Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Epheser 5,20

Pastor Ulf Schlimper

06.10.2002 in der Ev.-luth. Gemeinden Wipshausen und Rüper

Saget Dank allezeit und für alles.
(Eph 5, 20)

I

Erntedank. Was nun? Wofür danken? Für was? Wir versammeln uns nicht, um mit kultischen Tänzen Regen aus dem Himmel zu locken. Wir versuchen nicht, Dürreperioden durch Bußpraktiken abzuwenden. Wir bringen auch nicht die Erstlingsfrüchte einem wohlwollenden oder zornigen Gott zum Opfer dar. Wir vertrauen vielmehr auf modernste Technik, auf künstlichen Dünger und Pflanzenschutzmittel. Wir haben die Natur weitgehend im Griff. Wofür also danken? Eine schlechte Ernte kann für einen wackligen Betrieb unter Umständen schon das Aus bedeuten. Aber auch eine gute Ernte birgt die Gefahr, dass die Preise in den Keller sacken. Wofür also danken?

Immer weniger Familien können in unseren Dörfern von der Landwirtschaft leben. Mit hohen staatlichen Subventionen muss die Agrarwirtschaft unterstützt werden. Großstadtkinder wissen teilweise nicht, dass Milch ein tierisches Produkt ist. Selbst auf dem Land, sind wir dem Zyklus von Saat und Ernte entfremdet. Wir ernten ganz selbstverständlich das ganze Jahr hindurch in Geschäften und Supermärkten: Spargel bis in den Winter, Weintrauben schon im Frühling. Wofür also danken?
"Saget Dank allezeit und für alles."

Ich habe zu dieser Aufforderung auf einem Umweg, durch eine kleine Geschichte, Zugang bekommen. Sie stammt von einem amerikanischen Therapeuten, einem gewissen Milton Erickson. Er erzählt Folgendes:

II

Ich fragte einen Studenten: "Wie kommst du von diesem Raum in den dort?" Er antwortete: "Erst stehst du auf, dann machst du einen Schritt ..." Ich unterbrach ihn: "Nenne alle möglichen Arten, wie man von diesem in den anderen Raum kommen kann." Er sagte: "Man kann laufen, gehen, man kann springen, hopsen, man kann radschlagen. Man kann zu dieser Tür hinausgehen, aus dem Haus, durch die andere Tür hereinkommen und in jenen Raum gehen. Oder man kann aus dem Fenster klettern, wenn man möchte." Ich sagte: "Du sagtest, du würdest alles aufzählen. Aber du hast etwas ausgelassen, und zwar etwas ganz Wesentliches ... Wenn ich von diesem Raum in jenen Raum dort gehen möchte, würde ich zu dieser Tür hinausgehen, ein Taxi zum Flughafen nehmen, ein Ticket nach Chicago kaufen, New York, London, Rom, Athen, Hongkong, Honolulu, San Francisco, Chicago, Dallas, Phoenix, in einem Taxi zurückkommen, auf den Hinterhof gehen, dann durch die hintere Pforte, die Hintertür und dann in jenen Raum. Und du hast nur an die Bewegung nach vorn gedacht! Du hast nicht ans Rückwärtsgehen gedacht, nicht wahr? Und nicht daran, hineinzukrabbeln." Er fügte hinzu: "Und auch nicht an das Rutschen auf dem Bauch." Wir beschränken uns selbst so schrecklich in all unserem Denken. (Die Lehrgeschichten vom Milton H. Erickson, 122f) Und ich füge hinzu, was mir nach dieser Geschichte klar geworden ist: Wir beschränken uns selbst so schrecklich in all unserem Danken. "Saget Dank allezeit und für alles."

III

Das Selbstverständliche wartet auf unseren Dank.

Danke für jedes einzelne Feld, das bewirtschaftet wird, das Ertrag bringt, das Früchte trägt unter der Erde und über der Erde. Danke für das Getreide, das eingebracht wurde, für jeden Halm, für jede Ähre, für jedes Korn. Die Zuckerrübe ist ein Wunderwerk der Natur. Die Kartoffel verdankt sich einem göttlichen Einfall. Der Rosenkohl wächst zum Lob seines Schöpfers.

Danke für die unzähligen Schattierungen des Grüns, für Regen, Sonne und Wind, für das Rauschen der Bäume, für den Gesang der Vögel, für die Stille der Nacht. Danke für die Verheißung aus uralten Zeiten, dass Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht nicht aufhören sollen. Danke für den Regenbogen, das Zeichen des Bundes zwischen dir und Noah und uns.

Danke für die Ernte auf den Feldern. Danke für die Arbeit in den Büros und den Fabriken, in Krankenhäusern und Pflegeheimen, in Schulen und Kindergärten, in Geschäften, Betrieben und Haushalten.

Danke für jeden Schreibtisch, an dem nützliche Arbeit verrichtet wird, für jeden Handgriff, der Neues schafft und Altes repariert. Danke für jede Stimme, die nicht müde wird, Gerechtigkeit zu fordern, gerechte Verteilung von Arbeit, Geld und Gütern. Danke für jeden Gedanken, der um die Beseitigung von Arbeitslosigkeit und Armut kreist. danke für jeden Gedankenblitz, der eine Wende markiert, neue Möglichkeiten für ein gutes Leben in diesem Land, auf dieser Welt erschließt. Danke für jeden guten Gedanken, der zur Tat geworden ist.
Für vieles sind wir dankbar. Mancher Dank will noch erbracht werden.

Danke für die Erde. Sie trägt uns. Sie steckt voller Leben. Sie birgt ihre Schätze. Viele Menschen brauchen im Umgang mit den Lebensgrundlagen keine Gesetze oder Verbotsschilder. Sie werden von einem inneren Instinkt, einem tiefen Ahnen, aus Ehrfurcht vor dem Leben geleitet.

Danke, dass den Stämmen in Westafrika der Acker noch heilig ist. Danke für den Schamanen, der weiß, welche Kraft in einem Stein steckt. Danke für Franz von Assisi, der den Vögeln predigte und mit Grillen sprach. Viele hielten ihn für verrückt. Viele hielten auch den Gottessohn für verrückt. Danke, dass in den Evangelien diese Stimmen nicht unterschlagen sind. Danke für alle Menschen, die in Gottes Nähe ver-rückt worden sind. Danke, dass Menschen durch den Glauben erleuchtet werden. Für vieles sind wir dankbar. Für so vieles könnten wir dankbar werden.

Danke für die Frucht der Lippen. Danke für jedes Wort, das - überlegt oder spontan - gefüllt war mit Liebe, das Mut zusprach, Hoffnung anstimmte, Sinn stiftete.

Danke für jedes Gesicht, auf dem ich ein Lächeln ernten durfte, für jedes Ohr, das sich wirklich öffnete, für meine Fragen, meine Klagen, meine Ratlosigkeiten. Danke für jede Seele, die Verwandtschaft mit meiner Seele offenbarte.

Danke für jede Stimme, die machtvoll gefüllt war. Danke für die Stimmbänder, die im Verborgenen arbeiten, für die Lungen, die sich in unauffälligem Rhythmus immerfort bewegen, für jeden Atemzug, der nicht gezählt, nicht bemerkt doch von dir, Gott, gewollt ist.

Für vieles sind wir dankbar. Vieles kann mit Dank nicht aufgewogen werden.

Danke für die Frucht des Leibes, für Kinder, die geboren werden und unbeschwert heranwachsen können. Bei aller Eitelkeit, die uns anklebt, bei aller Gier und allem Egoismus, der uns anhafte, sind uns Kinder eine ständige Erinnerung und Mahnung. Wir sind nicht Gott. Wir haben diese Erde nur als Leihgabe bekommen. Wir tragen Verantwortung für die Generationen nach uns. Was wir haben, ist alles geschenkt.

Danke für die Möglichkeit, schenken zu können. Danke für das Wunder, sich gerade im Hergeben als reich zu erfahren. Danke für alle Menschen, die großzügig sind und nobel. Danke für die Speisung der Fünftausend.

Danke, Jesus Christus, das Du Mensch geworden bist. Danke für die Frucht Deines Sterbens. Danke für die Auferstehung zum Leben.

IV

Milton Erickson fragte einen Studenten: "Wie kommst du von diesem Raum in den dort?" Eine Antwort haben beide vergessen: dankbar!

Amen.