Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Galater 2,16-21

Pfarrer Dr. Reinhard Brandt (ev.-luth.)

19.08.2012 in der Kirche St. Laurentius der Diakonie Neuendettelsau

zum 11. Sonntag post Trinitatis

copyright: Dr. Reinhard Brandt

Liebe Gemeinde,

vor zwei Wochen hatte ich mir auf meinem privaten Laptop einen Computervirus eingefangen (genauer: einen Trojaner).

Entsetzlich. Ich konnte überhaupt nichts mehr machen. Sobald ich mich mit meinem Passwort bei Windows anmeldete, erschien nicht der normale Desktop, sondern sogleich eine Meldung, die mir der Virus vorgaukelte. Und alle Versuche, über den Task-Manager oder den abgesicherten Modus daran was zu ändern, gingen fehl.

Ich bin nun keiner, der Angst hat vor dem Computer. Auf der Oberfläche, die mir gezeigt wird, und mit ein paar Programmen kenne ich mich ganz passabel aus. Aber das hatte mich heillos überfordert.

Ich war dann am Abend bei meinem ältesten Sohn, der als Systemadministrator gelernt hatte. Der hat versucht, in die Tiefe der Programmstruktur einzugreifen und den Virus zu finden und zu entfernen. Das war gar nicht so einfach, weil das Virenschutzprogramm über das Internet lief, aber genau diese Verbindung durch den Virus blockiert war.

Also öffnete er Ordner um Ordner, er suchte tief in der Baumstruktur der Programme und Dateien, der AppData, der autoexe, der taskmgr und deren Registrierung. Ich schaute zu, aber mir wurde ganz schwindlig dabei. Ich weiß ja, dass die schönen Bildchen und Symbole auf dem Bildschirm nur die Oberfläche sind, hinter denen die Programmmstruktur steht. Aber das einmal vorgeführt zu bekommen von jemandem, der es kann! Schwummrig wurde mir.

Natürlich: Es sind die Programme und Anwendungen, die im Hintergrund laufen. Sie sind der Grund, damit es überhaupt funktioniert auf der Oberfläche. Aber es sind (zumindest für den Laien) auch Abgründe, die unter der Oberfläche sich öffnen!

 

Als ich am Tag darauf den Predigttext las zur Vorbereitung auf die Predigt heute, da stand mir der Vergleich sofort vor Augen: Ja, so ist es! Wir sehen und kennen von uns nur die Oberfläche. Der Bildschirm, mit Symbolen und Bildchen: nur der ist zu sehen! - Und zwar für andere und auch für mich selbst, wenn ich darauf blicke.

Oder mit einem anderen Begriff: Nur der Desktop ist zu erkennen, die Oberfläche des Tisches, aber nicht, was ihm Stand und Stabilität verleiht.

Aber hinter der Oberfläche bzw. vorgelagert, darunter und darüber gibt es tausend Gründe, warum es so funktioniert, wie es funktioniert. Es gibt Programme, die unentwegt im Hintergrund laufen und die überhaupt erst machen, dass wir so leben wie wir leben. Gründe und Abgründe sind das in den Strukturen unseres Lebens.

Einen Blick in dieses Lebensprogramm, das „dahinter“ läuft, unter der Oberfläche des braven Christen, einen solchen Blick wagt der Apostel Paulus. Ich lese aus dem Galaterbrief, Kapitel 2, Verse 16-21:

16 Wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus. Darum sind wir auch zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht.

[Folgt ein Einwand:]

17 Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, auch selbst als Sünder befunden werden – ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne!

18 Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter.

19 Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt.

20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.

21 Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.

Können Sie beim Hören den Eindruck nachempfinden? Wie unter der Oberfläche des christlichen Lebens es einen Grund gibt? Und Abgründe auch? Vielleicht ist es schwierig, dem Paulus argumentativ zu folgen. Aber der Eindruck, dass es unter der Oberfläche weitere Schichten gibt, Tiefenschichten der Seele, der ist vielleicht geblieben nach der Lesung dieses Textes.

Ich kenne meine Mitarbeiterinnen in Dettelsau und sie kennen mich. Sie kennen vielleicht ihre Mitschwester! Sie kennen den Banknachbarn, den Freund, die Freundin, Ihren Ehepartner, die Partnerin. Aber was heißt schon „kennen“? Was hinter der Oberfläche abläuft beim anderen, das weiß ich nicht. Und bei mir selbst eigentlich auch nicht (und komme mir nur manchmal auf die Spur). Was da in den Tiefen der Seele gesteuert wird und wie, durch welche Programme, das kann ich kaum erahnen.

„Werke“ nennt Paulus eines der Steuerungselemente, das uns steuert in der Seele. „Werke des Gesetzes“: es funktioniert immer so, das Programm läuft gesetzesmäßig nach festgelegten Regeln. So funktionieren wir: Dass wir werkeln und werkeln und dann soll was Gutes rauskommen. Und wenn wir werken und nichts Gutes kommt raus dabei, dann ist es schlimm: dann werden wir „selbst als Sünder befunden“.

 

Da will ich noch einmal von meinem Computervirus erzählen, den ich mir vor zwei Wochen eingefangen hatte. Das war eine Variante des relativ bekannten BKA-Virus. In meinem Fall erschien auf dem Bildschirm eine Internetseite, die sehr offiziell aufgemacht war, und zwar von der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen und dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie, ganz mit Logo und Schwarzrotgold.

„Sie haben“ - stand da - „Sie haben entweder

  • Urheberrechte verletzt; das ist strafbar nach Art. 128 StGB. Oder Sie haben

  • Internetseiten mit verbotenen kinderpornografischen Inhalten heruntergeladen (§ 202 StGB). Oder Sie haben

  • sich rechtswidrig Zugang zu Daten auf einem anderen Computer verschafft“ (auch ein Paragraph).

Und dann stand da, welche Strafen darauf stehen, Gefängnis und hohe Geldstrafen. Und dass der Computer durch eine amtliche Sperre gesperrt worden sei. (Und genau das habe ich ja erlebt.) Aber man könne durch Zahlung von 100 Euro bei verschiedenen Zahlstellen und die Eingabe einer Nummer den Computer wieder entsperren.

Als ich das meinem Sohn erzählte, lachte der nur! Ja, ja, ein bekannter Virus! Der geistert im Internet herum und man fängt ihn sich irgendwo ein. Das ist wie im realen Leben ein Grippevirus, den man eben irgendwo aufschnappt.

Doch als ich die Bildschirmmeldung zum ersten Mal las, noch vor dem Telefonat mit meinem Sohn, da rasten die Gedanken: Habe ich vielleicht wirklich was von diesen Sachen gemacht?

  • Urheberrechte verletzt? Musik aus dem Netz runtergeladen oder ein Video? Da machen andere wohl viel mehr, aber trotzdem? Brandt, überlege noch mal!

  • Und gar Kinderpornografie? Ich bin mir überhaupt keiner Schuld bewusst (und habe innere Blockaden, mir missbrauchte Kinder vorzustellen). Aber weiß ich, was beim Internet-Surfen im Hintergrund alles passiert?

  • Und dasselbe bei Zugriff auf Daten eines anderen Computers! Ist da beim Online-Banking etwas schief gegangen? Oder sonst irgendwo? Was habe ich falsch gemacht?

Das eigene Seelenprogramm läuft dabei! Zwar ist mir nichts bewusst, aber das schlechte Gewissen ist vorsorglich schon mal in Aktion. Ob ich nicht doch bezahle und mich reinwasche? Obwohl ich weiß, dass es keinen Zweck hat: die Zahlung wird den Betrügern nützen, aber meinen Computer nicht wieder virenrein und funktionsfähig machen! Hin und her und doch: Soll ich wirklich jemand anderem (und sei es meinem Sohn) zeigen, mit was ich da angeklagt bin?

Tausend Tode könnte man sterben vor Angst und Scham, wenn man ernst nimmt, was da steht.

 

Schier, liebe Gemeinde, schier ein exakter Anwendungsfall für das, was Paulus schreibt, sind solche Zweifel und Selbstzweifel.

Wie ist das? (so der Einwand des Paulus), wie ist das, wenn wir, „die wir durch Christus gerecht werden wollen“ (und das wollen wir, die wir hier sitzen, wohl alle): wie ist das, wenn auch wir selbst „als Sünder befunden“, enttarnt, entlarvt werden? fragt Paulus. Ist dann der ganze Glaube umsonst? Gelten dann doch die üblichen Gesetzmäßigkeiten? Wie Paulus schreibt: „Ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben!“? Ja! Wie ist das?

 

Die Wende war für mich am Samstag vor zwei Wochen zuerst das Gelächter meines Sohnes am Telefon: „Ach, Du hast Dir auch den BKA-Trojaner eingefangen! Wieher, wieher! Den kenne ich, den hatte ich selber auch schon mal.“ Fast wie ein Osterlachen war dieses Gelächter.

Und dann war es die Stunde, in der mein Sohn das Schadprogramm identifizierte und löschte und mir einen neuen Virenschutz auf meinem Laptop installierte. Sozusagen von außen arbeitete er, im abgesicherten Modus nach den Anweisungen, die er durch seinen eigenen funktionierenden Rechner auf dem Bildschirm hatte.

Fast wie ein Osterlachen war mir das Gelächter meines Sohnes. Und wie eine Befreiung die Reperatur! Wie das nun auf das Lebensprogramm zu übertragen ist, das in der Seelentiefe uns prägt? Es ist klar, dass die Computer-Vergleiche da an ein Ende kommen, nicht mehr taugen und tragen. Obwohl: von „außen“, von außerhalb meiner selbst, von außerhalb der stetig selben Programme muss die „Rettung“ kommen. Das war in meiner konkreten Geschichte so - und so ist es auch in der Tiefe der Seele.

 

„Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ schreibt Paulus. Das ist das neue Programm, die neue Prägung tief innen, die einen Menschen leben lässt. Eine Prägung ist das,

  • die einen frei sein lässt von den Gesetzmäßigkeiten des Bezahlens,

  • frei von Trojanern, die mich ausspähen (oder behaupten, mich auszuspähen),

  • frei auch vom Virus der Angst und der Scham, und

  • frei von Strafe und Sperrung.

Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Wie lerne ich das? Wie glaube ich das? Wie spüre ich es, dass dies das Programm ist, das mich in der Tiefe bestimmt und mich leben lässt?

Computer-Programme sind oft langweilig, immer wieder wiederholte Programmzeilen, eine lange Reihe von „wenn - dann“ Befehlen: „Wenn … (etwas so oder so oder beides ist), dann … (ist dies und das auszuführen).“

Vielleicht hilft es, sich das andere, das neue Programm so bewusst zu machen: durch stete Wiederholung, mit dem Einatmen und dem Ausatmen, mit dem Atem kommt der Geist und füllt Leib und Seele.

Und mit dem Einatmen mögen Sie sich eingestehen „Wie ich auch bin …“ Und mit dem Ausatmen bekennen: „Christus lebt in mir!“ Vielfach wiederholt als Meditation, als neues Lebensprogramm: „Wie ich auch bin - Christus lebt in mir.“

So mögen Sie es beten und meditieren, gleich wenn die Orgel spielt, zu Hause in ihrer stillen Zeit, als Meditationsübung: Immer wieder: „Wie ich auch bin - Christus lebt in mir.“ Mit dem Ein- und Ausatmen: „Wie ich auch bin - Christus lebt in mir.“

So mag der Geist Gottes unsere Seele ausfüllen, damit wir neu leben. Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.