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Predigt über Exodus 20,2-3

Pfarrer Ulrich Braun


Predigten zum Dekalog: Göttinger Predigten im Internet (www.online-predigten.de)

Das erste Gebot

Predigttext: Ex 20, 2-3
Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Liebe Gemeinde,

die Präambel - wenn wir sie einmal so nennen wollen - bringt es zum Ausdruck: nicht um Sklavenmoral, sondern um ein Recht für freie Menschen wird es in den Zehn Geboten gehen. Bevor sie noch zu formulieren beginnen, was es zu tun und was zu lassen gilt, wird klar, aus welchem Geist und von welcher Art sie sind. Sie stammen aus dem Geist der Freiheit: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe“.

In Ägyptenland waren die Dinge übersichtlich. Die Ägypter sagten was erlaubt und was verboten war. Alle Angelegenheiten waren geregelt, und zwar durch Macht und Gewalt, nicht durch Recht.

Diese Zeit lag hinter Israel. Bei Nacht und Nebel war man den Kerkermeistern entschlüpft. Der Rausch der ersten Nacht dürfte rasch verflogen sein beim Anblick der technisch weit überlegenen Verfolgern. Je nach Phantasie und Neigung zu bildlichen Vorstellungen dürfen wir uns die Flucht durch die Wüste und an die Meeresküste mit Wolken- und Feuersäule, mit geteilten Wassern oder einer steifen Brise aus Ost vorstellen, die eine Furt durch das Gewässer auf kurze Zeit freigibt, um anschließend ägyptische Spitzentechnologie mitsamt ihren Wagenlenkern zu verschlingen.

Ganz werden wir auch bei sparsameren Ausstattungen der Geschichte auf Wunderhaftes nicht verzichten können. Denn als ein Wunder muss es allerdings gelten, was auch historisch für einigermaßen gewiss gehalten werden darf: Die Ägypter waren eine Weltmacht, eine bis heute sagenumwobene Hochkultur, Israel noch kaum wirklich ein Volk. In ägyptischen Quellen werden Stämme erwähnt, Hapiru genannt, die uns in der Bibel als Hebräer begegnen. Sie lebten in sklavenähnlichem Status und verrichteten niedere Arbeiten für die Ägypter, vor allem bei der Verwirklichung von Bauprojekten. Nichts spricht dafür, dass Ägypten die Arbeiter freiwillig ziehen ließ.

Uns aber begegnen sie - die Sklavengeschichte im Rücken - in der Wüste. Der Freiheitsrausch der ersten Nacht dürfte schnell verflogen gewesen sein. Vor ihnen liegt die weite ungewisse Zukunft. Alles, was in Ägypten durch die Macht der Wächter geregelt war, ist jetzt schwierig. Was soll gelten? Wer soll das Sagen haben? Und soll das, was der sagt, für alle gleichermaßen bindend sein?

Es soll. Denn was von nun an gelten soll, wird alle Züge des Rechts tragen und es soll aus der Quelle der Freiheit gespeist sein, nicht der Gewalt. Deshalb hält die Präambel fest: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland , aus der Knechtschaft geführt habe“.

In der Wüste, die Verfolger abgeschüttelt, dürfte die Situation der Stämme, die gerade dabei waren, das Volk Israel zu werden, durchaus problematisch gewesen sein. Äußerer Mangel herrschte sowieso. Aber zugleich herrschte gewiss auch das, was die Soziologie eine kognitive und moralische Überforderung nennt. Alles musste geregelt werden, nichts verstand sich mehr von selbst. Die Verbote der Ägypter hatten von der Strafandrohung gelebt. Die war zur allgemeinen Erleichterung weggefallen. Sollte aber deswegen nun alles erlaubt sein?

Bei wüstenüblichem Mangel an allem - Wasser an erster Stelle - muss die Verteilung geregelt werden. Soll jeder nehmen dürfen, was er kriegen kann, werden die freigewordenen Kerkermeister-Plätze bald mit eigenen Leuten neu besetzt sein. Mit der Freiheit derer, die nicht schnell genug waren, wird es nach dem kurzen Rausch der ersten Nacht nicht weit her sein.

Die Abwesenheit einer äußeren Gewalt ist nicht schon gleichbedeutend mit Freiheit. Freiheit ist ein zerbrechliches Gut und bedarf der Pflege und der Verwirklichung. Sie ist auch immer die Freiheit des anderen und findet daran ihre Grenze. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der Philosoph, hat in seiner Rechtsphilosophie „das Rechtssystem das Reicht der verwirklichten Freiheit“ genannt. Freiheit soll eine Form haben. Erst dann wird sie wirklich. Und sie hat einen Grund: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft herausgeführt habe“.

Die kognitive und moralische Überforderung Israels besteht darin, dass jedes kleine Problem zu einer großen Krise wird. Werden die Vorräte knapp, entsteht Lynchstimmung gegen Mose. Der hat uns in die Wüste geführt, nun muss er uns auch versorgen. Fehlt etwas, klagt man es Mose, herrscht irgendein Streit, muss er ihn schlichten. Kaum ist er für für einige Tage fort, geht im Lager alles drunter und drüber, bleibt er gar länger aus, fertigt man sich sicherheitshalber ein neues Götterbild, den Stier.

Rechtsformulierungen folgen in aller Regel den Delikten. Verboten wird etwas, nachdem es vorgefallen ist. Erst was in den Bereich menschlicher Freiheit und Verantwortung gerückt ist, muss auch gesetzlich geregelt werden. Stimmen diese allgemeinen Regeln, kann man also von Rechtsformulierungen auf die Lebenswirklichkeit und bestimmte, tatsächlich vorgefallene Taten schließen. Die Wüstenwanderer sind offenbar nicht eben zimperlich mit ihresgleichen umgegangen. Es gibt Bestimmungen zum Schutz der Schwachen, zum Schadenersatz bei mutwilligen Eigentumsdelikten und Sachbeschädigungen und eindringliche Abschnitte über die Vergehen gegen Leib und Leben.

All das hat es also gegeben. Auch so kann Freiheit gestaltet werden - um den Preis, dass man sie damit zerstört. Deshalb erinnert die Präambel der Gebote: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Zerstört ihr die Freiheit, die euch geschenkt ist, so wendet ihr euch auch von diesem Gott. Ihr verkauft euch an andere Götter, die einem Teil von euch manchen Erfolg versprechen. Bedenkt, welche Freiheit euch dort verheißen wird. Bedenkt welchen Preis ihr dafür zahlt, und vergesst nicht zu bedenken, welche Garantien ihr habt, dass euch die Freiheit nicht plötzlich wieder entzogen wird - weil andere besser dran sind, schneller und vielleicht rücksichtsloser.

Die ägyptische Sklaverei erfahren zu haben, macht noch nicht automatisch gefeit gegen jede neue Versklavung, möglicherweise auch selbstverschuldete Arten. Knechtschaft ist eben keine Erziehung zur Freiheit. Wenn die Ketten gesprengt sind, muss noch etwas hinzu kommen, die geschenkte Freiheit zu verwirklichen. Eines ist dabei entscheidend: Die Erinnerung an den Grund der Freiheit. Erst auf diesem Grund lassen sich dann Pfosten errichten, die das Gebäude der verwirklichten Freiheit tragen können.

„Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat. Für die, die es schon vergessen haben und sich zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurücksehnen, sei hinzugefügt, dass es Knechtschaft war, die dort herrschte. Macht und Gewalt haben die eure Knechtsangelegenheiten geregelt, nicht Recht und Gesetz, wie es sich für freie Menschen gehört. Nun habt ihr die Wahl: nämlich auf diesen Grund der Freiheit zu vertrauen und auf ihm freie Menschen zu sein, oder aber neue Abhängigkeiten einzugehen.

Alles, was auf diesem Grund als Rechtssysten und Reich der verwirklichten Freiheit errichtet wird, werdet ihr als freie Menschen hören und beurteilen können. Vielleicht werdet ihr es sogar einmal korregieren müssen. Rechtsverordnungen können sich irren. Es können neue hinzu kommen, weil Neues in den Bereich der menschlichen Verfügung gerückt werden. Die Gentechnik eröffnet Einwirkungsmöglichkeiten, von denen wir entscheiden müssen, ob sie dem Menschen dienen und seiner Freiheit, ob sie erlaubt oder verboten werden sollen.

Ihr werdet entscheiden können, welchen Göttern ihr mit eurem Leben dienen wollt. Soll es der Grund der Freiheit sein, dann verschreibe dich nicht andern Göttern als dem, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat.

Amen