Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Dorothee Sölle

Matthias Neumann

19.08.2003 im NDR

Eine Geschichte erzählte Dorothee Sölle besonders gern - die Geschichte ihrer Enkelin Charlotte, wie sie alle Kaffeetassen aus den Schränken der Grosseltern holt und ein Kaffee eröffnet. Mit Milchkaffee, Cappuccino, Espresso, Eiskaffee und Kakao - und sich dabei mit allen Gästen prima unterhält. Nach einer Zeit kommt ihre Mutter, um sie abzuholen und sagt: "Charlotte, räume mal die Tassen wieder ein - wir müssen so langsam los." Charlotte sieht ihre Mutter mit einem langen Blick an und sagt dann seufzend: "Mama, du bist schrecklich. Immer denkst du nur in echt." Kindern und Musik konnten Dorothee Sölle nicht widerstehen: Sie waren ihr Lebenselixier.

Sie litt darunter, dass sie die Enkel nicht alle um sich haben konnte, aber einmal im Jahr kamen auch die Südamerikaner nach Hamburg und blieben ein paar Wochen bei Oma und Opa. Allen ihren Enkeln hat sie dauernd Geschichten aus der Bibel erzählt, weil die Eltern das nicht ganz so wichtig fanden. Das liess der Oma natürlich keine Ruhe - und so hat sie denen Mose und König David und Jesus ins Herz geschmuggelt und ihnen ein frommes, altes Lied nach dem anderen beigebracht. Mit ihnen gebetet und sie mit zur Kirche genommen - und da sassen sie dann in der 5. Reihe rechts in der Mitte in unserer Christuskirche. Oma Sölle mit Enkeln, oft mit Opa Fulbert Steffensky, ihrem Mann. "Mama, du bist schrecklich. Immer denkst du nur in echt."

Die Geschichte erzählte sie mir einmal am Gartenzaun und wiegte dann den Kopf schnell hin und her. "Ich denke, meine Kinder können mir allerhand an den Kopf werfen - und sie haben sicher recht dabei. Aber dass ich immer nur in echt gedacht hätte - das glaube ich nicht." Da ist sie Kind geblieben - ein solches Kind, von dem Jesus sagt, dass Kinder das Geheimnis des Reiches Gottes besser kennen als die Grossen. Also: Nicht das zählt, was sich rechnen und verkauen lässt, sondern was das Herz wärmt und die Seele füttert. Lieder, Gedichte, Geschichten, Gebete.