Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über die Frage "Hilft Beten?"

Pfarrer Karsten Böhm (ev)

17.02.2013 in der Kirchengemeinde in Eschborn-Niederhöchstadt

zur Eröffnung der Gebetswoche

„Glauben Sie mir, Herr Pfarrer, beten hilft.“

So empfing mich einmal eine ältere Frau. Ihr Mann war vor kurzem nach einer schweren Operation gesund aus dem Krankenhaus entlassen worden. Am Ende dieses Besuches fiel es uns allen leicht, ein Dankgebet zu sprechen.

Am selben Tag führte mich mein Weg noch zu einer anderen Frau. Ihr Mann war vor wenigen Wochen trotz einer Operation gestorben. „Herr Pfarrer, ich habe so viel gebetet, dass mein Mann noch nicht sterben muss, aber nun ist er nicht mehr da. Jetzt bin ich allein.“ Ich fühlte damals, wie die pure Verzweiflung dieser Frau mich zum Verstummen brachte und mir die Worte fehlten.

Liebe Gemeinde,

wir kennen diese beiden Erfahrungen, diese gegensätzliche Erfahrungen. Einerseits wundervolle Gebetserfahrungen und unglaubliche Gebetserhörungen. Dann auch wieder die direkte und dringliche Bitte, die nicht erfüllt wurde. Die Erfahrung, dass nicht eingetreten ist, wofür ich inständig, intensiv und dringlich gebetet habe. War es Zufall, Schicksal, dass der eine Mensch stirbt und der andere geheilt wird. Zugespitzt formuliert: Hilft Beten? Macht Beten Sinn?

Ja, beten hilft. Das sehen auch Mediziner so. Viele wissenschaftliche Studien haben inzwischen die positiven Effekte religiösen Lebens bestätigt und alle diese Studien sagen: „Ja, Beten hilft.“ Ein Beispiel dazu unter vielen: in der anerkannten „Archives of International Medicine“ wurde 1999 eine Studie veröffentlicht. In der Studie wurde willkürlich Namen von Patienten an eine Fürbittgruppe gegeben und dann 4 Wochen für diese Patienten – ohne deren Wissen – gebetet. Das Ergebnis: diejenigen Patienten für die gebetet wurde, benötigten signifikant weniger Medikamente, der Heilungsprozess verlief signifikant schneller und das Wohlbefinden der Patienten signifikant höher.

Beten hilft aber auch in andere Hinsicht: Zum einen hilft es, sich seine Sorgen von der Seele zu reden, im Gebet an Gott abzugeben. Das Aussprechen, das Beten befreit. Das Loslassen von Gedanken erleichtert. Außerdem hilft es auch, die eigenen Gedanken zu sortieren, indem wir sie im Gebet aussprechen. Und es entfaltet sich eine ungeheure Kraft, wenn man weiß, da betet jemand für mich. Zu wissen: jemand nimmt an meiner Situation Anteil, denkt an mich, betet für mich, hilft ungemein, kann in der Tat einen Heilungsprozess beschleunigen. Positive Energie nennt man das heutzutage.

Unsere Gebete beeinflussen Gott

Aber einen wichtigen Punkt, den wichtigsten Punkt beim Gebet, haben viele Menschen, die beten, auch Christen, nicht im Blick, nämlich: Gott lässt sich aufgrund unserer Gebete erweichen. Durch unsere Gebete können wir Gott beeinflussen. Daran glaube ich, denn davon ist immer wieder in der Bibel die Rede.

In der Schriftlesung hörten wir Abrahams Fürbitte für Sodom (Gen 18,16-33): Gott hat sich entschlossen, Sodom aufgrund der vielen Sünden und Verbrechen, die dort an der Tagesordnung stehen, zu vernichten. Der Plan steht fest, doch Gott hat nicht die Rechnung mit Abraham gemacht. Denn dieser ist von Gottes Plan gar nicht angetan und er spricht mit Gott, betet zu ihm, um Gott von seinem Plan abzubringen. Und Gott lässt sich auf Abrahams Handeln ein. Sodom war tot geweiht, doch Abraham lässt sich von diesem Plan nicht einschüchtern, sondern bittet Gott, um 50 Gerechter willen die Stadt zu verschonen. Und Gott lässt sich darauf ein. Dann bietet Abraham um 45 Gerechter willen. Gott willigt ein. Abraham merkt, Gott lässt sich erweichen und bittet um 40 Gerechter willen. Und so weiter und so fort bis Abraham Gott auf 10 Gerechte herunter gebetet hat. Abrahams Gebet beeinflusst Gott. Sodom soll aufgrund der zehn Gerechten verschont werden. Gott lässt von seinem ursprünglichen Plan ab, weil Abraham ihn so inständig darum gebeten hat.

Und auch an vielen anderen Stellen lässt Gott und Jesus Christus sich durch wirkliches Flehen, durch Gebet, durch Bitten, die aus dem tiefsten Herzen kommen, erweichen. Wir Christen glauben eben nicht an einen unveränderlichen Gott, der ein für alle Mal die Weltgeschichte fest zementiert hat und an diesem Lauf der Geschichte ist nichts zu ändern. Sondern wir glauben an einen persönlichen Gott, zu dem wir reden können und von dem wir Antworten erwarten können.

Deshalb sprechen wir im Vater Unser – das ist für andere Religionen übrigens ein Skandal – Gott als Vater an. Vater Unser… - die Anrede lautet eben nicht „mächtiger Gott“, „großer Herrscher“, „allwissende Etwas“, sondern „Vater“. Und Jesus selbst sagt zu Gott „Abba“, was „Papa“ übersetzt heißt.

Gott ist zu uns wie ein sorgender, fürsorglicher, liebevoller Vater, eben wie ein guter Papa ist. Das ist der entscheidende Punkt und deswegen „nützt“ Gebet, deswegen hilft beten. Wie Eltern ihren Kindern manchen Wunsch erfüllen, erfüllt uns Gott manchen Wunsch. Dieser persönliche Gott, der sich nach uns Menschen sehnt, mit uns lebt, mit uns leidet und ringt, will unsere Bedürfnisse kennen lernen und wir können immer hoffen und vertrauen, dass Gott unsere Bedürfnisse erfüllt. Ja, Gott hört unsere Bitten und erfüllt Wünsche, auch ganz konkrete.

Gott erfüllt dennoch nicht jeden Wunsch

Aber wir kennen auch die gegenteilige Erfahrung. Beten hilft nicht, zumindest nicht so, wie wir uns das oft wünschen, denn Gott erfüllt nicht jeden Wunsch. Aber auch Eltern erfüllen nicht alle Wünsche ihrer Kinder, weil sie es manchmal besser wissen als das Kind. So eben auch Gott.

Auch Glaubensriesen wie der Apostel Paulus spürten das am eigenen Leib. Paulus bat drei Mal darum, von seinem „Pfahl im Fleisch“ geheilt zu werden – und erhielt als Antwort: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Kor 12,79).

Und auch von Jesus ist überliefert, dass er im Garten Gethsemane kurz vor seiner Verhaftung darum flehte, dass Gott ihm den Leidensweg am Kreuz erspare: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir“ (Lk 22,42) und auch hier entsprach die Antwort nicht den Erwartungen. Der Tod am Kreuz blieb ihm nicht erspart. Aber das wichtige am Flehen Jesu war, dass er seine Bitte um Errettung mit dem Zusatz. „Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ erweiterte. Und so beten wir auch im Vaterunser ‚Dein Wille geschehe…’

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden

Die meisten Menschen verstehen diesen Satz im Sinne einer Gott- und Schicksalsergebenheit: „Inschallah“, „Si Dios quiere“ – wie Gott will. Das ist erstmal auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Andere argumentieren weiter und meinen: Wenn der Beter um etwas bittet, was Gott ohnehin geben will, dann kriegt er’s. Sonst nicht.

Für viele Menschen ist diese Bitte „dein Wille geschehe“ auch angstbesetzt. Sie haben Angst, dass Gott etwas sehr Unschönes für sie bereit hält und man dies dann einfach in frommer Demut annehmen muss. In diesem Sinne ist das Gebet leider mehr von Misstrauen als von wirklichem Vertrauen geprägt.

Aber die Bitte heißt ja schließlich: dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Wie im Himmel. Der Himmel ist ja nicht ein Zustand, in dem wir uns angstvoll in frommer Ergebenheit in die unbegreiflichen Wege Gottes fügen, sondern etwas Leichtes, Begehrenswertes, Schönes, und zwar gerade deswegen, weil dort Gottes Wille ungetrübt geschieht. Dieser wunderschöne, erstrebenswerte Himmel soll auch auf Erden Wirklichkeit werden. Der paradiesische Zustand des Himmels soll auch auf Erden Wirklichkeit werden, so die Sehnsucht dieser Bitte.

Gott beantwortet jedes Gebet

Ich will Gott meine Wünsche sagen und will ihm zugleich erlauben, dass er es mit mir, mit anderen Menschen und der Welt so machen soll, wie er es für richtig hält. Er kennt die Welt und mich am allerbesten. Er weiß, was gut und förderlich für uns ist.

Wenn Gott „Ja“ zu einem meiner Gebete, einer meiner Bitten sagt, dann kann ich mich freuen und dankbar sein. Wenn er „Nein“ sagt, dann will ich glauben, dass es so in Ordnung ist. Er ist schließlich Gott.

Gott beantwortet jedes Gebet. Aber manchmal ganz anders, als wir es uns wünschen und wir es für richtig halten. Das ist zwar schmerzhaft einzusehen und zu akzeptieren, aber genau darüber bin ich mittlerweile sehr froh, heilfroh, den manches Schönes, Richtiges hätte ich in meinem Leben nicht erlebt, wenn Gott nach meinem Willen und nicht nach seinem Willen gehandelt hätte. Gott sei dank tut Gott das, was er für richtig hält.

All das bisher Gesagte soll aber nicht bedeuten, dass wir schon immer vorher Gottes mögliche Ablehnung oder Nichtbeantwortung bei Gebeten erwarten sollen und auch nicht mehr konkret beten sollen. Wenn ich immer schon die Ablehnung, die Nichtbeantwortung meines Gebetes in Betracht ziehe, dann erlebe ich zwar keine Enttäuschungen mehr, aber das christliche Verständnis von Gebet ist dann gründlich missverstanden. Durch abstraktes, wenig konkretes Beten sichere ich mich nur gegen Enttäuschungen ab. Ein tiefer Glaube, der sich vorbehaltlos anvertraut, ist das nicht. Wenn wir beten, sollen wir konkrete Anliegen vor Gott bringen, in all ihrer Naivität und Menschlichkeit. Wer sich Sorgen um seinen Arbeitsplatz macht, darf und soll das vor Gott bringen – und dieser jemand muss nicht zuerst den Weltfrieden erflehen.

Denken Sie beispielsweise an die Begegnung des blinden Bettlers Bartimäus mit Jesu (Markus 10,46-52)

Dort ruft Bartimäus nach Jesus und dieser tritt ihm entgegen und fragt: „Was willst du, Bartimäus, dass ich für dich tun soll?“ Und Bartimäus antwortet kurz und knapp und sehr direkt: „Ich will sehen können.“ Punkt. „Jesus. Heile meine Krankheit. Ich will sehen können.“ Alles andere war Bartimäus egal. Nicht sehr sozial und global gedacht von ihm, vielleicht auch naiv und ungeschickt. Auf jeden Fall aber sehr authentisch und echt. Und was tat Jesus? Er heilte ihn.

Eine konkrete Bitte und eine konkrete Gebetserhörung. Gerade eine solch persönliche Bitte wie die von Bartimäus macht den Glauben an einen himmlischen Vater, an einen mächtigen Gott authentisch. Wenn nicht Gott, wen dann kann man in tiefer Verzweiflung um etwas bitten!?

Sicher, in solchen Bitten erleben wir als Betende neben vielen Gebetserhörungen auch Enttäuschungen. Die gibt es in jeder echten Beziehung, wenn Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Aber wie ich mit einer solchen Enttäuschung umgehe, ist die entscheidende Frage. Höre ich dann auf zu beten? Oder macht es nicht viel mehr Sinn, weiterhin auf Gott zu vertrauen, weiterhin zu beten und seinen Willen zu akzeptieren, auch wenn ich ihn dieses Mal nicht verstehe?

Beten ist eine Sache des tiefen Vertrauens und ich vertraue auf Gott und sein Wort, dass er mir gibt, wo ich ihn bitte – auch wenn dann und wann eine Gebetserhörung einmal ganz anders aussieht als ich sie mir konkret vorgestellt habe.

Beten hilft und nützt. Und Beten, vor allem auch in stressigen Zeiten, ist nicht verlorene, sondern gewonnene Zeit. Von Martin Luther ist überliefert, dass er täglich 3-4 Stunden gebetet hat. Und aus der Kraft und der Wirksamkeit des Gebetes und der Stille, hat er ein so unglaubliches Lebenswerk vollbracht. Wir müssen alle kein zweiter Martin Luther werden. Aber ich mache Ihnen Mut, beten Sie daheim für sich, für Ihre Familie, für Ihre Nachbarn und ja, auch für den Weltfrieden. Ihr Leben wird kraftvoller, schöner und wir werden unglaubliche Gebetserhörungen erleben.

Beten ist gewonnene Zeit und Beten bewirkt etwas - Gott wird unsere Gebete hören und beantworten. Amen.