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Predigt über "Die sieben Worte Jesu am Kreuz"

Tobias Götting (ev.-luth.)

02.04.2010 Ev. Luth. Ansgar-Kirche Hamburg-Langenhorn

Karfreitag 2010

Karfreitag 2010

“Die sieben Worte Jesu am Kreuz“

„Da Jesus an dem Kreuze stund
Und ihm sein Leichnam war verwundt
Sogar mit bittern Schmerzen
Die sieben Wort die Jesus sprach
Betracht in deinem Herzen“


Jesus,
du Gott mit menschlichem Antlitz,
du Mensch mit göttlichen Kräften:
die, die dein Leben und Sterben für uns Spätere aufschrieben -
sieben Worte haben sie dir in den Mund gelegt,
sieben Worte, sie sollen gesprochen sein von dir
als du von der römischen Besatzungsmacht
deren Rechtssystem zu bewundern wir uns angewöhnten
auf grausame Weise zum Schweigen gebracht werden solltest
aber du warst nicht zum Schweigen zu bringen
nicht am Kreuz und nicht danach
zu tief die Liebe, die du in deine Freundinnen und Freunde
hinein gepflanzt hattest
sodass sie mutig wurden, immer mutiger
und schließlich doch weitererzählten,
was sie von dir gelernt, was sie mit dir erlebt hatten,
deine Worte sagten sie weiter, flüsterten sie einander in die Ohren,
riefen sie von den Dächern,
deine Worte, auch diese, deine letzten sieben Worte am Kreuz
du hast sie gesagt, gerufen, gefleht, geschrieen
ausgerechnet sieben -
sieben bekommt man, wenn man die göttliche drei
zusammenzählt mit der irdischen vier
die Zahl der Himmelsrichtungen
der Jahreszeiten
der Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft
eine allumfassende Zahl auf ihre Art
wie die drei die Gottheit ganz umfasst
vier plus drei
macht sieben
sieben Worte
sieben Worte am Kreuz…

Das Wort von der Vergebung
“Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ -
unter deinem Kreuz, Jesus, muss ich Anderes erbitten:
Vater, vergib auch uns, wir wissen nur zu oft, was wir tun
Und was wir lassen
Und was wir tun sollten
Und Jesus, Bruder am Kreuz
bittest du auch für uns um Vergebung?
ich glaube: ja.

***

Dein Wort des Aneinanderweisens
„Frau, siehe, das ist dein Sohn“ und
„Johannes, siehe, das ist deine Mutter“
Du wolltest nicht, dass jemand allein wäre
Mit seiner Trauer
Mit seinem Leben
Mit seinen Hoffnungen
Du willst dass Menschen dieses Leben teilen
Miteinander
Als wären sie schon wirkliche Geschwister
Oder Mutter und Sohn
Oder Vater und Tochter

***

Dein Wort von der großen Zukunft
Selbst für jenen Schurken, der neben dir am Kreuz hing
„Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“
Er hatte nichts mehr zu erwarten außer das Ende
Er hatte seine gerechte Strafe bekommen
Und er hat sich nicht einmal dagegen aufgelehnt
Aber er hat gespürt, dass es bei dir anders war
Dass man dich aus dem Weg räumen wollte
Obwohl du nichts getan hattest
Außer dass du den Blinden das Augenlicht schenktest
Dass du die Lahmen gehen machtest
Dass die Kranken und die Gekränkten gesehen,
Angesehen hast
Sonst hattest du nichts getan
Der Mörder neben dir am Kreuz
Er hat gespürt, dass da die Liebe selber hing
Aufs Kreuz gelegt wurde
Und es war nicht zu spät für ihn
So ist das mit der Gnade
Es ist nie zu spät,
Gnade vor Recht ergehen zu lassen
Du, sterbender, menschlicher Gott,
göttlicher Mensch
Du hast ihm einen Platz in Gottes Anderland
Reservieren lassen
„Heute wirst du mit mir im Paradies sein“

***

Dein Wort der Verzweiflung
Eli, eli lama asabthani –
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen
So rufst du, von Gott verlassener Gott
So klagst du zu dem Gott, der eben nicht einfach
„alles so herrlich regieret“
Mein Gott, warum hast du mich verlassen
So rufen viele in den schmerzvollen Nächten mit dem Krebs
und den vielen anderen tödlichen Frechheiten
und du leidest mit, Jesus, wenn einer deiner Brüder,
eine deiner Schwestern leidet
unsere Kreuze werden nicht kleiner
durch dein Kreuz
aber ich weiß keinen besseren Trost
als den:
Dass du weißt, was das heisst:
Verlassen sein, verzweifelt sein
Dein Leiden hat Gott verändert
Und mein Bild von ihm

***

Das Wort vom Durst
„Mich dürstet“
Es zeigt dich von deiner menschlichsten Seite, Jesus
Du hattest Durst
Wirklichen Durst, nicht, weil – wie ich lese –
die Schrift erfüllet werden müsse
Die Zunge klebte dir am Gaumen vor Trockenheit
Es tut weh, wenn man nichts zu trinken bekommt
So viele haben Durst
Bis heute
Wasser, zum Durstlöschen bitter nötig,
bitter, wie der Essig, den du bekamst
Wasser, lebensnotwendig
zu viele warten vergeblich darauf
zu viele haben keinen Zugang zu frischem, klarem,
unverschmutztem Wasser
An Wasser fehlt es uns nicht, Jesus
Unser Durst schmeckt anders
Nach Leben,
Die Zunge klebt manchem am Gaumen
aus Angst
aus innerer Leere
führ uns zum frischen Wasser
zur Quelle des Lebens
wer von dir trinkt, den wird nicht mehr dürsten
ist versprochen

***

Dein Wort vom Ende allen Kampfes
„Es ist vollbracht“
Du hast ausgehalten
Du hast nicht zurückgeschlagen
Du hast der Liebe ein Gesicht gegeben,
ein Schmerzverzerrtes
ein Bleibendes
Und doch standen und stehen so viele Kreuze nach deinem
Auf der Erde
Das Kreuz der Armen
Das Kreuz der Hungernden
Das Kreuz der Verfolgten
Das Kreuz der Unterdrückten

Noch ist längst nicht alles vollbracht
Nicht bei uns

***

Dein Wort der Übergabe
„Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände“
Am Ende geht der Weg durch die Verzweiflung,
die Gottesferne hindurch
Zu Gott, in dessen Hand du endlich unendliche Geborgenheit erwartetest
So befehlen auch wir die, die uns sterben in seine Hände
Und wir ahnen und wir hoffen und wir glauben
Dass sie da besser noch aufgehoben sind
Als bloß in unseren eigenen Händen.

„Wer Gottes Marter in Ehren hat
Und oft gedenkt der sieben Wort
Des will Gott eben pflegen
Wohl hier auf Erd mit seiner Gnad
Und dort in dem ewigen Leben.“

Amen.