobei im Film zunächst ein grundsätzlicher Einspruch nicht verhehlt sondern vorangestellt wird: „Nostalgie ist Verdrängung“, weiß der Dozent, der alles weiß, was man in Enzyklopädien so nachlesen kann, und der den Gegenspieler Gils zu mimen hat. Ich fürchte allerdings, so ganz falsch ist das, was er sagt wohl nicht, zumindest in den notorischen „früher-war-alles-besser“-Fällen, in den Momenten der Gegenwartsverweigerung und Flucht.
So hat auch der Evangelist Johannes heute im Evangelium vor allem die Sadduzäer zwischen, die als verbindlich nur akzeptierten, was auch in der Thora stand. Mose war für sie das Goldene Zeitalter - danach konnte nicht mehr viel kommen.
Sich auf ihre Abstammung und ihre Vergangenheit nichts einzubilden (Mt 3,9), sondern selbst zu liefern und zu leben, hier und jetzt, das schärft Jesus ihnen in drastischen Worten ein. Für das buchstäbliche Da-Sein gibt es keine Ausrede.
Nostalgie, die träumerische Zeitreise in die Vergangenheit, ist aber in dem Moment etwas ganz anderes als Verdrängung, wenn es dem Menschen als Kraftquelle dient.
Dann geht es nicht um Weltflucht, sondern ganz im Gegenteil um Lebensbewältigung.
Und deshalb kommt es für Gil bei aller Begeisterung auch nicht in Frage,
im Paris vergangener Jahre zu verharren (im Gegensatz zu seiner Freundin Adriana). Vielmehr kehrt er inspiriert aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurück und findet (endlich) die Kraft, die Farce von Beziehung zu beenden, die er führt; sich für den Regen in Paris und gegen die Sonne auf Malibu zu entscheiden; und das als banal empfundene Drehbuchschreiben an den Nagel zu hängen, um endlich Schriftsteller zu werden.
Und sogleich wird er – fast märchenhaft – belohnt mit einer Frau, die wie er den Regen, Paris und die Poesie liebt, und die mit ihm über die Pont Neuf (Neue Brücke) zieht, um den Bogen zu zukünftigen Ufern zu schlagen.
Mit Verlaub: Das aber ist nichts anderes als die Grundkonstellation unseres jüdisch-christlichen Glaubens. Wir lesen in alten Texten. Wir zelebrieren traditionelle Rituale. Nicht als wohliges Historienspiel, sondern als kraftvolle Vergegenwärtigung. Ob sich Juden beim Pessach auf den Exodus besinnen, oder wir in dieser Heiligen Messe auf das Abendmahl Jesu: Wir spielen keine Vergangenheit, sondern wir erleben Gegenwart.
Wie könnte es auch anders sein. Gott nur in der Zeit des Moses? Gott nur in der Zeit Jesu? Der lebendige Gott ist immer. Der lebendige Gott ist in Ewigkeit.
Und nach dem alttestamentlichen Weisheitslehrer Kohelet hat Gott in alles Ewigkeit hineingelegt (Koh 3,11), auch wenn wir Menschen es nicht erkennen,
sondern die je eigene Gegenwart nur als unvollkommen wahrnehmen - wie es Gil einmal stellvertretend formuliert - und uns nur zu gerne nach Vergangenheit oder Zukunft sehnen.
Aber, so Kohelet weiter: „Man kann nichts hinzufügen und nichts abschneiden. Was auch immer geschehen ist, war schon vorher da, und was geschehen soll, ist schon geschehen.“ (Koh 3, 13)

Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft: Alles fällt in eins. Die linearen Grenzen verwischen. Das klingt nach phantastischem Science Fiction. Vielleicht aber auch nur nach Einsteins Raum-Zeit-Kontinuum.
Wir jedenfalls glauben, dass der, der war, der ist und der kommen wird, uns hier und jetzt den Schauplatz bereitet, nämlich den Altar und das Mahl, um uns für das Leben zu stärken.