Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Epheser 2,17-22

Dr. Henrike Frey-Anthes (ev)

13.06.2011 Evangelische Juliana-Kirche Großaspach

2. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Gemeinde,

„der gehört zur Familie“, so sagen wir manchmal. Und wir meinen damit: Der darf das. Der darf kommen und gehen wann er will, der darf sich aufs Sofa setzen und die Füße hochlegen, der darf auch dann kommen, wenn er schlechte Laune hat, der muss nicht so tun, als wäre er gut drauf. Der ist nicht bluts- aber seelenverwandt. „Der gehört zur Familie – das ist ein guter Freund.“

 

Aber bevor man das über jemanden sagen kann, muss man ihn schon gut kennen. Besonders, wenn man miteinander in einer Wohngemeinschaft leben möchte. Darüber gibt es sogar eine Fernsehsendung. Sie heißt „Zimmer frei“. Prominente werden hier auf ihre WG-Tauglichkeit geprüft. Die Kandidaten müssen bestimmte Aufgaben erfüllen, um ihre Eignung als Mitbewohner unter Beweis zu stellen. Zum Beispiel, indem sie mit einem Handkantenschlag eine Salatgurke zerteilen müssen – in einer WG weiß man ja nie, ob es genug saubere Messer gibt. Gern werden die Kandidaten auch dazu eingeladen, Hausmusik zu machen – auch gemeinsame Freizeitgestaltung soll in einer WG schließlich gelingen. Zudem forscht ein Außenreporter das private Umfeld des Bewerbers aus. Ist er in seiner bisherigen Nachbarschaft beliebt oder verrufen? Wie wird er von der Gemüsefrau an der Ecke oder dem Wirt in seiner Stammkneipe beurteilt? Ist er als bekennender Fastfood-Konsument oder als missionarischer Gesundheitsapostel aufgefallen? In der WG ist zwar ein Zimmer frei – aber der Kandidat darf nur einziehen, wenn er den Test besteht.

 

Wer hätte bei Ihnen ein Zimmer frei? Wer dürfte bei Ihnen einziehen? Der Ihre Fenster streifenfrei putzt oder leckeren Kaffee kocht und gut zuhören kann? Ich jedenfalls würde genau hinsehen. Man kann schließlich nicht mit jedem zusammenleben, das muss schon passen.

 

Stellen wir uns vor, für unsere Gemeinde gäbe es Aufnahmetests. Wie würden die aussehen? Vielleicht würden wir schauen, ob die Kandidaten es schaffen, während der ganzen Predigt leise zu sein und zuzuhören oder ob der Neue die Faltwand im Gemeindehaus sachgerecht öffnen kann. Spielt die Bewerberin Posaune auch im Regen und kann der Kandidat gut genug in Großaspach aus, um auch in der Strümpfelbacher Strasse Gemeindebriefe auszutragen zu können?

 

Vermutlich würde uns allen noch mehr einfallen – aber, das ist natürlich klar, einen solchen Eignungstest für WG-Tauglichkeit gibt es in unserer Gemeinde nicht. Gott sei Dank! Wir müssen keinen Test bestehen. Unser Aufnahmeritual ist keine Tauglichkeitsprüfung, sondern die Taufe. Wir taufen kleine Kinder – Kinder, die noch gar nichts können. Die bei jedem Test aufgeschmissen wären. Egal, was wir mitbringen – ob wir richtig singen oder falsch, regelmäßig zum Gottesdienst kommen oder nicht, gute Laune haben oder schlechte – das steht nicht zur Debatte. Wir sind getauft. Wir gehören zur Familie.

 

Darum schreibt Paulus im Brief an die Epheser:

 

17 Christus ist gekommen und hat Frieden verkündet: Euch, den Fernen - und Frieden den Nahen. 18 Denn durch ihn haben wir beide in einem Geist Zugang zum Vater.

19 Ihr seid also nicht mehr Fremde und Nicht-Bürger, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes, 20 aufgebaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten - der Eckstein ist Christus Jesus selbst. 21 Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn, 22 durch ihn werdet auch ihr mit eingebaut in die Wohnung Gottes im Geist.

 

Liebe Gemeinde,

Paulus sagt: Wir sind „Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.“ Das bedeutet: Wir gehören zur Familie. Wir wohnen im Haus Gottes, das auf dem Fundament der Apostel und Propheten ruht, getragen vom Eckstein Jesus Christus. Dieses Haus bietet unendlich viele Möglichkeiten, um seinen Bewohnern Heimat zu geben. Zur Familie gehören Orthodoxe und Katholiken, Lutheraner und Baptisten, Liberale und Konservative, Suchende und fest Verwurzelte.

In der Hausfamilie Gottes gibt es viele Räume – weltweit und bei uns in Großaspach.

 

Schauen wir uns doch einmal bei uns in der Gemeinde um. Wo halten Sie sich am liebsten auf?

In der Küche, wo gekocht und dafür gesorgt wird, dass das Gemeindefest gelingt? Oder sind Sie lieber im Studierzimmer, um den Baustein Gottesdienst zu diskutieren oder die Renovierung des Gemeindehauses zu planen? Genießen Sie die Gemeinschaft am Mittagstisch im Esszimmer oder lieben Sie das ruhige Wohnzimmer, um bei Kerzenschein den eigenen Gedanken nachzuhängen, zuzuhören oder zu beten? Freuen Sie sich am meisten auf Action und Feiern im Dachraum oder mögen Sie mit den Kindern Geschichten hören und spielen?

 

Wo sind Sie am liebsten?

 

Vielleicht haben Sie ihren Lieblingsraum schon gefunden, in dem Sie schon seit langem wohnen oder Sie sind noch auf der Suche. Vielleicht haben Sie schon in verschiedenen Räumen gewohnt oder Sie stellen gerade in ihrem Zimmer ein paar Möbel um. Vielleicht stehen Sie auch noch auf der Schwelle des Hauses und überlegen, ob Sie lieber draußen sein möchten oder reinkommen. Egal, wie sie sich entscheiden – es ist immer ein Zimmer für Sie frei.

 

Allerdings – wie alles hat die Geschichte einen Haken:

Und dieser Haken sitzt vielleicht hinter Ihnen oder vor Ihnen oder ist – wieder einmal – nicht hier. „Der gehört zur Familie“ – das gilt auch für die, die mich befremden. Die mir fern sind. Es gibt keinen Tauglichkeitstest für den Einzug in die Hausfamilie Gottes – und das heißt, dass ich damit leben muss, dass auch Menschen dazugehören, mit denen ich Probleme habe. Die ganz andere Räume nutzen als ich oder mir die streitig machen, die ich eigentlich gern für mich allein haben würde. Seine Verwandtschaft kann man sich eben nicht aussuchen.

 

Das Leben in unserer Wohngemeinschaft ist immer auch turbulent und spannungsvoll. Immer wieder gibt es Probleme im Zusammenleben, hängt auch mal der Haussegen schief. Das war bereits so bei den Menschen in Ephesus. In der Gemeinde lebten zwei Gruppen: Heidenchristen und Judenchristen. Vom Leben in der Gemeinde hatten sie ganz unterschiedliche Vorstellungen. Die einen wollten gern Milch und Fleisch getrennt essen, für die anderen war das egal. Für die einen war das Festhalten an bestimmten Feiertagen und Ritualen wichtig, für die anderen nicht. Die einen galten als altmodisch und konservativ. Die anderen als viel zu freizügig und zu liberal.

Die Heidenchristen sahen verächtlich auf die herab, denen ihre liebgewordenen Gebote in Fleisch und Blut übergegangen waren. Sie fanden, sie hätten so etwas glücklicherweise nicht nötig. Man konnte sich nicht verstehen und blieb darum lieber unter sich.

 

Und heute? Klar, dass ich selbst dazugehöre, zur Familie, schön und gut. Darüber bin ich froh. Aber die anderen? Die so anders sind als ich? Vielleicht sind es die Katholiken oder die Mennoniten, die, die immer nur zum Akzente-Gottesdienst gehen, am liebsten die lutherische Messe einführen würden oder nur zu Weihnachten in die Kirche kommen? Oder vielleicht ist es ja auch der da, der immer so komisch angezogen ist? Oder die, die dauernd reden muss und mir manchmal echt auf die Nerven geht? Oder der, der ständig zu spät kommt und trotzdem zu allem gleich seine Meinung sagen muss?

 

Wir sind Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes, aber wir sind noch nicht im Himmel – immer noch nicht, auch nicht 2000 Jahre, nachdem Paulus den Ephesern einen Brief geschrieben hat. Das Haus Gottes wächst immer noch und das bedeutet Arbeit. Wir leben auf einer Baustelle, die ständig Veränderungen unterworfen ist, weil sie mit Steinen arbeitet, die lebendig sind. Das Leben ist eine Baustelle – auch das Leben in der Gemeinde.

Darum, so scheint mir, ist es wichtig, nicht zu vergessen, welcher Haussegen, welche Verheißung über dem Portal des Gotteshauses eingemeißelt ist:

 

Friede sei mit dir!

 

So beginnt ja unser Predigttext:

 

Christus ist gekommen und hat Frieden verkündet: Euch, den Fernen - und Frieden den Nahen. Denn durch ihn haben wir beide in einem Geist Zugang zum Vater.

 

Durch Jesus Christus haben wir alle einen Zugang zu Gott. Jesus Christus ist der Weg und die Wahrheit und das Leben. Er hat uns den Weg bereitet und das Tor geöffnet zum Haus Gottes. Er hat uns vorgelebt, was es heißt, Menschen einzuladen, so unterschiedlich sie auch sind, und mit ihnen gemeinsam verantwortlich zu leben. Er hat eine Gemeinschaft geschaffen aus Frauen und Männern, Fischern und Prostituierten, Reichen und Armen. Er hat Frieden verkündet, denen die mir fern sind und denen, die mir nah sind. Es ist sein Friede, der über unserem Haus steht, der Friede Jesu Christi.

 

Christus ist unser Friede – dieser Haussegen gerät nicht in Gefahr, schief zu hängen. Er ist das große Versprechen, das über dem Haus Gottes steht.

 

Wir sind dazu aufgerufen, uns in diesem Frieden zu begegnen. Und das tun wir – jedes Mal, wenn wir Abendmahl feiern und uns das Brot weitergeben, grüßen wir uns mit den Worten: Friede sei mit dir. Das meint: Ich nehme dich wahr und nehme dich ernst – genauso wie mich selbst. Und ich lasse dir Raum. Ich lasse dich im Haus Gottes sein, wo und wie du bist.

Friede ist da, wo wir einander Raum lassen. Wo ich Raum frei gebe, damit mein Gegenüber Raum einnehmen kann. Mich selbst zurücknehmen und dem anderen Platz lassen, das schulde ich meinem Gegenüber – und umgekehrt genauso. Darum antworten wir im Abendmahl auf den Gruß „Friede sei mit dir“ mit den Worten: „Und auch mit dir!“

 

Friede ist mit uns. Mit der ganzen Verwandtschaft. Mit uns allen, die wir zur Hausfamilie Gottes gehören, für die immer ein Zimmer frei ist. Ohne Aufnahmetest. Wir dürfen einziehen wie und wo wir wollen, unsere Räume füllen und auch immer wieder neu gestalten. Als Freunde des Hauses. Als Getaufte.

 

Lassen Sie uns zusammen bauen und miteinander das Haus gestalten. Einander Raum geben. Mit Spannung und Freude hinarbeiten auf das, was im Portal eingemeißelt ist: Friede sei mit dir!

 

Amen.