Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über den Lyriker Matthias Claudius

Prof. Dr. Hans-Jürgen Benedict (ev)

15.03.2015 in der Hauptkirche St.Jacobi in Hamburg

anlässlich des 200. Todestages des Wandsbeker Boten Matthias Claudius

Liebe Gemeinde!

Womit soll ich anfangen: Mit seinem wunderbaren Neujahrsgruß: „‘n fröhliches Neujahr für Freunde und Feinde, Christen und Türken, Hottentotten und Kannibalen, für alle Menschen, über die Gott seine Sonne aufgehen lässt und für die armen Mohrensklaven, die den ganzen Tag in der heißen Sonne arbeiten müssen.“ „Am Neujahrstag ist mein Patriotismus mausetot, und ‘s ist mir, als wenn wir alle Brüder wären und einer unser Vater im Himmel, als wären alle Güter der Welt Wasser, das Gott für alle geschaffen hat.“

Ja, diese Spekulation am Neujahrstage, zuerst im Wandsbeker Boten 1772 gedruckt, zeigt uns den Wandsbeker so recht in seinem Elemente: er ist einfühlsam in das Leiden anderer, der armen Mohrensklaven, witzig, weil er Christen und Türken, Hottentotten und Kannibalen in einem Atemzug nennt, fromm und bibelkundig, weil er den unparteiischen Gott in einem Spruch Jesu aus der Bergpredigt zitiert, den Gott der die Sonne aufgehen und regnen lässt, ich füge da immer hinzu: besonders über Hamburger. Ja, und dankbar ist er für das, denn so geht dieser Text weiter, was ihm im letzten Jahr an Gutem widerfahren ist - Sonne, Blumen, Regenbogen, gute Luft, klares Wasser aus dem Bach. Und voller Pietät ist er, weil an die Toten des letzten Jahres denkt ,  Neujahr 2015 hätte er an Siegfried Lenz und an Udo Jürgens gedacht.

Oder soll ich anfangen mit dem  Liedgedicht: Täglich zu singen, (ein Lieblingslied Bonhoeffers). Täglich zu singen, wohlgemerkt zu singen, Singen als erhöhtes Sprechen. „Ich danke Gott und freue mich/wie’s Kind zur Weihnachtsgabe,/Daß ich bin, bin! Und daß ich dich/schön menschlich Antlitz habe. Daß ich die Sonne, Berg und Meer,/und Laub und Gras kann sehen/Und abends unterm Sternenheer/Und lieben Monde gehn.“

Ein Danklied an Gott, ein Danklied für  das eigene Leben!. Ein Lob des einfachen Lebens spricht sich hier aus, eine Zufriedenheit mit dem, was man zum Leben hat.  Und die negative Folie, vor der sich dieses tägliche Existenzlob abhebt, das ist die Welt von Ehre und Reichtum, von Macht und Einfluss. „Und all das Geld und all das Gut/gewährt zwar viele Sachen/Gesundheit, Schlaf und guten Mut/Kann’s aber doch nicht machen. Gott gebe mir nur jeden Tag,/Soviel ich darf zum Leben./Er gibt’s dem Sperling auf dem Dach;/Wie sollt er’s mir nicht geben.“

Man fragt sich: Wo hat Claudius  das her? Wie gelingt ihm das nur – das Beiläufige mit einer tiefen Wahrheit zu verbinden? Immer wieder das Wunderbare im Alltäglichen zu entdecken ? Von der Naturerscheinung auf etwas Theologisches zu kommen? Wie in dem Text Am Karfreitagmorgen: „Bin die vorige Nacht unterwegs gewesen. Etwas kalt schien der Mond einem auf den Leib. Sonst war er aber so hell und schön, daß ich recht meine Freude dran hatt und mich an ihm nicht satt sehen konnte. Heute Nacht vor 1800 Jahren schienst du gewiß nicht so, dacht ich bei mir selbst; denn es war doch wohl nicht möglich, daß Menschen im Angesicht eines so freundlichen  sanften Monds einem gerechten unschuldigen Mann Leid tun konnten!_“

Wie empfindsam und feinfühlig das ist, wie fromm und wie klug! Und das war bei den vielen literarischen Genies, die es um 1770 gab, nicht die dominante Mischung. Viele stammten zwar aus Pfarrhäusern, sagten sich aber von der Frömmigkeit der Eltern los.  Das Pastorengeschlecht , aus dem Claudius  stammte, reicht zurück bis in die Reformationszeit. Der Vater war ein würdiger Vertreter seines Standes (mit dem Gedicht Beim Grabe meines Vaters hat er ihm ein schönes Denkmal gesetzt), die Mutter eine fromme Frau, die  ihrem Matthias eine Cansteinsche Bibel schenkte, in die sie schrieb: „Laß das Wort Gottes dein edelster Schatz sein.“ Und  er hat auch ein Jahr lang Theologie studiert in Jena. Sagte sich dann aber, der Pastorenberuf ist nichts für mich, darauf nochmal Jura, Philosophie und Geschichte. Alles ohne große Lust und auch ohne Abschluß(was damals nicht unüblich war).. Er fing an zu dichten, aber die Ergebnisse waren in dieser Studentenzeit nicht besonders gelungen. Es gibt eine leicht geschwätzige Totenklage um den 1760 gestorbenen Bruder Tobias, aber auch  eine kleine Abhandlung, die sozusagen rhetorisch angesichts des Todes eines geliebten Menschen die Theodizeefrage stellt: wie kann ein gütiger Gott das zulassen? Und dann veröffentlichte er Tändeleyen, anakreontische Gedichte, die Liebe und den Wein besingend, das war damals im Schwange, dem Freund Gerstenberg nachgemacht und von der Kritik zur tiefen Beschämung des jungen Autors verrissen.

Nach einem Zwischenspiel als Sekretär des Grafen Holstein in Kopenhagen lebt  er drei Jahre lang im Reinfelder Elternhaus, schreibt einsilbige Briefe.Was soll bloß aus dem Jungen werden! dachte der Vater oft. Doch dann wurde doch noch was aus ihm – auf Vermittlung Klopstocks  wird er  schlecht bezahlter Redakteur der Hamburger Adreß Comptoir-Nachrichten – ein Handelsblatt mit einem kleinen Feuilleton, das Claudius für seine Zwecke nutzt. Neben Schiffsmeldungen, Wechselkursen und Kornpreisen kann Claudius seine Phantasie spielen lassen, indem er einen Londoner Korrespondenten John Bickerstaf erfindet, der lakonisch-mitfühlend aus der englischen Hauptstadt vermeldet: „Vorgestern morgen fand man in einem der neuen Häuser, die nahe bei Marybone gebaut worden, einen Mann in sehr lumpichter Kleidung tot; der vermutlich vor Kälte und Hunger gestorben war .O hätte ich ihm den Abend  vorher; einen Schilling gegeben.

Da ist er auf einmal da, dieser menschliche Claudius -Ton, bei dem einem das Herz aufgeht. Die Käufer der Adreß-Comptoir Nachrichten lasen solche Texte wohl eher mit Befremdung.1770 wurde Claudius  gekündigt. Aber er hatte Glück. Er traf auf den Verleger Bode und der stellte ihn, den 30-jährigen, als Redakteur des Lokalblattes Der Wandsbecker Bothe an. Wandsbek war  ein Dorf vor den Toren Hamburgs, zu Fuß brauchte man eine Stunde dorthin, ein adliges Gut  im Besitz des Barons Schimmelmann, des dänischen Finanzministers. Es gelang Claudius, dies Provinzblättchen zu einer in ganz Deutschland geachteten Zeitschrift zu machen, in der berühmte Schriftsteller wie Klopstock, Herder und Goethe veröffentlichten. Claudius  ist der Redakteur, der zumeist anonym, dem gebildeten Publikum, nicht dem einfachen Volke, Politisches und Gelehrtes mitteilt. Als der Verleger das Blatt nach fünf Jahren sanft entschlafen ließ, da war auch sein Redakteur, der unter dem Namen Asmus schrieb, ein bekannter Mann, der mit den literarischen Größen seiner Zeit verkehrte und doch  bescheiden blieb. Der inzwischen aber Ehemann und Vater geworden war.

Und das kam so: Auf der Suche nach einer Wohnung in Wandsbek trifft  er 1770 auf die Tochter des Zimmerermeisters Behn, die 16 jährige Rebekka und verliebt sich in sie. „Mein Bauernmädchen“, so nannte Claudius sie stolz. Das entsprach dem Ideal der damaligen Schriftsteller, ein junges und naives Mädchen  aus dem Volk  zu lieben.  Die beiden heirateten schnell im März 1772(Claudius, schon 32, pressierte es ). Und zwar in einem Überraschungsakt. Claudius  bestellte einige Freunde nach Wandsbek ohne zu sagen, was der Anlaß war. Die Freund stehen herum, da tauchte auf einmal Schwiegervater Behn mit der bräutlich gekleideten Rebecca  auf, Claudius zieht eine königliche Heiratserlaubnis hervor und bittet den anwesenden Wandsbeker  Pfarrer Hahn, sie zu kopulieren - ohne Aufgebot und aufwändige Hochzeitsfeier, die wohl auch finanziell nicht möglich gewesen wäre.

Claudius war nach eigenem Bekenntnis ein „märchenhaftes Eheglück“ beschieden. Ich denke, das hat sein Schreiben stark beeinflusst. Das erste Kind, Matthias, ist eine Frühgeburt und stirbt. Danach brachte Rebecca noch elf Kinder zur Welt, zunächst „nur“(Claudius)  fünf Mädchen, dann endlich den ersten Sohn Johannes, dem noch weitere vier Söhne und eine Tochter folgten. Matthias Claudius scheute sich nicht, das Leben und Treiben seines Hausstandes der Öffentlichkeit immer wieder in Gedichtform mitzuteilen. „Meine Schriftstellerei ist Realität bei mir, sonst hol’s der Teufel“, hat er einmal gesagt. Viele seiner Gedichte sind Momentaufnahmen seines familiären Lebensglücks, geschrieben zu Anlässen wie den folgenden:  Die Mutter bei der Wiege, die berichtet, der Vater habe gesagt, der Säugling habe nicht seine Nase. „Schlaf Knabe, was dein Vater spricht, spricht er wohl nur im Scherz. Hab immer seine Nase nicht, Und habe nur sein Herz Oder: Als er sein Weib und’s Kind an ihrer Brust schlafend fand .Oder: Motetto, als der erste Zahn durch war mit dem Ausruf: „Victoria, Victoria, der kleine weiße Zahn ist da .Du Mutter komm und groß und klein/im Hause kommt und guckt hinein/ und seht den hellen weißen Schein. Der Zahn soll Alexander heißen. Du liebes Kind! Gott halt ihn dir gesund, und geb dir Zähne mehr in deinen Mund, und immer was dafür zu beißen“. Ähnlich heiter konnte er die Kartoffel besingen, die „ein rechtes Magenpflaster“ sei und den deutschen Rheinwein. Dieses Gedicht wurde im 18. Jahrhundert oft vertont und gesungen. Von den Rheinwinzern bekam Claudius daraufhin jährlich eine Kiste Rheinwein geschenkt. Oder er  dichtet zum Tod seines Hundes .Als der Hund tot war:„Alard ist Hin/und Meine Augen fließen mit Tränen der Melancholie/Da liegt er tot zu meinen Füßen ,das arme Vieh. Am Eichbaum ist er oft mit mir gesessen/In stiller Nacht mit mir allein/Alard, ich will dich nicht vergessen/Und scharr dich ein.“

Diese erdverbundene Poesie, die aus einer optimistischen Grundhaltung heraus humorvoll die einfachen Realitäten unseres menschlichen Lebens ins Gedicht bringt, hat Claudius bekannt gemacht und spricht uns auch heute noch an, auch wenn nicht jeder Vers gelungen ist. Allerdings - sein Redakteursgehalt reicht gerade für ein Leben immer hart am Rande der Not. Danach hielt er sich u.a. mit Übersetzungen über Wasser. Er hatte keine kostspieligen Hobbies. Wenn wir seinen Gedichten und Notizen Glauben schenken, so stand der Genuss  der belebten und unbelebten Natur oben an. Zum Beispiel den Mond anschauen oder dem Kuckuck und dem Nachtigallengesang lauschen und beides in Verse bringen. Die Geselligkeit in der Familie wird kostengünstig selbst inszeniert; der Gärtner des Grafen Schimmelmann hebt für Claudius und Freund Voß einen Karpfen aus dem Schloßteich, ab und  an geht man bei den Schwiegereltern am Wandsbeker Quarre kegeln. Zu Hause wird gesungen und musiziert. Und auch die großen Reisen erfindet er sich selber(wie auch andere Dichter, ich nenne Hölderlin und Jean Paul).  Asmus nennt er sich im Wandsbeker Boten und spaltet scherzhaft seine Persönlichkeit. Er schreibt gerne an einen imaginären gelehrten Vetter Andres: kindlich fragend, um dann eine Antwort zu erhalten, die stets den Nagel auf den Kopf trifft. Mit diesem anderen Ich ist Asmus sogar nach dem fernen Japan gereist und hat die Audienz beim japanischen Kaiser detailliert geschildert – mit einem Nonsensegespräch in einem selbsterfundenen Japanisch. Und er dichtet Urians Reise um die Welt, die so beginnt: „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was verzählen. Drum nahm ich meinen Stock und Hut und tat das Reisen wählen“ mit dem sprichwörtlich gewordenen Kehrvers: „Da hat er gar nicht übel dran getan, verzähl er nur weiter, Herr Urian.“  Er teilt uns erfundene witzige Erlebnisse in vier Erdteilen mit, um abschließend festzustellen: „Und fand es überall wie hier, fand überall n’Sparren. Die Menschen geradeso wie wir und ebensolche Narren.“ Beethoven hat es vertont. Ich denke manchmal, wir sollten es wenigstens zur Hälfte so halten wie unsere Dichter vor der Zeit des Massentourismus- auf eine reale Reise eine erfundene folgen lassen, so würde die Umwelt geschont und auch unser Geldbeutel. Und es gäbe weniger Reiseunglücke. Oder wie schon Pascal sagte: „Das ganze Unglück des Menschen rührt daher, dass er nicht ruhig in seinen vier Wänden sitzen kann.“  Claudius würde ergänzen: „Und in seinem Garten.“

Die Familie wuchs ständig, aber wovon sollte sie leben? Claudius war in seinem Gottvertrauen leichtfertig, ihm reiche eine Organistenstelle oder die eines kleinen Amtsmanns, meinte er. Realistisch eingestellte Freunde mussten aushelfen. So konnte der berühmte Johann Gottfried  Herder ihm in Darmstadt eine gutbezahlte Stelle als hochfürstlicher Oberlandkommissarius verschaffen. Und doch hielt es Claudius dort nur ein Jahr. Die Organisation praktischer Volkserziehung war nicht sein Fall. Seine finanzielle Lage bleibt jedoch prekär. Adlige Gönner helfen immer wieder aus. Endlich gewährt der dänische Kronprinz ihm 1787 eine Stelle als Revisor der königlichen Speziesbank in Altona; vierteljährlich musste er sein Amt wahrnehmen, was er gewissenhaft tut und erhält  dafür ein Gehalt von 800 Talern im Jahr. So konnte er mit seiner großen Familie bescheiden, aber hoch geachtet in Wandsbek leben und alt werden. Ohne eigenes Fuhrwerk und staatliches Kindergeld, nur mit einer Wiese mit Apfelbäumen und mit einer Kuh hintern Haus, die ihm die Gräfin Schimmelmann geschenkt hatte. 

 

2. Claudius war ein Laientheologe, der mit seiner Theopoesie stärker gewirkt hat als die bestallten Theologen seiner Zeit.  Einmal hat er in einen Streit zwischen dem orthodoxen Hauptpastor  Goeze und seinem liberalen Amtsbruder Alberti eingegriffen. Anfang 1772 veröffentlichte Alberti einen modernen Katechismus für die Jugend, der nach Goezes Ansicht die orthodoxe lutherische Lehre verwässerte. Goeze wollte am 5.Sonntag nach Epiphanias eine scharfe Predigt gegen Albertis Weglassung des Satans halten: „Über die Wichtigkeit und Notwendigkeit der Lehre vom Satan.“ Wie üblich ließ er vorab die Predigt bei Bode drucken  Da erschien der Ratsdiener  und beschlagnahmte, um eine weitere Eskalation zu verhindern, die Druckexemplare. Nun mischte sich  Claudius in den Streit ein und verfasste ein humoristische Satire ,in der es um eine Art Verhandlung zwischen den Alberti- und Goeze-Kontrahenten W und X geht , die von dem Präsidenten Lars geleitet wird. Dieser ist ein halbgebildeter Laie, der in einem Gemisch aus Platt-und Hochdeutsch und mit falsch zitierten lateinischen Sprüchen ungeschickt die Diskussion leitet. In seiner Hilflosigkeit ruft er als Schlichter  einen zuhörenden Fremden herbei, einen „Buten-Minsch“, hinter dem sich Claudius verbirgt. Dieser zeigt, dass man in Goezes verabsolutierten Plädoyer für die Existenz des Satans die Ketzerei des Manichäismus entdecken könne. Dann tritt er für ein Ende der Debatte ein mit dem Argument: „Brechen sie ab, meine Herren, die Art zu streiten schafft nichts Gutes. Die Wahrheit ist die Tochter des friedlichen Himmels. Sie flieht vorm Geräusch der Leidenschaften und des Zanks(…) Es scheint, als wenn die Wahrheit ihnen beiden am Herzen läge, mir liegt sie auch am Herzen. Kommen sie, wir wollen uns freundlich vereinigen, ob wir sie finden möchten.“Er schlägt  eine religionspädagogische Vermittlung vor, die auf die Sprache der Bibel zurückgreift. „Für Kinder, deren Herz durch die Religion gebessert werden soll, ist freilich der simpelste und kräftigste Ausdruck der beste. Wenn ich bei der Quelle stehe, warum soll ich nicht aus der Quelle trinken, so bin ich doch sicher vor dem Unrat am Eimer.“ Es half aber nichts, der Streit blieb ungeschlichtet. Alberti starb kurz darauf. Und Claudius schrieb in seinem Rückblick auf das Jahr 1772: „ Theologie war leider krank, durch Übersetzungen und Zank.“

Claudius war auch ein guter Seelsorger. Immer wieder wurde er, der seine Werke Freund Hain, dem Tod, gewidmet hatte, um Rat gefragt, wenn Bekannte mit dem frühen Tod in  Familie und Verwandtschaft konfrontiert waren. Er tröstet eine befreundete Mutter, die ihren kleinen Sohn verloren hat: „Und ihr kleiner Fritz ist nicht verloren, er ist nur wie ein Vöglein über die Mauer in einen anderen Garten geflogen und da sollen sie ihn wiederhaben. So gut er auch in ihren Händen war, so ist er nun in besseren.“   Die Wieder­sehenshoffnung ist für Claudius ein Stück psychische Entlastung bei der Trauerarbeit: „Man befindet sich wohl dabei, wenn man die Augen nicht bloß auf diese Welt richtet.“ Für Claudius ist die bessere Welt vor allem ein Bild für die größere Bestimmung des Menschen, so wie es die „Sternseherin Lise“ im Anblick des sterneübersäten Himmels sagt. „Dann saget unterm Himmelszelt mein Herz mir in der Brust, es gibt was Beßres in der Welt als all ihr Schmerz und Lust.“ Als die Tochter Christiane zwanzigjährig an einem Nervenfieber stirbt, verfasst er das wunderbar traurige Gedicht von dem zarten Sternlein am Himmel, dessen Stelle er immer wusste und das er nun nicht mehr findet.

 

Claudius hatte guten Kontakt zu Katholiken. Als der Freund Graf Fritz Stolberg zum Katholizismus übertritt, ein Schritt, der in  den intellektuellen Zirkeln damals großes Aufsehen und Unverständnis hervorrief, kündigte er dem Jugendfreund die Freundschaft nicht auf, sondern  betonte die gemeinsame Grundlage: „Nun, wir haben Einen Herrn Jesus Christus und wollen uns gegenseitig auffordern, wer ihn von uns beiden am meisten lieben wird.“ Der Schwester des Grafen Stollberg, die um des Kontaktes zu den Kindern ihres Bruders willen, auch überlegte zu konvertieren war, rät er aber ab, wenn ihr einiges am Katholizismus  inakzeptabel scheint. Aber, so fügt er hinzu, wenn Sie  meinen, dass die Katholiken manche Dinge haben, „wer wehrt ihnen diese Dinge, wenn Sie davon überzeugt sind, als Protestantin anzunehmen.“ So halten wir es heute doch auch. Dem Sohn Johannes schreibt er in einem Brief. „Verachte keine andere Religion, denn sie ist dem Geist gemeint, und du weißt nicht, was unter unansehnlichen Bildern verborgen ist.“(auch unter prima vista schwer verständlichen Büchern, sage ich mit Blick auf den Koran).

 

Claudius war ein origineller Ausleger der Bibel. Der Text „Über das Gebet an meinen Freund Andres“  ist ein schönes Beispiel für die Ratschläge des Wandsbeker Boten für eine christliche Lebenskunst. Claudius fängt mit den äußeren Merkmalen des Betens an. Wenn einer beim Beten die Augen verdrehe, so mag es ja noch hingehen. Aber „groß und breit beim Gebet zu tun“, sei nicht auszustehen. Das Händefalten hält er für eine „feine äußerliche Zucht“. Das Entscheidende aber sei das „innerliche heimliche  Hinhängen, Wellenschlagen und Wünschen des Herzens.“ Menschen, die nichts vom Wünschen hielten, könne er nicht verstehen. Man müsse „ja ein hölzerner Bube sein, wenn man seinen Vater niemals etwas zu bitten hätte.“ „Wenn der Wunsch inwendig in Dir Dich nahe angeht, Andres, so wird er nicht lange anfragen, er wird dich übermannen wie‘n starker gewappneter Mann, wird sich kurz und gut mit einigen Lumpen von Worten behängen und am Himmel anklopfen.“(163f) Claudius beschreibt hier etwas ausführlicher, was Jean Paul kurz und bündig nennt: „Beten ist Wünschen, nur feuriger.“ Dann kommt er auf die entscheidende Frage, ob „das Gebet einer bewegten Seele etwas vermag  und würken kann oder ob der Nexus Rerum(also der Naturzusammenhang) dergleichen nicht gestattet, wie einige Herren Gelehrte meinen.“ Claudius will darauf nicht näher eingehen, hält aber daran fest, dass  Gebete sich wohl erfüllen, „wenn einer nur recht betet und recht gesinnt ist.“ Das weist voraus auf Bonhoeffers Diktum, Gott warte und antworte „auf  aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten“ .Das „beste Gebet“ sei ohnehin das Vaterunser, „denn du weißt, wer‘s gemacht hat.“ Schön und zu Herzen gehend ist  seine Erläuterung der bildlichen Vorstellungswelt, in und mit der er betet: „Sieh, wenn ich beten will, so denk ich erst an meinen seligen Vater, wie der so gut war und mir so gerne geben mochte. Und dann stell ich mir die ganze weite Welt als meines Vaters Haus vor und alle Menschen in Europa, Asien, Afrika und Amerika sind denn in meinen Gedanken meine Brüder und Schwestern; und  Gott sitzt im Himmel auf einem goldenen Stuhl und hat seine rechte Hand übers Meer und bis ans Ende der Welt ausgetreckt und sein linke voll Heil und Gutes, und die Bergspitzen umher rauchen – und denn fang ich an: Vater Unser der du bist im Himmel.“  Es ist die  naive Vorstellungswelt des Kindes, zu der sich Claudius hier bekennt, das innige Vatergefühl (in dem wohl auch der Gedanke an die  Mutter mitschwingt) wie das infantile Bild vom im Himmel thronenden Gott. Indem er sich so ungeschminkt zu dieser Naivität bekennt, enthüllt er sie als Hilfsmittel, das Unanschauliche anschaulich zu machen, aber eben als Bild, als Vergleich, als Metapher. Die ungeschützte Illustrierung will dem Leser sagen: wörtlich darfst du das nicht nehmen. Aber auch sehr realistisch kann Claudius das Gebet erklären, so  bei der Vaterunserbitte um die Erlösung von dem Übel: „.Zugleich denk ich aber auch  an alle Mühe des Lebens, an Schwindsucht und Alter, an Kindesnot, Kalten Brand und Wahnsinn, an das tausendfältige Elend und Herzeleid, das in der Welt ist(..) Und du wirst finden Andres, wenn die Tränen vorher nicht gekommen sind, hier kommen sie gewiß.“ Aber dann hat man, wenn  einem so „betrübt und niedergeschlagen“ wird, „als ob gar keine Hilfe wäre“, den Triumph-Trost der Doxologie: Denn dein ist das Reich usw.  Ich halte das für eine schöne und hilfreiche Erklärung des Betens,  die auch heute noch, in der Zeit eines mündigen Christseins nach der Entmythologisierung, als poetische Anleitung zum Beten dienen kann.

 

Schließlich: Claudius als Mahner. Claudius lebte in kriegerischen Zeiten – zu Beginn des Siebenjährigen Krieges war er 18 Jahre alt. Die Kriege  im Gefolge der französischen Revolution und die Kriege Napoleons überschatteten seine zweite Lebenshälfte. In seinem Todesjahr 1815 endeten die Befreiungskriege. Claudius hat die kriegerische Signatur seiner Zeit nicht verleugnet, verniedlicht oder ironisiert Er hat sie auch nicht wie andere Dichter durch heroisch-patriotische  Lieder überhöht. Er hat sich dem Grauen des Kriegs gestellt. Sein 1779, anlässlich des bayrischen Erbfolgekriegs, veröffentlichtes Kriegslied enthält eine deutliche Kritik an Sieg und Ruhm, die nichts sind angesichts der vom Krieg angerichteten Gräuel. Unvergesslich die Auftaktzeilen:

’s ist Krieg!‘s ist Krieg!

O Gottes Engel wehre,

Und rede du darein

‘s ist leider Krieg und ich begehre

Nicht schuld daran zu sein.

 

Zum ersten Mal wird hier das Verhältnis des einzelnen zum Krieg ausdrücklich thematisiert. Der Einzelne, der den Krieg fürchtet, kann  einerseits nur die göttliche Macht zur Intervention auffordern, andererseits für sich allenfalls Schuldfreiheit reklamieren. Beides hängt aber dialektisch zusammen – der Engel Gottes ist der Statthalter des noch ohnmächtigen Einzelnen. Großartig wie Claudius den Widerspruch gestaltet - das sprechende Ich wird heimgesucht von einem Gewissenstraum, in dem die Geister der Erschlagenen zu ihm kommen und vor ihm klagen, die Verstümmelten ihm fluchen, die Väter, Mütter, Bräute der Getöteten eine Wehklage über ihn anstimmen.

Was sollt ich machen,

Wenn im Schlaf mit Grämen

Und blutig, bleich und blaß,

Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,

Und vor mir weinten, was?

Der Dichter  stellt sich die Schrecken des Krieges so vor, wie diejenigen sie eigentlich sehen müssten, die für sie Verantwortung tragen. Er sieht die Krieger sich „halb tot vor ihm im Staube wälzen, wie sie ihm in ihrer Todesnot fluchen“. Sieht die „tausend, tausend Väter, Mütter, Bräute, so glücklich vor dem Krieg, nun alle elend arme Leute, wehklag(t)en über mich.“ Nicht: die anderen machen den Krieg, damit habe ich nichts zu tun, nein, ich bin auch mit meinem fehlenden Einspruch am Kriegsgeschehen beteiligt. Dieser Gewissenstraum ist ausgemalt wie eine Anklage im Jüngsten Gericht, bei dem sich auch die Könige und Generäle für ihre Untaten und Kriegsgräuel verantworten müssen. Also das, was heute der Internationale Haager Gerichtshof versucht irdisch-zeitlich umzusetzen, indem er die Kriegsverbrecher der Gegenwartskriege vor sein Tribunal zitiert. Der Angsttraum, den der Dichter hat, redet ihnen, den für die Leiden der Opfer Empfindungslosen ins Gewissen, ohne sie direkt anzusprechen. Ob der einzelne, der begehrt nicht schuld am Krieg zu sein, diese Schuldfreiheit bekommt, bleibt offen. So redet das Kriegslied  den Nachgeborenen, auch uns Heutigen ins Gewissen, bleibt aktuell. (Ich habe es einmal neu gedichtet in den 80er Jahren).

 

3. In den Wirren der Franzosenzeit schreibt Claudius nur noch wenig, Die Sorge um seine Kinder treibt ihn um. Oft hörte er monatelang nichts von ihnen. Aus Angst vor den Franzosen flieht er mit Rebecca aus Wandsbek erst an den Westensee, dann nach Kiel und Lübeck. In dieser Situation versteigt er sich manchmal zu dem alten Predigerübel der Pädagogik Gottes: in der Predigt eines Laienbruders zu Neujahr 1814 sagt er, der Krieg in Europa „hat die Menschen Ergebung und Unterwerfung unter die gewaltige Hand Gottes gelehrt und durch mancherlei Unrecht und Gewalttätigkeiten, Verlust und Ungemach ihre Herzen mürbe gemacht und zerschlagen.“ Aber dann ist er auch wieder bitterlustig, wie in dem Selbstgespräch des Esels:„Hab nichts mich dran zu freuen, bin dumm und ungestalt. Muß Stroh und Disteln käuen. Werd unter Säcken alt-/Ah die Natur schuf mich im Grimme!/sie gab mir nichts als eine schöne Stimme.“ Im Sommer 1814 kehrt er zurück nach Wandsbek und  freut sich, dass der Sohn Fritz wenigstens die Apfelbäume im Garten retten konnte.

Am 21. Januar 1815 ist Claudius  nicht weit von hier, im Hause seines Schwiegersohns Perthes am Jungfernstieg im Alter von 75 Jahren gestorben, im Kreise der Familie. Freund Hain tat Claudius den Gefallen und fasste ihn nicht zu hart an: Kein schweres Leiden, sondern mehr ein Hinübergleiten. Vier Tage später wurde er in Wandsbek beerdigt. Sein schlichtes Grabkreuz trägt den Spruch: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab.“   

Was soll ich sagen zum Schluß? Ich bin dankbar, dass es Claudius gegeben  hat und  er uns so schöne Gedichte geschenkt hat, mit denen wir das Leben leichter und heiterer bestehen konnten. Danke, lieber Matthias Claudius, besonders für Der Mond ist aufgegangen, ein  Lied, das sich nicht abnutzt, dass wir seit der Kindheit singen, immer wieder gesungen haben, draußen in Sommernächten, am Bett der Kinder und Enkelkinder, im Freundeskreis, auf Festen  und es hoffentlich auch noch singen können am Ende unserer Tage auf diesem schönen „Winkelstern Erde“. Amen