Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über den guten Hirten

Diakon Hans Jaekel

26.04.2009 in der Lindenhofkirche und der Katarinenkirche in Neinstedt

Der gute Hirte.
In der Passionszeit wurde im Fernsehen der letzte christliche Schafhirte Palästinas vorgestellt.
Ein Mann Anfang Siebzig.
Schafhirte: ein aussterbender Beruf.
Auch in Palästina.
Hat den kurzen Bericht jemand von euch gesehen?
Dieser beeindruckende alte Mann. Über 50 Jahre lang war er mit seinen Schafen im judäischen Bergland unterwegs.
Der lag die meiste Zeit unter einem Olivenbaum und hat die Herde nur durch kleine Signale gelenkt.
Kleine Rufe.
Kleine Gesten mit dem Stock.
Pfiffe.
Kein Schaf ist ausgebückst.
Jedes Schaf wusste, wo es hingehört.
So wie dieser alte Mann seine Schafe im Griff hatte, ohne großen Aufwand, so kann das heute niemand mehr.
Sein Sohn, der die Herde einmal erben wird, kann es jedenfalls nicht.
Der alte Hirte berichtete, dass seinem Sohn die Schafe weglaufen. Dem gelingt es nicht, die Herde zusammen zu halten.
Dem Jüngeren gelingt es nicht, die Beziehung zu den Schafen aufzubauen. Die machen was sie wollen. Sie trauen dem jungen Hirten nicht.
Der wird sein Erbe nicht antreten.
Der alte Hirte weiß, dass nach ihm, die Herde zum Schlachten verkauft wird.

Unsere neue Bischöfin in der EKM, Ilse Junkermann wurde von Journalisten gefragt, wie sie ihren Hirtendienst in der Mitteldeutschen Kirche ausüben wird. Sie hat in etwa geantwortet:
Ich werde nicht vornweg gehen.
Da sehe ich nicht, was hinter mir passiert.
Ich werde hinterher laufen.
Die Menschen wissen, wo die Quellen des Lebens sind und sie bewegen sich dort hin.
Ich will von hinten schauen, wo ich eingreifen muss.
Den Überblick möchte ich gewinnen, wer mit wem wohin geht.
Wer braucht besondere Motivation?
Wer muss in seinen Aktionen gebremst werden?
Wenn wir die Herde zusammenhalten wollen, muss der Hirte von hinten agieren.

Mich hat die Anwort zum Nachdenken angeregt.
Den Hirten habe ich immer als den Vornewegläufer im Blick gehabt.
Das scheint nicht zu stimmen.
Der alte Mann im TV- Bericht, lag unter dem Olivenbaum und schaute unablässig aus den Augenwinkeln auf seine Herde und griff ein, wenn es nötig war. Die Herde wusste eigentlich wo es lang ging.
Ilse Junkermann versteht ihr Bischofsamt ähnlich.

Wollen wir durch unseren Hirten geführt werden?
Soll jemand vorneweg gehen und wir hinterher?
Ist das unser Bild von christlicher Gemeindeleitung?

Oder wissen wir als Gemeinde wo es lang geht?
Und gehen diesen Weg mutig.
Unser Hirte wird uns begleiten.
Er wird dabei sein und hin und wieder Impulse geben, die das Leben lebenswerter machen. Die motivieren und wenn es nötig ist, begrenzen.

Der Predigttext aus Johannes 10:

Mit dem Hirtenbild provoziert Jesus die Pharisäer.
Es gibt einen Unterschied zwischen dem Hirte Sein der Pharisäer und dem Hirte Sein Gottes.
Das Hirtenbild war aus dem ersten Testament allen bekannt.
Für die Juden war Gott selbst der gute Hirte, der sein Hirte – Sein auf einen Menschen übertragen will.
Hesekiel weiß in Kapitel 34 davon: „Und ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken, der sie weiden soll, nämlich meinen Knecht David. Der wird sie weiden und soll ihr Hirte sein.“
Mit dieser Erwartung glaubten die Juden.

Jetzt kommt Jesus mit einem seiner ICH BIN Worte und sagt ihnen: „Ich bin der gute Hirte.“
Nicht ihr Pharisäer übt das von Gott übertragene Hirte Sein aus, sondern ICH BINS.
Die Verurteilung Jesu macht deutlich, dass dieser messianische Anspruch Jesu eine Nummer zu groß für die Pharisäer, aber auch das Volk war.
Und zusätzlich provoziert Jesus nächster Satz die pharisäischen Zuhörer: „Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“
Jesus sagt den Pharisäern:
Ihr seid Lohnarbeiter Gottes. Euch gehören die Schafe nicht.
Ihr werdet euer Leben nicht einsetzen, wenn die Schafe vom Wolf bedroht werden.
Mir aber, mir Jesus, gehören die Schafe durch Gottes Berufung. Ich bin Eigentümer der Herde.
Eigentum verpflichtet.
Als Eigentümer werde ich alles tun, um das Wohlergehen meiner Herde zu sichern.
Ich bin auch bereit, mein Leben für sei hinzugeben.

Wer so etwas von sich behauptet, so empfinden die Pharisäer, der hat eine bösen Geist und muss seine Sinne verloren haben.

Das was Jesus mit den Pharisäern hier diskutiert, das Verhältnis von Eigentum und Verantwortung passt sehr gut in unsere heutige Welt.
Wenn dir etwas selbst gehört, wenn du einen Teil der Arbeit mitverantwortest, engagierst du dich mit Leidenschaft.
Wenn du als Zeitarbeiter, oder als schlecht bezahlte Arbeitskraft in Arbeitsprozesse eingebunden wirst ohne Teilhabemöglickeit, bleibt dein Engagement halbherzig.
Wer heute Leitung übernimmt und die Mitarbeitenden nicht an der Verantwortung teilhaben lässt, und zwar am Erfolg wie am gescheiterten Versuch, der leitet schlecht.
Der ist ein guter Leiter, der seinen Leuten zutraut, dass sie die Quellen des Lebens kennen und alles tun, die neuen Möglichkeiten auszuschöpfen. Der wird diese Aktionen unterstützen und fördern.

Jesus unterscheidet jedenfalls das Hirtenamt nach zwei Möglichkeiten:
Entweder du bist Lohn – oder Leiharbeiter und betreust die Herde, oder du bist Eigentümer einer Herde.

Jesus nennt sich Eigentümer.
Und als Eigentümer kennt er den Laden.
Jedes Detail ist ihm bekannt.
Er kann sich hineinversetzen in jedes einzelne Mitglied der Herde.
Er kennt jede einzelne Begabung und jedes Defizit.
Er kann Schwächen und Stärken der Einzelnen einschätzen und so einsetzen, dass alle für alle zum Nutzen werden.
Die Einzelnen laufen lassen und ihnen viel zutrauen.
Ihnen zutrauen, dass sie Quellen des Lebens anstreben.
Und mit kleinen Gesten, mit Impulsen der Motivation die Einzelnen stärken in ihren Stärken.
Und wenn es darauf ankommt, wird der Hirte, wird Jesus 100% hinter jedem Einzelnen stehen.
Rückendeckung geben.
Schutz gewähren.
Der Wolf, der auf der Lauer liegt, wird keine Chance bekommen.

Jesus geht nun noch einen Schritt weiter.
Er globalisiert seinen Auftrag als Eigentümer.
Das versteht nun gar niemand mehr. Auch seine Jünger nicht.
Da gibt es zwei Herden.
Die Herde aus dem auserwählten Volk und die Herde, die erst noch zusammengeführt werden muss. Die Herde, die sich aus den anderen Völkern zusammensetzt.
Dieser Akt des Zusammenführens einer Herde.
Das ist der besondere Auftrag Jesu.
Und zwar hat Jesus da wirklich schon eine globalen Blick auf die Menschheit.
Und er sagt da: sie werden mich hören.
Wer gehört wird, der muss besonders einfühlsam agiert haben.
Emphatie nennen wir das heute.
Sich einfühlen in die Lebenswelten von Menschen.
Wer sich einfühlen kann, der wird die Menschen erreichen.
Der wird gehört.
Jesus ist davon überzeugt, dass er auch von Menschen gehört wird, die nicht in seinem direkten Umfeld leben.
Menschen, die weltweit unterwegs sind.
Menschen, die sich nicht kennen.
All die werden zu einer Herde zusammengeführt, die von ihm begleitet wird. Von jesus.

2000 Jahre später haben auch wir etwas davon.
Wir gehören zu dieser Herde.
Wir haben teil an diesem Projekt.
An dieser Heilsgeschichte.
Wir sind Teilhaber eines reichen Hirten.
Wir tun da mit.
Mit unseren Stärken und Schwächen.
Ich muss euch ehrlich sagen:
Über diese Auswirkung der Globalisierung bin ich richtig dankbar. Danke Jesus, dass du aus deinem kleinen Palästina herausgetreten bist und uns mit in den Blick genommen hast.
Uns und die Christen in Afrika und Amerika und Asien.
Toll solch eine Gemeinschaft zu kennen und dazu zu gehören.
Multikulti – jeder gehört mit seiner ganz eigenen Prägung zu dieser Herde.
Wenn wir es zulassen. Wenn wir Jesus als Hirte arbeiten lassen.
Jesus sagt:

  • als guter Hirte gebe ich mein Leben für dich und euch
  • als guter Hirte kenne ich dich und euch
  • als guter Hirte spreche ich in vielen Sprachen mit dir und euch
  • als guter Hirte begleite ich dich und euch in die neuen Lebensmöglichkeiten
  • als guter Hirte habe ich Sorge darüber, dass dich und euch niemand aus der Herde herausreissen wird
  • als guter Hirte werde ich alle Aktivitäten unterstützen, die euch alle, alle Christen dieser Welt zu einer aufeinanderausgerichteten Herde werden lässt – es wird eine Herde und ein Hirte sein.