Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Fest der Erscheinung des Herrn

Franziskaner/Seelsorger Br. Dietmar Brüggemann ofm (rk)

06.01.2013 im St. Vincenzkrankenhaus in Paderborn

Ein Reisebericht der drei Weisen

Ich stelle mir vor, lb. Schwestern und Brüder,
die drei Weisen sind irgendwann wieder zuhause angekommen;
und haben ihren Leuten zuhause von ihrer abenteuerlichen Reise erzählt.
Und ihre Leute zuhause hätten sie ausgefragt:

Was sie denn unterwegs so alles erlebt hätten,
was an ihrer weiten Reise zum unbekannten König das Schwerste,
oder auch das Schönste gewesen sei.

Und der eine wird gesagt haben:
das schwerste an der langen Reise,
das war das Aufbrechen nur wegen eines Sternes.
Der erste Schritt, das war das Schwerste; alles hinter sich lassen.
Denn in jedem Auf-bruch ist ja auch ein Bruch
mit der Vergangenheit, mit dem, was immer schon so war.
Das kann heißen, eine Situation, die ganz verfahren erscheint,

aufbrechen in eine ganz ungewohnte Richtung
Ein anderes Wort dafür ist ‚sich auf-machen’,
also sich dafür öffnen, daß mein Leben auch noch ganz andere Seiten birgt.
Mich wies im Advent eine gute Bekannte darauf hin,
daß in dem Wort ‚Finsternis’ das Wort ‚Stern’ steckt.
Das wärs also, sich dafür auf-machen,
um in der Fin-stern-is den Stern zu erkennen und ihm zu glauben
wie die drei Weisen.

Karl Rahner lädt mit einem Text dazu ein:
“Brich auf, mein Herz und wandre! Es leuchtet der Stern
Viel kannst du nicht mitnehmen auf den Weg.
Und viel geht dir unterwegs verloren. Laß es fahren.
Gold der Liebe, Weihrauch der Sehnsucht, Myrrhe der Schmerzen hast du ja bei dir.

Er wird sie annehmen.“ (1) Also: Brich auf mein Herz und wandre!

Und der andere König wird zu seinen Leuten zuhause vielleicht sagen:
Das schwerste war für mich das weitergehen.
Immer weitergehen durch die Wüste;

Auch als wir bei Herodes an der falschen Adresse waren,
trotzdem wieder weitergehen.

Davon können wir alle sicher ein Lied singen, lb. Schwestern und Brüder
in einer Zeit, in der viele Menschen ihre Kirchlichkeit und ihren Glauben drangeben;

Trotzdem weitergehen.
Auch davon schreibt Rahner über die drei Weisen:
“Der Weg ist oft weit und die Füße oft müde, das Herz oft schwer und verdrossen.
Und es kommt sich seltsam vor, und es ist schmerzlich, so ganz anders sein zu müssen
als die Herzen der anderen Menschen. ….
Aber ihr Herz hält durch; sie wissen selbst nicht,
woher der Mut und die Kraft immer wieder kommen, die nicht aus ihnen sind.
Die immer nur gerade reichen, die aber auch nie ausgehen.“(2)

Aber, so wird dann vielleicht ein anderer der drei Weisen zuhause einwenden:
Laß uns doch nicht immer nur von dem Schweren reden:
Ich will euch erzählen, was das Schönste war:
Als wir dann endlich da waren, wo der Stern stehen blieb,
nach diesem langen Weg, endlich da sein,
als wären wir zuhause angekommen.
Ein ganz kleines einfaches Kind in den Armen seiner jungen Mutter.
Wie wir dann auf die Knie fielen vor dem großen kleinen König,
und uns fielen unsere Schätze ein, und unsere leeren Hände:
Der alte Weise konnte nicht mehr weiter sprechen und sang leise
die bekannten Liedverse:
“… und weil ich nun nichts weiter kann,
bleib ich anbetend stehen.
O daß mein Sinn ein Abgrund wär’
und meine Seel ein weites Meer,
daß ich dich möchte fassen.“(3)

Ja, so war das, sagte der andere der drei Weisen:
Am liebsten wären wir dort geblieben,
aber wir mussten ja auch wieder nach Hause zurück.
Und dann war da dieser Traum:
Ein Engel sagte: wir sollten auf einem anderen Weg zurückgehen.
Das hätte ich uns nie zugetraut, daß wir noch einen ganz
anderen Weg in unser Leben zurück finden.
und wahrscheinlich war es ein anderer Weg,
weil wir anders geworden sind

im Licht des Kindes.

Und die, die den drei Weisen zugehört hatten,
sagten zu einander, was Karl Rahner unverwechselbar ausgedrückt hat:
“Laßt auch uns auf die abenteuerliche Reise des Herzens zu Gott gehen!
lasst uns laufen, laßt uns vergessen, was hinter uns liegt:
Es ist noch alles Zukunft.
Es sind noch alle Möglichkeiten des Lebens offen, weil wir Gott noch finden,
noch mehr finden können.
nichts ist vorbei und dem verloren,
der Gott entgegenläuft.“ (4)

Und Jemand, der zugehört hatte, wiederholte den letzten Satz:
“Nichts ist vorbei und dem verloren, der Gott entgegenläuft.“

  1. Karl Rahner, Das große Kirchenjahr, Hrsg. Albert Raffelt, Freiburg 1987, S. 161

  2. A.a.O., S. 158

  3. Gotteslob, Nr. 141, Str. 4 (Paul Gerhardt)

  4. Karl Rahner, a.a.O., S. 159