Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über die Bachkantate BWV 66 "Erfreut euch, ihr Herzen"

Dr. Kristin Jahn (ev)

25.04.2011 in der Stadtkirche Meiningen

Predigtpreis 2011 für die beste Osterpredigt

Die Bachkantate BWV 66 hören Sie hier

 

I

Ostern 2011: „Christ ist erstanden!“ – so schallt es durch die Welt. „Erfreut euch, ihr Herzen!“ Jubel dringt durch dickste Kirchenmauern hinaus auf den Markt durch die Gassen und Straßen dieser Stadt.

 

Glucksend, tirilierend, den Vögeln gleich schmettern es die Chorsänger himmelwärts, hinauf bis hin zum dreifach hochgestrichenen a:

 

die Auferstehung unseres Herrn und der Tod ist nicht mehr. Fremd und schön ist, was da aus dieser Kirche in die Welt dringt.

 

II

1695 lauscht ein Junge von neun Jahren diesen Gesängen: „Christ ist erstanden!“ „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit.“ Gassenhauer sind das und eine ganze Stadt tanzt und lacht dazu. Christ ist erstanden.

Der kleine Junge hört es und kann es nicht fassen. Denn was da in sein Ohr dringt, das spürt und fühlt er nicht.

Fremd ist ihm dieser Jubel, diese Freude, das Lachen, der Witz.

 

Denn gestrandet – hineingeworfen in das Leben wie ins Meer – so lebt er seit kurzem in einer fremden Stadt, untergekommen bei seinem großen Bruder, ein verwaistes Kind an einem Ort, irgendwo im Wald. Ohrdruf.

 

Im Februar erst war der Vater verstorben und im Jahr zuvor seine Mutter, im wunderschönen Monat Mai.

 

Es ist Karfreitag in seiner Welt und will kein Ostern werden. Wo bitte schön, fragt er sich, bricht denn das Grab und damit unsre Not?

 

Er hört, wie alles lallt und lacht: „O Tod, wo ist dein Stachel nun“ und fühlt doch wie kein anderer, wo des Todes Stachel sitzt.

 

III

So steht er da vor seinem großen Bruder Johann Christoph, in dieser österlichen Zeit, mit all seinen Fragen im Herzen: Auferstehung, Ja, wo denn, wann denn, wie denn?

 

Er hat noch die klugen Reden der Pfarrer im Ohr: Wer Augen hat zu sehen, der sieht es! Und sieht doch nichts.

 

Wie sehr er sich anstrengt. Die Gräber brechen nicht. Die Eltern kommen nicht wieder.

Die klugen Reden, die Osterpredigten dieser Welt – sie wissen so viel und sie trösten so wenig.

 

Er spürt, es gibt Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Da ist und bleibt ein Riss zwischen Karfreitag und Ostern, Tod und Leben.

 

Ein Riss, den keiner versteht und den keiner aus eigner Kraft überwindet, schon gar nicht mit klugen Reden.

 

IV

Sein Bruder macht ihn indes zum Chorknaben in Ohrdruf. Fortan singt er mit, was er nicht sagen kann: Christ ist erstanden. Wir wollen alle fröhlich sein.

Ungläubig gläubig, mal mit Tränen im Hals, mal mit Freude und Trotz.

 

Und die Lieder, sie heilen Wunden. Sie nehmen ihn mit. Ziehen himmelwärts mit ihren Melodien, so manches Schwere wird da leicht.

 

Sie lassen ihn jubeln mit himmlischen Heerscharen. Sie stellen keine Fragen und geben keine altklugen Antworten: Sie sagen einfach: Es ist. Es ist alles gut!

 

Sie singen mit Inbrunst von dem, was war, was ist und kommen wird: Christ ist erstanden! Und der Tod ist nicht mehr.

 

Mit unverschämter Zuversicht nehmen sie trotzig vorweg, wovon andere noch träumen.

Er lernt, dem Schmerz mit Liedern zu begegnen. Mit Osterliedern gegen den Tod zu protestieren.[1]

 

Und die Schar der Sänger, rechts und links neben ihm, sie werden ihm zu Helfershelfern im Hoffen und Wagen.

 

Er stimmt ein in die Lieder. Wieder und wieder. Er probiert ihre Töne und Texte aus, ihre Freude, ihren Jubel.

Er probiert sie an wie ein Gewand, das andere ihm gewebt haben. Eine Freude, die bereit liegt in der Welt; in der alles schon eingewebt ist, was mein Herz begehrt.

 

Er stimmt ein in diese Lieder und auf einmal kann er wieder Sachen sagen, die größer sind als sein Herz, die weiter reichen als seine Erfahrung.

 

Er weiß plötzlich, was Gnade ist: mich zurücklehnen in eine Freude, die schon gewebt ist, bereit liegt wie ein warmer Mantel,

und darin spazieren gehen, bis die fremde Freude auch meine ist. Mich ganz erfüllt, und ganz belebt.

 

Eine Freude, die keiner sich selber weben muss. Die dir in den Schoß fällt wie ein altes Lied, dir in den Ohren liegt mit unbändiger Freude.

Mein Gott, wie schön, denkt er.

 

1724 ist aus dem kleinen Jungen ein weltbekannter Musiker geworden: Johann Sebastian Bach.

Ein Mann, der die leisen und lauten Töne des Herzens kennt.

 

Der Melodien schafft, welche die Herzen der Menschen himmelwärts ziehen.

Melodien, die um den Riss wissen, der zwischen Karfreitag und Ostern liegt.

 

Er ist ein Mensch geworden, der anderen Leuten Lieder schenkt, in denen sie wandeln können mit Hoffen und Zagen.

 

Seine Kantaten sind Herbergen für eine überirdische Freude und Lebenslust, Kathedralen aus Worten und Melodien, Texten und Tönen, Orte, die mein Herz erfreuen, wo etwas Großes über dir aufgeht.

 

Sie bieten keine klugen Antworten auf die Frage: wo denn nun genau das Grab für dich bricht.

Sie brechen einfach mit dir auf und führen dich himmelwärts. Schmettern mit unverschämter Zuversicht ihren Jubel in die Welt hinein. „Erfreut euch, ihr Herzen, entweichet ihr Schmerzen. Es lebet der Heiland und herrschet in euch!“

 

Mit ihnen vertraue ich blind auf das, was war, was ist und kommen wird. Denn sie sagen: Es ist alles gut!

Sie verlocken mich, der Verheißung zu folgen und, wenn die Welt mich fürchten machen will, dem Tod einen Abgesang ins Ohr zu schmettern, dass es nur so kracht und blitzt.

 

Und das Schönste ist: ganz am Ende laden sie mich ein, einzustimmen in die Gnade, die bereit liegt wie ein altes Lied:

Christ ist erstanden!

 

Gott gebe es und so sei es! Amen.


[1] Vgl. Fulbert Steffensky: Der Schatz im Acker. Gespräche mit der Bibel, Stuttgart 2010, S. 37.