Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 'die Jünger Jesu'

Dirk Fuisting (FeG)

20.03.2011 in der Freien evangelischen Gemeinde in Lebach

12 Freunde sollt ihr sein: Die Jünger Jesu – eine Elitetruppe?

 “Das Runde muss ins Eckige.” Diese Aussage aus dem Ballsport dürfte den meisten von uns bekannt sein. Diesen Satz versuchen in Lebach jeden Freitag von 16-18 Uhr etwa 15-20 junge Leute zu beherzigen.

Bevor wir freitags loslegen, werden Mannschaften gebildet. In der Regel werden vier Spieler bestimmt, die dann wählen dürfen, wer in ihrer Mannschaft mitspielen darf. Und natürlich werden die besten Spieler zuerst gewählt, denn wenn man beim Fußball etwas erreichen will, braucht man gute Spieler.

Im nationalen und internationalen Profifußball läuft das etwas anders, aber das Prinzip ist das gleiche. Gute Spieler werden gebraucht, nur dass dafür – im Gegensatz zu uns in Lebach – oft viele Millionen Euro dafür gezahlt werden.

In den Top-Mannschaften werden nur die Besten der Besten engagiert, denn gute Spieler sind eine wichtige Vorbedingung für große Erfolge.

Das ist nicht nur im Fußball so, sondern gilt überall. In anderen Berufen ist es genau das gleiche. Eine Firma, die Erfolg haben will, braucht qualifiziertes Fachpersonal und kann nicht jeden X-Beliebigen einstellen. Insbesondere, wenn man ein neues Produkt auf den Markt bringen will, braucht man fähige PR-Manager, die mit flotten Sprüchen und einprägsamen Aktionen das Produkt auf dem Markt bekannt machen, damit die Verkaufszahlen in die Höhe schnellen.

Ist es mit unserem Glauben nicht ähnlich? Wollen wir nicht auch, dass unser “Produkt” christlicher Glaube auf dem Markt bekannt wird und viele Menschen zum christlichen Glauben finden? Was haben wir für eine Mannschaft? Sind wir – die FeG Lebach – die richtige Elite-Truppe Gottes, um den Glauben an Jesus Christus zu verkündigen?

Bevor wir aber auf uns selbst schauen, lasst uns zunächst mal ansehen, was Jesus für eine Mannschaft um sich geschart hat, die vor knapp 2000 Jahren den christlichen Glauben verkündigen sollte (Mt 10,2-4):

“Die Namen der zwölf Apostel aber sind diese: der erste Simon, der Petrus genannt wird, und Andreas, sein Bruder; und Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; Simon, der Kananäer, und Judas, der Iskariot, der ihn auch überlieferte.”

Betrachten wir einige dieser Personen nun mal etwas genauer:

- Simon Petrus, der Vorzeigejünger. Er ist mutig, das muss man ihm lassen. Aber es mangelt ihm an realistischer Selbsteinschätzung.

Da sind die Jünger in einer stürmischen Nacht mit einem Boot auf dem See Genezareth unterwegs. Da kommt ihnen Jesus auf dem Wasser laufend entgegen und die Jünger kriegen's mit der Angst zu tun. Jesus sagt zwar, dass sie nicht solche Angst haben sollen, aber die Jünger lassen sich durch die Worte Jesu nicht beruhigen. Da sagt Petrus: “Herr, wenn du es bist, so befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen!” Ein mutiges Wort. Bei stürmischem Wetter will er mitten auf dem See Genezareth aus einem Boot aussteigen und übers Wasser laufen. Doch als Jesus ihn einlädt, ihm über das Wasser entgegen zu kommen, macht er ein paar Schritte – und geht dann unter. Er schreit um Hilfe und Jesus muss ihn retten, damit er nicht ertrinkt (Mt 14,28-30).

Oder einige Zeit später behauptet er vollmundig: “Selbst wenn ich sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen!” (Mt 26,35) – Und was macht er?: Wenig später verleugnet er Jesus (Mt 26,69-75).

Vor Gewalt schreckt Petrus auch nicht zurück. Als die Soldaten Jesus verhaften wollen, greift Petrus zum Schwert und schlägt dem Knecht des Hohenpriesters kurzerhand ein Ohr ab (Joh 18,10).

- Johannes und Jakobus trugen den Beinamen “Boanerges”, zu deutsch: “Donnersöhne”. “Nomen est omen”, sagt man. Wir dürfen annehmen, dass dies auch auf diese beiden Menschen zutraf. Sie trugen ihren Beinamen sicherlich deshalb, weil er ihrem Charakter entsprach. Es werden aufbrausende, jähzornige Menschen gewesen sein. Unverschämt und überheblich waren sie auch. Sie baten Jesus, in der Herrlichkeit zu seiner Rechten und Linken sitzen zu dürfen (Mk 10,35-41). Wundert es uns da, dass die anderen Jünger wütend auf sie wurden?

- Matthäus war Zöllner. Die Zöllner gehörten zu den verachtetsten Menschen zur Zeit Jesu. Sie arbeiteten nämlich mit der verhassten Besatzungsmacht, mit den Römern, zusammen und verlangten meistens viel mehr Zollgebühren als ihnen eigentlich zustand und man konnte sich dagegen nicht wehren. Deshalb lautete ein anderes Wort für Zöllner damals “Sünder”.

- Das Gegenstück zu Matthäus war der andere Simon, der Kananäer. Er wird an anderer Stelle auch: “Zelot” genannt (Lk 6,15). Die Zeloten kämpften damals mit allen Mitteln gegen die Römer. Mord war ihr Hobby. Damals benutze man Messer und Schwerter, heute würde man Bomben legen. Das Prinzip ist aber immer das selbe: dem Gegner möglichst großen Schaden zuzufügen. Dieser Simon war also ein kleiner Osama bin Laden. Und einem Zöllner wie Matthäus, der mit der Besatzungsmacht kollaboriert, wäre er bestimmt am liebsten an die Gurgel gesprungen. Wie soll das nur gut gehen, wie die beiden zusammen sind?

- Thomas, der Zweifler. Der Jünger Thomas ist wegen seines Unglaubens schon sprichwörtlich geworden. Nach Jesu Auferstehung sagt er zu den anderen Jüngern (Joh 20,25): “Wenn ich nicht in seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meine Finger in das Mal der Nägel lege und lege meine Hand in seine Seite, so werde ich nicht glauben.”, worauf Jesus ihm zu verstehen gibt (V. 29): “Glückselig sind die, welche nicht sehen und doch glauben.” Und dieser Zweifler soll später den Glauben an Jesus Christus verkündigen. Das ist doch lachhaft.

- Judas Iskariot. Zuerst veruntreut er das gemeinsame Geld der Jünger (Joh 12,6), später verrät er Jesus (Lk 22,47-48). Und als er feststellt, dass seine Idee wohl doch nicht so gut war, wie er gedacht hatte, begeht er Selbstmord (Mt 27,5).

 

Wenn wir auf diese ersten Jünger schauen, dann kann man das Grausen bekommen. Was für eine Chaoten-Truppe! Und die sollen das Evangelium von Jesus Christus in aller Welt bekannt machen? Das ist doch kaum zu glauben! Wie soll das nur gutgehen? Warum sucht sich Jesus so schräge Typen aus, um das Evangelium zu verkündigen? Warum holt sich Jesus denn keine Elite-Truppe?

Ich denke, dass Jesus sich ganz bewusst solche Typen ausgesucht hat. Das hat den Zweck, dass wir – wenn unser missionarischer Lebensstil Erfolg hat und sich Menschen bekehren, wenn wir das Evangelium verkündigen – uns nicht selbst rühmen. Deshalb schreibt Paulus, dass er sich – bei allem, was er für Jesus geleistet und erlitten hat – nur seiner Schwachheiten rühmen kann (2 Kor 12,5.9). In der “Schwachheit des Fleisches“ hat er das Evangelium verkündet (Gal 4,13). Aber aus diesem Schwachen und Begrenzten hat Gott Großes gemacht. Auf diese Weise hat Paulus erlebt, dass Gottes Kraft “in Schwachheit zur Vollendung kommt” (2 Kor 12,9). Ja, deshalb konnte Paulus sagen (2 Kor 12,10), er habe “Wohlgefallen an Schwachheiten [...] denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark”. Er selbst war schwach – aber Christus in ihm war stark. Es waren also nicht die Fähigkeiten und Qualitäten der Einzelnen, die die Stärke der Jünger ausmachten, sondern die Kraft Gottes, die hinter ihrem Leben stand.

Deshalb ist auch bei uns nicht so wichtig, welche Fähigkeiten und Qualitäten wir besitzen, sondern wichtiger ist, wieviel Raum wir Gott geben, damit Er unser Leben gestalten kann.

Die Jünger waren bereit, mit Jesus zu leben. Das machte sie zu geeigneten und wertvollen Spielern in der Mannschaft Jesu. Gott will auch uns – Dich und mich – gebrauchen. Uns Unvollkommene! Wir dürfen zur Mannschaft des allmächtigen Gottes gehören – und Gott wird durch uns wirken!

 

Lasst uns, bevor ich zum zweiten Teil der Predigt komme, im Bewusstsein, dass Gottes Kraft in uns Schwachen mächtig ist, das Lied “Du bist die Kraft, die mir oft fehlt” singen (FJ3 – 83).

 

 

Ich habe am Anfang gesagt, dass gute Spieler eine wichtige Vorbedingung für große Erfolge sind. Wir haben bereits gesehen, dass die Qualität eines Spielers nicht von den eigenen Fähigkeiten abhängt, sondern davon, was Gott aus unserem Leben macht. Aber um Erfolg mit einer Mannschaft zu haben, gehört noch ein zweites dazu: aus guten Einzelspielern muss eine homogenes Team werden. Die besten Fußballer haben nur geringe Chancen, wenn sie sich als Einzelkämpfer betätigen. Wachsen aber die Fußballer zu einer Einheit zusammen, dann potenziert sich ihre Kraft. Team ist ja nicht die Abkürzung für: “Toll Ein Anderer Macht's”, sondern Team bedeutet, dass sich jeder mit der Kraft einbringt, die er hat.

Schauen wir nun wieder auf die ersten Jünger Jesu. Wir haben gesehen, dass sie ziemliche Chaoten und sehr unterschiedlich waren. Was hält so einen bunt zusammengewürfelten Haufen denn zusammen?

Von den ersten Jüngern in Jerusalem lesen wir in der Apostelgeschichte, sie waren “ein Herz und eine Seele” (Apg 4,32). Sie “verharrten einmütig im Tempel” (Apg 4,46). Sie bezeichneten sich als “Brüder” und “Schwestern”. Woher kommt diese Harmonie? Wodurch sind sie zu diesem homogenen Team geworden?

Wir werden dem auf die Spur kommen, wenn wir darüber nachdenken, was es heißt, wenn sich die Christen “Brüder” und “Schwestern” nennen. Hier kommen wir zu einem ganz grundsätzlichen und sehr wichtigen Thema des Christseins.

Die christliche Gemeinde ist nicht ein Club lieber, netter Menschen! Wer liebe Menschen in netter Gemeinschaft sucht, kann auch einem Kaninchenzuchtverein beitreten. Dort gibt es bestimmt genau so viele liebe und nette Menschen wie in der christlichen Gemeinde.

Hier liegt oft der erste Fehler, warum christliche Gemeinschaft heute oft so schwierig ist: weil wir mit falschen Erwartungen und Wunschbildern kommen. Wir denken: Wenn der andere Mensch in der Gemeinde wirklich Christ ist, dann müsste er doch lieber, netter, freundlicher, fröhlicher, friedlicher, barmherziger, einsichtiger, sanftmütiger, großzügiger und hilfsbereiter sein.

Aber nein, leider sind die Menschen auch in der Gemeinde nicht so, wie ich sie gerne hätte. Auch in der Gemeinde haben die Leute ihre Fehler und Macken.

(Ich bin noch nicht lange hier, deshalb habt Ihr meine Fehler und Macken vielleicht noch nicht bemerkt – aber das kommt noch.)

- Der eine ist zu träge, der andere zu hektisch.

- Der eine nervt mich mit seinen ständigen Fragen, der andere nervt mich, weil er ständig etwas tut, ohne mich zu fragen.

- Der eine weiß alles besser, der andere hat von nichts eine Ahnung.

- Der eine ist zu gesetzlich, der andere zu liberal.

- Der eine betet zu lang, der andere zu kurz.

- Der eine singt zu laut, der nächste zu leise, der dritte zu schief.

Oft sind's nur Kleinigkeiten, die mich auf die Palme bringen.

Und da die anderen nicht so sind, wie ich sie mir wünsche, nehme ich Anstoß an ihnen. Wir wollen, dass der andere so wird, wie wir ihn haben wollen. Und dann fangen wir an, ihn zu kritisieren und zu manipulieren, zu zwingen und zu beherrschen. Zuerst rumort es nur im Kleinen, dann öffentlich, und wenn man nicht rechtzeitig gegenlenkt, zerbricht schließlich die christliche Gemeinde.

Die Gemeinde: “ein Herz und eine Seele” (Apg 4,32) – ist das nur eine Illusion?

Dietrich Bonhoeffer schreibt in seinem Buch “Gemeinsames Leben”:

“Bruder [und Schwester] ist der von Christus erlöste, von seiner Sünde freigesprochene, zum Glauben und zum ewigen Leben berufene Andere. Was einer als Christ in sich ist, in aller Innerlichkeit und Frömmigkeit, vermag unsere Gemeinschaft nicht zu begründen, sondern was einer von Christus her ist, ist für unsere Bruderschaft bestimmend.”

Mit anderen Worten: Es ist nicht die Frömmigkeit, die uns verbindet. Nicht, weil wir das gleiche Interesse am Glauben haben, sind wir Brüder und Schwestern in Christus. Wenn uns nur ein gemeinsames Interesse verbände, dann würde uns nichts unterscheiden von einem Kaninchenzuchtverein. Nein, das, was uns verbindet, ist Christi Blut, durch das wir erlöst sind von unserer Sünde und Schuld. Das verbindet uns und macht uns zu Brüdern und Schwestern in Christus.

Nicht Sympathie und Freundschaft und nicht ein gemeinsames Interesse an Gott und an schönen Gottesdiensten sind die Grundlagen der Zusammengehörigkeit, sondern unser Ruf zur Nachfolge Christi.

Bonhoeffer spricht die mahnenden Worte aus: “Wer mehr haben will, als das, was Christus zwischen uns gestiftet hat, der will nicht christliche Bruderschaft, der sucht irgendwelche außerordentlichen Gemeinschaftserlebnisse, die ihm anderswo versagt blieben, der trägt in die christliche Bruderschaft unklare und unreine Wünsche hinein. An eben dieser Stelle droht der christlichen Bruderschaft [...] die allerschwerste Gefahr, die innere Vergiftung nämlich durch die Verwechslung von christlicher Bruderschaft mit einem Wunschbild frommer Gemeinschaft [...] Jedes menschliche Wunschbild, das in die christliche Gemeinschaft mit eingebracht wird, hindert die echte Gemeinschaft und muss zerbrochen werden, damit die echte Gemeinschaft leben kann. Wer seinen Traum von einer christlichen Gemeinschaft mehr liebt als die christliche Gemeinschaft selbst, der wird zum Zerstörer jeder christlichen Gemeinschaft, ob er es persönlich noch so ehrlich, noch so ernsthaft und hingebend meinte.”

Es geht für Dich und für mich, für jeden einzelnen darum, sich zu hinterfragen und zu erkennen, wo wir unklare und unreine Wünsche in die Gemeinde hinein tragen.

Möge Gott Gnade schenken, dass wir unsere unklaren und unreinen Wünsche erkennen und dass wir unser Denken und unser Leben mit Gottes Hilfe verändern.

Wenn wir dies erkennen und umsetzen, dann ist die Gemeinde wirklich ein Team von Spielern, die Gott gebrauchen kann. Vielleicht erleben wir dann auch, dass Gottes Kraft “in Schwachheit zur Vollendung kommt” (2 Kor 12,9).

Dann können wir mit dem Psalmisten sagen: “Siehe, wie gut und lieblich es ist, wenn Brüder [und Schwestern] einträchtig beieinander wohnen.” (Ps 133,1)

Dieser Psalmvers wurde vertont. Lasst uns das Lied nun als Lied der Hoffnung gemeinsam singen (grün 401). Amen.