Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Epheser 5, 15-16

Pfarrer Uwe Sundermann (erf)

12.06.2015 Auf dem Friedhof des Ortsteiles Siekholz, vor der Kapelle und dem Ehrenmal

Schützenfest, Gedächtnis der Verstorbenen

Zur Situation:

Alle drei Jahre findet im Ortsteil Siekholz mit seinen 390 Einwohnern ein kleines, aber feines Schützenfest statt. Am Freitagabend sammeln sich die Schützen um 18.00 Uhr auf dem Festplatz. Von dort aus gehen sie, begleitet durch Musikkapelle und Fanfarenzug, die Straße zum Friedhof hinunter. Dort halte ich gegen 18.20 Uhr eine Andacht mit anschließender Kranzniederlegung durch die Schützen. Danach geht es wieder die Straße hinauf bis in den obersten Ortsteil. Dort liegt der kleinste Park Nordrhein-Westfalens. In diesem findet vor feierlicher Kulisse der Zapfenstreich statt. Gegen 20.00 Uhr beginnen die Feierlichkeiten im Festzelt.

 

Die Ansprache richtete sich auch an viele, die der Kirche und dem Glauben eher fern stehen. Durch die dort mehrfach genannte Zahl 86.400 blieben die Gedanken den Zuhörenden gut im Gedächtnis. Das habe ich an den Rückmeldungen gemerkt, die ich selbst noch Tage später bekam.

 

 

„Seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt –

nicht als Unweise, sondern als Weise,

und kauft die Zeit aus!“ (Epheser 5, 15-16)

 

Liebe Schützen! Liebe Siekholzer und Gäste!

 

I.

Stellt euch vor, ihr gewinnt einen Preis. Dieser Preis ist ungewöhnlich. Und zwar stellt euch eure Bank jeden Morgen eine Summe von 86.400 Euro zur Verfügung. Dieses Geld wird eurem Bankkonto gutgeschrieben.

 

Doch dieser Preis hat gewisse Regeln. An die müsst ihr euch halten:

 

Die erste Regel lautet: Alles Geld, was ihr im Laufe des Tages nicht ausgegeben habt, verfällt. Es wird euch wieder weggenommen. Also könnt ihr das Geld nicht ansparen. Ihr könnt es auch nicht auf ein anderes Konto überweisen und dort bunkern. Ihr könnt das Geld nur nehmen und ausgeben. Oder ihr gebt es nicht aus, und dann ist es trotzdem am Ende des Tages weg.

 

Die zweite Regel lautet: Ganz gleich, was ihr mit dem Geld des Vortages gemacht habt – ihr habt am nächsten Morgen wieder neue 86.400 Euro zur Verfügung. Es schaut also keiner, ob ihr das Geld gebraucht oder nicht. Ihr müsst darüber nur euch selbst Rechenschaft geben.

 

Die dritte Regel ist: Dieser Preis läuft auf unbestimmte Zeit. Ihr wisst nicht, wie lange. Die Bank kann die Überweisung der 86.400 Euro ohne Vorwarnung einstellen. Sie kann die Zahlung von heute auf morgen beenden. Dann wacht ihr auf, und es gibt kein neues Geld mehr.

 

Die Frage ist: Wie würdet ihr euch verhalten? Was würdet ihr mit dem Geld machen?

 

Nun, ich glaube: Die meisten von uns würden sich alles Mögliche von dem Geld kaufen: schöne Kleidung, ein neues Auto, endlich mal in den Urlaub fahren. Wir würden zusehen, dass wir Tag für Tag alles ausgeben. Es wäre doch schade, wenn wir das Geld nicht nutzen, wenn es auf dem Konto verfällt!

 

Natürlich würden wir nicht nur für uns ausgeben. Wir würden genauso den Menschen um uns etwas Gutes tun. Wir würden anfangen, das Geld dahin zu geben, wo es gebraucht wird. Am Ende soll jeder Cent bestmöglich genutzt werden. Findet ihr nicht auch?

 

Nun, diese Überlegungen sind Realität. Es ist uns nur nicht bewusst. Die Bank, die uns Tag für Tag etwas zum Leben gibt, ist unser Leben. Und das Geld auf unserem Konto ist die Zeit.

 

Jeden Morgen, wenn wir aufwachen, bekommen wir 86.400 Sekunden Leben für den Tag geschenkt. Und wenn wir uns abends schlafen legen, dann ist diese Zeit weg. Wir können nichts aufbewahren. Wir können nichts ansparen. Es wird uns am Ende nichts gutgeschrieben.

 

Was wir an dem einen Tag nicht gelebt haben, ist verloren. Die Zeit, die wir nicht genutzt haben, ist vergangen. Sie ist vorüber. Wir können sie nicht anhalten und nicht zurückholen. Was uns gehört, sind nur die 86.400 Sekunden des heutigen Tages – mehr nicht. Jeden Morgen wird uns diese Zeit wieder neu zur Verfügung gestellt.

 

Ewig aber geht dies nicht. Irgendwann ist all dies vorbei. Es mag sein, dass wir das im Vorfeld spüren. Es kann aber auch sein, dass es ohne Vorwarnung geschieht. – Was haben wir dann mit unserer Zeit gemacht?

 

 

II.

Wir sollen die Zeit „auskaufen“. Das klingt ja nun etwas altmodisch. Die Sache aber, um die es geht, ist topaktuell. Heute sprechen wir modern vom „Zeitmanagement“. Wir sprechen von „Selbstoptimierung“ und von „Zeitorganisation“. Kurzum, es geht darum, in einer bestimmten Zeit möglichst viele Dinge zu schaffen.

 

Wir stehen ja in verschiedensten Herausforderungen. Wir sind gefordert durch den Beruf. Wir haben unsere Aufgaben in Familie, Haus und Garten. Daneben wartet das ehrenamtliche Engagement. Und dann sind da noch Nachbarn und Bekannte, um die wir uns sorgen. Wir wollen das alles „unter einen Hut“ bringen. Dafür brauchen wir ein gutes „Zeitmanagement“.

 

Eine solche „Zeitoptimierung“ können wir geradezu auf die Spitze treiben. Wir packen jede Minute voll. Wir organisieren die Abläufe dicht hintereinander. Haben wir einmal fünf Minuten Leerlauf, dann überlegen wir: „Was können wir jetzt noch eben erledigen?“ Manche von uns sind wahre Zeitmanagement-Organisationstalente.

 

Schnell sind wir auf diese Weise rund um die Uhr in Bewegung. Wir arbeiten ohne Pause. Wir sind immer mit etwas befasst. So ist unser Leben ständig in Bewegung.

 

Doch wissen wir allzu gut: So funktioniert das nicht. Selbst eine Maschine braucht ihre Pausen. Zumindest muss der Kraftstoff nachgefüllt werden, und das Getriebe muss zwischendurch nachgesehen und geölt werden. Erst dann kann es weitergehen.

 

Wenn wir Menschen ohne Pause arbeiten, geht das eine Zeit lang gut. Irgendwann aber ist der Bogen überspannt. Dann geht es nicht mehr. Körper und Geist verlangen nach einer Pause. Und das spüren wir sehr deutlich.

 

Das Bild von dem überspannten Bogen zeigt uns das anschaulich: Man stelle sich vor, wir halten einen Bogen ständig gedehnt. Wir lassen ihn nicht wieder in die Ausgangs- und Ruhestellung zurückkehren. Nach gewisser Zeit wird die Sehne erschlaffen. Dann hat sie nicht mehr so viel Spannkraft wie ursprünglich. Dann sitzt kein richtiger Zug mehr dahinter. Wir können wohl noch mit dem Bogen schießen, aber besonders weit fliegt der Pfeil dann nicht mehr.

 

Bei uns Menschen sprechen wir modern vom „burnout“. Mit solch einer Diagnose werden wir erst einmal aus dem Verkehr gezogen. Man kann allerdings nicht einfach sagen: Burnout kommt vom Job. Das ist in dieser Vereinfachung schlichtweg falsch. In der Regel kommen mehrere Faktoren zusammen. Die Menschen mit Burnout kämpfen an mehreren Fronten zugleich. Eine gewisse Zeit lang geht das gut. Aber irgendwann ist „der Bogen überspannt“.

 

Ich glaube kaum, dass das Paulus das von uns verlangt, wenn er sagt: „Kauft die Zeit aus!“ Er will nicht, dass wir rund um die Uhr in Bewegung sind.

 

 

III.

Wir sollen im Umgang mit unserer Zeit „weise“ sein: „Seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt – nicht als Unweise, sondern als Weise!“ Weise sind wir nicht, wenn wir möglichst viel schaffen, sondern wenn wir es in einer bestimmten inneren Haltung tun.

 

Weise werden wir, indem wir erkennen: „Unser Leben ist nicht selbstverständlich; es ist ein Geschenk. Die Lebenszeit ist nicht einfach da; sie kommt von Gott.“ Der Psalmbeter sagt: „HERR, meine Zeit steht in deinen Händen.“ (Psalm 31, 15) Mit anderen Worten: Gott gibt uns die Zeit. Er gibt uns seinen Lebensatem Tag für Tag wieder neu. Jeder neue Tag ist sein Geschenk.

 

Eigentlich wollen wir das gar nicht so gern wahrhaben. Wir haben unser Leben lieber fest im Griff. Wir geben uns gerne stark. Wir gestalten unser Leben. Wir sind die Macher. Wir setzen uns Ziele – und arbeiten beharrlich daran, sie zu erreichen.

 

Doch mitunter wird uns vor Augen geführt: Unser Leben ist nicht selbstverständlich. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir morgen wieder aufwachen und unsere Arbeit fortsetzen können. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir morgens aus dem Haus gehen und abends zurückkommen.

 

Vor einigen Jahren erfuhr ich das erschreckend deutlich: Ich wollte in den Sommerurlaub fahren. Ich hatte meine Tageszeitung schon abbestellt und meiner Mutter dies auch am Vorabend gesagt. Am nächsten Morgen rief sie mich vor Abfahrt in den Urlaub an und las mir eine Traueranzeige aus der Zeitung vor. Ich konnte und wollte es zuerst nicht glauben:

 

Ein Freund von mir, 49 Jahre alt, ebenfalls Pfarrer meiner Landeskirche, war unvermittelt gestorben. Er hatte seine gesundheitlichen Probleme, das wusste ich. Diese Todesnachricht aber riss mir den Boden unter den Füßen weg. Ich war sprachlos vor Schreck.

 

Der Psalmbeter sagt: „HERR, lehre uns zu bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.“ (Psalm 90, 12) Mit anderen Worten: „Führ uns zu der Einsicht, wie kostbar und einmalig unser Leben ist! Zeige uns, dass unser Leben nicht selbstverständlich ist! Hilf uns, dass wir unsere Zeit weise nutzen!“ Unser Leben steht in Gottes Hand.

 

Viele Menschen verdrängen diesen Gedanken. Sie wollen sich dieser Wahrheit nicht stellen. Sie wollen nicht wissen, dass unser Leben ein Geschenk ist. Sie leben lieber gedankenlos in den Tag hinein. Aber dann sollen sie wissen: Sie werden oberflächlich leben.

 

Besser, wir lassen diese Gedanken an uns heran. Besser, wir erkennen an: Wir haben nicht alles im Griff. Besser, wir gehen davon aus: Unser Leben ist Tag für Tag ein neues Geschenk. Dann nehmen wir alles viel bewusster wahr. Dann sagen wir Danke für den neuen Tag, für die uns gegebenen Möglichkeiten, für die bewusst gelebte Zeit. So werden wir weise. Wir nehmen unsere Lebenszeit aus Gottes Hand. „Seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt – nicht als Unweise, sondern als Weise!“

 

 

IV.

Wie aber nutzen wir die Zeit? Wer in den Tag hinein lebt, für den stellt sich diese Frage nicht. Unser Leben ist ja ausgefüllt mit den vielen täglichen kleinen und großen Dingen. Wir essen und trinken. Wir arbeiten und gestalten unsere Freizeit. Wir mähen den Rasen, waschen ab und putzen Staub. Wir befassen uns mit den täglichen Neuigkeiten und stehen beim Einkaufen im Gespräch.

 

Damit können wir unser Leben problemlos ausfüllen. Doch in diesem Fall verhalten wir uns nicht weise. Wir lassen uns ja nur von unseren Aufgaben treiben. Wir denken nicht nach. Wir unterscheiden nicht zwischen wesentlichen und unwesentlichen Dingen. Wir geben unserem Leben keine Richtung.

 

Weise die Zeit auskaufen – das heißt: Wir nehmen uns Zeit, um die kleinen schönen Dinge zu entdecken. Da sind die Blumen und die Vögel. Da ist die Schönheit der Landschaft. Da sind unsere geschichtsträchtigen Städte und ehrwürdige Kirchen. Es gibt viel Schönes. Wir müssen uns nur Zeit dafür nehmen!

 

Weise die Zeit auskaufen – das heißt: Wir nehmen uns Zeit für das Miteinander. Was am Ende von uns Menschen bleibt, das sind nicht die materiellen Dinge. Das sind vielmehr die Spuren der Liebe, die wir in einem anderen Menschenherzen hinterlassen. Also nehmen wir uns Zeit fürs Gespräch. Wir bringen unseren Kindern das Radfahren und das Schwimmen bei. Wir nehmen sie an die Hand und lehren sie zu staunen.

 

Weise die Zeit auskaufen – das heißt: Wir halten die guten Gedanken fest. Wir müssen uns nicht mit allen Dingen befassen. Insbesondere die negativen, belastenden Gedanken legen wir an die Seite. Wir gehen dahin, wo wir positive Impulse bekommen. Und warum nicht mal wieder in den Gottesdienst gehen? Wir bekommen dort gute Gedanken mit auf den Weg!

 

Weise die Zeit auskaufen – das heißt: Wir kommen innerlich zur Ruhe. Tag für Tag werden wir mit vielen Informationen bombardiert. Die Aufmerksamkeit wird zerstreut. Das Leben wird hektisch und nervös. Dem wirken wir entgegen. Wir suchen uns Momente der Stille. Wir besinnen uns auf den Sinn des Lebens.

 

Weise die Zeit auskaufen – das heißt: Wir nehmen uns Zeit, um unsere Worte zu finden. Wir brauchen Worte, die uns auf unserem Lebensweg begleiten. Wir brauchen Gedanken, die uns in allem Auf und Ab tragen. Sie kommen uns in Erinnerung, wenn wir sie brauchen. Es ist ganz schön, ein Gebet, einen Psalm oder ein paar Lieder auswendig zu können. Aber das müssen wir wollen. Wir müssen uns die Zeit dafür nehmen.

 

86.400 Sekunden werden uns täglich geschenkt. Es liegt an uns, ob wir sie weise nutzen. „Seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt – nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus!“

Amen.

 

 

 

Liedtext

 

„Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,

sei mit uns auf unsern Wegen.

Sei Quelle und Brot in Wüstennot,

sei um uns mit deinem Segen.

     Sei Quelle und Brot in Wüstennot,

     sei um uns mit deinem Segen.

 

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,

sei mit uns in allem Leiden.

Voll Wärme und Licht im Angesicht,

sei nahe in schweren Zeiten.

     Voll Wärme und Licht im Angesicht,

     sei nahe in schweren Zeiten.

 

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,

sei mit uns vor allem Bösen.

Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft,

sei in uns, uns zu erlösen.

     Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft,

     sei in uns, uns zu erlösen.

 

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,

sei mit uns durch deinen Segen.

Dein Heiliger Geist, der Leben verheißt,

sei um uns auf unsern Wegen.“

     Dein Heiliger Geist, der Leben verheißt,

     sei um uns auf unsern Wegen.“

 

(Eugen Eckert, EG 171)