Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Epheser 1,3-14

Schwester Sabine Franz

11.06.2006 in der Kirchengemeinde Annaburg

Liebe Gemeinde,

sind Sie gesangbuchfest? Ich frag nicht: Sind Sie bibelfest? Sondern danach, wie gut kennen Sie sich in unserem Gesangbuch aus. Wie viel Lieder in unserem Gesangbuch stehen, müssen Sie jetzt nicht wissen. Aber vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass es Lieder mit vielen Strophen gibt. „Geh aus mein Herz und suche Freud“, dieses Lied hat zehn Strophen. Aber es ist noch nicht das Lied mit den meisten Strophen. Ein anderes Lied ist sogar siebzehn Strophen lang. Haben Sie eine Ahnung, welches es ist?

Es ist ein Osterlied, das in verteilten Rollen gesungen wird, dadurch ist es so lang geworden, das Lied: „Erstanden ist der heilig Christ…“ Das Lied mit den meisten Strophen unseres Gesangbuches ist achtzehn Strophen lang. Wahrscheinlich wurden die noch nie alle auf einmal gesungen. Welches Lied könnte das wohl sein? Ja, Sie hatten es vorhin schon erwähnt, es ist das Lied: „Ich singe dir mit Herz und Mund…“ Es ist achtzehn Strophen lang. Der bekannte Liederdichter Paul Gerhardt hat es geschrieben. Stellen Sie sich vor, Sie sollten diese achtzehn Strophen auswendig vorsingen, weil Sie den Text im Kopf haben. Ein bisschen mühsam wäre es, aber es könnte gehen.

Ein Lied, besser gesagt: ein Loblied, ist unser Predigttext heute. Singen können wir es nicht, denn es gibt keine Melodie. Der Apostel Paulus hat es verfasst, dieses Loblied, und unüberhörbar schwingt in seinen Worten eine Melodie, die aus dem Herzen kommt. Paulus ist überwältigt von Heilshandeln Gottes an uns Menschen. Die Worte strömen aus ihm und die Fülle seiner Gedanken erreichen uns ganze zwölf Verse lang. Beglückend und erdrückend zugleich, wirkt es auf uns, gewaltig wie ein achtzehn Strophen langes Kirchenlied. Beim Vorlesen des Bibeltextes habe ich Sie bewusst immer wieder angeschaut und konnte beobachten: anfangs haben Sie aufmerksam zugehört. Neugier war in ihren Gesichtern. Diese Spannung ließ aber bald nach. Plötzlich wandelte sich das beim Hören der vielen Aussagen.

„Im Epheserbrief erreicht das theologische Denken des Paulus seinen Höhepunkt und seine reichste Entfaltung.“ Das las ich in einer geistlichen Lesung. Also müssen wir uns nicht wundern, wenn wir zunächst ratlos sind, und die ganze Theologie nicht auf einmal erfassen können, oder gar begreifen. Paulus beginnt im ersten Vers seines Lobliedes mit den Worten: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus…“ und endet im letzten Vers: „… zum Lobe seiner Herrlichkeit.“ Dazwischen werden tief greifende theologische Aussagen, kompakt, verkündet.

Was aber ist für uns das Eine, das Notwendige, das uns froh macht und beglückt, oder bestätigt als Christen? Welcher Gedanke sollte mit uns ins Leben gehen? So habe ich mich gefragt und dabei entdeckt, der Apostel spricht oft davon, wie der alles schaffende und unfassbare Gott uns Menschen nahe gekommen ist in Jesus. Es ist nun kein Geheimnis mehr: Wir sind erwählt. Wir sind beschenkt. Wir sind gesegnet. Erwählt sind wir, „… vor der Erschaffung der Welt…“ vom Vater.
Beschenkt wurden wir, mit der Erlösung und Begnadigung durch Jesus, dem Sohn.
Gesegnet sind wir, mit der Kraft zum Glauben, zum Lieben und zum Hoffen, in Gottes Heiligem Geist.

Ein Loblied, es ist eine angemessene Weise Gott zu danken. Was bleibt mir denn sonst zu tun übrig, wenn Gott schon alles Entscheidende und Lebenserhaltende tat und noch immer tut? Werde ich in Gottes Heilsplan gebraucht? Was ist meine Aufgabe? Es waren Worte eines alten Pfarrers, die J.Z. in einem seiner Bücher niederschrieb. Sie haben mich tief berührt. „… was waren das für Zeiten, als ich studierte. Pfarrer wollte ich werden, und das Amt lag vor mir, wie ein wunderbares Land… im Namen Gottes wollte ich mich den Menschen zuwenden, sie befreien, sie ändern, ihnen helfen… Wahrheit in ihr Leben bringen und ein wenig Güte. Dann kamen 40 Jahre. Ich habe es mir nicht leicht gemacht… aber was ereignete sich schon? Die Konfirmanden kamen widerwillig zum Unterrichten… in der Kirche saßen immer nur die wenigen und immer dieselben. Der Kern der Gemeinde öffnete sich nicht nach draußen, und die draußen ließen sich nicht einladen. Was bewegte ich eigentlich? Und so trott man in den Ruhestand und findet keine Ruhe über den Sinn und Wert einer ganzen Lebensarbeit…“

Nicht erst im Ruhepunkt, vorher schon, in jedem Berufsstand, wird die Frage gestellt nach dem Sinn und dem Wert.
Ist meine Arbeit sinnvoll? Welche Werte kann ich vermitteln? Was ist wirklich wertvoll gelebt?

Paulus hat in seinem Dienst als Apostel Jesu Christi viel in die Waagschale seines Amtes geworfen. Entbehrung, Verfolgung, Gefangenschaft und Krankheit. In der Höhe seines Schaffens stimmt er ein Loblied an für Gott, „Gepriesen sei, … ER …, der uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet hat…“

Im Lichte dieser Erkenntnis wird mir Sinn und Wert meines Daseins bewusster. Meine Rolle in diesem Leben bekommt ein Profil! - Aufrecht, darf ich stehen vor Gott, von Angesicht zu Angesicht, mit leeren und offenen Händen. Bereit will ich sein, zu empfangen, was ich aus mir nie haben werde. Gott aber hat es für mich. Gnade und Segen, diese Worte beschreiben die Kraft, die Leben erhält. Bereit will ich sein, mich senden zu lassen. Dorthin, wo ER mich braucht, „um in Christus alles zu vereinen“.

Ich muss nicht ein achtzehn Strophen langes Kirchenlied auswendig vorsingen können. Ich muss nicht die universale Heilsgeschichte theologisch und soziologisch im Kopf erfassen und begreifen. Ich muss auch nicht die ganze „Welt“ verbessern wollen. Aber in aller Offenheit und Herzensgüte dem Menschen neben mir und mit mir zugewandt sein, das muss ich. Und bereit, mit einem ganz guten Willen, für ein Da-Sein, zum „Lob seiner Herrlichkeit“ in dieser Welt, in der ich jetzt lebe und auch morgen leben werde.

Amen.