Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Exodus 33,17-23

Pfarrer Thomas Berke (ev)

16.01.2011 in der Evangelischen Kirche Mülheim (Mosel)

Gemeindegottesdienst mit anschließender Gemeindeversammlung zur bevorstehenden pfarramtlichen Verbindung der Kirchengemeinden Mülheim und Veldenz

© privat

Liebe Gemeinde,


wenn wir in den Weinbergen wandern gehen – das tun wir als Familie ab und zu -, dann stoßen wir in den Steillagen immer wieder auf Felsnischen. Diese Felsnischen sind alles andere als komfortabel ausgestattet. Sie haben oft eine Bruchsteinmauer, die die Nische zum Weinberg hin abschließt. Sie wurden offensichtlich als Schutz vor Regen, Sturm und Gewitter von den Winzern eingerichtet. Denn es kam ja immer wieder vor, dass bei der Arbeit im Weinberg ein kräftiger Regenguss einsetzte oder sogar plötzlich ein Gewitter mit Sturm und Blitz aufzog. In früheren Zeiten, als man noch zu Fuß zum Arbeiten in die Weinberge ging (die meist noch nicht durch Wirtschaftswege erschlossen waren), hätte man bei Gewittern oft keine Chance gehabt, rechtzeitig bis nach Hause zu kommen. Ohne die Felsnischen war man in vielen Steillagen einem Unwetter schutzlos ausgeliefert.


In einer solchen Felsnische Schutz suchen vor lebensbedrohlichen Unwettern, sich dort hineinkauern und warten bis das Unwetter weiter gezogen ist: dies steht uns allen vor Augen. Und wer diese Erfahrung mit den Naturgewalten nicht in den Steillagen der Mosel gemacht hat, der kennt das vielleicht von Wanderungen im Gebirge. Im 2. Buch Mose ist von einer schützenden Felskluft die Rede, in die  sich Mose verkriechen soll. Jedoch handelt es sich dort nicht um ein Unwetter, sondern um eine Begegnung mit Gott. Mose fragt Gott, ob er die Herrlichkeit Gottes sehen könnte, nachdem er von Gott gesagt bekommen hat: „Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.“
Die Antwort Gottes lautet: Das ist nicht so einfach, wie du dir das denkst. Denn vor Gottes herrlichem Angesicht kann kein Mensch bestehen. Auch du würdest vergehen. Du musst dich in einer Felsspalte schützen wie bei einem Unwetter. Mose befolgt diesen Ratschlag. Gott zeigt seine Herrlichkeit, deren Schein so hell und gleißend ist, dass kein Mensch dies ertragen kann. Weil Mose den Ratschlag Gottes befolgt hat und in einer schützenden Felskluft sitzt, ist er jedoch geborgen. Ihm passiert nichts.


Dieses tiefsinnige Wort aus dem 2. Buch Mose erinnert uns daran, dass eine Begegnung mit dem „lieben“ Gott nicht so harmlos ist, wie manche meinen. Denn Gott begegnet uns selbst in seiner Herrlichkeit auf zweifache Weise: in Gericht und Gnade. Mose erfährt Gottes Gnade in der schützenden Felsspalte, die ihm von Gott zugewiesen wird. Er erfährt dabei, dass Gottes Gnade etwas ganz Existentielles ist: nämlich das völlig unverdiente Bestehen-Können in der Begegnung mit Gott.


Denn Gottes Herrlichkeit deckt alles das auf, was in unserem Leben alles andere als herrlich ist. Man kann es wie Paul Gerhardt mit dem Schmelzen von Wachs in der Hitze des Feuers oder mit dem Schmelzen des Schnees in der Frühjahrssonne vergleichen.
 

Gottes Herrlichkeit ist genauso wenig harmlos, wie eben die Hitze des Feuers für den Wachs und die Frühlingssonne für den Schnee harmlos ist. Beides vergeht. Und so ist es mit unserem Menschenleben, wenn wir Gottes Herrlichkeit begegnen, die alles aufdeckt, was in unserem Leben nicht herrlich ist. Wir entsprechen nicht dem Bild, zu dem Gott uns eigentlich geschaffen hat: alle Lieblosigkeit, der Egoismus, der Mangel an Gottvertrauen werden aufgedeckt.


Gottes Herrlichkeit lässt alles schmelzen, was wir vorweisen und vorbringen. Es kann uns nicht schützen, keinen bergenden Schatten spenden. Wenn Mose tollkühn und gewesen wäre, dann hätte er in maßloser Selbstüberschätzung gesagt: „Gott kann mir doch nichts anhaben. Ich habe doch so viel vorzuweisen!“ Wir erkennen vielleicht, dass wir oft in unserem Herzen auch schon so gedacht haben. Aber Mose ist nicht tollkühn, er vertraut auf Gott und verkriecht sich in die Felskluft und erfährt dort seine Nähe durch Gottes schützende Hand. Allein indem er von Gott selbst geschützt ist, kann er vor Gottes Herrlichkeit bestehen.
Wenn wir uns fragen, ob es so eine schützende Felskluft für die Begegnung mit Gott auch heute gibt, dann lautet die Antwort: Es ist der Glaube an Jesus Christus. Er ist Gottes Sohn, in ihm erfahren wir den Schutz und die Geborgenheit, die allein Gott geben kann. Jesus Christus ist der starke Fels um uns herum, durch den wir vor Gott bestehen können.


Ein sichtbares Zeichen für diesen Glauben sind unsere Kirchen als Orte der Geborgenheit. Ein schönes Beispiel dafür ist die Felsenkirche in Idar-Oberstein. In unseren Kirchen können wir geschützt vor Gottes Angesicht treten, in Taufe und Abendmahl Gottes Nähe wohltuend erfahren.  Dass fast jeder Ort und jedes Dorf eine Kirche oder mindestens eine Kapelle hat, ist ein Ausdruck für den lebendigen Glauben, der Gott ernst nimmt, der mit Gott rechnet und der Geborgenheit bei Jesus Christus sucht.


Wenn wir uns in den Weinbergen umschauen, dann sehen wir viele verfallene Schutzhäuschen und Schutzmauern vor den Felsnischen. Sie zeigen: Wer heute in den Weinbergen arbeitet,  fühlt sich ziemlich sicher und denkt, er bräuchte solche Schutznischen nicht mehr. So ist es heute vielfach mit dem Glauben. Viele Menschen rechnen mit Gott nicht mehr oder denken, sie könnten aus eigener Kraft bestehen. Sie nehmen Gott auf die leichte Schulter. Viele würden die Geborgenheit der Felsnische ausschlagen. Das ist in der Tiefe der Grund, weshalb der Glaube verfällt. Und mit dem Glauben verfällt auch die Kirche so wie die Schutzhäuschen in den Weinbergen verfallen, weil man denkt, man bräuchte sie nicht, es ginge auch ganz gut ohne sie. Aber es geht nicht ohne den Glauben. Dies zeigt uns Mose, der den Schutz der Felsspalte in Anspruch nimmt. Er hätte diesen Schutz ja auch ausschlagen können, er hätte über Gott selbstsicher lachen können und sagen können: „Was willst du mir denn antun?“. Mose ist uns hier ein Vorbild, weil er Gottes Rat befolgt und den Schutz in der Felskluft annimmt. So sollten wir es auch tun und den von Gott angebotenen Schutz und die Geborgenheit nicht ausschlagen. Gott gibt uns diesen Schutz, dass wir das Licht seiner Herrlichkeit aushalten können, in der Taufe. Martin Luther vergleicht die Taufe mit einer Höhle, die fest besteht, die kein Unwetter und kein Erdbeben kaputtmachen kann, und in die du zu jeder Zeit hinein- und zurückkriechen kannst, um in den Stürmen des Lebens und vor Gott zu bestehen. Sie steht seit deiner Taufe für dich als Ort des Schutzes und der Geborgenheit zu jederzeit offen. Im Grunde ist die Höhle wie auch diese Felsspalte Jesus Christus selbst. Bei ihm Schutz und Geborgenheit zu suchen, gewiss zu sein, dass er der einzige ist, durch den wir vor Gott und in der Welt bestehen können, das ist Glaube. Die Taufe eines kleinen Kindes ist für uns, die wir irgendwann einmal vor langer Zeit getauft wurden, ein Ruf zum Glauben. Und wir beten und hoffen darauf, dass das getaufte Kind das lebensrettende Angebot Gottes annimmt.


Wir merken: Die Zerbrechlichkeit eines kleinen Kindes in der Zeit nach der Geburt zeigt uns die Zerbrechlichkeit unseres eigenen Menschenlebens. Sie bleibt unser ganzes Leben lang. Wir brauchen darum den Schutz des Glaubens. Und dass wir die Kirchen in unseren Orten in Ehren halten, sie pflegen und sie sonntags aufsuchen, um Gottes Nähe zu erfahren, ist ein Ausdruck dieses lebendigen Glaubens. Wir rechnen mit Gott und suchen Zuflucht bei Jesus Christus, Gottes Sohn, den starken Fels, der allein uns schützt und bewahrt. Amen.


Wir beten:
Herr Jesus Christus, wir danken dir für den Schutz und die Geborgenheit, die du uns gewährst. Wir danken dir, dass wir mit dir vor Gott im Leben und im Sterben bestehen können. Wir bitten dich: Schenke uns den Glauben, damit wir bei dir bleiben und deine Nähe suchen und darauf vertrauen, dass du unser Helfer und Erlöser bist. Amen.