Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

Druckversion der Seite: Darstellung Einzelpredigt

Predigt über Exodus 15, 20.21

Pastoralreferentin Katharina Barth-Duran (rk)

29.05.2014 in der Schottenkirche St. Jakob in Regensburg

Wort-Gottes-Feier mit Predigerin beim Katholikentag an Christi Himmelfahrt

Mirjams Lied

Haben Sie´s gehört? Haben wir alle es gehört?

Zunächst das Schlagen der Pauke, der Rhythmus dieser alten Kesseltrommel, der ins Blut geht und einlädt zum Reigentanz.

Und dann die Stimme einer Frau, die vorsingt, ausdrucksstark, kräftig, unterlegt mit hellem Jubel. Danach das Einstimmen vieler Frauen, erst leise, vielleicht noch etwas benommen von den Ereignissen, dann aber erleichtert und sich erhebend in purer Freude, ein Refrain, dessen Melodie ins Ohr geht, immer und immer wieder. Die Worte sind erst nach und nach verstehbar: „Singt dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben! Rosse und Wagen warf er ins Meer.“ (Ex 15,21)

Wir haben es soeben gehört, das älteste Lied der Bibel, ein feierlicher Hymnus, ein Dankgebet, das zum Lied wird. Der erste uns überlieferte Psalm, ein Lied, das im Lauf von 3000 Jahren bis heute noch nicht verstummt ist. Wir haben es gehört, das Lied der Mirjam, dieser großen Prophetin, die für ihr Volk so wegweisend war.

Und wir hörten es wieder im Evangelium von Mirjam aus Nazareth. Auch sie ein jüdisches Mädchen, das die Tradtion und die Schriften kannte, auch die Prophetin gleichen Namens und ihr überliefertes Lied. Auch diese Mirjam aus Nazareth hat auf das Handeln Gottes, das ihr ganzes Leben verändert hat, keinen größeren Ausdruck gefunden als ein jubelndes Lied der Befreiung. Das Magnificat stieg in ihrem Herzen auf wie eine Verheißung von alters her:

„Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter – er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen!“ (Lk 1,46-47.52)

Mirjam und ihr Lied, das hat eine Geschichte so alt wie die Geschichte des Gottesvolkes, wie unsere Geschichte.

„Ich habe ihn aus dem Wasser gezogen“, „Mose“, so nennt die Tochter des Pharao das neugeborene Kind, das sie im Schilf entdeckt. Die Schwester dieses kleinen Mose muss wohl Mirjam gewesen sein, versteckt im Schilf, an den großen Wassern des Nils. Schon dort wird ihr Lied der Befreiung aufgestiegen und groß geworden sein.

Stellen wir uns das einmal vor. Ein junges Mädchen aus einem versklavten Volk ohne Rechte und ohne Heimat steht Auge in Auge mit der Tochter des Pharao, die im Zentrum der Macht zuhause ist.

Das Mädchen hat Mut und wagt zu sprechen, ja sie macht einen Vorschlag für das weitere Vorgehen und kann ihren kleinen Bruder sogar zur eigenen Mutter zurückbringen. Die Rettung und das Leben des neugeborenen Kindes wird durch dieses Netz werken von mutigen Frauen möglich. Mutter und Tochter, Schwestern, ob mit oder ohne Titel, alle Frauen arbeiten Hand in Hand gegen die tödlichen Gesetze der Mächtigen. Die Unterschiede zwischen Herrschenden und Unterdrückten verschwimmen in ihren Beziehungen.

Die Weitergabe des Lebens wird zum obersten Ziel dieser Frauen. Und die Rettung des Kindes wird einmal die Rettung und das Leben eines ganzen Volkes sein. Schon damals wird in Mirjam ein jubelndes Danklied der Befreiung emporgestiegen sein.

Diese Erinnerung an die Mädchentage Mirjams legt nahe, nicht nach Rache oder Schadenfreude im Lied der Mirjam zu suchen, sondern nach der Quelle für unseren Jubel und unseren Dank wegen der großen Heilstaten Gottes.

Dieses eine, das uns wieder ins Blickfeld rücken soll, hat einen Namen: „Ich habe es aus dem Wasser gezogen“. Denn genauso könnte Gott auch sein Volk mit Namen nennen, nach dessen Durchzug durch das Rote Meer.

Hinter dem Gottesvolk liegen Sklaverei und Unterdrückung. Die Peitschen der Antreiber und das Kriegsgeschrei sind verstummt. Die Verfolger mit ihren Kriegswagen und Rossen sind untergegangen in den Wogen ihrer gottlosen Herrschsucht und Bosheit.

„Ich habe euch aus dem Wasser gezogen“, so kann Gott heute noch zu uns sagen. Und wir dürfen dabei an das Wasser unserer Taufe denken, das alles von uns abgewaschen hat, jede Unterdrückung und Schuld. Ein für alle Mal: keine Sintflut mehr, nur noch neues, ewiges Leben, die unendliche Freiheit der Kinder Gottes.

Da stehen wir nun als Getaufte, herausgezogen aus den vernichtenden Wassern der Angst und des Untergangs und fragen uns vielleicht, wo unser Jubel und Tanz, wo unser Lied geblieben ist?

Wo ist das Lied geblieben im Lauf unseres ganz persönlichen Lebens mit seinen Krisen und Herausforderungen? Wo ist das Lied geblieben in den festgefahrenen Gewohnheiten und dem Alltäglichen, das uns in Beschlag nimmt?

Wie leise ist es geworden in unserer Zeit, das Lied der Mirjam?

Ja wir könnten fragen, ist es verstummt im heutigen Volk Gottes? Unhörbar geworden in unserer Kirche mit den immer leerer werdenden Bänken? Und die jungen Menschen, kennen sie es noch, unser Lied?

Zunächst einmal wissen wir mit all unseren Lebenserfahrungen, dass nach der großen Befreiungstat Gottes, auch nach dem Geschenk einer Taufe, der lange Lebensweg durch eine Wüste kommen kann mit all seinen Zumutungen und Durststrecken.

Hier und da durften Sie, durfte ich wohl schon erleben, dass Gottes Reich unter uns gegenwärtig wird. Wir durften Gemeinschaft und gelingende Beziehungen erleben, und dass wir mit einer großen Vision unterwegs sind, die Gott uns geschenkt hat. Seine Verheißung, in sein gelobtes Land zu gelangen. Und dennoch: Unser Leitstern, das Aufleuchten des Gottesreiches unter uns, kann verblassen. Unser Lied kann verstummen.

Denn das Leben in der Wüste ist hart, es stellt uns auf die Probe, es legt unser Innerstes frei mit all seinen dunklen Seiten, die auch zum Menschsein gehören.

Auf der Suche nach dem versunkenen, nach dem verstummten Lied möchte ich mit Ihnen noch auf zwei Stationen schauen, die Mirjam mit ihrem Volk auf dem Weg in das verheißene Land zurückgelegt hat. Es sind für mich Schlüsselsituationen eines Menschenlebens, auch unseres Lebens.

Da ist zunächst das, was ich die Krise in der eziehung zwischen Schwester und Bruder nennen möchte.

Beim Propheten Micha (Mi 6,4) steht, dass Mirjam gemeinsam und gleichbedeutend mit ihren Brüdern Mose und Aaron von Gott geschickt wurde, um das Volk aus dem Sklavenhaus Ägyptens zu führen. Sie sind Geschwister auf Augenhöhe.

Hat etwa der Herr nur mit Mose gesprochen? Hat er nicht auch mit uns gesprochen? sagt Mirjam in der Wüste bei Hazerot (Num12).

Als Folge dieser Infragestellung der Alleinherrschaft des Mose wird Mirjam weiß wie Schnee vor Aussatz. Nach damaligem Verständnis, so wird es auch im Buch Numeri ausgeführt, ist das die Strafe Gottes für die aufmüpfige Frau. Krankheit als Strafe Gottes, eine Vorstellung, die bis in unsere Tage reicht und kranke Menschen noch zusätzlich demütigen und beschämen kann.

Aus meiner Sicht als Frau in der Kirche von heute möchte ich noch eine andere Deutung anfügen.

Kann es nicht sein, dass Mirjam allergisch reagiert hat? Dass sie sensibel war und gespürt hat, dass etwas in der Beziehung der Geschwister in eine Schieflage gerät? Dass sich der eine über die anderen erhebt, der Bruder über die Schwester, der Mann über die Frau?

Wir kennen so etwas, auch heute noch, auch als Frauen in unserer Kirche.

Manchmal reagiere ich allergisch darauf, möchte aufbegehren wie Mirjam damals.

Und auch das wissen wir: Unsere Haut ist die Kontaktstelle zur Außenwelt. Da bildet sich manches ab, was nicht stimmig ist.

Sieben Tage war Mirjam vom Aussatz geplagt, heißt es. Sieben Tage Schöpfungszeit, in denen Mirjam außerhalb des Lagers wieder zu sich finden muss, um heil zu werden mit Gottes Hilfe. Sie wird diesen Abstand, auch das Alleinsein, gebraucht haben, denke ich.

Aber: Das Volk will nicht ohne sie weiterziehen und wartet. Die Brüder, voran Mose, beten inständig um ihre Heilung. Auch sie brauchen die Prophetin an ihrer Seite. Erst als sie heil ist, ziehen alle weiter, Männer und Frauen, Gottes Kinder, Geschwister in Augenhöhe auf dem Pilgerweg ihres Lebens.

Das verstummte Lied der Befreiung, das Lied der Mirjam, es ist wieder zu hören.

Wie notwendig diese Frau für ihr Volk und seinen Weg mit Gott war, wird uns beim Tod der Prophetin deutlich. In die Totenklage für Mirjam mischt sich schon bald weiteres Klagegeschrei. Denn in unmittelbarer Folge wird im Buch Numeri (Num 20,1-12) davon erzählt, dass dem Volk in der Wüste das Trinkwasser ausgeht und das Überleben von Mensch und Tier bedroht ist. Es ist das, was ich die Krise in der Beziehung des Volkes zu seinem Gott nennen möchte.

Unmittelbar nach dem Tod der Prophetin erstirbt das Lied der Befreiung und Zweifel und Unglaube kommen auf, sogar bei Mose und Aaron. Die große Befreiungstat Gottes, das Geschenk des neuen Lebens ist in weite Ferne gerückt, ja, so gut wie vergessen. Und zeitgleich wird die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens wieder groß.

Auch in dieser Situation können wir uns wiederfinden. Wir gehören zu einer Kirche in einem wohlhabenden Land. Die Herrschsucht des materiellen Konsums ist nicht zu unterschätzen, und wie sie uns immer wieder zurückwirft, zweifeln lässt und gefangen hält an ihren Fleischtöpfen.

Neben den Tyrannen der Welt gibt es Unrechtsstrukturen, die sich verselbständigen können: etwa Erfolg und Wirtschaftswachstum um jeden Preis können uns auch in einem freien Land knebeln. Auch wir haben unsere Fleischtöpfe. Und die Kreatur, die Schöpfung, der Mensch mittendrin, wir alle leiden unaufhaltsam und können daran gar zugrunde gehen.

Und Gott sprach zu Mose: Nimm deinen Stab, dann versammelt die Gemeinde, du und dein Bruder Aaron, und sagt vor ihren Augen zu dem Felsen, er solle sein Wasser fließen lassen. (Num 20,7-8)

Wasser aus dem Felsgestein unserer Herzen. Herzen, die immer wieder in Gefahr sind zu verhärten wie Stein. Herzen, die Gott vergessen, der uns neues Leben geschenkt hat. Doch bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Könnten wir das nur glauben. Unser schwacher Glaube genügt ihm, immer wieder die innere Quelle, ihn selbst, in unseren Herzen freizulegen. Sie kennen das wahrscheinlich auch. Täglich könnten wir das einüben: Unser Herz von Gott freilegen zu lassen, damit er uns wieder nahe sein kann mit seiner Verheißung, mit seinem Leben, mit seinem Lied.

Wir dürfen diese Gotteskrise des Gottesvolkes durchaus in Verbindung mit dem Tod von Mirjam sehen. Das Volk Gottes braucht die Prophetin, die Gotteskünderin. Daraus könnte auch unsere Kirche heute lernen, um weiterzuleben mit lebendigem Wasser, mit Herzen aus Fleisch, nicht aus Stein, mit einem jubelnden Danklied für Gott auf den Lippen. Wir brauchen Frauen, die vorangehen und prophetisch von Gott künden im Wort, im Lied, im Tanz, in purer Freude.

Da bin ich am Schluss wieder bei uns angelangt. Bei uns, den Frauen in der Kirche, ja bei Ihnen allen, die sich auf diesem Pilgerweg in das verheißene Land sehen können.

Wir sind ausgezogen Richtung Freiheit, haben den Weg durchs große Wasser hinter uns, sind ein getauftes Gottesvolk, neugeboren aus dem Wasser und dem Heiligen Geist.

Wir werden geleitet von einer Vision, von einem Lied im Herzen und dem Ausblick in ein verheißenes Land mit Quellen aus Milch und Honig.

Wir werden begleitet von einem Gott, der da ist, wo wir sind, und uns Vater und Mutter sein will und uns nährt mit einem göttlichen Mutterschoß voll Erbarmen.

Trotz allem Kleinglauben durfte ich das auf den Pilgerwegen an den Wassern meines Lebens immer wieder erleben: am Fluss meiner Heimat, am offenen Meer, an der kleinen, klaren Quelle der Brüder von Taizé.

Und vielleicht können auch Sie es bei sich wiederfinden. Tief in ihrem Innersten, das Lied der Befreiung aus unguten Beziehungen, aus tödlicher Krankheit, aus überwältigenden Sorgen um das Wohl an Leib und Seele, Sorgen auch im Blick auf Kinder und Enkelkinder.

Gott führt uns an nichts vorbei, aber er begleitet uns mitten hindurch, trockenen Fußes durch die aufgetürmten Wasserberge an Angst, die uns vernichten könnten.

Gott bahnt uns einen Weg, wenn wir nur noch Ohnmacht spüren. Mitten hindurch führt die große Brücke, die sein Sohn von der Erde zum Himmel für uns gespannt hat.

Jesus führt uns durch´s Wasser und über das Wasser. Und hin und wieder habe ich den Eindruck, Jesus will mich locken, zu ihm auf´s Wasser zu kommen, ja auf dem Wasser zu gehen, wie er es getan hat.

Es sind die Momente, in denen das Lied aufsteigt in meinem Herzen, das Lied der Mirjam, das große Danklied der Prophetinnen des Gottesvolkes.

Herr lehre uns in Dankbarkeit den Weg zu gehen, auf dem unser Leben zu singen beginnt!


 


VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG . Theodor-Heuss-Straße 2-4 . D-53177 Bonn
Tel.: 0228 - 82 05 0 . Fax: 0228 - 36 96 480
info@vnr.de . www.vnrag.de