Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Epheser 5,1-8a

Pfarrer Stefan Kirchberger (ev.-luth.)

07.03.2010 in Augsburg-Göggingen, Dreifaltigkeitskirche

Rücktritt Margot Käßmanns und erste Welle von Missbrauchsvorwürfen in den Kirchen

Sonntag Okuli

So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.
Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört. Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung.
Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.
Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.
Darum seit nicht ihre Mitgenossen.
Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts.

Liebe Gemeinde,
Licht und Finsternis.
Hoher Sockel, tiefer Fall. Theorie und Praxis des christlichen Lebens.
Licht und Finsternis – gerade anders herum als es dasteht, habe ich unseren
Predigtabschnitt wiederholt. Mit dem Licht begonnen und dann die Finsternis
einbrechen lassen. Die Sichtweise des Apostels ist eine um 180° andere:
„Ihr ward früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht.“
Sofern man heute evangelischer oder katholischer Christenmensch ist und kirchlich verbunden lebt oder sich zumindest zu seiner Konfession bekennt, liegt eher auf den Lippen: Waren wir früher schon keine großen Leuchten, so ist es jetzt erst recht finster.

Eine evangelische Bischöfin und als EKD-Ratsvorsitzende die höchste Repräsentantin aller evangelischen Christen fährt nachts betrunken mit ihrem Dienstwagen durch Hannover. Ein katholischer Kirchenpfleger im Bistum Limburg veruntreut Millionen, so dass das Bistum in ernstliche Zahlungsschwierigkeiten gerät. Der evangelische Rektor der Rummelsberger diakonischen Anstalten unternimmt mit einer Mischung aus Lockungen und Druck an Diakonen-Schülern so fragwürdige Experimente, dass der Vorwurf sexueller Nötigung Untergebener kaum aus dem Raum zu schaffen ist. Unabweisbar missbraucht haben Priester oder Ordensleute in Kloster Ettal im Maristenkolleg Mindelheim, in Don-Bosco in Augsburg ihnen anvertraute Kinder, meistens Jungs. Soll ich noch das lieblose und hartherzige, den Willen brechende und die Seele beschämende pädagogische Verhalten kirchlicher Erzieher, Pfarrer und Nonnen, in Waisenhäuser der Diakonie und Caritas in den 50er und 60er Jahren vertiefen? Unser Predigtabschnitt wurde noch vor Jahren eher mit spitzen Fingern angefasst. In seiner Warnung vor Unzucht und Unreinheit sowie schandbaren und losen Reden wirkte er reichlich altbacken und betulich. Heute sind seine Worte zeitlos aktuell.
„Von Unzucht jeder Art, Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört“.
Aber haben uns die Verse auch etwas zu sagen, was über eine selbstgerechte Moralpredigt hinausreicht? Die Worte als solche werden uns und die Kirche nicht besser machen. Sie erzählen aber von Erfahrungen, die Christen schon einmal mit dem Glauben an das Evangelium, an den Mensch gewordenen Gott in Jesus verinnerlicht haben. Sie erzählen, welche Kraft von diesem Glauben ausging – gerade so, als käme man aus der Finsternis ins Licht. Und Finsternis haben wir doch genug. Was sollte uns hindern zu hören, wie wir leben können als Kinder des Lichts?

Mit uns meine ich nun tatsächlich uns alle. Der Epheserbrief sagt: „Wie es sich für die Heiligen gehört“ und meint mit den Heiligen ebenfalls alle. Alle, die zum Glauben gefunden haben. Heilige sind nach unserem Verständnis nicht Menschen, die besonders vorbildlich leben und dies, mit welchen Kräften auch immer, besser können als andere. Heilige sind alle Christen; weil sie geheiligt worden sind, weil an ihnen etwas geschehen ist, was sie selbst weder willentlich noch durch ihr Handeln beeinflussen konnten. Die Geheiligten sind nämlich die Getauften. Und geschehen ist an ihnen, dass die Liebe Gottes ausgegossen wurde in ihre Herzen. Weil Gottes Geist uns angefüllt hat mit Gottes Liebe, sollen und können wir sie überfließen lassen und weitergeben.

Insofern war es etwas einseitig, wenn ich eben nur auf die Kirchenleitungen oder auf die Berufs-Christen verwiesen habe, als es um die Finsternis der Kirche ging.
Ja — sie stehen in der Verantwortung Glauben und Leben nicht auseinander fallen zu lassen. Und weil Bischöfinnen und Pfarrer dafür alimentiert werden, weil sie sich öffentlich für die Glaub-Würdigkeit des Evangeliums einsetzen und weil sie dessen Ansprüche auch an die Politik ausrichten, deswegen stehen sie unter besonderer Beobachtung.
Nein — sie stehen nicht allein für die Lebenstauglichkeit des Evangeliums und des Glaubens ein. Margot Käßmann lebt und glaubt doch nicht stellvertretend für uns und wir schauen zu, ob ihr das gelingt. Und wenn es gelingt, dann kommen wir in den Himmel und wenn es misslingt, dann fällt sie vom Sockel.

Die Frage an uns heißt, ob wir Kirche sind oder ob jeder von uns lediglich eine Kirche hat. Für den Epheserbrief ist völlig klar: Wir sind Kirche und zwar alle! Undenkbar für ihn eine Haltung, die sagt: „Ich lasse andere Kirche und moralisches Leben ausprobieren und wenn’s gut geht, möchte ich gerne dazugehört haben.“ So funktioniert eine Kirche „haben“. Aus sicherer Distanz anderen beim Kirchemachen zuschauen und dann in einer richterlichen Pose zu beurteilen ob es mich überzeugt hat oder nicht.

Das geht aus vielen Gründen nicht, aber aus zweien ganz besonders:
Ich kann mein Christsein nicht delegieren. Auch nicht an die, die schließlich dafür bezahlt werden.

Und zum anderen: Mit dieser Haltung des Abstands bauen wir doch erst den Sockel und bauen wir erst an seiner Höhe, aus der Christenmenschen dann tief fallen. Frau Käßmann, die war ja so nett und so sympathisch und so telegen und so modern und so fromm und so kunstvoll geschieden und so anrührend krank und so glaubwürdig. Das sind zum Teil ernst gemeinte Komplimente, zum Teil voyeuristische Komplimente und das sind auch handfeste Erwartungen. Und warum lassen wir das Margot Käßmann alles alleine machen? Warum kommt es uns irgendwie komisch vor, aus unserem eigenen Glauben heraus nett und sympathisch und modern und fromm und kunstvoll von mir aus verheiratet oder alleinstehend, anrührend krank und in alledem glaubwürdig zu wirken? Denn dann müsste die Presse nicht auf eine Margot Käßmann blicken und dann hingen Wohl und Wehe, Glaubwürdigkeit oder Unglaubwürdigkeit der Kirche nicht von einer Person alleine ab.
„So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat.“

Der Brief des Apostels geht nach Ephesus. Ephesus war als Hafenstadt selbstverständlich multireligiös, selbstverständlich ein Vielvölkergemisch und sehr uneinheitlich in den Sitten und Gebräuchen. Will sagen: wie heute, so auch schon damals. Ein großer Artemis-Tempel huldigte der Göttin der Fruchtbarkeit und selbstverständlich hatte Ephesus sein St. Pauli. Gelegenheit zur Unzucht und Unreinheit an jeder Ecke.
Ephesus hatte aber auch ein großes Theater. Im griechischen Original unserer Predigtverse sollen wir gar nicht Gottes Beispiel folgen, wie Luther übersetzt, sondern wörtlich sollen wir zu Mimen werden, zu Darstellern der göttlichen Liebe. Die Welt eine Bühne und wir bespielen diese Bühne mit dem Stück: „Lebt als Kinder des Lichts“.
Von mir aus haben Bischöfinnen und Pfarrer tragende Rollen, aber nicht nur sie und vor allem nicht sie allein. Wir haben Margot Käßmann eine Solorolle gegeben und sie ist auf der Bühne gestrauchelt. Ja, es war ihr Fehler, aber unserer auch.

Wie jetzt mit diesem Fehler umgehen?
Nun konnte man in den letzten Wochen Geschichten hören, die sich schier überboten darin, wie alkoholisiert man selbst schon Auto gefahren sei. Je evangelischer, desto betrunkener hinterm Steuer. Das wirkt verständnisvoll und sympathisch, ist aber nicht das Stück, das wir auf der Bühne der Welt zu spielen haben. Um welche Inhalte es im Stück „Lebt als Kinder des Lichts“ geht, da ist der Epheserbrief klar und eindeutig.
Keine Unreinheit, keine närrischen Reden. Seid nicht ihre Mitgenossen, warnt der Brief noch vor den Unreinen und zweideutig Daherredenden. Dass die kein Erbteil haben am Reich Christi ist doch nicht selbstgerecht, sondern versteht sich hoffentlich und bitte von selbst.
Mit unserem Getuschel „ich auch schon“, oder „ich noch viel schlimmer“, oder „ich zwar nicht so, aber dafür anders“ machen wir uns aber zu Mitgenossen. Und zwar derer, die nicht Darsteller oder Mimen sein wollen der Liebe Gottes.
Das mag daran liegen, dass wir im Zuschauerraum sitzen, während Frau Käßmann auf der Bühne spielt. Wieder sympathisch, aber auch etwas hilflos und unverbindlich ist es, nun Frau Käßmann in Briefen oder in E-mails zu schreiben wie sehr man hinter ihr stehe.

Die Regie des Epheserbriefes sieht so aus:
Wir kommen aus dem Dunkel des Zuschauerraumes selbst auf die Bühne. Er nennt das: „Ihr ward früher Finsternis; nun aber seit ihr Licht in dem Herrn.“ Wer Sorge hat, kein großes Licht zu sein, kann beruhigt werden. Auf der Bühne bin ich Licht, weil ich angestrahlt werde von den Scheinwerfern. Auf der Bühne der Welt bin ich Licht, weil ich angestrahlt werde von der Liebe Gottes. Und auf der Bühne unterstützen wir Margot Käßmann nicht dadurch, dass wir unsere Trunkenheitsfahren bekennen, sondern dadurch, dass wir ihre Rolle weiter spielen, die ja auch unsere Rolle ist. Ganz automatisch stellen wir uns so vor sie, nehmen die Gestrauchelte aus der ersten Reihe und lassen sie sich wieder aufrichten im Schutzraum des ganzen Ensembles. Und der Welt sagen wir: Schaut auf uns, wenn ihr Kirche, wenn ihr Glauben sehen wollt, wir spielen „Die Kinder des Lichts“!

Allerdings spielen wir diese Rolle nicht als Profis. Wir spielen sie als Amateure. Straucheln inbegriffen. Das aber macht den Amateur nicht aus. Der Profi ist der Routinier. Der Berufsmäßige. Der Profi spielt Beethovens Neunte, weil er das kann, er spielt sie aber auch nach Dienstplan, er spielt sie Abend für Abend, er ist mal mehr mal weniger dabei. Der Amateur ist wörtlich übersetzt der Liebhaber. Und wir, fast hätte ich gesagt ihr, sollt das Stück, „Lebt als Kinder des Lichts“ wie Amateure spielen, wie Liebhaber.
Der Epheserbrief sagt: „Als die geliebten Kinder“. Diese Liebe Gottes macht uns ja überhaupt erst zu Menschen, die der Liebe fähig sind, macht uns zu Amateuren. Aus Liebhaberei sollen wir mit aller Ernsthaftigkeit, zu der Amateure fähig sind, Darsteller sein, Mimen werden der Liebe Gottes.

Es gibt allerdings einen Lebenswandel, heißt es im Epheserbrief, der sich mit dieser Rolle in diesem Stück auf der Bühne der Welt nicht verträgt. Angesprochen werden die Bereiche Sexualität, Umgang mit Besitz und die Art und Weise, wie ich in der Öffentlichkeit das Wort ergreife. „Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört. Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an.“
Der Regensburger Bischof Ludwig Müller vermutet laut und öffentlich, Einzelfälle von Verfehlungen seitens Kleriker würden nun genutzt zu einem weltanschaulich – ideologischen Kampf gegen die Kirche überhaupt. So kann man reden.
Oder man kann sagen, wie Käßmann es tat: „Ich habe einen schlimmen Fehler begangen. Ich bin über mich selbst erschrocken.“ Solche Sätze laden dazu ein, belächelt oder hämisch kommentiert zu werden. Das kostet es, wenn man nicht lose daherreden will. Zweideutig wie es genauer heißt: Sich noch ein Hintertürchen offen haltend. Sie habe nicht mehr die Freiheit, in ihrem Amt sittlich und moralisch das zu sagen, was ihrer Meinung nach gesagt werden müsste. Weil ihr aber ihre Geradlinigkeit wichtig sei, trete sie von ihren leitenden Ämtern zurück. Sätze, die in aller Fehlerhaftigkeit und Schwäche gut hineinpassen in ein Stück mit dem Namen „Lebt als Kinder des Lichts“.

Dort nicht hinein passen Ehebruch oder der Gang zu Prostituierten, das meint Unzucht. Und überhaupt jede Art der Unreinheit:
Angesprochen werden so verwerfliche sexuelle Praktiken. Selbst wenn sich hier Vorstellungen und Sitten ändern, der Missbrauch von Kindern – und auch ihn zu decken – ist immer Finsternis und niemals Ausdruck von Liebe oder Fürsorge.
Die Habsucht wird noch genannt, was durchaus dahingehört, weil alles drei, Prostitution, Missbrauch und unbeschränktes Habenwollen Ausdruck einer Gier sind, die Menschen und Mittel zu Nutzobjekten macht, die meiner Lusterfüllung zu dienen haben.
Die Überzeugung des Apostels heißt: Zwar muss man nicht den Glauben gegen die Triebe ausspielen. Es gibt eine Freude an der Sexualität, es gibt auch eine Freude an dem was man besitzt. Aber stärker als jene Triebe, die einen anderen Menschen in seiner Scham oder in seinem Ruf zum Objekt herabwürdigen, stärker als diese Triebe kann der der Glaube sein und soll er sein.

Zum Bild der Bühne gehört dann allerdings auch, dass Fehlverhalten und Schamlosigkeiten nicht durch Kulissen gedeckt werden, die schnell vom Schnürboden herabgelassen sind. Die Bühne, auf der wir „Lebt als Kinder des Lichts“ darstellen, leuchtet alles aus. Eine Alkoholfahrt mag einem als lässlicher Fehler vorkommen, zumindest so lange kein anderer Mensch Schaden genommen hat. Im Falle des Missbrauchs haben andere Menschen Schaden genommen. Ihnen helfen wir nicht, wenn wir mit Empörung auf Priester, Rektoren oder Bischöfe zeigen. Das tun wir auch. Aber nicht aus dem Zuschauerraum heraus, sondern auf der Bühne. Es ist klar, wer dort keine tragende Rolle mehr zu spielen hat. Es ist aber auch klar, dass um der Welt willen weiter Gottes Liebe zur Aufführung kommen muss und zwar glaubwürdig dargestellt, großartig gemimt durch Amateure.

Kommt aus dem Zuschauerraum auf die Bühne! „Denn ihr ward früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts!“
Amen


 


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