Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über ein Zitat von Heinrich Böll

Marc Grießer

24.12.2006 in der Kath. Kirchengemeinde in Lorch

„Ich möchte lieber in der schlechtesten christlichen Welt leben als in einer nichtchristlichen!“

„Ich möchte lieber in der schlechtesten christlichen Welt leben als in einer nichtchristlichen!“

„Ich möchte lieber in der schlechtesten christlichen Welt leben, als in einer nichtchristlichen,
denn in einer christlichen Welt ist immer auch Raum für die Schwachen.“
Das sagte in den sechziger Jahren der Schriftsteller und Nobelpreisträger Heinrich Böll.
Irgendwie passt es gut zu Weihnachten. Sicher ist in unserer Welt nicht alles in Ordnung.
Doch aus Liebe zu uns ist Gott Mensch geworden und so bemühen auch wir uns, einander zu lieben oder doch wenigstens einigermaßen nett zu sein, weil - ja, warum eigentlich? Gott ist die Liebe, so hat der Papst vor einem Jahr betont. Doch warum soll uns das dazu veranlassen, einander zu lieben?
Weil Gott sozusagen mit dem erhobenen Zeigefinger droht, und sagt: Habt einander lieb, meine Kinder? Weil sonst göttliche Strafe droht? Oder weil es ganz gut zur weihnachtlichen Sentimentalität passt, die schon nach wenigen Tagen der feucht-fröhlichen Silvesterlaune Platz macht? All das scheinen mir keine sehr  vielversprechenden Antworten zu sein. Es sieht in unserer Welt und auch unter uns Christen ja nicht unbedingt so aus, als wäre der Versuch, einander zu lieben, unser wichtigstes Anliegen überhaupt.
Gott ist die Liebe. Doch warum soll das Folgen für unser Handeln, ja für unser Leben haben?

Was bestimmt eigentlich unser Handeln Tag für Tag? Ganz sicher ist das, was unser Handeln bestimmt, etwas Unbewusstes, denn die Vielzahl unserer Entscheidungen, die wir Tag für Tag treffen, ist uns so gar nicht bewusst. Sie bilden eine irgendwie geartete Summe, die wir „Alltag“ nennen. Wohl kaum einer setzt sich hin und überlegt sich, ob er nun der alten Dame
im Laden die Tür offen halten soll oder nicht. Kaum einer setzt sich hin und wägt lange das Für und Wider ab, ob er beim Hinuntergehen nun den Müll mitnehmen soll oder doch lieber wartet, bis ein anderes Familienmitglied zugreift. All das sind Gegenstände spontanen, alltäglichen, und irgendwie auch automatischen Handelns. Was bestimmt dieses „irgendwie“, dieses „automatisch“? Gewohnheit? Oder das Wissen, dass der Mensch den anderen braucht, weil er ein soziales Wesen ist, das heißt auf Gemeinschaft angelegt ist?
Oder lässt uns doch der Glaube an Gott, der die Liebe ist, den Müll mit hinunternehmen? Was unser unbewusstes automatisches Handeln beeinflusst, ist tatsächlich der Glaube. Nicht unbedingt der Glaube an Gott, sondern der Glaube an das, was uns wertvoll ist. Der Glaube an den Wert der Familie, an die Gesundheit als den höchsten Wert, der Glaube an den Wert des bruflichen Erfolgs und des materiellen Abgesichertseins, der Glaube an mich selbst und meine Leistungen und vielleicht irgendwie auch der Glaube an Gott oder an ein höheres Wesen. All das ergibt so eine Art „Cocktail“ von Glaube und Überzeugungen, der bei jedem anders zusammengesetzt ist, der uns vielleicht so gar nicht bewusst ist, aber der doch unser spontanes, automatisches Handeln steuert. Der Glaube an Gott wirkt in diesem Glaubenscocktail vielleicht ein wenig deplaziert, und doch ist er genauso hineingekommen, wie die anderen Zutaten auch. Ein bisschen Erziehung, ein bisschen Gewohnheit, immer mehr von dem, was die Mehrheit meint und denkt, der so genannte Mainstream, und ganz viel eigene Erfahrung. Wahrscheinlich gerät jeder Mensch irgendwann in etwas hinein, das seinen Alltag durchbricht und ihn die Frage stellen lässt, ob da sonst gar nichts mehr ist, ob das Leben auf  dieser Welt alles ist oder ob es doch einen Gott und ein Leben nach dem Tod gibt. Man kann und darf Menschen diese Frage nicht aufzwingen, man darf getrost darauf vertrauen, dass sie sie selbst stellen, denn seit es Menschen gibt, stellen sie die Frage nach Gott. Wie ich diese Frage beantworte, davon hängt auch die Zusammensetzung dessen ab, was mein automatisches, spontanes Handeln bestimmt. Wenn dieser Gott irgendein höheres Wesen ist, das man halt braucht, um die Welt zu erklären oder auszuhalten, dann wird das wohl wenig Einfluss auf mein Leben meinen Alltag haben. Wenn dieser Gott jedoch sich für uns Menschen interessiert, dann mag das anders aussehen. Der Gott, an den wir als Christen glauben, ist Mensch geworden mitten in einer zerrissenen und allzu oft friedlosen Welt. Vielleicht sollte man besser sagen: Gott ist unser Mit-Mensch geworden, weil er unser Schicksal teilt in Liebe und Leid, in Hoffnung und Angst, in Leben und Tod. „Gott ist die Liebe“, heißt es im Neuen Testament, doch das Wort „Liebe“ ist im Deutschen mit sehr vielen Bedeutungen verbunden. Deshalb, glaube ich, ist es dem, was die Bibel sagt oder meint, auch angemessen zu sagen: Gott ist die „Mitmenschlichkeit“ in Person. Gott ist in Fleisch und Blut gekommen, das heißt, er ist unser Mitmensch geworden, damit uns die Mitmenschlichkeit in Fleisch und Blut übergeht. Ob ich an Gott glaube, und vor allem an w a s für einen Gott ich glaube, ist ein Teil jenes Glaubenscocktails, der mein automatisches, alltägliches Handeln bestimmt. Der Glaube an ein höheres Wesen, eine unpersönliche Macht, die dem Menschen gleichgültig gegenübersteht, wird mein Handeln anders beeinflussen als der Glaube an einen Gott, der unser Mitmensch wurde. Wenn ich an einen solchen Gott glaube, dann glaube ich an den Wert der  Mitmenschlichkeit, und das wird auch mein Handeln prägen.
Wenn Gott die Liebe ist oder die Mitmenschlichkeit, warum müssen wir dann einander lieben oder doch wenigstens Mitmenschlichkeit erweisen? Wie sieht es aus mit der Antwort auf diese eingangs gestellte Frage? Wir müssen überhaupt nichts. Es geht nicht um eine Verpflichtung, die es  irgendwie einzuhalten gilt. Auch wenn uns das gar nicht so bewusst ist, ist doch unser spontanes, automatisches Handels von dem beeinflusst, was wir glauben, was wir für wertvoll halten. Das können Werte wie Familie und Gesundheit sein, aber es kann eben auch Mitmenschlichkeit sein, weil wir an einen Gott glauben, der unser Mitmensch wurde. Deshalb wird die Welt nicht im Handumdrehen in ein Paradies verwandelt. Aber es gilt doch, was Heinrich Böll so ähnlich gesagt hat:
Jede christliche Welt ist mir lieber als die beste nichtchristliche Welt, weil in einer christlichen Welt immer auch Raum ist für die Schwachen.