Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Epheser 1, 3 + 12+ 14

Pfarrerin Silvia Johannes (ev)

03.06.2012 in Meersburg und Hagnau a. Bodensee

Trinitatis

Annas Weg zum dreieinigen Gott und der heil(ig)ende Geist

- Über das wiedergefundene Vertrauen im Glauben nach man - made disaster/Trauma

Liebe Gemeinde!

Heute möchte ich Ihnen von Anna erzählen. Davon, wie sie zum dreieinigen Gott und besonders in seiner Gestalt des Heiligen Geistes, ihren persönlichen Weg gefunden hat. Anna ist Afrikanerin und Theologin und wurde in ihrer frühen Kindheit beschnitten. Damals wäre sie fast an den Folgen des unter primitiven Bedingungen durchgeführten Eingriffs gestorben. Doch da war Gott vor und ihr Lebenswille war stärker. Sie litt lange an den körperlichen und seelischen Folgen dieser Tortur und erinnerte sich dennoch nicht an das Ereignis selbst. Doch mit dem Tag ihrer Erinnerung daran, hatte sie therapeutische Unterstützung gebraucht, gesucht und genutzt.

Anna saß bei ihrem Therapeuten. In einer der letzten Stunden holte er für Anna einige farbige Bauklötzchen aus einer kleinen Kiste und legte sie auf den Tisch zwischen ihnen. Er legte sie langsam, in einer Reihe vor sie hin. Er begann mit einem schwarzen Klotz und beendete die Reihe mit einem leuchtend gelben Holzstein. Ruhig fragte er: Können Sie etwas erkennen? Nun ja, antwortete sie, es ist eine Reihe, die beginnt ganz dunkel und endet leuchtend hell. Er schwieg. Dann sagte er zu ihr: das ist ihr Leben, es hat wohl ganz dunkel begonnen und doch ist es immer bunter und heller geworden.

Ab da brauchte sie keine Therapie mehr. Jetzt konnte sie ihre Lebensgeschichte wie eine Reise zum guten Ende hin erzählen. Und wenn Erinnerung für unsere Identität wesentlich ist, so hatte sie damals ihre eigene und echte Identität gewonnen. Die ihr früher fehlende Erinnerung war nun eingefügt in ein Ganzes.

Doch der Theologin Anna blieb eine Frage, die wurmte sie zutiefst: Wo war Gott gewesen, gerade als es ihr schlecht ging? Mit der Geschichte von den Fußspuren im Sand und der dort gegebenen Antwort: da hat ER dich getragen, war sie nicht einverstanden. Sie fand ihr Kinderleid etwas schlimmer, hätte ER es nicht verhindern müssen? Hier ließ sie sich nicht einfach auf den Arm nehmen. Sie wollte eine Antwort auf die Frage: Wie vertrug sich ihr Leid mit dem Glauben an den lieben Gott? Als Kind hatte sie an ihn geglaubt. Und oft hatte sie nicht mehr gehabt zum Überleben, als die Nähe und den Trost bei diesem gedachten lieben Gott. In ihr brannte zugleich die Frage: Wie können Menschen anderen Menschen so Entsetzliches antun. Nicht, dass sie sich im Leiden allein sah; wenn sie sich genauer umschaute, konnte sie viele verletzte Menschen erkennen. Es war vielmehr die Frage, wie kann Gott es überhaupt zulassen, dass Kindern durch Menschen solches Leid zugefügt wird. Sie machte sich auf die Suche nach Antworten und Trost. Es wurde ein langer Weg. Sie ging zuerst zu denen hin, die davon etwas verstehen müssten, den Seelsorgern. Hier machte sie sehr unterschiedliche Erfahrungen. Einer wusste nichts zu sagen und nicht zu trösten, er ließ sie endlos weinen, so schien es ihr; einer machte einen Leistungswettbewerb im Glauben daraus und stellte fest, dass sie noch nicht soweit sei, im Glauben. Einer meinte, sie müsse beichten und erst ihre eigenen Fehler und Schuld bekennen, um sich versöhnen zu lassen. Einer empfahl ihr, sich vor eine Schutzmantelmadonna zum Meditieren zu setzen. Das war gut, denn er wies sie damit von sich weg, zu Maria.

Hier kam Anna zu sich und fand sich erstmals geborgen in einer Art Frauensolidarität vor Gott, denn Maria war ja die Mutter von Jesus. Und eine Seelsorgerin schenkte ihr den liebenden Blick, das rührte sie ohne Worte am Tiefsten. Das hat sie wirklich getröstet. Weil ihr der Trost allein auf ihre Frage nach dem Leid und Gott immer noch keine ganze Antwort gab, suchte sie weiter.

Nun begann sie zum Thema Gott und Leid in den Büchern von Theologen nachzulesen. Allmählich erweiterte sich ihr Gottesbild. Sie las über Natur und Gnade bei Thomas von Aquin und war fasziniert von Johannes vom Kreuz, einem Karmeliten. Der hatte auch von Kindesbeinen an, Schweres erlitten und war schlussendlich und trotz alledem bei der Liebe Gottes angekommen. Sie saugte alle diese Schriften wie ein trockener Schwamm auf. Und bei Luther las sie etwas für sie ganz Spannendes. Gott wurde von Luther in einer Schrift mit einer hellen und einem dunklen Seite beschrieben. Von seiner dunklen Seite, das ist wenn der Mensch im Leid ist, so schrieb er, soll der Mensch zu Gottes heller Seite flüchten und sich dort trösten lassen. Die helle Seite von Gott erscheint als menschliches Gesicht in der Welt, so las sie bei Luther weiter, in Jesus Christus. Beim leidenden Jesus Christus sich trösten lassen, war nach Luther der Schritt zum Leben. Immerhin, Gottes Sohn – Jesus – war selbst erfahrungsgesättigt an Leid bis in den Tod hinein. Sein Kreuz ist die Identifikation oder die Verbundenheit Gottes mit allen Menschen im Leid. Der sich im Leid gottverlassen fühlende Mensch darf sich bei ihm trösten lassen und neue Verbundenheit finden. Damit ist er nicht mehr so entsetzlich allein und findet neue Hoffnung. Und, las sie weiter, den an sich selbst erfahrenen Geist des Trostes, soll dann der oder die Getröstete eilends zu den noch Trostlosen hintragen und sie damit trösten. Auf diese Weise lernte Anna: Gott ist von sich selbst verschieden und er wird lebendig im Trösten als Geist der Liebe. Und Anna entdeckte ganz nebenbei etwas über die Trinität Gottes. Gott ist von sich selbst verschieden, er ist hell und dunkel und zugleich auch immer der Andere und doch immer der Eine. Alle seine Weisen wirken ineinander in aller Verschiedenheit und sind so erst ein Ganzes. Ein Gott, ein Sohn und ein Geist. Ein wenig hoffte sie, dass sie nun den lieben Gott ihrer Kindheit wiedergefunden hätte und in Ruhe mit ihm alt werden könnte.

Das war leider nicht so, erzählte sie mir. Nach einer kleinen Ruhephase begann die nächste Wegetappe. Anna lachte, als sie davon erzählte und meinte: Mein Bauch ist manchmal klarer als mein Verstand und ich wusste nicht was jetzt anstand oder was jetzt kommen sollte; nur mein Gefühl sagte, such Dir einen Begleiter, geh nicht allein. Sie entdeckte bald, dass alle Namen oder Bezeichnungen für Gott nur Namen waren und sie Gott doch nicht fassen konnten. Da ließ sie alle Bilder von ihm los. Wie aber konnte sie mit einem unsichtbaren, bildlosen, namenlosen Gott noch reden oder an ihn glauben? Das war in Annas Glaubensleben ein neuerlicher Tiefschlag. Sie war buchstäblich arm geworden an Worten über Gott. Sie konnte ja schlecht immer ein nicht vorausschicken, wenn sie von ihm oder mit ihm sprach. Das ist er nicht und das ist er nicht und das ist er auch nicht. So wurde sie allmählich völlig verwirrt und dachte: ich stecke gänzlich fest. Zurück kann ich nicht und vor kann ich auch nicht gehen, ich sehe keinen Weg. In dieser Phase wurde sie an die Psalmen verwiesen. Mit dieser Art von Geländer in unwegsamer Landschaft erlebte sie einen Prozess der behutsamen Annäherung an ihre Frage nach dem lieben Gott. Die Beter vor tausenden von Jahren hatten alles schon erlebt, durchlitten und waren solcherart erfahrene Menschen, die dafür Sprache gefunden hatten. In dennoch anhaltender innerer Verwirrung, durchlief Anna gleichsam alle Schritte der Therapie noch einmal. Diesmal im Schnelldurchgang - die Wirklichkeit wahrnehmen, Trauer und Zorn durchleiden, schließlich alles loslassen, sich versöhnen, dem Schicksal zustimmen.

Danach, am Ende dieses Prozesses, entdeckte sie in sich selbst etwas Neues oder besser gesagt Wunderbares. ER war dort. In ihrer Seele fand sie IHN als liebevollen Gesprächspartner. ER war da, obwohl sie sich wegen des dort abgelagerten alten Krams in ihrer Seele ein wenig schämte. Obwohl ihre Seele nicht vorbereitet, also nicht ordentlich aufgeräumt war, fühlte sie sich darin nicht mehr allein. Sein Geist hatte in ihr Raum gegriffen. Sehen konnte sie IHN nicht, doch ER war da, bei ihr, sie konnte IHN fühlen. Was sie einzig wusste: In meinem Leben bin ich – bei Gott – angekommen und zu Hause. Denn sie fühlte sich in sich selbst wohl und von Gott – sie fügte hier gerne dazu, das ist sein „nick name“ – ein bisschen wenigstens, geborgen. Was ihr immer noch Schwierigkeiten machte, war ihre Geschichte mit dem Vertrauen oder besser gesagt mit ihrem verletzten Vertrauen. Sie traute sich immer noch nicht, sich IHM ganz anzuvertrauen. Und zugleich wusste sie: zur Liebe braucht es zwei.

Das IHN lieben, also IHM ganz vertrauen, brauchte wohl Zeit und ein gutes Überlegen. Und hier begann ihr die Dreieinigkeit Gottes zu helfen. Anna fand, wenn sie es sich recht überlegte, war dieser gefühlte Gott in ihr kein Mensch, also konnte er sie nicht wie ein Mensch verletzen. ER war eher wie ihr Atem, der sie leben ließ. Und wäre es Jesus Christus selbst, der war in seinem Wesen ja immer mehr Gott, als Mensch gewesen, dann hätte sie eine Art Bräutigam in sich, der sie sehr lieben musste. Denn in ihr fühlte es sich durchaus nach Liebe an. Und wäre es der Heilige Geist, dann könnte sie sich die Mühe mit den Bildern sparen. Denn der war an sich nie wirklich sichtbar gewesen. Dem Propheten Elia hatte er sich ganz sanft im Säuseln des lauen Mittagswindes gezeigt und die Menschen, die an Pfingsten auf die Apostel sahen, haben ihn als Flammen, als kleine Lichter gesehen und wie Feuerzungen beschrieben. Und die Apostelgeschichte erzählte dazu mehr über die Auswirkungen des Heiligen Geistes. Sie berichtet vom begeisterten und begeisternden Predigen der Apostel. Der Geist in ihren Worten sprang auf die Menschen über. Und am Anfang des Lebens hatte Gott seinen Odem, seinen Geist dem Menschen eingehaucht. Der Geist Gottes war immer sanft und zugleich stark und er war mit Menschen verglichen, den Menschen am Unähnlichsten und war daher wohl das Heilige von Gott. Es war nichts vom Menschen drin und kein Bild des Menschen konnte ihn fassen. ER war nur an seinen Wirkungen, also was oder er zu was er bewegte, zu erkennen. Als sie sich, bei diesen Überlegungen angekommen, an das erinnerte, was Luther über die Begegnung des Menschen mit der dunklen Seite Gottes geschrieben hatte, wie er sich dann verhalten sollte, da wurde sie froh. Wies ihr doch dieser Text den Weg vom Denken im Glauben zum Handeln im Glauben. Dieses Handeln im Glauben war wohl oder wahrscheinlich ihre Berufung. Luther hatte dazu geschrieben, der Getröstete soll andere Menschen trösten. Und darin, im Trösten, spürte sich Anna fast immer Gott am nächsten und liebgehabt. Im Trösten die Liebe finden, das schützte auch ihre dünne Stelle in der Seele, die aus ihrer Urverletzung geblieben war. Denn ihre Eltern hatten sie nicht geschützt sondern der Verletzung ausgeliefert. Der Heilige Geist, so erzählte sie mir dazu, wird manchmal auch Tröster genannt. Und wenn ich Menschen tröste, können sie vielleicht auch ein bisschen von diesem Gott ohne Mensch drin, das Gute oder das Heilige von Gott spüren. … Über unserem Reden war es spät geworden und wir waren beide müde. Anna vom Reden und ich vom Zuhören. Jetzt, am Ende unseres Gespräches, schlug Anna ihre Bibel auf, die immer in ihrer Nähe lag und las mir in Auszügen den Anfang des Briefes von Paulus an die Epheser vor. Doch zuvor sagte sie mir noch einen Satz, der ist mir im Gedächtnis geblieben: Vom Ende her gesehen, erschließt sich das Muster eines Lebens und manchmal wächst das Leiden in einen Sinn hinein und du erkennst die dir darin geschenkte Gnade: Gottes heil(ig)enden Geist. Und darüber schreibt Paulus voll Freude an die Epheser:

Epheser 1, 3 Preis und Dank sei unserem Gott - dem Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! Denn durch Christus hat er uns Anteil gegeben an der Fülle der Gaben seines Geistes in der himmlischen Welt.12 Denn ein Lobpreis seiner Herrlichkeit sollen wir sein - wir alle, die wir durch Christus von Hoffnung erfüllt sind! Durch Christus hat Gott euch den Heiligen Geist gegeben, den er den Seinen versprochen hatte; damit hat er euch sein Siegel aufgedrückt. … 14 Dieser Geist ist das Angeld dafür, dass wir auch alles andere erhalten, alles, was Gott uns versprochen hat. Gott will uns die Erlösung schenken, das endgültige, volle Heil - und das alles wird geschehen zum Lobpreis seiner Herrlichkeit.

Amen.