Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Galater 3,26-28

Hermann-Josef Grünhage (rk)

25.03.2011 in der Abteikirche Hamborn,in Duisburg

im Rahmen einer Predigtreihe in der Fastenzeit anlässlich des Jubiläums 875 Jahre Abtei Hamborn, Duisburg

Mein Weg in der Kirche: getauft, gefirmt und...Ehepartner und Familienvater

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Normalerweise stehe ich an dieser Stelle beim Schulgottesdienst des Abtei-Gymnasiums in meiner Rolle als Schulseelsorger. Jetzt stehe ich vor ganz anderen Zuhörerinnen und Zuhörern – vor Ihnen nämlich. Vielen von Ihnen und vielen von Euch bin ich ja schon seit etlichen Jahren bekannt – was den Unterschied zu den anderen Predigern dieser Reihe ausmacht und die Anforderungen etwas erhöht.

 

Auch wenn das in der Presseankündigung nicht so ganz deutlich war: ich rede heute nicht zum Thema Religionsdialog und Integration, auch wenn das – wie viele wissen – mir immer wieder großen Spaß macht. Ich predige stattdessen zum Thema Ehe und ich  habe Pater Dominik gerne zugesagt, dazu zu predigen, weil so eine Predigt ja auch für mich selbst heißt, nach über 25 Jahren Ehe noch einmal  zu reflektieren, was denn christliche Ehe eigentlich bedeutet.

 

Wir haben ja jetzt schon zwei Predigten gehört: eine eines Chorherrn, eine andere Predigt von einer Frau aus einem Säkularinstitut, heute geht es um die Ehe. Ich habe mich gefragt, was ist eigentlich das Verbindende. Klar, verbindend ist, es handelt sich jeweils um Christen, die einen bestimmten Lebensentwurf verfolgen. Ich glaube aber, es gibt noch eine tiefere Verbindung, die allen diesen Lebensentwürfen zugrunde liegt und die sie dann letztlich doch nicht so unterschiedlich macht.

 

Es geht darum, dass Menschen sich ganz tief für etwas entscheiden, ein Risiko auf sich nehmen, ohne Bedingung eine Wahl treffen - für eine Partnerin, einen Partner in einer lebenslangen christlichen Ehe oder für ein zölibatäres Leben. Und das Menschen dabei eine Erfahrung machen, die sich im Judentum in der Weisheit wiederspiegelt: der Mensch wird des Weges geführt, den er wählt. Wenn du eine Lebensentscheidung fällst, dann kann daraus eine Kraft wachsen, die es ermöglicht, den gewählten Weg auch zu gehen.

 

Die zölibatäre Lebensform war eigentlich immer eine, die angefragt wurde. Die Ehe, wohlgemerkt die lebenslange Ehe, war über Jahrhunderte hinweg eine größere Selbstverständlichkeit. Das scheint heute nicht mehr so zu sein.

 

Die christliche Ehe scheint heutzutage eher eine große Last zu sein. Ich habe in zwei Oberstufenkursen mal nachgefragt, was die Schüler denn unter einer christlichen Ehe verstehen. Die christliche Ehe scheint eine Lebensform zu sein, die mit Pflichten verbunden ist: es sind Kinder in die Welt zu setzen, es ist für eine christliche Erziehung zu sorgen. Ehe ist auch eine Lebensform, die mit vielen Verboten versehen ist: kein Sex vor der Ehe, Geschlechtsverkehr darf man nur haben, wenn man Kinder zeugen will (das wurde tatsächlich einmal genannt). Ehe ist – und auch das wurde so explizit gesagt – Ehe ist einfach spießig. Nur bei einer einzigen Rückmeldung stand: christliche Ehe hat was mit Spaß und Freude zu tun.

 

Sie alle, liebe Schwestern und Brüder, sind Eheexperten: sei es, dass sie schon lange in einer Ehe leben, sei es, dass sie verwitwet sind, sei es, dass sie getrennt leben, sei es, dass sie zwar ehelos leben, aber doch in die Geschichten vieler anderer Ehen, der der eigenen Eltern, der ihrer Freunde, hineinverwoben sind. Und wir alle haben in unserer Verwandtschaft oder in unserem Freundes- oder Bekanntenkreis Beispiele von Ehen, die gescheitert sind.

 

Kann man wirklich noch Mut machen zu dieser Lebensform? Es ist wie mit dem Glas, das zur Hälfte gefüllt ist: ist das Glas jetzt halbvoll oder halbleer? Ich entscheide mich dafür zu sagen: das Glas ist halbvoll. Auch angesichts von Trennungen glaube ich, dass die Ehe eine Lebensform ist, in der Menschen sehr glücklich werden können und dass es eine Lebensform ist, die zum Gelingen des Lebens beitragen kann.

 

Aber als erstes muss ich Ihnen eine Hoffnung nehmen: ich kann Ihnen nicht sagen, was eine christliche Ehe ist. Es gibt nicht die christliche Ehe, sondern es gibt Christen, die als Eheleute zusammenleben. Und so unterschiedlich wie die Personen, so unterschiedlich wie ihre Vorlieben und Gewohnheiten, so unterschiedlich wie ihre kulturelle Prägung, so unterschiedlich leben sie ihre Ehe. Und so unterschiedlich erziehen sie auch ihre Kinder. Ich kann Ihnen also nicht sagen: so oder so sollten Christen ihren Alltag organisieren, so oder so müssen sie ihre Termine miteinander abstimmen, nur so werden Kinder in einer Familie glücklich – das geht nicht – und das überlasse ich lieber den einschlägigen Autoren, die mit ihren Pseudo-Ratgebern eine Menge Geld verdienen.

 

Ich möchte stattdessen versuchen, einige für mich wichtige Punkte herauszugreifen, die vielleicht die Grundlage bilden können für die so unterschiedlichen Ehen von Christen.

 

Zunächst einmal sollten wir Katholiken viel frecher sein. Wir tun häufig so, als hätten wir nur Ladenhüter anzubieten. Stattdessen haben wir als Katholiken doch ein Programm, das uns ganz deutlich von der Masse abhebt. Wenn alle abtreiben, na und: wir haben ein Gegenprogramm, das einfach menschenfreundlicher ist. Wenn alles und jedes immer unverbindlicher wird, na und: wir haben was dagegen zu setzen, nämlich Verbindlichkeit. Und wenn alle stöhnen, dass mit der lebenslangen Ehe, das geht doch nicht,: na und: wir haben was dagegen zu setzen, wir haben genügend Gegenbeispiele. Was wir als Kirche bieten, dass ist doch nicht noch mehr Einschränkung, sondern wir sind – übrigens in allen Lebensformen, als Chorherr, als Mönch, als Eheleute – wir sind der lebende Gegenentwurf zur Unverbindlichkeit.

 

Und warum regen sich eigentlich alle auf: das alles gilt doch ohnehin nur für Katholiken. Wer von uns zwingt jemanden, eine christliche Ehe zu führen? Für jemanden, der mit Kirche nichts zu tun hat, ist das mit der katholischen Eheschließung natürlich schwierig, weil er sich in der Regel über das Kleingedruckte nicht klar ist. Kirchlich heiraten, nur weil es so schön feierlich ist und die Braut weiß trägt? Dann doch besser im Elefantenhaus heiraten oder im Landschaftspark.

 

Getauft, gefirmt, verheiratet – das hat was mit einer Beziehung zu tun, nämlich mit der Beziehung zu Gott, mit der Beziehung zu Jesus. Wenn ich von einer christlichen Ehe spreche, von einer Ehe von Christen, dann spielt die Beziehung zu Christus ganz wesentlich rein.

Wir haben es in der Lesung gerade gehört: es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr alle seid einer in Christus Jesus. Das heißt doch: was die Stellung vor Gott anbetrifft, sind die rassischen, sozialen und sexuellen Unterschiede abgeschafft. Alle haben den gleichen Zugang zum Heil – und alle haben damit eine gemeinsame Blickrichtung – auf Jesus nämlich.

 

Das ist für mich ein entscheidender Punkt: es ist als Ehemann nicht meine Aufgabe, das Heil meiner Frau zu sein: das macht schon ein ganz anderer. Und meine Frau muss auch nicht mein Heil sein. Stattdessen haben wir eine gemeinsame Blickrichtung durch unseren Glauben. Das hat eine große Gelassenheit zur Folge. Das ist wie bei den Grundregeln der Kommunikation: wenn ich ein Elterngespräch in der Schule führe, dann sitze ich meinen Gesprächspartner nicht direkt gegenüber, sondern seitlich versetzt, um ihn nicht zwingen zu müssen, mich ständig anzugucken. Anders ausgedrückt: eine Fixierung auf den Ehepartner als den alleinigen Heilsbringer ist eine Überforderung und auch unchristlich.

 

Beim Gedanken der Gelassenheit möchte ich stehenbleiben: ich glaube, es ist für die Beziehung auch entlastend, dass man nicht ständig rückfragen muss, ob der andere denn nun bei mir bleibt. Das Versprechen der Ehe schafft so eine Art Grundvertrauen: umso fürchterlicher ist es, wenn dieses Vertrauen gebrochen wird. Ehe als Sakrament soll ja gerade diese Erfahrung des Glaubens widerspiegeln: dass wir allen Grund zur Gelassenheit haben, weil unser Gott uns nicht fallenlassen wird – komme, was das kommen mag.

 

In dieser gelassenen Atmosphäre kann dann sicher auch der Gedanke an Kinder reifen, der Gedanke, dass es einfach schön ist, seine Liebe weiterzugeben. Aber das ist ja kein Pflichtprogramm. Natürlich wird im Brautexamen gefragt, ob denn die Offenheit für Kinder besteht – aber es muss ja aus der Beziehung der beiden Eheleute wachsen und kann nicht befohlen werden.

 

So wie ja auch der Geschlechtsverkehr nicht. In der Generation meiner Eltern gab es noch den Begriff der Ehepflichten. Die Ehepflicht ist das unerotischste, was ich mir vorstellen kann – und hat mit Gelassenheit und Grundvertrauen nicht viel zu tun. Stattdessen ist uns die Sexualität als eine gute Gabe Gottes geschenkt, die im Leben viel Freude macht. Stellen Sie sich vor, Gott hätte es so eingerichtet, dass man zum Kinderzeugen sich gegenseitig mit einer Nadel in den Finger stechen müsste – das wär blöd und wir können Gott danken, dass er diesen Vorgang lebendiger und interessanter gestaltet hat.

 

Zusammenfassend möchte ich sagen: die Ehe von Christen ist in dem Maß christlich, wie sie sich an Christus orientiert. Das hört sich zwar banal an, es bedeutet aber, dass nicht die bürgerliche Konvention über die Christlichkeit einer Ehe entscheidet, sondern die Beziehung der Partner zu Jesus. Wenn beide die gleiche Blickrichtung haben, dann kann es ja vielleicht doch passieren, dass Ehe mit Spaß und Freude verbunden wird.

 

Amen.

 

Lesung aus dem Galaterbrief

 

Schwestern und Brüder!

Ihr seid alle durch den Glauben Töchter und Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer’ in Christus Jesus.

 

 

Fürbitten

 

Herr Jesus Christus, auf dich blicken wir, an dir richten wir uns aus. Wir wollen dir unsere Bitten vortragen:

 

Schenke den Seelsorgern in der Kirche Phantasie, deine gute Botschaft so zu vermitteln, dass die Menschen sie verstehen.

 

Schenke den Eheleuten Freude in ihrer Beziehung und lass sie glücklich werden mit ihrem Partner.

 

Hilf den Familien, zusammen zu halten.

 

Sei den Menschen in Japan nahe.

 

Nimm unsere Verstorbenen bei dir auf.

 

Um all dies bitten wir dich, dich unseren Bruder und Herrn. Amen.