Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Epheser 2,19-22

Dompropst Norbert Feldhoff

27.09.2006 im Kölner Dom

Zum Kirchweihfest des Domes und Eröffnungsgottesdienst der Domwallfahrt 2006

Zum Kirchweihfest des Domes und Eröffnungsgottesdienst der Domwallfahrt 2006

Wenn Sie einen Religionswissenschaftler fragen, was denn eigentlich eine Wallfahrt ausmacht, wird er Ihnen drei Elemente nennen: Das Verlassen der Heimat, den Gang durch die Fremde und die Einkehr am heiligen Ort.

Gemessen an diesen drei Elementen sind wir nur auf einer Mini-Wallfahrt oder modisch ausgesprochen „Wallfahrt light“, nur 30%. Denn wenn ich es recht sehe, hat keiner von Ihnen seine Heimat verlassen, um in den Dom zu kommen, selbst wenn er von Düsseldorf gekommen sein sollte, und ich vermute, dass auch keiner von Ihnen den Dom und seine Umgebung als „Fremde“ bezeichnen würde. Aber wir sind an einem heiligen Ort, der heute sein Kirchweihfest feiert. Wenn man aber nach den inneren Gründen fragt, warum Menschen, zumal Christen, wallfahren, können Ihnen zwei Antworten gegeben werden.

Offensichtlich drückt sich im Wallfahren etwas von der Ur-Sehnsucht des Menschen aus, dass er nämlich dem großen Du seines Lebens, das wir Christen Gott nennen, begegnen will. Die Wallfahrt ist immer etwas Besonderes im Leben, ein Ausstieg aus dem Alltag, um dem Ziel

des Lebens näher zu kommen. Aber für alle Wallfahrer gilt auch, dass sie dann irgendwann zurückkehren in den Alltag. Vielleicht nicht wie die Weisen aus dem Morgenland, denen geraten wurde, auf einem anderen Weg in ihre Heimat zurückzukehren, aber mit neuen Perspektiven zur Bewältigung des Alltags.

Wir wollen diesen beiden Gesichtspunkten nachgehen: „Auf dem Weg zu Gott“ und „Zurück in den Alltag“.

Auf dem Weg zu Gott
Wenn man unterwegs ist, kann einem kaum etwas Schlimmeres passieren, als die Orientierung zu verlieren. Laufen wir noch in die richtige Richtung oder gehen wir in die Irre? Kommen wir zum Ziel unserer Wanderschaft? Auch der Mensch unterwegs zu Gott kann von solchen Sorgen und Ängsten geplagt werden und er wird nicht selten von dieser Angst geplagt.

Paulus gibt im Epheserbrief, aus dem wir einen Abschnitt in der Lesung gehört haben, hilfreiche Orientierung. „Ihr seid nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ (Eph 2,19). „Ihr seid nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht“. Früher musste man zum Verständnis dieses Satzteils darauf hinweisen, wie rechtlos und schutzlos im Altertum die Fremden waren. Heute haben wir leider genug und bisweilen grausame Anschauung im eigenen Land. Wer möchte heute in Deutschland wirklich ein „Fremder“ sein? Viele sind ihres Lebens nicht mehr sicher, nicht wenige wurden Opfer des Fremdenhasses, den es leider auch bei uns gibt.

Das erste, was Paulus seinen Mitchristen bewusst macht, ist die Tatsache, dass sie nun als Christen nicht mehr Fremde sind. Sie brauchen keine Angst zu haben, sie haben volle Bürgerrechte, sie sind in die Gemeinschaft aufgenommen und was diese Gemeinschaft ausmacht und auszeichnet, wird an den nächsten Worten deutlich.

Ihr seid nun „Mitbürger der Heiligen“. Damit erinnert Paulus sicher zunächst daran, dass wir durch die Taufe Vollbürger sind. Aber er öffnet mit diesem Wort „Mitbürger der Heiligen“ auch den Blick in eine andere Dimension, die wir mit „Himmel“ bezeichnen und die gerade in unserem Dom anschaulich wird. Für Paulus gehören zur Kirche nicht nur die, die hier auf der Erde leben und durch die Taufe in die Gemeinschaft aufgenommen wurden, sondern auch die Engel und die Heiligen, die schon vollendet sind. Die Kirche ist eine Gemeinschaft, die auf der Erde steht und in den Himmel ragt und die darum hier schon „das himmlische Jerusalem“ heißt.

Dieser begeisternde, theologische Gedanke ist in unserem Dom, im Gebäude, in den Figuren an den Pfeilern, in den Fenstern greifbar geworden. Und schließlich nennt Paulus uns als getaufte Christen „Hausgenossen Gottes“. Er kommt damit zu einem Begriff aus dem Familienleben. Die Christen gehören zum Haus Gottes, das heißt zur Familie Gottes, in der Gott selber der Vater und Jesus Christus der Bruder ist. Beglückender kann man das christliche Bewusstsein nicht aussprechen. Was bilden die Menschen sich ein, wenn sie an einem Fürstenhof oder bei einem König zu Tisch sein können?

Wie stolz waren die wenigen Jugendlichen, die während des Weltjugendtages vom Papst zum Essen eingeladen wurden? Aber zur Familie gehören ist viel mehr und gar zur Familie Gottes!

Wenn Sie heute anlässlich der Eröffnung der Domwallfahrt in unseren Dom gekommen sind, soll Ihnen diese beglückende Erfahrung geschenkt werden.

Sie sind nicht verlassen, in der Irre. Hier im Dom, dem Abbild des himmlischen Jerusalems, können Sie zum Tisch der Familie treten und das Familienmahl, das zusammenführt, feiern, um im frohen Bewusstsein Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes zu sein, zu leben und wieder in den Alltag zu gehen.

Zurück in den Alltag
Sie kennen die Worte „Adel verpflichtet“. Das gilt auch für uns Christen. Die Wallfahrt, die uns zunächst aus dem Alltag herausführt, will uns mit neuer Perspektive wieder in den Alltag entlassen. Wer begriffen hat, dass er in die Familie Gottes aufgenommen ist, wird, um dem „Adel dieser Familie“ zu entsprechen, nach den Grundsätzen der Familie leben. Dann gilt nicht mehr Rücksichtslosigkeit oder gar Hass, sondern Liebe, nicht mehr Eifersucht und Streit bis aufs Messer, sondern Friede. Dann werden wir den Stern, das Licht, das wir in der Gemeinschaft der Heiligen gefunden haben, in das Dunkel und die Orientierungslosigkeit der Welt hineintragen.

Das Fest des heiligen Vinzenz von Paul musste heute in unserem Dom dem Kirchweihfest weichen. Wegen des heiligen Vinzenz von Paul, der nach Ansicht des evangelischen Pfarrers Wichern „unerreicht auf allen Gebieten der Caritas“ war, haben wir heute zur Eröffnung der Domwallfahrt aber gerade auch Caritasmitarbeiter eingeladen und der heilige Vinzenz kann uns helfen auf dem Weg zurück in den Alltag. Er war einer, der in seinem Alltag auf Gottes Winke achtete. Da sah er z.B. beim Heimweg auf der abendlichen Straße, wie sich ein Papierbündel auf der Straße hin und her bewegte. Vinzenz bückte sich und hatte einen Säugling in den Händen. Er brachte das Kind zu der von ihm gegründeten Kongregation der Barmherzigen Schwestern. Sie erklärten: Wir haben keinen Platz, aber wir machen Platz. So kam Vinzenz dazu, mit seinen treuen Helfern sich intensiv um die Waisenkinder und Findelkinder von Paris zu kümmern. Er hatte den Wink Gottes verstanden, aber auch geschickt weitergegeben.

Als während einer Kriegszeit das Waisenhaus dem Bankrott nahe war, bat er wohltätige Damen, die ihm bisher geholfen hatten, zu einer Konferenz. Er ersuchte sie, gleich Richtern abzustimmen über Leben oder Tod der Kinder. Das Mutterherz siegte.

Meine Schwestern und Brüder, wir können und sollen Heilige nicht einfach nachmachen. Heilige können uns aber die Augen öffnen für unser Leben. Jeder Alltag hat seine anderen Tücken, aber auch andere Chancen. In jedem Alltag finden wir Winke Gottes, von seiner Liebe Zeugnis zu geben.

Die Caritas-Ausstellung im Domforum, die während der Domwallfahrt gezeigt wird, will uns hierfür die Augen öffnen. Ziel jeder Wallfahrt ist es, dass wir uns neu und vertieft der Liebe Gottes inne werden. Sie ist, wie Papst Benedikt XVI. in seiner großen Enzyklika „Deus caritas est“ gesagt hat, das einzige Licht, das die dunkle Welt immer wieder erhellt und das uns den Mut zum Leben und zum Handeln gibt. „Die Liebe ist möglich und wir können sie tun, weil wir nach Gottes Bild geschaffen sind.“ Die Liebe zu verwirklichen und damit das Licht

Gottes in die Welt einzulassen, das ist der Auftrag unseres Alltags - das Ziel unserer Wallfahrt.

Amen.