Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Epheser 6,3

Bischof Dr. Franz-Josef Bode

31.12.2003 im Bistum Osnabrück

"...damit es dir gut geht und du lange lebst auf der Erde"
Auf der Suche nach einem neuen Miteinander der Generationen in Familie, Kirche und Gesellschaft

Liebe Schwestern und Brüder,

vor wenigen Wochen habe ich meinen ersten Weg durch alle Gemeinden unseres Bistums vollendet. In acht Jahren habe ich jede Gemeinde mit ihren Freuden und Sorgen wahrgenommen und ebenso in Einzelgesprächen mit allen Verantwortlichen deren hohen Einsatz schätzen gelernt. Die Visitation ist der Besuch vor Ort, um sich gegenseitig näher kennen zu lernen, wie Jesus es vom Guten Hirten aussagt: "Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich" (Joh 10, 14). So ist Visitation in gutem Sinn auch ‚Heim-suchung': Ich suche als Bischof das ‚Heim', die Lebenswelt der anderen auf, um sie in ihrer Welt, ihrer Umgebung, ihrem Haus wahrzunehmen, dort, wo sie stark und sicher sind.

Kaum einer dieser Besuche vergeht, ohne dass die Menschen ihre Sorgen um die Zukunft deutlich machen: "Herr Bischof, wie geht es mit unserer Jugend und unserer Kirche weiter? Werden die jungen Leute die Kirche und die Gesellschaft prägen und tragen können?" Und umgekehrt höre ich die Fragen junger Leute: "Wie werden wir die Zukunft gestalten können, wo wir selbst immer weniger werden gegenüber einer rapide steigenden Zahl von alten, pflegebedürftigen und desorientierten Menschen, die durch den Segen der Medizin länger leben, aber auch die Kehrseite dieses Segens oft dramatisch erfahren müssen?"

Die Rentendiskussion und das Ringen um die sozialen Sicherungssysteme, die gesundheitspolitischen Debatten und die sich weiter verschärfende Diskussion um die so genannte 'Euthanasie' sind Spitzen eines Eisbergs von Zukunftsfragen, die uns öffentlich und privat bedrängen. Die deutschen Bischöfe haben gerade in ihrem Schreiben "Das Soziale neu denken" drei zentrale Herausforderungen benannt: den demographischen Wandel, die Erosion alter Solidaritätsformen und die strukturelle Arbeitslosigkeit. - In der Kirche verstärken sich diese Herausforderungen noch einmal durch die Frage nach der Zukunft des Glaubens und der christlichen Tradition in unserem Land und in Europa.

Das alles gibt Anlass zu großer Sorge. Es sind die Sorgen der Alten um die Jungen, und die Sorgen der Jungen um die Alten. In Anlehnung an ein Wort von Kardinal Martini frage ich mich: Werden die Kinder ihre Eltern so aus der Welt begleiten oder auch begleiten können, wie die Eltern ihre Kinder zur Welt und in die Welt bringen?

Reaktionen auf diese Fragen, Sorgen und Unsicherheiten sind bei erschreckend vielen die Verdrängung der Probleme, die Flucht in einen übertriebenen lndividualismus, das Erkalten der Generationenbeziehungen bis hin zu zerstörerischer Gleichgültigkeit, Misstrauen und Resignation, Depression oder Aggression. Und es breitet sich seit geraumer Zeit eine ‚Single-Mentalität' aus, die in der öffentlichen Wahrnehmung gleichgesetzt wird mit gesteigerter Lebensqualität, was unter rein finanziellen Gesichtspunkten stimmen mag. Doch Untersuchungen zeigen, dass damit sehr oft eine tiefe Vereinsamung verbunden ist und dass sich der Wunsch nach verlässlichen Beziehungen bei Singles in neuer Weise verstärkt.

Inmitten dieser ungelösten Zukunftsprobleme und Perspektivlosigkeiten, die wir mit ins Neue Jahr nehmen, bleibt aber eine Konstante erstaunlich begehrt und faszinierend: die Familie! Freilich ist gerade die Familie größten Angriffen und Erosionen ausgesetzt von außen wie von innen. Einige sprechen gar vom "Patienten Familie". Wir brauchen nur an das häufige Zerbrechen von familiären Beziehungen zu denken, an die zunehmende Beziehungsunfähigkeit, an den gravierenden Rückgang der Trauungen, zivil wie kirchlich (bei uns im Bistum Osnabrück verringerte sich die Zahl der kirchlichen Eheschließungen in den letzten zehn Jahren um etwa 50 Prozent), und das gefährliche Sinken der Kinderzahl. Hier dürfen wir uns nichts vormachen! Aber auch nicht resignieren! Immer noch wachsen die weitaus meisten Kinder in verlässlichen familiären Beziehungen auf. Entsprechend bleibt nach allen Umfragen die Familie ein Favorit unter den Werten, die Zukunftsfähigkeit garantieren.

Freilich hat sich auch der Familienbegriff verändert und ausgeweitet. Doch die Sehnsucht nach verlässlichen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern und Verwandten ist und bleibt die wichtigste Motivation menschlichen Zusammenlebens.

Für uns als Christen ist Familie in besonderer Weise durch das Sakrament der Ehe geprägt und geheiligt: Ehe als Abbild der Liebe, Treue und Fruchtbarkeit (Kreativität) unseres Gottes begründet Familie als Kirche im Kleinen, als Haus-Kirche, als Lebensraum für Glaube, Hoffnung und Liebe. Auch andere familiäre Lebensformen müssen sich diesem Maßstab stellen, ob sie Lebensraum für Selbstfähigkeit, Beziehungsfähigkeit, Zukunftsfähigkeit und Gottfähigkeit der Generationen sind; d.h. Menschen zur Selbstentfaltung und Förderung der persönlichen Begabungen zu führen; sie das Zusammenspiel von Distanz und Nähe, von Freiheit und Bindung zu lehren; ihnen den Blick für die Zukunft zu öffnen und sie zur politischen Mitgestaltung der Gesellschaft zu ermutigen; und ihnen Gott und seine Botschaft nicht vorzuenthalten.

Jesus selbst wächst in einer Familie heran und stellt den besonderen Wert der Ehe und ihrer schöpferischen Liebe heraus. Er überschreitet aber auch die familiären Bindungen, wenn es um die Nachfolge geht, um die Beziehung zum absolut Größeren, der biologische Familienbande aufbricht auf die größere Familie Gottes hin, auf die Familie derer, die das Wort Gottes hören und es befolgen. Auch Familie muss geprägt sein vom Loslassen und vom Aufbrechen des Lebens zum Größeren, zu Gott hin. Sie darf nicht verharren in gegenseitiger Fixierung aufeinander - weder der Eheleute noch der Generationen aufeinander -, sondern muss sich aufmachen in der gemeinsamen Schau auf den Größeren, im gemeinsamen Weg zu einem größeren Ziel. Sonst wird Familie zum Gefängnis, Beziehung zur Vereinnahmung, zur Verfügung, und Leben miteinander zur Hölle statt zum Himmel! - Darauf immer wieder aufmerksam zu machen, ist der tiefe Sinn auch der christlichen Ehelosigkeit als Zeichen, das einige setzen sollen.

Je mehr Familie in Not gerät, umso mehr müssen alle Kräfte der Gesellschaft zusammenarbeiten: Politik, Kirche, Gemeinschaften und Verantwortliche in allen Bereichen, um das Netz der Familie, das Netz verlässlicher Beziehungen und das Netz der Generationen zu festigen und zu sichern. Zusammenarbeiten auch, um den Mut zum Aufbau von Familie und Nachkommenschaft zu verstärken. Dabei tun Gesinnungswandel und strukturelle Hilfen Not, die aus einer Masse von Individuen mehr und mehr eine Gemeinschaft von Personen werden lassen.

Die Zehn Gebote der Bibel (Ex 20,2-17 / Dtn 5,6-21) sind und bleiben dabei eine entscheidende Leitlinie. Oft werden sie als überholt abgetan. Die Fragen und Probleme im Umfeld Familie zeigen jedoch, weiche bleibenden und stets aktuellen Lebenserfahrungen in den Geboten enthalten sind, wie viel Lebenswissen in ihnen steckt.

Vielleicht hat das vierte der Zehn Gebote uns zu oft zu einer einseitigen Sicht der Verantwortung der Jüngeren für die Älteren, der Kinder für die Eltern verleitet: "Ehre deinen Vater und deine Mutter", verbunden mit der Verheißung, "damit du lange lebst und es dir gut geht." Immerhin eröffnet diese Anweisung die so genannten sozialen Gebote der zweiten Tafel des Dekalogs, weil offensichtlich der Umgang mit dem Leben und den Beziehungen, mit der Wahrheit und dem Eigentum sehr stark vom biologischen und sozialen Lebensraum des Menschen abhängt. Auch wenn Jesus in seinem Gespräch mit dem reichen jungen Mann das vierte Gebot als letztes nennt (Mt 19,19), meint er damit nichts anderes: Der richtige Umgang mit Leben, Beziehungen, Wahrheit und Eigentum hat seinen Grund und sein Ziel im verlässlichen Miteinander der Menschen. Gleichzeitig aber bricht Jesus damit eine Familienfixierung auf, weil das Loslassen des Besitzes und die Zuwendung zu den Armen (Mt 19,21) biologische Familienbeziehungen sprengt auf eine neue Familie der Gottes-Kinder hin, in der jeder und jede Ebenbild Gottes ist - auch bis in die letzte Armut und Verlorenheit hinein.

Das vierte Gebot meint aber - zusammengelesen mit den vielen anderen Aussagen des Alten und Neuen Testamentes - gerade nicht ein Miteinander der Generationen, das einseitig in der Verantwortung der Jüngeren für die Älteren liegt. Es zielt umgekehrt auch auf die Verantwortung der Älteren für die Jüngeren und für die nachwachsenden Generationen überhaupt. Nicht nur das Leben der lachenden Erben auf Kosten der Mühe der Vorfahren, nicht nur die rück-sichts-lose Verschleuderung des Geerbten ist das einzige Problem, sondern genauso das Verschleudern von Ressourcen auf Kosten der kommenden Generationen - bis hin zu einer horrenden Staatsverschuldung, die viele Generationen belastet. Und deshalb brauchen wir heute eine sozial und ökologisch nachhaltig erneuerte Marktwirtschaft.

Diese gegenseitige Verantwortung der Generationen ist heute ganz besonders herausgefordert, und zwar nicht nur ökonomisch, sondern mehr noch als Austausch und Weitergabe ethischer, geistiger und spiritueller Überzeugungen. Es besteht kein Zweifel, dass wir im Zusammenhang oder im Gefolge der 68er-Ereignisse in dieser Weitergabe grundlegender Bildung und Kultur einen Umbruch hatten, den wir nicht unterschätzen dürfen, der bis zum heutigen Tag nachwirkt und sich besonders in unserer Bildungsmisere widerspiegelt. Darin enthalten ist ein dramatischer Einbruch bei der Weitergabe religiöser Überzeugungen, der auch grundlegende humane Verhaltensweisen einschließt. Wer nichts weiß, muss alles glauben; wer nichts glaubt, kann sein Wissen nicht ordnen und erstickt in Informationen.

Die ethische, geistige und religiöse Generationensolidarität ist ein kulturumgreifender Grundwert, der allgegenwärtig ist - und damit sogar überlebensnotwendig, wo wir es vielleicht zuerst nicht vermuten, etwa angesichts der Sozialversicherungssysteme, nicht zuletzt der Rentenprobleme. Das gemeinsame kirchliche Dokument dazu aus dem Jahr 2000 heißt nicht umsonst "Verantwortung und Weitsicht".

Sie spüren, liebe Schwestern und Brüder, die Lebensbedingungen der Familie sind Bedingungen für das Leben der Gesellschaft und der Kirche überhaupt! - Wenn das Jahr 2004 in Europa zum "Jahr der Familie" erklärt ist, müssen wir gerade unsere christliche Sicht von Ehe, Familie und schöpferischem Miteinander der Generationen herausstellen. Sie beruht auf unserem Glauben an einen Gott, der in sich selbst lebendige Gemeinschaft ist, die in ihrem Willen zur Hingabe und zur Selbstmitteilung das Ur-Bild des Miteinanders von Menschen überhaupt ist. Am dichtesten drückt Jesus das in dem Satz aus: "Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt... Liebt einander, wie ich euch geliebt habe." (Joh 15,9.12) In dem Wörtchen "wie" steckt der entscheidende Maßstab unserer menschlichen Liebe in ihren verschiedenen Formen.

Die schöpferische Autorität des Vaters, die solidarische Hingabe des Sohnes und die einheitsstiftende Kraft des Heiligen Geistes begründen die Säulen unserer Sozialprinzipien der Personalität und der Subsidiarität: dass der Mensch Person ist in einmaliger Menschenwürde als Ebenbild Gottes, dass er nicht ohne Gemeinschaft leben kann im lebendigen Empfangen und Geben, dass die Starken die Schwächeren tragen in echter Solidarität, aber das in aufbauender Hilfe zur Selbsthilfe. Denn das Geschenk der Gnade Gottes sucht immer einen lebendigen und herausgeforderten Empfänger und verurteilt ihn nicht zur Passivität! Christentum hat hier immer noch Entscheidendes für unsere Gesellschaft zu sagen! Wir brauchen uns des Christentums deshalb wahrlich nicht zu schämen!

Liebe Schwestern und Brüder, lassen wir das Netz unserer Generationen nicht zerreißen. Sorgen wir dafür, es vielfältiger und fester zu knüpfen: nicht engmaschig und kleinkariert wie ein Netz der Verstrickung, aber auch nicht so weitmaschig und schlaff, dass immer mehr Menschen durch dieses Netz hindurchfallen. Bringen wir die Gaben und Fähigkeiten der Generationen gerade in unserer Kirche in lebendigeren Austausch - unsere Gemeinden, Verbände, Gemeinschaften könnten dafür Schrittmacher sein.

Jede Initiative und Aktion in unseren Gemeinden und Verbänden sollte unter der Frage stehen: Wie werden wir den verschiedenen Generationen damit gerecht?

Was geben wir den jungen Menschen weiter, was vererben wir ihnen über Geld und Gut hinaus? Und was können wir Älteren von den Jungen lernen an Offenheit, Echtheit und Lebensmut? Der gealterte, schwache Papst drückt es in der Einladung zum Weitjugendtag unnachahmlich aus: "Die Jugend hat von der Kirche viel zu lernen, aber auch die Kirche viel von der Jugend." Der Papst traut der Jugend zu, Baumeister einer neuen Zivilisation der Liebe zu sein. Beim europäischen Taizé-Treffen der Jugend in Hamburg konnte ich gestern Frère Roger zwischen 60 000 jungen Leuten erleben, dessen Botschaft die Herzen der Jugendlichen erreicht, weil er sie als Hoffnungsträger ansieht. Es ist interessant, dass gerade diese beiden alten Menschen - der Papst mit seinen 83 Jahren und Frère Roger mit 88 Jahren eine solche Brücke zur Jugend finden und die Generationen ins Gespräch miteinander bringen. So werden sie sich gegenseitig zu Hoffnungsträgern. Auch die vielfältigen Vorbereitungen des Weltjugendtags 2005 in Köln fordern alle Generationen heraus, neu den zu suchen und zu finden, der die Mitte der Familien und Generationen ist: der menschgewordene Gottessohn, Jesus Christus!

Auch der Weg mit der Bistumsbibel war ein solches generationen-übergreifendes Geschehen. Von den Kindergärten bis zu den Senioren haben sich überall in unserem Bistum Menschen auf das Wort Gottes eingelassen und sind dadurch vielfach miteinander ins Gespräch gekommen. Und das findet seine Fortsetzung in dem neuen Weg der vollständigen Bibel durch unser Bistum!

Ausdrücklich danken möchte ich an dieser Stelle aber auch unseren Verbänden, Beratungsstellen und allen in der seelsorgerlichen Begleitung Tätigen für ihren vielfältigen Einsatz im Dienst an den Familien, damit Familie Vorfahrt hat. Dank an alle, die tagtäglich Familie bilden. Mitgefühl allen, die sich sehnlichst Kinder wünschen, aber sie nicht haben können. Auch sie bringen auf ihre Weise ihre Gaben und Fähigkeiten ein in das Miteinander der Gesellschaft. Und nicht zuletzt die Gründung des Familienbundes in unserem Bistum im vergangenen Jahr ist ein weiteres wichtiges Zeichen dafür, dass wir uns für ein neues Miteinander von alt und jung stark machen wollen.

Bauen wir solches Miteinander aus! Bauen wir es aus, damit eine umfassende Generationengerechtigkeit und -solidarität um sich greife, eine Vernetzung des Lebens, des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe! Bauen wir es aus, damit es uns gut gehe und wir - und unsere Kinder und Kindeskinder - lange leben auf Erden!

Amen.