Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Epheser 1,7-10

Pfarrer Dr. Hartmut Becks

21.10.2007 in Alpen

Liebe Gemeinde!

Das Christentum hat von Anfang an den Tod Jesu Christi am Kreuz als ein Opfer verstanden. Schon die ältesten Texte, die uns überhaupt bekannt sind – das sind die paulinischen Briefe – deuten Jesu Sterben als Sühne, als Selbsthingabe Gottes für uns Menschen. Dieser Gedanke scheint manchem absonderlich, fragwürdig. Und doch liegt darin das wohl tiefste Geheimnis des christlichen Glaubens überhaupt, die eigentliche Kraft des Evangeliums verborgen. Wir wollen uns heute Morgen einmal Zeit nehmen, dahin zu schauen. Nehmen Sie sich dazu bitte noch einmal das Bild zur Hand. Es ist der sog. „Genter Altar“, die „Anbetung des Lammes“ von Jan van Eyck 1432 gemalt. Verehrt und von allen angebetet wird hier ein Lamm, ein Opferlamm, das aber dennoch triumphiert. Daneben steht das Kreuz Christi. Es ist nur ein Todeswerkzeug, es ist leer. Jesus Christus ist das Lamm Gottes, das für die Sünde sein Blut und seinen Leib gegeben hat und nun alles von einem neuen Licht, von einer neuen Sonne des heiligen Geistes überstrahlen lässt. Wir sehen oben die Taube als Symbol des heiligen Geistes, der nun seine Strahlen auf die Menschen wirft, die in der Bibel lesen und beten, wie man das unten sehen kann. Nach christlichem Verständnis opfert sich Gott sozusagen selber in seinem Sohn, erleidet stellvertretend den qualvollen Tod am Kreuz, um die Menschheit zu erlösen.

Was soll dieser eigenartige Gedanke – fragen sich einige Leute heute – und wenden sich angewidert ab. Was soll so ein blutiges Kreuzes- und Opferdenken überhaupt. Reicht es nicht, von der Liebe zu reden und vom lieben Gott? Ist das nicht nur eine Konstruktion aus der hellenistischen-jüdischen Denkweise, die wir modernen Menschen hinter sich lassen können?

Woran liegt das, dass wir uns nach so vielen Jahrhunderten vom tiefsten Geheimnis des Christentums so entfernt haben? Es liegt daran, dass wir bestimmte Grundbedingungen nicht mehr nachvollziehen können, die man aber unbedingt wissen muss, wenn man hier hineinkommen will und nicht in oberflächlicher Betrachtung stecken bleibt.

Zuallererst muss jeder wissen, was die Bibel mit dem Wort „Sünde“ meint. „Sünde“ – und da fangen die Missverständnisse meistens schon an – meint nicht moralisches Fehlvergehen. Meint also nicht: Ich hab’ was geklaut oder ich hab gelogen oder gegen die Gebote verstoßen. Das hängt natürlich mit Sünde zusammen, aber ist nicht, was die Bibel in erster Linie sagen will. „Sünde“ ist nach biblischer Auffassung etwas ganz Grundsätzliches: Nämlich ein Riss, der durch uns Menschen geht, man könnte auch sagen, eine Verzweifelung, eine Unvollkommenheit, eine immer währende Unruhe, die daher kommt, weil wir mit uns selbst nicht in Einklang sind. Am besten hat für mich, das, was hier gemeint ist, Blaise Pascal auf den Punkt gebracht, wenn er sagt , „....dass alles Unglück der Menschen einem entstammt, nämlich, dass sie unfähig sind, in Ruhe allein in ihrem Zimmer bleiben zu können....Sie haben einen geheimen Trieb, der sie treibt, außer Haus  Zerstreuungen  und Beschäftigungen zu suchen, was der Mahnung ihres währenden Elends entstammt; und sie haben einen anderen geheimen Trieb, der von der Größe unserer ersten Natur verblieb, der sie ahnen lässt, dass das Glück in Wirklichkeit in der Ruhe und nicht im Lärm des Umtriebs liegt; und aus diesen beiden gegensätzlichen Trieben bilden sie einen verworrenen Plan, der sich im Unbewussten ihrer Seele verbirgt und der sie dazu bringt, die Ruhe durch die Unruhe zu suchen, und sich dabei immer einzubilden, dass sie das Glück, das sie nicht haben, haben würden, sobald sie etliche Schwierigkeiten, die sie gerade vor sich sehen, überwunden hätten, und dass sie dann die Tür zu geruhsamen Leben öffnen könnten. So verrinnt das ganze Leben...“ Bis dahin das Zitat. Wir versuchen, unser Leben zu planen und abzusichern und kriegen es doch nie ganz in den Griff, wir versuchen zwischen

Gut und Böse sauber zu trennen, und es gelingt uns nie. Wir versuchen selbst gerecht zu sein und merken, wie ungerecht wir genau darin sind.

 

Wir empfinden wie Götter und merken zugleich, dass wir wie Würmer sind. Hin- und hergerissen ist der Mensch zwischen diesen Gefühlen. Wir möchten so gerne über uns hinaus, und wir können es nicht. „Sünde“ kommt von „Sunde“ und meint Trennung: Wir Menschen sind durch unser Sosein von Gott getrennt, entfremdet. Wir sind wie Getriebene: Versuchen durch Fortschritt, Medizin, Technik uns selber zu erlösen, unsere Welt zum Paradies zu machen, und das Gegenteil bringen wir hervor. Paulus hat Sünde darum so auf den Punkt gebracht: „Das Gute, das ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will. Also: Erst wenn wir das begriffen haben, was die Bibel unter Sünde versteht, nämlich etwas ganz Grundsätzliches, an dem wir einerseits nicht schuld sind, aber doch Schuld mittragen, dann kommen wir der Sache schon ein wenig mehr auf die Spur. Die alten Kulturen, unsere Ahnen waren oft nicht so dumm, wie wir denken. Sie haben diese Spannung, dieses Unbehagen und die Sehnsucht des Menschen nach Erlösung sehr wohl verspürt und nach Lösungen gesucht. Darum haben sie aus ihrer Verzweifelung heraus Gott Opfer gebracht, um diesen Riss wieder gut zu machen und zu heilen. Sie dachten, wenn sie etwas abgeben von dem, auf das sie immer ihre Selbstbestätigung richten, dann könnte der Riss gekittet werden und sie würden zur Ruhe kommen. Sie wollten sozusagen selber etwas Gutes tun, um die ständige Unsicherheit in sich selbst zu bekämpfen. Darum opferten sie ihre wertvollsten Tiere, legten ihre schlechten Gefühle, ihre Schuld, ihr Versagen da mit hinein und ließen es in Rauch zu Gott aufsteigen. Eine Verzweifelungstat, die aus der Sehnsucht des Menschen nach Einklang, Frieden und Erlösung geboren ist. Aber diese Opfer, die wir so bringen, die waren und sind immer nur Selbstbeschwichtigungen, sie lösen nicht das eigentliche Problem, nicht die Ursache, sondern übertünchen nur unser schlechtes Gewissen. Und das gilt heute genau so: Jeder, der sich nur an seinen guten Werken festmachen will, der wird irgendwann spüren, dass er sich nicht selbst erlösen kann. Vielleicht haben Sie auch schon mal gemerkt, dass es in unserer Gesellschaft heute auch immer mehr Leute gibt, die meinen, irgend etwas Positives und Gutes tun zu müssen, um sich selbst zu erlösen. Sie brauchen keinen christlichen Glauben – sagen sie – weil sie tun ja gute Dinge. Und sind oft so verzweifelt dabei, sich selber darüber zu definieren und zu rechtfertigen. Vor ein paar Tagen traf ich einen Bekannten bei einem Waldspaziergang, der mir von einem Schulfreund erzählte, der Theologie studiert hat und am Ende nicht Pfarrer geworden ist, weil er das in der Kirche auch nicht besser fand, als in der Welt. „Ist doch alles verlogen“ meinte er und hat sich dann um drogenabhängige Jugendliche gekümmert, mit denen er heute auf einem Bauernhof zusammenlebt und „sich für diese jungen Leute aufopfert“.  Er wollte mir damit wohl andeuten: Eigentlich brauchen wir gar kein Christentum mehr, denn dein Gebet sei eine gute Tat. Sich selber „aufzuopfern“ gilt dann als oberste ethische Maxime, die –so scheint es mir jedenfalls- in unserer heutigen Zeit immer mehr an Beliebtheit gewinnt. Aber es ist eben etwas völlig anderes:

In Jesus Christus ist etwas geschehen, was dieses dauernde Opfern und Selbstrechtfertigen durch gute Werke beendet. Die Erlösung besteht darin, dass Gott eben selber ein für alle mal die Sache wieder gut macht, sich selbst zum Opfer gibt und den Riss wieder kittet, der uns kaputt machte. Der Gedanke ist im Grunde so simpel und einfach, dass er schon fast wieder schwierig ist: Gott tut etwas, das wir nie selber vollbringen könnten. Er heilt unsere Wunde, indem er selber sich in Gestalt seines Sohnes hingibt für unsere Sünde. Die Weisheit, die darin steckt und die eigentliche Freudenbotschaft für mich ganz persönlich ist: Du brauchst Dich nicht mehr selbst zu zerfleischen, um zufrieden zu sein, um ein sinnvolles Leben zu haben.

 

Du musst Dich nicht mehr dauernd rechtfertigen vor Dir selber und vor Anderen. Du musst nicht mehr zerrissen sein in Dir selber und immer das Gefühl haben, nicht genug erreicht oder vollbracht zu haben, sondern Du bist schon jetzt geheilt, erlöst und kannst inneren Frieden finden. Und zwar trotz Deinem Scheitern, trotz Deiner Schuld, trotz Deinem Versagen, trotz Deiner Erfolglosigkeit. Der Anfang der Heilung ist die Einsicht des Menschen in seine eigene Unzulänglichkeit und in seinem Stellenwert im Kosmos. Der Mensch allein kann sich nicht zu Gott hinaufschwingen, um Frieden zu finden, auch durch die schönsten Opfer nicht. Gott muss herabkommen, um uns zu erlösen. Das ist die Botschaft von Christus, dem Lamm Gottes. Wer dies Geheimnis begreift, der erkennt, dass wir ab nun keinen Opferkult mehr brauchen.

Nun kommen wir noch einmal in die Gegenwart: Es fragen ja heute immer mehr Menschen gerade in unserer so ganz säkularen Gesellschaft: Warum muss man von Opfer und Blut und Kreuz überhaupt sprechen? Kann man nicht ganz einfach nur von Gottes Liebe reden ohne all diese erschreckenden Symbole? In unserem Kindergarten haben erst neulich die Eltern gefragt, ob wir nicht die Geschichten von Jesus am Kreuz weglassen könnten, die wären zu blutrünstig. Und so machen sich selbst Professoren und Intellektuelle ans Werk, diesem Zeitgeist zu gehorchen und das Opfer Christi aus der christlichen Theologie auszumerzen. Ich halte das für fatal, denn wir werden dadurch das Christentum zur Bedeutungslosigkeit führen. Das Geheimnis und die Universalität der Botschaft Christi würde damit abhanden kommen. Eine Gutmenschenreligion, die nur noch von Liebe und Glanz und Sonne rieselt, würde bei mir nur noch Achselzucken hervorrufen und meine Probleme der Seele nicht tangieren.

Nein, es hat einen gewaltigen Sinn, dass wir die „Erlösung durch sein Blut“ brauchen, wie Paulus heute Morgen im Epheserbrief schreibt. Es muss hier so drastisch vom Leid, vom Schmerz und vom Tod geredet werden, weil es in Wahrheit nur darum geht und alles Andere nur eine dumme Verblendung, eine Verdrängung wäre. Auch weiterhin werden wir alle es nötig haben, Jesus nicht nur als guten Menschen zu sehen, sondern als „Lamm Gottes, der die Sünde der Welt trägt“. Und das deswegen so unmissverständlich, weil wir sonst immer weiter machen mit unserer nicht enden wollenden Selbstrechtfertigung und Unruhe. „Ruhelos ist unser Herz, bis es seine Ruhe hat in Dir!“ sagt der Kirchenvater Augustin.

All das, was ich jetzt ausgeführt habe, bringt der Predigttext auf den Punkt. Er sagt: Alles wird in Christus zusammengefasst, was im Himmel und auf Erden ist!“ Es geht im Kern der christlichen Botschaft also um viel mehr als um einen sinnlosen Tod eines Unschuldigen am Kreuz, sondern es geht um universale Heilsgeschichte. Das ist eben eine völlig andere Dimension, die leider viele Zeitgenossen heute einfach nicht mehr erfassen können. Es geht um das Geheimnis des Willen Gottes, das in Jesus Christus sichtbar und menschlich greifbar wurde. Es geht also im Blut Christi um mehr, als wir mit unserem Verstand nachbuchstabieren können. Es ist das Mysterium des Lebens, die Tiefe des Universums, der Beginn einer Dimension von Licht und wahrem Leben.

 

Mit Worten allein das zu sagen, würde dem nicht gerecht werden. Man muss sich hineinversenken, sich seelisch bereit machen und geistlich öffnen für diesen Frieden mit Gott.

Im heiligen Abendmahl schenkt uns Christus darum einen Sinn und Geschmack für die Ewigkeit. Er will uns fast körperlich verbinden mit dieser Botschaft, die alles neu macht. Und auch hier muss einem unsinnigen Vorurteil widersprochen werden: Christus wird beim heiligen Abendmahl nicht noch einmal geopfert in Leib und Blut. Sein Opfer ist ein für alle mal geschehen. Aber BROT und WEIN sollen uns erinnern an diese geschehene Erlösung, sie sollen uns hineinnehmen in den neuen Anfang, den Gott mit uns gemacht hat; Brot und Wein sollen uns etwas geben, was wir uns nicht selber geben können: Das totale Eintreten Gottes für unsere Schuld, für unsere Sünde. Und die Gewissheit, dass unsere Seele bei Gott aufgehoben ist, was auch immer geschehen mag. Wir brauchen das Lamm Gottes also mehr denn je, weil wir uns sonst selbst zerfleischen mit unserer Selbstrechtfertigung, mit unserem Ehrgeiz, mit unserem Erfolgs- und Leistungsdruck, der manche von uns gar nicht mehr atmen und zu sich selber kommen lässt. Wir brauchen einen Grund für unser Leben, etwas, das uns geschenkt ist und sich nicht unserer Kraft verdankt. So könnten wir dann aus Dankbarkeit dem Leben und Gott gegenüber vieles abgeben und loslassen, ohne dass wir etwas dafür erwarten. Selbst aufopfern brauchen wir uns nicht mehr.

 

Amen.


 


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