Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über „Der evangelische Kult ums Wort“

Prof. Dr. Christoph Dinkel

13.05.2007 in der Ev. Apostelkirchengemeinde Münster

In der Reihe „Stadtpredigten“ zum Reihenthema „Warum wir gerade heute die Kirche brauchen“

In der Reihe „Stadtpredigten“ zum Reihenthema „Warum wir gerade heute die Kirche brauchen“

Der evangelische Kult ums Wort

Unlängst gab Harald Schmidt in einem Interview mit dem Domradio Köln kund, wie er sich den idealen Gottesdienst vorstellt: Die Sprache: lateinisch, die Dauer: mindestens vier Stunden, der Priester: im Stil von Miles Davis mit dem Rücken zur Gemeinde.1

Differenzverstärkung, so könnte man das Rezept von Harald Schmidt für einen gelungen Gottesdienst zusammenfassen. Ein Gottesdienst soll nicht das bieten, was alle machen und für plausibel halten. Er soll gerade davon abweichen, er soll eine Differenzerfahrung zum Vertrauten, zum Alltäglichen ermöglichen. In der Tat: Vier Stunden lateinische Messe mit einem Priester, der der Gemeinde den Rücken zukehrt – das ist ein Maximum an Differenz. Das wird sich heute in Deutschland keiner trauen. Und ich vermute: Zu solch einem Gottesdienst würde auch kaum einer hingehen wollen, selbst Harald Schmidt nicht.

Differenzverstärkung war einst das Erfolgsrezept des evangelischen Gottesdienstes. Martin Luther und mit ihm die anderen Reformatoren setzten in Abgrenzung zur damaligen Bilder- und Reliquienfrömmigkeit ganz konzentriert auf das Wort. Gottes Wort allein – gelesen aus der Heiligen Schrift, entfaltet in der Predigt, gesungen in den Gemeindeliedern – das war das reformatorische Programm für den Gottesdienst. Gottes Wort markierte für die Reformation die Differenz zur römischen Mess- und Kirchentradition. In seiner Schrift „Von der Ordnung Gottesdiensts in der Gemeinde“ aus dem Jahr 1523 schreibt Luther: „Aber die summa soll sein, das gewiss alles geschehe, damit das Wort recht in Übung kommt und nicht wieder ein Plärren und Lärmen daraus werde, wie es bisher gewesen ist. Es ist alles besser unterlassen als das Wort, und es ist nichts besser getrieben als das Wort.“2

Von Luther und den Seinen wurde die Konzentration des Gottesdienstes auf das Wort als ungeheure Befreiung erlebt: Befreiung von sinnentleerten Ritualen, Befreiung vom als abergläubisch empfundenen Heiligen- und Reliquienkult, Befreiung von der römischen Ämterhierarchie, Befreiung von allem, was vom Evangelium, was von Christus, was vom Wesentlichen ablenkt. Aller Ballast wurde abgeworfen, ein großes Reduktionsprogramm für Gottesdienst, Kirchenausstattung und Kirchenordnung wurde in Gang gesetzt. Klöster wurden zu Schulen umgewandelt, ein Bildungsprogramm sondergleichen wurde gestartet, denn die Wortzentriertheit des Gottesdienstes erforderte gebildete Geistliche und gebildete Hörer.

Manche gingen in ihrem Reformeifer noch weiter als die Wittenberger Reformatoren. In der Schweiz und in Oberdeutschland wurden vielfach die Bilder und Altäre in den Kirchen zerstört. In der Schweiz wurde der Gesang auf den Psalmgesang reduziert und die Orgel als heidnisches Instrument aus den Kirchen verbannt. An die Stelle der Bilder und Altäre trat die weiß getünchte Wand. Nichts, kein Bild, kein Altar, kein falscher Klang und keine falsche Poesie sollten von Gottes Wort ablenken. Eine frühe Welle reduktionistischen Designs erfasste Zürich, Genf und Teile Süddeutschlands. Die Schweizer Design- und Kunsttradition zehrt bis heute davon.

Der evangelische Gottesdienst wurde zum Erfolgsmodell. Die protestantische Kanzelberedsamkeit setzte über Jahrhunderte die Maßstäbe der Rhetorik. Die römisch-katholische Kirche musste nachziehen und gleichfalls in die Bildung ihrer Geistlichen investieren. Auf Luthers Bibelübersetzung folgten die Übersetzung Zwinglis und verschiedene katholische Übersetzungen. Der Impuls Luthers, die Gemeinde im Gottesdienst durch den Gesang an der Verkündigung zu beteiligen, zündete konfessionsübergreifend, weltweit und nachhaltig. Gerade die derzeit am schnellsten wachsenden Kirchen, die Pentecostals, verdanken ihren Erfolg zu einem guten Teil der Faszination verbindender Musik.

Der Reduktionismus des evangelischen Gottesdienstprogramms wirkte sich auch auf die Kleidung der Geistlichen aus, wenn auch erst spät und keinesfalls überall. Protestantische Geistliche in Deutschland sind heute am schwarzen Talar mit dem weißen Beffchen zu erkennen. Damit wird das Gewandt des Universitätslehrers nachgeahmt. Der Geistliche erscheint im Gottesdienst primär als Schriftkundiger, als Gelehrter, als Experte für Gottes Wort. Evangelische Geistliche erscheinen im Gottesdienst ganz gezielt nicht als Priester, denn Priester sind nach reformatorischer Lehre ohnedies alle, die auf Christus getauft sind. Das Priestersein zeichnet evangelische Geistliche nicht vor anderen aus, vielmehr sind sie durch ihre Kleidung als von der Gemeinde delegierte und gewählte Experten für Gottes Wort ausgezeichnet. Ihre Rede soll ihr Schmuck sein, nicht ihr Gewand.

ber schaut man sich in den evangelischen Kirchen Deutschlands um, so breitet sich statt des schwarzen Talars immer mehr das weiße Priestergewand aus. Und wer sich mit Rücksicht auf das allgemeine Priestertum scheut, sich als Priester zu kleiden, der trägt wenigstens eine farbige Stola über dem schwarzen Talar. Der schwarze Talar wirke so düster und traurig, mit Stola sehe alles viel fröhlicher und lebendiger aus, so empfinden viele. Auch Bischöfinnen und Kirchenpräsidenten treten bei Gottesdiensten mit Stola über dem schwarzen Talar auf. Mit heiterer Gelassenheit setzen sie sich über konzeptionelle und ästhetische Bedenken hinweg – und dem Kirchenvolk scheint es zu gefallen.

Denken wir nochmals an den Impuls von Harald Schmidt: lateinischer Gottesdienst, vier Stunden, zelebriert mit dem Rücken zur Gemeinde. Was ist angesagt? Differenzverstärkung oder Anpassung? Widerstand oder Ergebung? Oder ein bisschen das eine und ein bisschen das andere? Einmal dies und ein anderes Mal das? Und wenn schon niemand die totale Anpassung oder die totale Differenz vertreten will, wann ist dann das eine und wann das andere angesagt?

Orientierung können wir gewinnen, wenn wir uns klar machen, wie in den verschiedenen Konfessionen die Gegenwart Gottes im Gottesdienst verstanden wird. Denn alle christlichen Gottesdienste wollen der Begegnung der Menschen mit Gott dienen. In römisch-katholischen Gottesdiensten sind die gewandelten eucharistischen Gaben der Ort der Gegenwart Gottes. Die Hostie wird zum Himmel erhoben, sie wird angebetet und voll Ehrfurcht verzehrt. Was an Gaben beim Mahl übrig bleibt, wird im Tabernakel verwahrt. Vor dem Tabernakel brennt das Licht, um die Gegenwart Gottes in der Hostie anzuzeigen. Römisch-katholische Gottesdienste sind um die Feier der Eucharistie herum konzipiert. Die Predigt ist Vorwort und Auslegung zur Eucharistie. Wortgottesdienste ohne Eucharistie sind keine vollwertigen Gottesdienste.

Auch orthodoxe Gottesdienste sind ohne Mahlfeier nicht denkbar. Bei ihnen steht jedoch ein anderer Gedanke im Vordergrund: Die Orthodoxen verstehen den irdischen Gottesdienst als Spiegel des himmlischen Gottesdienstes, den Gott mit den Engeln und allen Vollendeten im Himmel unablässig feiert. Die irdischen Vollzüge ahmen nur nach, was im Himmel geschieht. Die orthodoxe Liturgie ist daher nicht wirklich reformfähig. Jede Reform auf Erden wäre eine Kritik am Himmel – ein unmöglicher Gedanke. Die völlige Reformresistenz des orthodoxen Gottesdienstes hat dieser Kirche unter der kommunistischen Herrschaft das Leben gerettet. Mit der Gewissheit, dass die eigene Liturgie die Liturgie Gottes ist, konnte man in Differenz zur Sowjetmacht jahrzehntelang überleben. Und man bedenke: Orthodoxe Gottesdienste dauern tatsächlich vier Stunden, in der Liturgie wird kirchenslawisch gesprochen, was kaum jemand versteht, und die Priester stehen nicht nur mit dem Rücken zur Gemeinde, oft genug sind sie dem Blick der Gemeinde hinter der Ikonostase sogar ganz entzogen. Orthodoxe Gottesdienste inszenieren die maximale Differenz zu den irdischen Kommunikationserwartungen. Sie können das, weil sie sich mit den himmlischen Verhältnissen völlig konform wissen.

Alle christlichen Gottesdienste sind als Feiern der Gottesbegegnung konzipiert, auch evangelische. Nach evangelischem Verständnis ist Gott primär in seinem Wort gegenwärtig. Deshalb spielt das Wort Gottes im evangelischen Kultus die entscheidende Rolle. Augenfällig wird das in der aufgeschlagenen Bibel auf dem Altar. Inszeniert wird das in der Lesung aus der Heiligen Schrift, vor allem aber in der Predigt, die als lebendiges Gotteswort das Evangelium jetzt und an diesem Ort zu verkündigen hat. Selbst das Abendmahl wird als sichtbares Wort verstanden. Es überbietet die Predigt nicht, sondern präsentiert das Wort Gottes nur in einer anderen Darreichungsform. Der alte lateinische Titel eines evangelischen Geistlichen lautete daher: minister verbi divini – Diener des göttlichen Wortes.

Gott ist in seinem Wort gegenwärtig – das feiern wir in einem evangelischen Gottesdienst. Gottes Wort kann dabei vielfältige Formen annehmen: Schriftlesung und Predigt, Psalmgebet und Gemeindegesang, Chormusik und Abendmahlsfeier. Selbst Bilder und Musik lassen sich als Formen des Wortes Gottes verstehen, denn Wort Gottes meint ja vor allem Kommunikation. Und Kommunizieren und Verkündigen können nicht nur Menschen, sondern auch Bilder und Skulpturen, die Nachtigallen und die Instrumente. Martin Luther lässt in einem Gedicht Frau Musika auftreten und sprechen: „Die beste Zeit im Jahr ist mein, / da singen alle Vögelein, / Himmel und Erden ist der voll, / viel gut Gesang, der lautet wohl.“ Schon immer war das Christentum der Ansicht, dass auch die Natur, dass die gesamte Schöpfung, dass auch Tiere und Pflanzen an der Verkündigung Anteil haben.

So vielfältig die Formen des Wortes Gottes sein können, so deutlich liegt der Schwerpunkt in evangelischen Gottesdiensten doch auf den verbalen Formen der Verkündigung. Gerade das, so meinen heute viele, mache evangelische Gottesdienste unattraktiv. Heutzutage, nach dem „iconic turn“, nach der Wende zur Bebilderung von allem und jedem, müsse sich auch die evangelische Kirche von ihrem Kult ums Wort abwenden und mehr und mehr Bilder, Gesten und rituelle Elemente in ihre Gottesdienste aufnehmen. Die katholische Kirche mit ihren telegenen Papstbegräbnissen und -inthronisationen mache erfolgreich vor, wie man sich in der modernen, überwiegend medial erlebten Welt präsentiert.

Lateinische Messe, vier Stunden, mit dem Rücken zur Gemeinde – dieses Programm ist gar nicht so widerständig wie es zunächst aussieht. Dieses Programm formuliert nur überspitzt, wohin die liturgische Reise auch nach Ansicht vieler Religionsexperten geht: Weg von der Botschaft, hin zur Form. Weg von Text und Inhalt, hin zu Bild und einem Vollzug, bei dem die Worte nicht mehr als Dekoration sind. Der Münchner Soziologe Armin Nassehi hat vor einem Monat in der „Zeit“ erklärt, dass die Kraft der Religion gerade nicht in der Botschaft, sondern in der Form liege und dass deshalb die Welt immer katholischer werde.3

Wer modern sein will, so kann man daraus schließen, muss Bilder und Erlebnisse bieten, muss Erfahrungen und Begehungen ermöglichen, muss das Heilige im Gottesdienst in Szene setzen und die strenge protestantische Nüchternheit und Wortlastigkeit überwinden. Farbige Stolen über dem schwarzen Talar sind dabei nur das Mindeste, was man dem Auge bieten sollte. Liturgische Tänze und Gewänder, Videoinstallationen und Kunstbegegnungen, Stoffbänder und Behänge – all das wird aufgeboten, um dem evangelischen Kultus aufzuhelfen.

Eine breite liturgische Bewegung versucht überdies die Predigt aus dem Zentrum des evangelischen Gottesdienstes zu rücken. Mindestens gleichwichtig, wenn nicht wichtiger sei die Feier des Abendmahls. Nur ein Gottesdienst mit Abendmahl sei ein vollständiger Gottesdienst. Das behaupten namhafte protestantische Dogmatiker, die meinen, dass alles, was nicht sinnlich-leiblich erfahrbar ist, defizitär sei. Die Zukunft des Gottesdienstes liege gerade in ökumenischer Hinsicht in der Feier der Eucharistie und nicht im Wortgottesdienst, so kann man protestantische Liturgiker vernehmen. Nur die eucharistische Feier könne die getrennten Konfessionen zusammenbringen. Anpassung an die anderen Konfessionen ist hier die Maxime, Anpassung an Rom oder Byzanz und an den angeblichen christlichen Mainstream, Anpassung an den vermeintlichen Konsens der Jahrhunderte, Anpassung an das menschliche Bedürfnis nach Bildern und sinnlicher Erfahrung.

Wer heute für das Wort und die Predigt als Zentrum des evangelischen Gottesdienstes eintritt, wagt die Differenz. Differenz wagen ist anspruchsvoll, es ist anstrengend und riskant. Aber Differenz bedeutet auch Freiheit, Differenz schafft Raum und Differenz erzeugt am Ende auch Aufmerksamkeit. Den Kampf um die besseren Bilder werden wir als Protestanten gegen Rom immer verlieren. Lohnender ist das Bemühen, die besseren Worte zu finden, die größere Klarheit zu suchen, die erhellendere Botschaft zu formulieren.

Das Vorbild protestantischen Predigens ist dabei die prophetische Rede wie sie der Apostel Paulus in Abgrenzung zur charismatischen Zungenrede im 1. Korintherbrief beschreibt. Paulus: „Ich will in der Gemeinde lieber fünf Worte reden mit meinem Verstand, damit ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in Zungen.“ (1Kor 14,19). Der Ursprung des christlichen Glaubens ist nicht der Kultus, ist nicht die Messe, ist nicht die heilige Inszenierung, ist nicht das faszinierende Bild, das fesselt, aber nichts wirklich Eindeutiges sagt. Der Ursprung des christlichen Glaubens ist das befreiende Wort, ist die Botschaft von Gottes Erbarmen, ist die These, dass diese Welt Resonanzraum der Liebe Gottes ist, allen dem entgegenstehenden Erfahrungen zum Trotz. Das zu entfalten, das glaubwürdig und anschaulich darzustellen, ist die Aufgabe christlichen Redens und Predigens. Die Welt als Resonanzraum der Liebe Gottes zu bekennen, das ist der Dienst, den die Kirche der Welt leisten kann.

Die Predigt bietet die einzigartige Chance, die Botschaft von Gottes Liebe reflektierend zu entfalten und auf das Leben heutiger Menschen zu beziehen. Es ist schlechterdings nicht zu erkennen, was die Predigt in dieser einmaligen Funktion ersetzen könnte. Die Predigt stellt die Verbindung zwischen den Ursprüngen der christlichen Tradition und der Wirklichkeit heutiger Menschen her. Sie garantiert dabei die Modernität und Zeitgemäßheit des christlichen Glaubens. Der Religionssoziologe Detlef Pollack sieht die Stärke des evangelischen Gottesdienstes daher gerade darin, dass er „dem modernen Bedürfnis nach Rationalität, nach Verständlichkeit und Durchschaubarkeit“ entgegenkommt.4 Die Predigt hat dem evangelischen Gottesdienst einen solchen Vorsprung an Modernität verschafft, dass sich Katholiken und sogar Orthodoxe gezwungen sahen, ebenfalls regelmäßig eine Predigt in ihre Gottesdienste aufzunehmen.

Indem der Protestantismus die Predigt in den Mittelpunkt des Gottesdienstes rückt, wird die Religion, so hat es Niklas Luhmann einmal gesagt, von Kult auf Kommunikation umgestellt.5 Der Kult begnügt sich mit der Teilnahme der Anwesenden, mit ihrer Partizipation. Das bloße Erscheinen genügt, die Schwelle ist niedrig. Die Predigt hingegen fordert zur Stellungnahme, fordert zum Bekenntnis heraus. Die Predigt zielt auf das Leben der Glaubenden, sie verlangt, das eigene Leben und die menschliche Gesellschaft in den Blick zu nehmen und sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Die Vorrangstellung der Predigt erhöht die Schwelle zur Teilnahme. Die Predigt und das Wort bringen jedoch zugleich das viel höhere Potential zur Veränderung und Weltgestaltung mit.

Die Predigt lebt vom Wort. Aber die richtigen Worte erzeugen immer auch Bilder, innere Bilder. Jede und jeder hört eine Predigt anders. Jede und jeder findet beim Hören eigene Anschlüsse an Erlebnisse und Erfahrungen. Die Bilder einer kultischen Inszenierung sind vielleicht zunächst einmal fesselnder. Aber sie haben weniger Relevanz für das Leben. Sie leben mehr von der Faszination und weniger von der inneren Aneignung. Ist die Sprache der Predigt bilderreich, plastisch, anschaulich und lebendig, dann kann eine Predigt ganz anderes erreichen als jede Zelebrierung irgendeines Kultus. Aus dem Wort der Predigt kann Gotteswort werden, ein Wort, das mich frei macht, ein Wort, das meine Verletzungen heilt und mich aufatmen lässt, ein Wort, das mich aus dem Dunkel ins Licht führt und mir den Weg weist, ein Wort, das mich begleitet in schweren Stunden, das mich tröstet und mir Halt gibt in der Erfahrung der Bodenlosigkeit, ein Wort, das mir zeigt, was aus meinem Leben werden kann. Worte, die das bewirken, sind Gottesworte. Wer solches beim Hören erlebt, dem ist Gott begegnet.

Die Predigt ist nach Ernst Lange ein Gespräch mit dem Hörer über sein Leben im Licht des Evangeliums.6 Sie dient dazu, dass wir unseren Alltag, unser tägliches Leben besser verstehen, dass wir Distanz zu dem gewinnen, was uns unfrei macht und bedrückt, dass wir ermutigt und gestärkt werden für das, was vor uns liegt.

Die Predigt ist dabei mit dem Senfkorn zu vergleichen, von dem Jesus im Gleichnis (vgl. Mat 13,31f) erzählt. Im Vergleich zur medialen Wucht mancher religiösen Inszenierung wirkt sie bescheiden. Aber wie das Senfkorn im Gleichnis enthält die Predigt ein großes Potential. Das treffende Wort kann eine enorme Wirkung entfalten und die Welt verändern. Von Jesus sind uns keine Bilder, wenige Gesten und außer Taufe und Abendmahl kaum religionsfähige Inszenierungen überliefert. Von Jesus sind uns im Wesentlichen nur Worte überliefert, aber was für Worte: die Gleichnisse vom Reich Gottes, das Vaterunser, die Seligpreisungen der Bergpredigt. Jesus hat durch seine Reden, durch seine Worte und Predigten gewirkt. Seine Worte sind Gottesworte, sie verwandeln die Welt mehr als jede Inszenierung und jedes Bild.

Die evangelische Kirche hat allen Grund auch in Zukunft dem Wort und der Predigt viel zuzutrauen. Selbst wenn die Welt, wie Nassehi meint, immer katholischer würde, die Welt kann auf das Wort, sie kann auf die Predigt, sie kann auf die befreiende Kraft der evangelischen Botschaft nicht verzichten. Mögen andere sich an vierstündigen lateinischen Messen erfreuen, bei denen der Priester der Gemeinde den Rücken kehrt. Evangelische Gottesdienste werden auch in Zukunft alles daran setzen, dass die Botschaft des Evangeliums verstanden wird, dass die Predigerinnen und Prediger sich den Menschen zuwenden, mit dem Gesicht und mit dem, was sie sagen. Der evangelische Kultus bleibt ein Kult ums Wort, weil vor allem Worte die Welt verändern können. Gott ist in seinem Wort gegenwärtig. Gerade durch das Wort macht er die Menschen frei und selig.

Amen.

 

1 Vgl. die Meldung vom 28. Februar 2007 auf www.kath.net: „Der bekannte deutsche Fernsehmoderator Harald Schmidt war auf der Bildungsmesse ‚didacta‘ Überraschungsgast auf der Bühne der Kirchen. Im Interview mit dem Domradio äußerte er sich z.B. zu seinen Vorstellungen eines gelungenen Gottesdienstes: Er müsse lateinisch sein und mindestens vier Stunden dauern. Der Priester solle ‚à la Miles Davies‘ mit dem Rücken zur Gemeinde agieren.“ http://www.kath.net/detail.php?id=16101. Eine Audiodatei des 30-minütigen Interviews mit Schmidt findet sich unter dem Datum des 1.3.2007 bei: http://www.domradio.de.

2 Zit. nach: Martin Luther, Ausgewählte Schriften Bd. 5, hg. v. Karin Bornkamm und Gerhard Ebeling, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1983, 31, Original nach Martin Luther, Studienausgabe: Von ordenung gottis diensts ynn der gemeyne, 37: Entscheidend ist einzig, dass „das wort ym schwang gehe und nicht widderumb eyn loren und dohnen draus werde, wie bis her gewesen ist. Es ist alles besser nach gelassen, denn das wort. Und ist nichts besser getrieben denn das wort. Denn das das selb sollt ym schwang unter den Christen gehen, tzeygt die gantze schrifft an, und Christus auch selb sagt, Luce X. ‚Eyns ist von notten.‘ Nemlich das Maria tzu Christus fussen sitze und hore seyn wort teglich, das ist das beste teyl, das zurwelen ist, und nymer weg genomen wirt“. Vgl. auch Karl-Heinrich Bieritz, Daß das Wort im Schwang gehe. Lutherischer Gottesdienst als Überlieferungs- und Zeichenprozeß, in: Ders., Zeichen setzen. Beiträge zu Gottesdienst und Predigt, Stuttgart 1995, 82-106.

3 Armin Nassehi, Warum die Welt katholischer wird. Nicht in der Botschaft, sondern in ihrer Unbestimmtheit liegt die Kraft der Religion, Die Zeit, 12.4.2007, Nr. 16, Feuilleton, zitiert nach: http://zeus.zeit.de/text/2007/16/Nassehi.

4 Detlef Pollack, Gottesdienst und Moderne. Religionssoziologische Beobachtungen und Deutungen, in: Religion wahrnehmen, FS Karl-Fritz Daiber, (Hg.) Christian Fechtner, Marburg 1996, 329.

5 Vgl. Niklas Luhmann, Funktion der Religion (1977), Frankfurt a.M. 1982, 111.

6 Vgl. Ernst Lange, Zur Aufgabe christlicher Rede, in: Ders., Predigen als Beruf. Aufsätze zu Homiletik, Liturgie und Pfarramt, (Hg.) Rüdiger Schloz, 2. Aufl., München 1987, 52-67, 58.