Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Epheser 2,19

Diakon Markus Steuer (ev.-luth.)

21.09.2014 in der Ludgeri-Kirche in Norden

Einführung als Kreisjugendwart und Prädikant

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. (Eph 2,19)

Liebe Gemeinde,

dieser Bibelvers, einer der beiden Losungstexte für diesen Sonntag, gibt etwas davon wieder, was Christsein eigentlich ausmacht.

Etwas zugespitzt: „Als Christ lebe ich wie mit Gott in einer WG.“

Wie das aussehen könnte, dazu ein paar Auszüge aus einem Tagebuch:

Donnerstag, 10. Juni

Habe heute eine Anzeige aufgegeben bei „WGgesucht.de“. Habe endlich eine Wohnung bekommen, sogar in der Nähe ­­meiner Uni. Kann ich mir nur alleine nicht leisten. Aber da wird sich schon jemand finden lassen. Vielleicht mach ich auch noch einen Aushang am schwarzen Brett. Mal gucken…

Montag, 14. Juni

Wow! 17 Anfragen für den WG-Platz. Da muss ich mir erstmal ein Verfahren überlegen, wie ich die Bewerber kennenlerne. Klingt irgendwie anstrengend…

Mittwoch, 16. Juni

Problem gelöst! An der Uni hat mich so ein Typ angequatscht. Er hätte gehört, dass ich noch einen Mitbewohner suche (woher eigentlich?). Er würde eine WG suchen, ob er bei mir einziehen kann. Waren dann nen Kaffee trinken (bzw. einen Karamell Macchiato XL). Und haben uns gut verstanden. Hab ihm spontan zugesagt. Erspart mir so ein albernes Bewerbungsverfahren.

Ich hoffe, dass das die richtige Entscheidung war. Nicht, dass das am Ende irgend so ein Freak ist… Naja, jetzt ist es eh zu spät. Er will am Wochenende einziehen. Bin mal gespannt!

Freitag, 18. Juni

Mein neuer Mitbewohner hat angerufen und mich gefragt, ob ich ihm beim Umzug helfen kann. Er würde hinterher auch was Leckeres kochen. Komisch, ich habe überhaupt nicht gezögert, sondern sofort zugesagt. Hab mich fast ein bisschen geehrt gefühlt. Die Art, wie er fragt, fasziniert mich. Da freut man sich richtig, dass man helfen kann.

Naja, hoffentlich kann er genauso gut kochen wie um Hilfe bitten…!

Samstag, 19. Juni

Umzugstag! Ich hatte mich auf schwere Kisten, einen großen Schrank und ne Menge Kleinkram eingestellt. War aber eher wenig. 12 Freunde waren noch da und haben mitgeholfen und nach ner knappen Stunde waren wir schon fertig.

Ach ja: Kochen kann er auch! Ich bin ja eigentlich kein Fisch-Freund, aber das! So leckeren Fisch hab ich selten gegessen. Hammer!

Montag, 21. Juni

Habe ihn gefragt, was er eigentlich studiert. „Menschen“, hat er gesagt. War irritiert. „Biologie? Oder was?“ Er hat den Kopf geschüttelt und gesagt: „Ich bin einfach viel unterwegs. Aber keine Sorge, wenn du mich brauchst, bin ich da.“

Wenn ich ihn „brauche“? Wofür soll ich ihn „brauchen“? Außer für die Miete natürlich…

Dienstag, 22. Juni

Mein Mitbewohner ist echt ein besonderer Typ! Manchmal hab ich das Gefühl, dass wir uns gleichzeitig auf zwei Ebenen unterhalten. Dass es immer auch um tiefere Fragen geht. Schwer zu erklären. Irgendwie sind Gespräche mit ihm nie belanglos, aber auch nicht schwermütig. Habe nach jedem Gespräch das Gefühl, beschenkt zu sein.

Donnerstag, 24. Juni

Als ich nach der Uni zur Tür rein bin, roch es aus der Küche schon verführerisch. Er war wieder am Kochen. Und frisches Brot im Backofen.

Ich hab mir ein Glas Wasser genommen, mich an den Küchentisch gesetzt und von der Uni erzählt. Tut gut, wenn jemand da ist, der zuhört. Und nebenbei so lecker kocht!

„Ich hab für Sonntag ein paar Leute eingeladen. Ist das ok für dich?“

War überrascht. „Ich mein, ist schon ok. Gäste haben macht ja auch Spaß. Machst du das öfters?“

Er grinst. „Öfters? Kann schon sein. Jeden Sonntag eigentlich…“

„Oh.“

Montag, 28. Juni

Der Sonntag war le-gen-där. Lustige Leute hatten wir in der Bude. Und so verschieden. Ein paar andere Studenten, die ich von der Uni kenne. Ein paar Nachbarn. Ein Straßenmusiker. Die Starbucks-Verkäuferin. Sogar den Briefträger hatte er eingeladen. Is‘n netter Typ.

Wir haben gegessen, getrunken, übers Leben philosophiert, Spaß gehabt. Das Leben gefeiert, wenn man so will. Und die Unterbrechung des Alltags. Wenn jeder Sonntag so wird, hab ich nix dagegen!

Donnerstag, 01. Juli

Habe heute einen ziemlich wütenden Mitbewohner angetroffen. Er war wohl heute im Asylbewerberheim und war über die Verhältnisse da entsetzt. Zwei Asylbewerber sollen direkt abgeschoben werden.

„Was hältst du von Kirchen-Asyl?“, fragt er mich.

„Wenn’s hilft. Wo?“

„Hier. Bei uns.“

Er denkt „Kirche“ offensichtlich etwas anders als ich…

Samstag, 03. Juli

Andere waren schneller. Die Kirchengemeinde um die Ecke hat den beiden Asylbewerbern „normales“ Kirchenasyl gewährt. Beruhigt mich etwas. Aber seine Wut und sein Engagement haben mich ins Nachdenken gebracht. Vielleicht kommt es manchmal eben doch auf mich an, auf mich und mein Engagement. Egal, wie unbedeutend ich mich fühle. Oder vielmehr: auf unser Engagement. Er hätte ja mit gemacht. Und bestimmt könnten wir noch mehr Leute begeistern und zusammen etwas unternehmen. Die Sonntags-Truppe, die wäre sicher dabei. Dann könnten wir endlich auch etwas tun, nicht immer nur essen, diskutieren, feiern. Dann haben auch andere etwas davon, dass es uns gibt.

Donnerstag, 08. Juli

Seit ich mit diesem Typen in einer WG lebe, hat sich mein Leben ziemlich verändert. Wobei, eigentlich stimmt das nicht. Mein Leben, mein Alltag, das ist so ähnlich wie vorher auch. Aber ich erlebe es anders. Größer. Wichtiger. Würdevoller. Weil mein Leben für ihn auch irgendwie groß, wichtig, würdevoll zu sein scheint.

Mit ihm gemeinsam bekomme ich Lust auf Veränderung. Ich möchte etwas bewegen in dieser Welt, in meiner Umgebung.

Ich bin gespannt, wo ich meinen Platz finden werde…

 

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. (Eph 2,19)

 

Mit Gott in einer WG – das klingt erstmal schräg und ungewohnt. Aber dieser Bibelvers macht auf etwas Wichtiges aufmerksam: Christsein, das findet nicht (nur) am Sonntag statt. Christsein heißt, meinen Alltag mit Gott leben. Mit ihm unterwegs sein. Er sitzt sozusagen am Küchentisch, wenn ich nach Hause komme. Und will wissen: „Wie war dein Tag?“

Und wenn es stimmt, dass Kirchen Gotteshäuser sind, dann kommen wir nicht als „Gäste“ oder „Besucher“ hierher! Dann sind wir hier Mitbewohner, dann kommen wir nach Hause.

Als Kreisjugenddiakon bewegt mich eine Frage ganz besonders: was können wir tun, damit die Jugendlichen unserer Gemeinden sich in unseren Kirchen und Veranstaltungen nicht wie „Gäste und Fremdlinge“ fühlen sondern als Teil des Ganzen – und es auch sind? Was können wir verändern, damit Jugendliche in unseren Gemeinden „ihren Platz finden“ und ihre Talente einbringen können, sich für andere einsetzen?

Und wie können wir als Gemeinde zusammen wachsen, weil wir durch Jesus Christus zusammen gehören?

Große Fragen. Wichtige Fragen.
Ich wünsche uns den Mut, aufeinander zuzugehen, einander zu vertrauen und in Gottes Namen nach Antworten zu suchen und Veränderungen zu wagen. Damit unsere Kirchen und unsere Wohnzimmer immer mehr zu „WG-Häusern“ werden, in denen wir einander und Gott begegnen können. Amen.