Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Galater 4,4

Pfarrerin Ulrike Heimann (ev.)

24.12.2009 Christvesper in der Mutterhauskirche in Kaiserswerth

Thema: „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn – Zeit trifft Ewigkeit“

Liebe Gemeinde, hatten Sie eine gute Zeit gehabt in den vergangenen 4 Wochen, eine wirklich gesegnete Adventszeit? So wie zumindest ich sie in der Erinnerung habe aus meiner Kindheit: eine besondere Zeit. Da gab es zwar auch den Alltag der Schule, aber dann nachmittags, sobald die Dämmerung einsetzte, wurden Kerzen angemacht, Geschichten vorgelesen, es wurden zusammen Plätzchen gebacken und auf der Flöte die alten Weihnachtslieder geübt, Strohsterne wurden gebastelt und Weihnachtsgrüße geschrieben. Und beim abendlichen Spaziergang durch die in den 60er Jahren noch spärlich weihnachtlich beleuchtete Stadt führte uns der Weg immer wieder zum Kaufhof an der Kö, wo wir Kinder uns die Nasen am Schaufenster der Steiff-Märchenwelten plattdrückten.

Heute denke ich manchmal wehmütig zurück an diese frühere Adventszeit, die besonders war, zauberhaft, geheimnisvoll – und die so ganz stimmig hinführte zu dem Ereignis des Jahres überhaupt, zum Heiligen Abend mit dem Gang zur Kirche, dem Gottesdienst mit den altvertrauten Liedern und dem Weihnachtsbaum mit damals noch echten Kerzen – was hin und wieder zu Löscheinsätzen des Küsters führte und die gespannte Erwartung von uns Kindern befeuerte – und dann die Bescherung zu Hause.

Wie ganz anders erlebe ich die Adventszeit heute als Erwachsene. Wahrscheinlich haben meine Eltern sie früher auch schon anders erlebt als wir Kinder.

Nicht nur, dass der Alltag weitergeht, er scheint sich zu beschleunigen, weil eben noch alles adventliche und weihnachtliche Vorbereiten dazukommt. Ich weiß aus vielen Gesprächen, dass das nicht nur mir so geht.

Die Adventszeit ist randvolle Zeit. Das Besondere an ihr ist die Hektik und Geschäftigkeit, die vollen Terminkalender. Die Zahl der Advents- und Weihnachtsfeiern steigt stetig an. Genauso wie die Zahl der Weihnachtsmärkte. Zu keiner Zeit geht es mehr ums Kaufen und Konsumieren als zu Advent und Weihnachten – eigentlich Zeit des Fastens und der leeren Hände, die Gott uns füllen möchte. Und kaum hat sie angefangen, die Advents- und Weihnachtszeit – da ist sie auch schon vorbei – alle Jahre wieder buchstäblich an uns vorbeigerauscht – genauso (Sanduhr sichtbar auf die Kanzel stellen) wie der Sand durch diese Sanduhr rinnt – unaufhaltsam.

„Es geschah aber zu der Zeit“ – so fängt Lukas sein Weihnachtsevangelium an, das wir jedes Jahr in den Gottesdiensten am Heiligen Abend hören. Mit diesem Abend, mit dieser Zeit hat es tatsächlich etwas Besonderes auf sich. Sie ist Weltzeit und Gotteszeit zugleich. Denn - zum Glück – gibt es nicht nur eine Zeit, die Weltzeit, die durch diese Sanduhr so treffend symbolisiert wird:

- die Zeit, die uns durch die Finger rinnt;

- Zeit voller Termine, Termine, die uns andere aufdrücken wie der Kaiser Augustus den anderen befahl, in ihre Heimatstädte zu ziehen zwecks Steuerschätzung;

- Zeit voller Unruhe und Ungewissheit wie für Maria und Josef, getrieben von der Willkür der Mächtigen damals – wie für unzählige Menschen auch heute Abend in den überfüllten Flüchtlingscamps zum Beispiel in Marokko, in Libyen und auf Lampedusa, ohne Hoffnung auf Zukunft weder in Afrika noch in Europa; auch sie sind ja nicht freiwillig unterwegs, sondern heimatlos, weil brotlos, weil hoffnungslos gemacht durch eine sich immer unmenschlicher zeigende globale Wirtschaft.

Zeit, die über uns hinweggeht und die uns unter sich begräbt, wenn wir sie einfach laufen lassen wie den Sand durch den Hals der Sanduhr. Wie sie über Augustus und über das römische Weltreich hinweggegangen ist, sie unter sich begraben hat bis auf ein paar bauliche Überbleibsel.

Was wird von uns überbleiben, von unserer Zivilisation, von unserer Menschlichkeit, wenn wir die Zeit in den nächsten zehn, zwanzig Jahren nicht entschlossen nutzen, um die Klimakatastrophe mit all ihren Folgen für das Leben auf dieser Erde noch gerade beherrschbar zu halten? Ist es 5 Sekunden vor oder schon 5 Minuten nach zwölf? Die Zeit läuft. Die Klimakonferenz in Kopenhagen hat es zu Beginn so formuliert: Es geht darum, die Welt zu retten.

Doch können wir das?

Können wir das so, wie wir sind: Getriebene im Räderwerk der Zeit? Mitläufer in den meisten Abläufen, nicht diejenigen, die an den Schalthebeln sitzen. Und wie sollen die vorgeblichen Macher das eigentlich können, sind sie doch meistens selbst Getriebene – von Ehrgeiz, Geltungsdrang, Machthunger oder Gier nach Reichtum.

Es geht darum, die Welt zu retten.

Ich sage nun: das geht nicht mit Menschen, die nur unter dem Vorzeichen der Welt-Zeit leben, denken und handeln, für die diese Sanduhr das Symbol ist. Das geht nicht mit Menschen, die allein mitschwimmen im Strom der Zeit wie eines dieser Sandkörnchen, die eine Zeitlang durchaus obenauf sind, um dann doch nur unter der Zeit begraben zu werden.

Das geht nur mit Menschen, die bereit sind für die Gotteszeit. Die bereit sind, innezuhalten und sich verändern, verwandeln zu lassen.

Es braucht Zeit-Genossen, die bereit sind, Gottes-Kinder zu werden.

„Als die Zeit erfüllt war“, so schreibt der Apostel Paulus an die Galater, „sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.“

Um Erlösung geht es, um Befreiung des Menschen von den Gesetzen der Welt-Zeit.

Um Befreiung, die verbunden ist mit dem Leben des Jesus von Nazareth, der obwohl er, wie wir Kinder unserer Zeit sind, ein Kind seiner Zeit war – eben unter dem Gesetz - , sich dennoch als Gottes-Kind zeigte mit seinem Leben, seinem Reden und Handeln.

Er brachte Welt-Zeit und Gottes-Zeit zusammen,

Zeit und Ewigkeit.

Rinnende, verrinnende Zeit und aufgehobene, erfüllte Zeit.

Das Symbol solcher ewigen, erfüllten Zeit ist die liegende Acht.

Was wir in dieser Nacht, dieser Heiligen Nacht feiern, das ist das Aufgehobensein unserer Zeit und damit unseres Lebens in Gottes Zeit. Im Schauen auf das Kind in der Krippe, im Anschauen dessen, der sich von Gott verwandeln ließ vom Zeitgenossen zum Gottes-Kind, können wir uns bereit halten für eben die gleiche Verwandlung.

Die Ewigkeit setzt unserer Zeit heilvolle Grenzen.

(Sanduhr querhalten)

Sie setzt uns heilvolle Grenzen. Sie lässt uns innehalten. Mitten in der Zeit. Sie lässt uns dem nachspüren, was wir im Licht Gottes gesehen, unter seinen Augen eigentlich sein können, sein sollen.

Eben nicht Mitläufer und Getriebene, sondern freie Menschen Gottes, die klar und nüchtern denken, Hilfreiches, Weiterführendes sagen und ohne Menschenfurcht und mit Gottvertrauen handeln an dem Ort, wo sie eben sind - geistesgegenwärtige Menschen, wie Jesus geistesgegenwärtig war. Menschen, die dem Heute verpflichtet sind, die nicht immer schon auf das Morgen schielen oder wehmütig der Vergangenheit nachhängen.

(Sanduhr wieder hinstellen)

Gott möchte uns als Menschen, die ihm heute ihre Hände entgegenstrecken und sich von ihm verwandeln lassen wollen.

Heute – in dieser Heiligen Nacht, in der sich all unsere Sehnsucht nach erfülltem Leben an die Oberfläche unseres Herzens traut.

Hier – an der Krippe, in der Anschauung des Kindes, in dem Gott mit seinem heiligen Willen für unser menschliches Leben zum Ziel gekommen ist.

Erlösung will erfahren, erlebt werden. Von uns. Heute. In unserer Zeit.

Der Dichter Michael Ende hat in seinem wunderbaren Buch „Momo“ dieser Erlösung in Bildern voller Phantasie und Wärme Ausdruck gegeben.

Eine gespenstische Gesellschaft „grauer Herren“ ist am Werk und veranlasst immer mehr Menschen, Zeit zu sparen. Aber in Wirklichkeit betrügen sie die Menschen um diese ersparte Zeit. Doch Zeit ist Leben, und das Leben wohnt im Herzen. Je mehr die Menschen daran sparen, desto ärmer, hastiger und kälter wird ihr Dasein und desto fremder werden sie sich selbst. Diejenigen, die diese zunehmende Lieb- und Leblosigkeit am deutlichsten zu fühlen bekommen, sind die Kinder. Aber ihr Protest verhallt ungehört. Als die Not am größten ist und die Welt schon endgültig den „grauen Herren“ zu gehören scheint, entschließt sich Meister Hora, der geheimnisvolle „Verwalter der Zeit“, schweren Herzens zum Eingreifen. Doch er braucht dazu die Hilfe eines Menschenkindes. Die Welt steht still und Momo, die kleine Heldin dieser Geschichte kämpft ganz allein, mit nichts als einer Blume in der Hand und einer Schildkröte unter dem Arm, gegen das riesige Heer der „grauen Herren“. Ein langer, gefahrvoller Weg, der sie an einer Stelle auch zu Meister Hora führt. Michael Ende schreibt:

„Meister Hora zog eine flache, diamantenbesetzte Taschenuhr aus der Weste und ließ deren Deckel aufspringen. Momo sah, dass auf dem Zifferblatt weder Zeiger noch Zahlen waren, sondern nur zwei feine, feine Spiralen, die in entgegengesetzter Richtung übereinanderlagen und sich langsam drehten. An den Stellen, wo die Linien sich überschnitten, leuchteten manchmal winzige Pünktchen auf.

„Dies“, sagte Meister Hora, „ist eine Sternstunden-Uhr. Sie zeigt zuverlässig die seltenen Sternstunden an und jetzt eben hat eine solche angefangen.“  

„Was ist denn eine Sternstunde?“ fragte Momo.  

„Nun, es gibt manchmal im Lauf der Welt besondere Augenblicke“, erklärte Meister Hora, „wo es sich ergibt, dass alle Dinge und Wesen, bis zu den fernsten Sternen hinauf, in ganz einmaliger Weise zusammenwirken, so dass etwas geschehen kann, was weder vorher noch nachher je möglich wäre.

Leider verstehen die Menschen sich im Allgemeinen nicht darauf, sie zu nützen, und so gehen die Sternstunden oft unbemerkt vorüber. Aber wenn es jemand gibt, der sie erkennt, dann geschehen große Dinge auf der Welt.“

Die Geburt Jesu, die für sein ganzes Leben steht, ist mit Sicherheit solch eine Sternstunde gewesen, die die Welt nachhaltig verändert hat.

Und dieser Abend, der Heilige Abend möchte unsere Sehnsucht danach wecken, Sternstunden zu erkennen und zu nutzen. Den Kairos, wie es in der Bibel heißt, den heilsamen, richtigen Zeitpunkt erkennen und ergreifen, um unsere Bestimmung zu leben, Kinder Gottes zu sein. Denn dazu ist Jesus auf die Welt gekommen.

„Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.“

Dieser Abend lädt uns nicht nur ein, uns wie die Kinder zu fühlen und zu freuen, sondern will uns noch einmal neu beginnen lassen – nicht mehr dem Gesetz der Zeit ausgeliefert, sondern als freie Gotteskinder.

Gott kommt aus seiner Ewigkeit in unsere Zeit, damit wir Zeit haben – Zeit zur Liebe, Zeit zum Verschenken, Zeit für Güte, Zeit für Neuanfänge mitten im Alten.

Dass diese Weihnachtstage für jede und jeden von uns wahre Sternstunden bereit halten und wir sie nutzen, das wünsche ich uns allen.

Amen.